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Dienstag, 15. Oktober 2019

Stadlerwürmli statt Vorhänglizug

Der neue Traverso. (Screenshot Homepage Südostbahn)
Ich bin schon ein bisschen traurig. Am 15. Dezember ist Fahrplanwechsel. Das heisst: Endgültig ist Schluss bei der Südostbahn mit dem guten alten, wie ich ihn nenne, Vorhänglizug auf der von mir des öftern befahrenen Linie Luzern - St. Gallen. Stattdessen gibt es neue, schlanke Kompositionen von Stadler Rail, in denen man sich - ich schliesse das anhand meiner Erfahrungen mit bereits eingesetzten Vehikeln dieser Firma - als armseliger Pendler fühlt, nicht als Genussreisender; und es wird, auch davon gehe ich aus, an WCs mangeln. Interessieren würde mich, ob es nun mehr Plätze gibt als vorher oder weniger. Die neuen Züge, offiziell "Traverso" geheissen, von mir selber aber "Stadlerwürmli", sind an ihrer kupferroten Farbe erkennbar und werden im Rahmen der Kooperation mit der SBB auch auf den Strecken Basel-Locarno, Zürich-Locarno und Bern-Zürich-Chur verkehren. Ich werde euch vermissen, ihr guten alten Waggons mit den Vorhängen aus Stoff, die man so genüsslich zuziehen konnte, als sitze man im Orientexpress.

Montag, 14. Oktober 2019

Wir stockalperten

Am Ziel: das "Monte Leone" auf der Simplonpass-Hochebene.
Am Start: der Bahnhof von Brig.

Im Innenhof des Stockalperschlosses.
Am Samstag gingen wir auf der Via Stockalper von Brig zum Simplon hinauf. Kaspar Stockalper, das war der Walliser Salzbaron und Söldnerlieferant des 17. Jahrhunderts, den man auch "König des Simplon" nannte, weil er ebendiesen Pass massiv ausbaute, so dass Handel und Transit einen Aufschwung erlebten. In Brig schauten wir uns zuallererst das Stockalperschloss an. Danach ging es mehr als fünf Stunden praktisch nur aufwärts, abgesehen von einer fiesen Geländeschikane: Beim Schallberg nämlich muss man zwischendurch 200 Meter absteigen hinab zu jenem Punkt, wo Taferna, Nesselbach und Ganterbach bei Grund zusammenkommen und zu einem neuen Gewässer sich formieren, der Saltina. Vieles war eindrücklich auf dieser Wanderung, zum Beispiel das Tobel der Saltina vor dem Schallberg, ein Abgrund, den unser Weg streifte, wir gingen auf Holzstegen durch die fast senkrechte Bröckelfluh. Weiter oben gefielen uns riesige Granitplatten. Und noch weiter oben war der Gebirgswald stilvoll herbstlich gelb. Auf dem Pass, am Ende eines kraftraubenden Serpentinenwegs mit Blick auf die Strassengalerien in pfleglicher Entfernung, schüttelte uns dann eine Bise, dass wir auf dem letzten Kilometer über die Hochebene zum Restaurant Monte Leone fast erfroren wären. Die Küche dort fanden wir unterirdisch, ich hatte Saltimbocca mit Risotto bestellt, der sich als nicht genug gekochter, noch harter Basmati entpuppte. Immerhin war das Lokal anständig geheizt. Bei Rotwein war Gelegenheit, unsere Route zu feiern und die unserer Stockalperei zugehörigen Zahlen zu würdigen. Wir waren doch 1560 Meter auf- und 260 abgestiegen. Nicht übel in dieser nicht üblen Saison.
Kippt der gleich? Steg durch den Bröckelhang über dem Saltinatobel.
Die Simplonstrasse. Auf ihr fuhren wir später im Postauto talwärts nach Brig.

Sonntag, 13. Oktober 2019

Sprungschanze Gottes


Schlaue Sache! Sicher ist es nicht einfach, eine Kirche zu entwerfen, die Teil eines touristischen Rummelplatzes ist. Genau das ist die Alpe Foppa, die man mit der Gondelbahn ab Rivera erreicht: ein Rummelplatz, vollgestellt mit schauderhaft überfarbiger Kunst, einer Sommerschlittelbahn auf Schienen, einem lieblosen Allzweck-Restaurant und so weiter und so fort. Die Kirche, die es auf dieser Geländeterrasse auf 1530 Metern über Meer ebenfalls gibt, leistet Widerstand, indem sie sich zunächst einmal anpasst und ebenfalls auf Show macht; ihre äussere Gestalt ist spektakulär, ein langer Steg führt horizontal auf die Hangkante zu als Sprungschanze Gottes, jeder Tourist wird ihn begehen wollen, um vorne das grosse Panorama zu geniessen. Die Kirche unterhalb aber - sie wahrt bei alledem mit ihren kleinen Fenstern und dem maurischen Lichtspiel eine bewundernswerte Ruhe. Mario Bottas Santa Maria degli Angeli, Mitte der 1990er-Jahre vollendet, ist grosse Baukunst, die vom kleinen Kind bis zum spirituellen Sucher jedem und jeder etwas geben kann. Man vergisst in ihr die Schrecknisse der Alpe Foppa. Jedenfalls ging es mir diese Woche so.

Samstag, 12. Oktober 2019

Duvins Häuser, Duvins Menschen

Duvin, Kirche und benachartes Haus.
Caminadas Schulhaus.
Duvin im Lugnez, wo wir vor anderthalb Wochen unsere Wanderung über das Güner Lückli beendeten und auf den - vorbestellten - Bus warteten, ist ein Bijou von Dorf. Die mit Liebe bestellten Blumengärten, die alte Kirche mit der Umfriedung und dem Eingangstor sowie dem angrenzenden Holzhaus, dazu das Schulhaus des Stararchitekten Gion A. Caminada in seiner raffinierten Schlichtheit und der Blick zum Gegenhang mit Dörfern wie Vella und darüber dem Piz Mundaun - schön! Lustig sind seine Menschen. Während der 35 Minuten Wartezeit lernte ich gleich drei Leute aus Duvin kennen. Erstens die kleine Sandra, vielleicht vier, die bäuchlings auf dem Rollbrett über den Dorfplatz rollte und kleine Kunststücke vorführte. Zweitens eine Frau, die ihr Auto anhielt, als sie mich sah, und mir zurief: "Kennen wir uns vom letzten Samstag in der Kirche Rueun?" Das musste ich verneinen, doch war die Begegnung damit beileibe nicht zu Ende; sie verriet mir als nächstes gleich, dass das knallgelbe Tor etwas weiter vorn ihre Garageneinfahrt sei ... und so weiter und so fort. Der dritte Homo Duvin, der mir Eindruck machte, war ein alter Mann, schlank, braun, schalkiges Gesicht. Er stellte sich neben mir auf, schwieg immer wieder mal eine Minute, erzählte dazwischen in seinem Bündner Dialekt Witze. "Wissen Sie, was ich sagte, als mich einer fragte, ob wir in Duvin oft schönes Wetter haben? Ich sagte ihm: Ja, in Duvin haben wir immer schönes Wetter. Über den Wolken."
So erblickten wir das Dorf, als wir vom Güner Lückli kamen.

Freitag, 11. Oktober 2019

Huntos Dorf

Gewusst, dass ...
  • in "Biel" sich ziemlich sicher der Name einer keltischen Gottheit verbirgt,
  • "Agasul" nichts mit einem orientalischen Fürsten (Aga) zu tun hat, sondern mit einem Schweinepfuhl,
  • "Hundwil" nicht auf einen irgendeinen Höllenhund zurückgeht, sondern auf einem alemannischen Sippenführer namens Hunto?
Man kann das alles genauer nachlesen in der neuen "Schweizer Famiilie". Dort findet sich mein Artikel, der 25 Schweizer Ortsnamen genauer anschaut und erklärt.

PS: Zwei der vier zum Abschuss freigegebenen Jungwölfe am Beverin im Kanton Graubünden sind bereits erlegt.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Fünf klassische Stunden

Blick von der Capanno Tamaro zum Mött Tund (l.) und zum Monte Tamaro
Ein Stück Bergpanorama vom Monte Tamaro aus.
Genau fünf Stunden brauchte ich am Dienstag für diesen Tessiner Wanderklassiker: von der Alpe Foppa (Gondelbahn ab Rivera) auf den Monte Tamaro und von dort zum Monte Lema (Seilbahn nach Miglieglia). Mit 1000 Höhenmetern im Aufstieg und 965 im Abstieg war die Tour durchaus anstrengend; ich staunte, wieviele Leute unterwegs waren, darunter auch Familien mit Kindern. Was mir fehlte, war der Tiefblick ins Malcantone, denn dieses verblieb im dichten Nebel. Immerhin sah ich vom Tamaro aus auf die nördliche Partie des Lago Maggiore und hatte Weitblick zum Beispiel auf das Monte-Rosa-Massiv. Vor allem aber machte der Dunst - ich habe es gestern schon gesagt - die Landschaft magisch, so dass ich bereichert heimfuhr.
Schade, ich hätte hier gern ein wenig in die Tiefe geschaut.
Wanderer am Monte Gradiccioli.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Vier Wölfe sollen sterben

Hirten und ihre Tiere mögen diesen
Anblick nicht besonders.
(Gunnar Ries/Wikicommons)
Letzten Donnerstag erzählte ich von meinem Wanderfreund Peider, der auf dem Güner Lückli zwei Wölfe gesehen hatte, die dem Beverinrudel angehören dürften. Zwei Tage später las ich in der "Neuen Zürcher Zeitung", dass bis nächsten Frühling vier Jungwölfe des Rudels geschossen werden sollen. Dies, nachdem eine grosse Zahl von Schafen und Ziegen gerissen worden war, auch Tiere in geschützten Herden. Deshalb hat die Bündner Jagdverwaltung entschieden, einzugreifen und die Abschuss-Genehmigung zu erteilen. Das Elternpaar darf aber nicht abgeschossen werden.

PS: Gestern ging ich vom Monte Tamaro zum Monte Lema. Nebel waberte, das hatte ich nicht vorausgesehen. Das Hin und Her von Sonne und Dunst dramatisierte die Unternehmung sozusagen und machte sie besonders intensiv. Hier vorerst nur ein Bild, aufgenommen nach drei Vierteln der Wanderung.
Herbst auf der Forcola d'Arasio.