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Donnerstag, 3. März 2022

Schmids Metzgete

Wilhelm Schmid wurde 1892 im Aargauischen geboren. Mit 20 zog es ihn in die Fremde. In Deutschland lernte er eine Frau kennen, eine Kammersängerin. Sie heirateten. Er malte, wurde einer der Gründer der "Novembergruppe", der sich auch Otto Dix und Wassily Kandinsky anschlossen. Später ging er nach Frankreich und Italien, kehrte dann nach Deutschland zurück. Als die Nazis kamen, musste er das Land verlassen, denn erstens war seine Frau Jüdin, und zweitens galten seine Bilder nun als "entartete" Kunst. Im Tessin verbrachte Schmid die letzten Jahrzehnte, eckte mit seiner Art Malerei in der alten Heimat freilich auch an. Sie war halt nicht bodenständig à la Anker, sondern hatte etwas Gebrochenes oder doch Verfremdendes, etwas Surreales, Ironisches, Satirisches. Im Aargauer Kunsthaus in Aarau stiess ich vor Tagen auf Schmids Werk "Aargauer Metzgete" von 1940. Ich mochte es.

Mittwoch, 2. März 2022

Pferde... was?

Pferderücker und Rückepferde in Siebenbürgen.
(Foto: Stephan Mense / Wikicommons)
Gestern stiess ich während der Arbeit auf ein Wort, das ich nie zuvor gehört hatte: Pferderücker. Den Pferdeflüsterer kannte ich – aber was zur Hölle sollte ein Pferderücker sein? Nun, jetzt weiss ich: Er ist der Besitzer eines Rückepferdes. Dieses wird bei Aufräumarbeiten im Wald eingesetzt, um umgestürzte Bäume wegzuschleppen. Im Unterschied zu schweren motorisierten Fahrzeugen verursacht das Rückepferd keine oder praktisch keine Bodenschäden. Auch in der Schweiz ist es bisweilen zu sehen.

Dienstag, 1. März 2022

Nackte sah ich nicht

Der Nackthof oberhalb von Mellikon.

Grad eben ging ich vom Studenland, Kanton Aargau, hinüber ins Wehntal, Kanton Zürich. Konkret: Ich startete in Mellikon und endete in Niederweningen. Knapp zweieinhalb Stunden nur dauerte die Unternehmung (320 Meter aufwärts, 220 abwärts). Sie war mir ein Vergnügen. Abgesehen natürlich von der aggressiven Bise, die es erzwang, dass ich die Windjackenkapuze praktisch permanent brauchte. Eher enttäuschend war der Nackthof 20 Minuten nach Wanderstart. Ich hatte mir ekstatische Ritualtänze vorgestellt oder ähnlich. Da war aber weder ums Haus noch auf den Feldern jemand, ich sah keine Menschen, schon gar keine nackten. Viel Freude bereitete mir später etwa in der Mitte der Wanderung der Eetelweier, ein stilles Gewässer im Wald, das an meinem frostigen Vormittag grad daran war, letzte dünne Eisschollen loszuwerden. Bei Schneisingen schliesslich geriet ich in den Frühling: Allenthalben sprossen in den Vorgärten die Blüemli.
Stilles Aargauer Waldgewässer: der Eetelweier.

Montag, 28. Februar 2022

Alpträume in Aarau

Am Samstag gönnte ich mir ein Fährtli ins geliebte Aargauer Kunsthaus in Aarau und schaute mir dort die derzeitige Hauptausstellung an. Die Amerikanerin Nicole Eisenman, Jahrgang 1965, assoziiert in ihren Gemälden so ziemlich jede Kunstströmung und jedes Motiv von mittelalterlichen Darstellungen des Jüngsten Gerichts bis Pop Art und Comic. Harmlos ist bei ihr gar nichts, ihr Werk ist eine Art anhaltender Alptraum, jedenfalls kam es mir so vor. Stark, diese Ausstellung – so bereichernd wie bedrückend ist sie.

Sonntag, 27. Februar 2022

Gallus, Columban und Luke

Gestern schaute ich mir auf "PlaySuisse", der SRG-Gratis-App, "Gallus & Columban" an. Der einstündige Film des Innerschweizer Regisseurs Luke Gasser blendet zurück in die Gründerzeit des hiesigen Christentums. Er erzählt einerseits durch fiktionale Szenen, anderseits dokumentarisch und anhand von Interviews mit Expertinnen und Experten vom Zug der irischen Wandermönche durch Europa und die Schweiz. Columban ist der gestrenge Meister, ein kirchennaher Gläubiger, ein Gründer von Klöstern, in denen eine Regel installiert wird. Gallus wiederum, sein Schüler, ist der Introvertierte, der den Zugang zu den Menschen eher über die Innigkeit oder gar Liebe sucht. Kitschig gesagt: Gallus ist der Mann der Herzen. Im Wald an der Steinach findet er nach der Trennung von Columban seine Bestimmung als Klausner, Berufungen wie die zum Bischof von Konstanz lehnt er ab. Auch aus dem Wirken von Gallus, der 640 als Volksheiliger stirbt, wird freilich später ein Kloster hevorgehen, das Kloster St. Gallen. Luke Gassers Film: Kirchengeschichte auf leichte Art vermittelt.

Gallus im Gespräch mit Gunzo, dem Herzog von Überlingen.
Gunzo will ihn zum Bischof von Konstanz machen. Gallus lehnt ab.
(Screenshot aus dem Film "Gallus & Columban")

Samstag, 26. Februar 2022

Das Barabas-Rätsel

Früher eine Zelle, heute ein Hotelzimmer: im "Barabas".
Vor Monaten verbrachte ich eine Nacht in einer Zelle. Das vormalige  Zentralgefängnis der Stadt Luzern ist seit 1999 ein Hotel, ich testete es als Journalist, diese Woche ist mein Artikel in der "Schweizer Familie" erschienen. Das Hotel Barabas, wie es heisst, richtet sich mit ziemlich günstigen Zimmern vor allem an junge Travellers, Reisende aus dem Ausland, aber auch an Familien und Firmengruppen, die ein besonderes Erlebnis suchen. Mit dem Haus im Löwengraben in der Luzerner Altstadt ist ein kleines Rätsel verbunden. Es heisst "Barabas", weil mit diesem Namen jene Wandmalereien signiert sind, die ein Wehrdienstverweigerer als Insasse 1975 hinterliess. Wer dieser "Barabas" war, weiss keiner, die Hotelbetreiber forschten ausgiebig nach, wurden aber nicht fündig. Wer weiss, vielleicht führt mein Artikel ja dazu, dass sich jemand meldet.
Der Aufgang zu den Zimmern.
Bücher in der alten Gefängnisbibliothek.

Freitag, 25. Februar 2022

Lihapullat in Albligen

Der Bären und was ich dort ass.
Am Mittwoch – ich habs hier gestern erzählt – fuhr ich nach Ueberstorf und besuchte die gewaltige Eibe ein wenig ausserhalb des Dorfes. Es folgte eine zweistündige Wanderung via Obermettlen, Hinterried, Oberholzwald, Rütti, Götschmannsried nach Albligen. Zu dem kleinen Dorf sind mindestens drei Dinge zu bemerken:

  1. Albligen liegt links der Sense und gehört doch, anders als die Dörfer rundum auf derselben Seite des Flusses, nicht zum Kanton Freiburg, sondern zum Kanton Bern. In der Sprache des Militärs würde man von einem "Brückenkopf" der Berner reden. Im endenden Mittelalter und der frühen Neuzeit war Albligen Teil einer Gemeinen Herrschaft von Bern und Freiburg, die es abwechselnd verwalteten. Und niederhielten. Nachdem Napoleon das Ancien Régime beendet hatte, kam Albligen zuerst zum Kanton Freiburg und 1803 zum Kanton Bern. Eine Gemeinde ist es seit einiger Zeit nicht mehr, es gehört zu Schwarzenburg BE, nachdem man zuvor auch einen Anschluss an Ueberstorf FR erwogen hatte.
  2. Albligen hat eine klassizistische Kirche, ein schlichtes Meisterwerk, das ziemlich genau 200 Jahre alt ist. Heute steht die Kirche mit dem ausgegliederten, im Grünen neben dem Gotteshaus stehenden Glockenstuhl unter eidgenössischem Denkmalschutz.
  3. Albligen hat ein Dorfrestaurant, den "Bären". Dort wirtet seit Jahren ein finnisches Paar. Und so kam es, dass ich zum Schluss meiner Wanderung zu – hervorragenden – Lihapullat kam, Fleischklössen, die auf Kartoffelstock serviert wurden. Und zu einem Bier namens "Karhu". Macht immer Spass, auf einer inländischen Wanderung im Ausland zu landen.
Landschaft nah Ueberstorf.