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Montag, 20. November 2017

O du schönes Grau

Gehörte ganz uns: der Waldweiher oberhalb von Elgg.
Gutes Wetter ist manchmal ein Fluch; der sonnige Spätherbst-Tag in den Bergen wäre grandios, bloss wollen alle hin, die Züge sind dann verstopft und so weiter und so fort. Umgekehrt kann schlechtes oder doch ödes Wetter ein Segen sein - man hat die Landschaft für sich. So war es am Samstag auf unserer vierstündigen Wanderung von der Eulach an die Töss. Von Elgg gingen wir via Guhwilmühle und Scheunberg auf den Schauenberg. Wir stiegen ab zum Gyrenbad, assen gut, hielten via Höchholz und Haldenholz auf glitschigen Pfaden zum Giessen im Königstal und beendeten die Unternehmung schliesslich bei der S-Bahn-Station Rämismühle-Zell.  Fernsicht hatten wir keine, kamen in den höheren Lagen an Schneeresten vorbei, froren bei der kurzen Gipfelrast. Und all das war der guten Laune nicht im Geringsten abträglich, weil wir dafür praktisch allein unterwegs waren. Der Wald gehörte uns, das nach Zimt riechende Laub gehörte uns, die Nagelfluh, die Töbel, die Bächlein gehörten uns. Was will man mehr?
Gehörte ganz uns: der Weg durch das Fahrenbach-Tobel zur Guhwilmühle.
Gehörte ganz uns: der Schauenberg mit seiner Burgruine. 
Gehörte sowieso ganz uns: der abgelegene Königstal-Giessen einige Zeit vor Zell.

Sonntag, 19. November 2017

Spiess und die Tachsenhauserin

Eine Hinrichtung von Hexen, 1587. Die Illustration stammt aus der Wickiana, einer
Sammlung gruseliger Flugschriften; die Sammlung geht zurück
auf den Zürcher Pfarrer Johann Jakob Wick. (Bild: Wikicommons)
Um die 10 000 Hexenprozesse wurden auf dem Gebiet der heutigen Schweiz vom 15. bis 18. Jahrhundert abgehalten, gut die Hälfte davon endete mit einem Todesurteil. Eine der Frauen, die vor den Richter mussten, weil man sie des Verkehrs mit dem Teufel verdächtigte, hiess Ursula Tachsenhauserin; sie lebte in Ossingen und wurde im Hochsommer des Jahres 1574 in Zürich verbrannt. Am Freitagabend war ich an einer Veranstaltung in der Helferei beim Grossmünster Zürich; dort schilderte Kurt Spiess das Leben der vermeintlichen Hexe, die in Wahrheit schlicht eine Frau ohne mächtige Verwandtschaft und Fürsprecher gewesen war, ein Opfer dörflicher Ängste und Verleumdungen in einer Zeit der desaströsen Ernteausfälle. Ein Sündenbock. Spiess wäre das zweite Thema in diesem Blog: Er ist Osteuropa-Historiker, wurde dann Berufsschullehrer, dann Inspektor im Berufsbildungsamt, dann Freiberufler mit einer Psychodrama-Ausbildung, dann Professor für Change Management an der Hochschule Chur. Und dann liess er sich mit 60 frühpensionieren und absolvierte eine Ausbildung als Storyteller an der Universität der Künste in Berlin. Uff. Ich fand den Mann eher mässig gut. Aber die Biografie der armen Ursula Tachsenhauserin ist es wert, erinnert zu werden - in der Sache machte sich Spiess verdient. Im Urteilsspruch heisst es:
"... dass sie dem Nachrichter (Scharfrichter) befohlen werden soll. Der solle ihr ihre Hände binden und sie hinaus zu der Sihl auf das Grien (Kies) führen, daselbst auf eine Hurd setzen und an eine Stud heften und also auf der Hurd an der Stud verbrennen, inmassen, ihr Fleisch und Bein zu Asche werden und sie damit dem Rechten gebüsst haben soll."
P.S. Morgen will ich hier von unserer Samstagswanderung schwärmen. Sie strotzte vor Nagelfluh und guter Laune.

Samstag, 18. November 2017

Das sibirische Halbjahr

"Ich hatte mir vorgenommen, vor meinem vierzigsten Lebensjahr als Eremit in den Wäldern zu leben. Ich zog für sechs Monate in eine sibirische Hütte am Ufer des Baikalsees, an der Spitze des Nördlichen Zedernkaps. Das nächste Dorf 120 Kilometer entfernt, keine Nachbarn, keine Zugangsstrassen, gelegentlich ein Besuch. Im Winter Temperaturen um die minus 30 Grad, im Sommer Bären an den Ufern. Kurz, das Paradies."

Sylvain Tesson, Franzose, ist Geograf und Schriftsteller. Ein Abenteurer, aber auch ein Denker. Eben las ich das Buch, das von seinen sechs Monaten am Baikalsee handelt. Es erzählt von Wodka-Exzessen mit russischen Meteorologen, von der Einsamkeit und den Möglichkeiten, die sie eröffnet, von der Hütte und vom Wald und den nahen Bergen, die Tesson erklimmt; es ist gleichzeitig eine spannende Chronik und ein philosophisches Tagebuch - der Mix hat mich Seite für Seite begeistert.

Was mich einzig leicht irritiert: Auf Youtube kann man sich einen Film anschauen, der Tesson am Baikalsee zeigt. Im Buch ist nicht davon die Rede, dass es diesen Film gibt und wie er zustandekam. Aber toll ist er. Etwas fürs Wochenende.

Freitag, 17. November 2017

Meine Art-Brut-Reise

Ihn besuchte ich: Benno Kaiser in seinem Haus in Südfrankreich.
Mitte Oktober weilte ich reportagehalber in Südfrankreich. Ich bloggte von dort auch, verschwieg aber, warum genau ich nach Villeneuve-les-Béziers gereist war. Hier nun die Auflösung: Ich besuchte den 76-jährigen Art-Brut-Künstler Benno Kaiser, einen St. Galler, der in einem früheren Leben Denner-Werbechef war und vor vielen Jahren ins Languedoc ausgewandert ist. Wer sich für den Mann und seine wilden Werke interessiert - die "Schweizer Familie" mit dem mehrseitigen Artikel kann man ab heute lesen. Ah ja, ein Buch über Benno gibt es neuerdings auch.

Die neue SF enthält übrigens zwei weitere Artikel von mir: zum einen ein Porträt von Marlies Mörgeli, die in Läufelfingen einen Tierfriedhof betreibt. Und zum anderen eine Wanderkolumne, die im Val de Travers spielt.

Donnerstag, 16. November 2017

Pôle muséal

So wird der Platz nördlich am Bahnhof Lausanne in drei Jahren aussehen.
(Bild: Projektskizze Pôle muséal/ Estudio Barozzi & Veiga, Barcelona)
Fährt man von Genf her in den Bahnhof Lausanne ein, passiert man eine Industriebrache. Auf ihr geschieht nicht viel, die SBB warten alte Waggons, das immerhin. Ab 2020 soll sich die Ankunft ganz anders gestalten: Die Lokremise von 1911 wird verschwunden sein; stattdessen werden zwei Neubauten dastehen mit drei Museen darin, die von ihren bisherigen Standorten umziehen wollen: das Musée Cantonal des Beaux-Arts, das Fotomuseum Elysée und das  Designmuseum Mudac. Das neue Museumsquartier auf 22 000 Quadratmetern dürfte Lausannes ein wenig öde Bahnhof-Umgebung deutlich aufwerten. 180 Millionen Franken kostet das Projekt, auf Französisch heisst die Anlage "Pôle muséal".

Mittwoch, 15. November 2017

Bere-Romm-Flade

Die Toggenburger nennen ihn Schlorzifladen, wir Appenzeller aber Bereflade oder auch Bere-Romm-Flade. Göttlich ist er jedenfalls. Am Exemplar, das mir kürzlich im Rössli in Hundwil vorgesetzt wurde, liebte ich auch die Dekoration - schön, oder?

P.S. "Bere" gleich Birne, "Romm" gleich Rahm.

Dienstag, 14. November 2017

Der schrecklich liebe Hirtenhund

Die Cadlimohütte liegt hoch über Airolo im Ritomgebiet auf 2570 Metern über Meer. Toni Kaiser, Chefredaktor von "Schweiz Das Wandermagazin", verbrachte in ihr einen Sommer, ein Zuckerschlecken war das nicht, denn er war Teil des Teams, arbeitete also kräftig mit. Aber fotografiert hat er auch - daraus ist ein schönes Fotoheft entstanden. Es zeigt Andy beim WC-Putzen,  Dania beim Betten, Jana beim Zubereiten des Salats, Alma im Vorratskeller. Und auch Terribile ist zu sehen, der Hirtenhund vom nahen Val Canaria, dessen Schäfer sagt, Terribile sei eigentlich zu lieb für seinen Job. Schrecklich lieb sei er. Daher ja auch der schalkhaft gemeinte Name Terribile.