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Dienstag, 16. September 2014

Die Buttercrème-Wanderung

Fantastischer Mont-Saint-Michel. (Wikicommons/ Library of Congress)
Der Mont-Saint-Michel, die von einem Kloster gekrönte normannische Gezeiteninsel, ist ein Wahrzeichen Frankreichs. Kaum bekannt ist die nahe, wesentlich flachere und unbebaute Zwillingsinsel Mont-Tombelaine. In der NZZ kam gestern eine blendend geschriebene Reportage. Sie berichtet zum einen, dass es neuerdings eine elegante Fussgänger-Passerelle vom Festland nach Mont-Saint-Michel gibt; der Fussgängerweg verläuft parallel zur ebenfalls neuen Brückenstrasse auf einer abgetrennten Seitenspur. Zum anderen schlägt die NZZ eine Wanderung vor; freilich braucht man für sie einen Führer. Man geht bei Ebbe vom Mont-Saint-Michel zum Mont-Tombelaine und retour. Der Weg führt durch Schlamm und Schlick und immer wieder auch durch kniehoche Wasserrinnen. Die Gefahr besteht darin, dass Nichtkenner der Verhältnisse durch die rapid zurückkommende Flut überrascht und vom sicheren Land abgeschnitten werden; zuallererst füllen sich die erwähnten Wasserrinnen, die schnell unpassierbar werden. Deswegen kreist in der kritischen Phase auch immer ein Rettungsheli in der Luft. Aus dem Artikel ein Zitat, das sich dem Sand widmet:
"Hier feucht-flockig, dort steinhart, lässt er die Marschierer stellenweise um fünf oder sieben Zentimeter einsinken, bildet anderswo Treibsand, von dem sich die Kinder und Kindsköpfe der Gruppe - unter Aufsicht des Führers - bis zu den Knien verschlucken lassen, und wandelt sich am Fuss des Mont-Tombelaine in einen weichen, fetten Schlick, der die nackten Füsse massiert wie Buttercrème."

Montag, 15. September 2014

Die Murmeliwelt ist fies

Lustig ist das Murmelileben? Naja.
Am Samstag gab es im Tagi eine interessante Geschichte über Murmeltiere. Wer meint, dass diese im Winter schlafen, täuscht sich. Vielmehr fallen sie in eine Art Kältestarre; "sie sind im Prinzip wach", sagt ein Forscher. Daneben geht es in dem Artikel auch um das Sexualverhalten. Unglaublich, aber wahr: In dem Familienverbund von bis zu 20 Tieren darf allein das ranghöchste Weibchen Nachwuchs gebären. Es paart sich meist mit dem ranghöchsten Männchen, bisweilen aber auch mit anderen Männchen. Andere Weibchen paaren sich durchaus auch; sind sie trächtig, werden sie allerdings vom Oberweibchen solange gestresst, bis sie den Embryo verlieren. Das Ganze dient dem Überleben der Gruppe, die im harten Winter nicht beliebig viele Junge durchbringen kann. Knallhart, das Murmeltierleben.

Sonntag, 14. September 2014

Meine ersten zehn

Gestern fiel mir ein, dass ich heuer zwei Jubiläen als Wanderkolumnist zu feiern hätte. Und dass ich das eine schon verpasst habe: Im August 2004 begann ich bei der Weltwoche übers Wandern zu kolumnieren. Das ging damals ganz schnell: Mein Kollege Christian Seiler plante einen kleinen Relaunch im, wenn ich mich recht erinnere, zweiten Heftteil und hatte noch eine Spalte offen. Auf charmant Österreichisch fragte er mich dann: "Widiwidmer, hast du mia nicht äne Kolumne?" Im Oktober steht dann mein Sechsjähriges beim Tagi an - jetzt hoffe ich natürlich, dass es viele weitere Jahre werden.

Samstag, 13. September 2014

Connected Family?

Heute will ich keine nassen Füsse.
Au wei. Dieses Wochenende wird nicht gewandert, ich bin krank, stark erkältet, verbrachte die letzten Tage zuhause mit Teetrinken und viel schlafen - ich hätte nicht die geringste Lust, heute bei Wind und Regen über irgendeine Hochebene zu schuhen und mir nasse Füsse zuzuziehen; es kommen sicher bessere Tage für den Wanderer Widmer.

PS: Was man immer für Einladungen bekommt, wenn man übers Wandern schreibt. Hier der Auszug aus einem Mail; was zum Teufel das übrigens für eine Familie ist, die da angesprochen wird: keine Ahnung!
"Auch dieses Jahr reissen Sie Suunto und Salomon über Mittag wieder aus dem Arbeitstag und zeigen Ihnen während zweier Stunden die neusten Produkt-Highlights: Auf einem kurzen und für jedermann/jedefrau machbaren Lauf durch die Zürcher Innenstadt erleben Sie die vielfältigen Möglichkeiten der Suunto Connected Family, erhalten Infos rund um die GPS-Uhr Ambit3 und die Features der brandneuen Movescount-App und testen gleichzeitig den Salomon-Trainingsschuh Sense Pro. Zurück im Bad Utoquai stärken wir uns anschliessend bei einem leckeren Mittagessen."

Freitag, 12. September 2014

Er geht, ich gehe mit

Auf Facebook berichtete Peter über die Route. (Screenshot)
Schade, ist er fertig. In den letzten Wochen verfolgte ich auf Facebook fasziniert, wie der Journalist Peter Blunschi, ein alter Facts-Kollege, heute bei Watson, die Schweiz durchwanderte von Rorschach bis Lausanne - 450 Kilometer Distanz, gut 17000 Höhenmeter. Peter machte es mit Facebook genau richtig, er postete nicht manisch und zerstörte sich so die Intimität der Reise, lud aber doch ein, zwei Dinge pro Tag hoch. So konnte ich mitgehen: von Appenzell, das er zu Recht als "Folklore-Disneyland" bezeichnete, über Charmey, wo er einen Ruhetag einlegte und sich den Rücken massieren liess, bis zum letzten Tag in den Reben des Lavaux. Wirklich schade, ist er fertig. Man könnte sich daran gewöhnen, von zuhause aus zu lehnstuhlwandern.

Donnerstag, 11. September 2014

Das höllische "nicht"

Der rote Kreis zeigt, wo ich wohne. Bald wird es lärmig.
In meiner Strasse in Zollikerberg werden in den nächsten Monaten sämtliche Leitungen im Untergrund erneuert. Gestern lag ein Merkblatt der Gemeinde in meinem Briefkasten. Autobesitzer in den betroffenen Häusern werden gebeten,
"...ihre Fahrzeuge während dieser Zeit vor oder nach der Baustelle nicht verkehrsbehindernd abzustellen".
Das "nicht" in dem Satz ist höllisch. Heisst das nun, dass man das Fahrzeug NICHT nah der Baustelle abstellen darf, weil es sonst den Verkehr behindert? Oder darf man das Fahrzeug abstellen, wenn man es so macht, dass man den Verkehr NICHT behindert? Gott sei Dank habe ich kein Auto und muss mich nicht mit dem zweideutigen Behördensatz herumschlagen. Gut informieren ist eine Kunst.

Mittwoch, 10. September 2014

Vom textilen Glarus

Als Glarus noch niedlich nichtindustrialisiert war.
Illustration von 1572. (Wikicommons/ Braun)
Lange nährte sich der arme Kanton Glarus von der Reisläuferei. Als diese Geldquelle versiegt war, stieg man um auf die Herstellung und den Handel mit Baumwollstoffen. Zunächst fertigte man in Heimarbeit, dann kam die Fabrikproduktion. Von 1850 bis 1873 erlebte die Textilindustrie an der Linth einen grandiosen Boom, Glarner Stoffe kursierten weltweit. Viele einstige Fabriken zeugen davon. Auf dem Mühleareal in Schwanden ist heute das Glarner Wirtschaftsarchiv untergebracht, das - ich referiere die NZZ von vorgestern - derzeit eine Ausstellung mit Glarner Stoffbüchern und Tüchern bietet.