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Samstag, 18. April 2015

Paula und Jenny und ihr Jahrhundert

Gewandert wird auch dieses Wochenende nicht; ich will zuerst meine Erkältung ganz kurieren, zu der in den letzten Tagen ein terroristisches Ohrenweh gehörte. Und heute geht es ohnehin zu einer Urnenbeisetzung ins Appenzellische. Mitreisen darf der Roman meines ehemaligen Tagikollegen Daniel Suter, den ich eben knapp noch kennenlernte, bevor er 2009 einer Massenkündigung zum Opfer fiel. Ich mag eigentlich keine derart fetten, manisch bis an den Rand bedruckten Bücher; dieses hat 750 Seiten, also 900 oder so in einem normalen Umbruch. Je mehr ich lese, desto besser finde ich das Buch freilich. Erzählt wird einigermassen parallel die Geschichte zweier Frauen. Paula Ahrons kommt 1899 als Einwandererkind von Berlin nach Zürich, muss später als junge Frau ihr Studium aufgeben, weil die Familie verarmt, und wird Sekretärin. Eine überzeugte Sozialistin auch. Jenny Gass wiederum wächst behütet auf als Tochter eines Basler Privatbankiers und heiratet als junge Erwachsene einen Seidenband-Fabrikanten, der sich allerdings als gequälte Seele und Quartalstrinker herausstellt. Was beide Leben verbindet: die grossen Krisen des 20. Jahrhunderts, durch die die Figuren gehen müssen. Jetzt gerade ist - ich bin am Ende des ersten Romandrittels angelangt - der erste Weltkrieg ausgebrochen. Doch, ich kann "Die Unvergleichlichen" (edition 8) empfehlen, werde den Rest lesen und wohl auch etwas darüber schreiben.

Freitag, 17. April 2015

Der Blindhans und sein Steg


Der neue Blindensteg über die Töss südwestlich von Dättlikon ZH.
Der blinde Hans Rebmann mit seiner Enkelin.
Was für eine Biografie! Hans Rebmann wurde 1499 in Wigoltingen TG geboren, besuchte in Waldshut die Lateinschule, wurde in Strassburg zum Priester geweiht, bekleidete verschiedene Priesterstellen, trat in der Reformation zur neuen Konfession über. 1525 unterstützte er den Aufstand der Klettgauer Bauern gegen den Grafen von Sulz. Er wurde gefangengenommen und auf der Küssaburg im grenznahen Deutschland - kenne ich von einer früheren Wanderung - mit einem Löffel geblendet. Zwingli sorgte dafür, dass er eine Pfarrstelle in Lufingen an der Töss bekam (Lufingen liegt nah beim heutigen Flughafen Zürich). Das Problem war, dass Rebmann zwischen Dättlikon, dem Weinbauernnest unter dem Irchel, und Lufingen oft die Töss queren musste. Er liess auf eigene Kosten einen Holzsteg bauen, alsbald "Blindensteg" genannt. Dieser wurde erst in unserer Zeit, vor fünf Jahren, durch ein 38 Meter langes Stahlbeton-Ding ersetzt. Ein Kupferstich  aus dem 17. Jahrhundert stellt den greisen Rebmann an der Hand seiner Enkelin dar; im Hintergrund dürfte der Steg zu sehen sein. Wir gingen am Ostersamstag über den Steg, als wir von Dättlikon nach Kloten hielten. Eine Tafel erzählt dort vom "Blindhans", wie er genannt wurde, und zeigt den Stich.

Donnerstag, 16. April 2015

Poesie und Delirium im Limmattal

Gestern Besuch im Bruno Weber Park am Hang oberhalb von Dietikon und Spreitenbach. Der Künstler, 1931 bis 2011, ein lebenslänglicher Maniker, schuf sich unter kreativer Missachtung zonenrechtlicher Bestimmungen ein Gesamtkunstwerk, sein persönliches mythologisches Set, einen Kosmos mit gewaltigen Giraffen- und Spinnenfiguren, bizarren Hybridgeschöpfen, klauenfüssigen Picknickstühlen, einer aus Drachenwesen zusammengesetzten Rundbrücke so hoch wie ein altrömischer Aquädukt. Das Betriebskonzept und den Businessplan lieferte der Mann nicht mit, der Park schlägt sich daher mit stiftungsrechtlichen und anderen juristischen Ungereimtheiten sowie Geldproblemen herum und schien einmal ganz schliessen zu müssen; wie er auf lange Frist betrieben werden kann, ist nach wie vor unklar. Als Besucher ist man nie ganz sicher, ob nicht das eine oder andere Exponat marode ist und eventuell zusammenbrechen und einen verschütten könnte; manches Ding bräuchte dringend einen Materialcheck und eine Auffrischung. Aber faszinierend ist der, sagen wir mal, Trip schon. Webers Park ist: LSD-Tarantula-Fantasie. Angkor Wat und Dschungelcamp. Hundertwasser-Farbexplosion im Widerstreit mit H.R. Giger-Alien-Düsternis. Erich-von-Däniken-Götterastronauten-Parade und Totempfahlland. Nachempfindung präkolumbischer, schwarzafrikanischer und pharaonischer Skulpturentraditionen. Mad-Max-Spielplatz mit Schrottappeal. Altes Haus von Rocky Docky und Villa Kunterbunt, extraterrestrischer Zoo und kollektives Unbewusstes zum Begehen. Poesie und Delirium mischen sich im Limmattal.

Mittwoch, 15. April 2015

Mömpelgard

Schloss Montbéliard. (Wikicommons)
Ziemlich nah an der Schweiz liegt im französischen Departement Doubs die alte Stadt Montbéliard. Vier Jahrhunderte lang gehörte sie zum Hause Württemberg und hatte in dieser Zeit auch einen deutschen Namen: Mömpelgard. Man stellt sich vor, wie es damals zu diesem holprigen Zweitnamen kam. Irgendein schwerhöriger Württemberger Graf reitet mit seinem Tross durch die Gegend und sieht in der Ferne einen befestigten Ort. Er fragt seinen Knappen: Wie heisst der Ort? Der Knappe sagt: Montbéliard. Und der Graf krächzt: Hä, Mömpelgard? Nie gehört!
Oben links Montbéliard F. Unten rechts Delémont CH.

Dienstag, 14. April 2015

Mein Böögg-Tag

Als ich gestern morgen um acht in Zürich beim Bellevue vorbeikam, bauten sie auf dem Sechseläutenplatz grad den Böögg auf - der Kopf fehlte ihm noch. Am Nachmittag begab ich mich dann als Journalist als Sechseläuten. Ich hatte im voraus beschlossen, mich für die Seite im Tages-Anzeiger den Gästen am Sechseläuten zu widmen, also den Leuten von auswärts. Mit der Fotografin Doris Fanconi sprach ich ein iranisches Ehepaar an, einen jüdischen Engländer mit vier herzigen Kindern, einen jamaikanischen Musiker und so weiter und so fort. Das Resultat kann man heute in der Zeitung lesen. Nicht, dass ich meine, der Artikel sei genial, die Antworten sind nicht weltbewegend. Aber immerhin unterhaltend. Und das Mosaik der Gesichter und Nationen mag ich sehr.

Montag, 13. April 2015

Wunder Wunderbrunnen

Altes Opfikon: das Restaurant Wunderbrunnen.
Man denkt bei "Opfikon" an Modernes und Übermodernes, an den Opfikerpark zum Beispiel mit dem künstlich angelegten Glattpark-See - Geometrie ins Endlose, riesige Überbauungen links und rechts, das Défense-Viertel von Paris in die Zürcher Agglo geholt. Opfikon hat aber auch einen Dorfkern mit einem Dorfbrunnen, gedrängt stehenden Häusern, Bauernhöfen auf der nahen Anhöhe und darüber den Flugzeugen vom nahen Flughafen. Ich entdeckte dieses alte Opfikon, als wir am Samstagmittag den 95. Geburtstag meines Freundes Ernst feierten; schön war das, gemütlich und zu persönlich, um es hier auszubreiten.

Wir feierten in einem Restaurant namens Wunderbrunnen. Dieses scheint mehrere Leben zu haben:
  •  1911 kaufte der Bäcker Robert Gottschick die Liegenschaft, ein weitum bekannter Meister der delikaten Wähe. Seine Wirtschaft geriet allerdings zu einem Etablissement, das dubiose Existenzen aus Zürich anzog. Die Anwohner fühlten sich in ihrer Nachtruhe gestört, ab und zu musste die Obrigkeit einschreiten und Gottschick eine Verwarnung erteilen.
  • Nach einem Intermezzo erwarb 1945 die tüchtige Berta Tanner das Restaurant, das seinen Namen, wie ich annnehme, mit dem nahen Dorfbrunnen zu tun hat. Sie machte daraus eine äusserst erfolgreiche Güggelibeiz. Ein halbes Poulet mit Rotkraut, Marroni und Pommesfrites kostete 7 Franken 50. Autos aus der ganzen Schweiz parkierten rund um das Haus. Auf der Infotafel vor dem Haus steht auch, dass die Dorfvereine jeweils die Pouletreste spendiert bekamen.
  • Berta Tanner starb früh, es ging abwärts, 1968 schloss das Haus. Über Jahrzehnte stand es leer. Bis letztes Jahr der Kreuzlinger Haustechnik-Unternehmer Roger Hirzel mit seiner Partnerin Nadja Anliker kam, einer erfahrenen Gastronomin. Man renovierte das Haus, richtete eine Zigarrenlounge ein, legte eine Weinkarte mit 2000 Positionen auf. Seither steigt der Wunderbrunnen wieder auf als gute Einkehradresse; wir assen und tranken am Samstag hervorragend. Und draussen pickten vor dem Haus gegenüber die Hühner in ihrem Gehege. Mitten in Opfikon.

Sonntag, 12. April 2015

Tausendsassa Heini


Kürzlich gabs im Tagi eine Sammelseite - Anekdoten von Redaktoren zu ihrer Gymiprüfung. Ich steuerte das Geschichtlein bei, wie ich an der Aufnahmeprüfung für die Kantonsschule Trogen im Fach Deutsch ein praktisch unverständliches Diktat erlebte; der Lehrer, der es vortrug, war ein Waldschrat und nuschelte brutal. Der Text war damals ein Auszug aus Robert Schedlers "Der Schmied von Göschenen". 40 Jahre danach habe ich mir das Jugendbuch, einen Klassiker von 1919, in einer schönen Ausgabe antiquarisch besorgt und gelesen. Die Geschichte gefällt mir ganz ausgezeichnet. Sie erzählt, wie in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts die Leute im Urner Oberland unter Führung des beherzten Schmieds Heini von Göschenen einen Steg durch die grauslige Schöllenenschlucht legen - so beginnt die Geschichte der Gotthard-Transitroute.

Schmied Heini ist übrigens ein Tausendsassa. Autor Schedler stellt ihn gleich auch als Erfinder der Hellebarde hin, die 1315 am Morgarten entscheidend werden wird, indem er ihn sagen lässt:
"Ich denke an eine Waffe für unsere Bauern, die ihnen Überlegenheit geben soll im Kampf mit den schwerfälligen Rittern. Ein starkes, schweres Beil müssen sie haben, das den Helm und Harnisch durchschlagen kann; ein Haken dran, mit dem man die Sattelfesten vom Pferde reisst, und eine starke, scharfe Spitze, um die Pferde stechen zu können, dass sie scheu werden. Ich will mir die Sache überlegen."