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Mittwoch, 30. Juli 2014

Der Mann, der den Tod gesehen hat

Detail aus einem Gang im Palazzo
Salis: 400-jährige Wandkritzelei.
Gestern bei monsunartigem Wetter - feuchte Hitze, immer neue Regengüsse - eine Tour nach Tirano, dem Städtchen zuunterst an der Berninalinie auf italienischem Boden. Höhepunkt war der Besuch des Palazzo Salis aus dem 17. Jahrhundert. Die gleichnamige Adelsfamilie entstand im Hochmittelalter in Como und zog bald alpenwärts; sie verzweigte sich dabei mehrfach, der Schweizer Ableger der Salis vor allem im Bündnerland und speziell im Bergell ist wohlbekannt. Der Palazzo zu Tirano besteht aus zehn Sälen, von denen einer prächtiger ist als der andere. Man sieht Deckengemälde mit antiken Motiven, rustikale Möbel, Trompe-l'oeil-Türen, die hausinterne Kirche, Wappen und Embleme noch und noch. Ah ja, ein riesiger Ziergarten war da auch. Als wir ihn betreten wollten, begann es gerade wieder wild zu schütten.

Später dann eine kurze Wanderung die bahnlose Seite des Poschiavo-Sees entlang von Miralago nach Le Prese. Sie endete mit der Einkehr in der Beiz gegenüber der Station von Le Prese. Ein Mann kam herein, setzte sich an den Stammtisch, eröffnete allen Anwesenden: "Ich habe den Tod gesehen." Die Serviererin lachte, bis sie merkte, dass er es ernst meinte. Offenbar war der Mann vor ein paar Tagen von einem guten Dutzend Wespen gestochen worden; ich verstand die Umstände nicht ganz genau; er sprach ein zwar nicht dialektales, aber schnelles und von Agrar-Ausdrücken durchsetztes Italienisch. Er habe dann einen Schock erlitten, sei fast gestorben, sei ein paar Tage im Spital gelegen. Auch jetzt noch wirke das Insektengift nach. Der Mann klagte: Mi gira l'albicocca! "Mir schwirrt die Aprikose."

Dienstag, 29. Juli 2014

Unser Treffen mit WH

Bei leichtem Regen schauten wir uns gestern ein wenig in Poschiavo um. Auch den Toten eines kirchlichen Friedhofs machten wir höflichkeitshalber unsere Aufwartung; es handelte sich, merkten wir später, um eine reformierte Kirche. Ein Grabstein trug den legendären Namen Wolfgang Hildesheimer, 1916 bis 1991. Sein Leben klingt wie ein Roman. Sohn jüdischer Eltern aus Hamburg. Flucht vor den Nazis nach England, daselbst Fortsetzung der Schulzeit. Emigration nach Palästina, Tischlerlehre, Rückkehr nach England, Kunstausbildung. Dann Simultandolmetscher an den Nürnberger Prozessen der Kriegssieger gegen die Nazi-Führer. Und endlich Schriftsteller. Als Hildesheimer nach Deutschland zurückkam und sich der Gruppe 47 anschloss, war er ein bunter Vogel, ein Halbengländer, der ganz andere literarische Formen einbrachte, leichte, kurze, luftige. Irgendwann zog er nach Poschiavo, wo er zum grossen Erzähler wurde und auch eine Mozart-Biografie schrieb, sein berühmtestes Buch. In seinen späten Jahren malte er auch wieder vermehrt. Schön, dass wir diesen Hildesheimer gestern treffen durften.

Montag, 28. Juli 2014

Poschiavo, ich komme

Hier werden wir heute gegen Abend sitzen. Nehme ich doch an.
Die Piazza Communale von Poschiavo. (Wikic./Friedrich Böhringer)
Heute geht es für ein paar Tage nach Poschiavo. Ich hoffe, das Bloggen von dort klappt - anzunehmen ist es, schon im voraus entschuldige ich mich allerdings für die schlechte Fotoqualität. Ich arbeite mit dem App von Blogger.com, das besser sein könnte, als es eben ist. Nun freue ich mich auf Poschiavo, ein, zwei gute Wanderungen, dazu nach Möglichkeit ein paar nette Ausstellungen und Museen sowie einen Tirano-Besuch. Ah ja, auf die Diavolezza möchte ich auch, ich war nie oben. Und schliesslich sehe ich vor meinem inneren Augen südliche Speisen. Eine gute Polenta soll gegessen werden.

Sonntag, 27. Juli 2014

Tod eines Musikers

Appenzell-Ausserrhoden, mein Kanton, trauert: Im Hinterland, genauer in Urnäsch, ist Ueli Alder gestorben, ein Jahrgang 1922 und der letzte der zweiten Generation der Original Streichmusik Alder (momentan spielt die dritte, vierte und fünfte Generation, die Sache ist unübersichtlich). Das Geigenspiel erlernte Ueli Alder 1931, natürlich familienintern, vom Grossvater. Ich hörte die Nachricht gestern auf Radio SRF1; dort kam auch ein Interview mit dem Musiker Jakob Freund aus Bühler, der davon erzählte, wie Ueli Alder im hohen Alter noch mit Dolly Parton musiziert und das sehr genossen hatte.

PS: Huch, eine Meldung ohne Bild? Tut mir leid, ich habe keines, und klauen mag ich auch keines.

Samstag, 26. Juli 2014

Die Sudoku-Hexe

Im Bus von Uznach nach Tuggen sass ich kürzlich hinter einer Frau, die nur eine Hexe sein konnte - der Besen zeigte es an. Ich gab mir Mühe, von ihr nicht bemerkt zu werden; so etwas ist gefährlich. Bald kramte sie ein Heftli und einen Kugelschreiber hervor - und ich war schockiert. Es gibt Hexen, die lösen Sudokus.

Freitag, 25. Juli 2014

Roland Fogg-Studer

Jules Vernes Gentleman-Held Phileas Fogg reiste in 80 Tagen um die Welt. Der Journalist Roland Studer schlägt diese Woche in der Schweizer Familie ein ähnliches Unterfangen für unser Land vor: "In 50 Etappen durch die Schweiz". Der Kauf des Heftes lohnt. Es ist unter diesen Reisestationen natürlich viel Bekanntes. Aber durchaus auch Unbekanntes - man schaue und lasse sich inspirieren. Ich zum Beispiel hatte vorher nie von der Maison d'Ailleurs in Yverdon gehört, einem Museum für Science Fiction und andere Utopien. Da will ich bald mal hin; Aliens, ich komme!

Donnerstag, 24. Juli 2014

Bickels heiliger Bezirk

Gestern eine nur knapp zweistündige Wanderung - die aber eine tiefe, schmerzlich empfundene Bildungslücke schloss; schon lange hatte ich das Paxmal besuchen wollen. Ich nahm den Bus hinauf zur Rehaklinik Walenstadtberg, stieg von dort 350 Höhenmeter auf; alles Asphalt, auch hinab wieder. Oben auf einer Geländeterrasse vor der imposanten Kulisse des Churfirsten-Gipfels Brisi besagtes Paxmal. Also ein Friedensmonument. Geschaffen hat es der Künstler Karl Bickel. Er musste 1913 auf den Berg, weil er Tuberkulose hatte. Sein Heilaufenthalt dauerte länger als ein Jahr, und die Landschaft, der er begegnete, inspirierte ihn. So schuf er zwischen 1924 und 1949 eine Art dorischen Tempel, an dem allerlei Fresken das Sein des Menschen und seiner Umwelt zeigen. Fand ich das Paxmal schön? Nicht wirklich; mich erinnerte es an den Totentempel der Hatschepsut nah Luxor. Aber eindrücklich ist die ummauerte Anlage bei aller Plumpheit der Säulen. Oder gerade deswegen. Mir fiel ein Wort ein, das ich einst in der Kanti Trogen im Altgriechisch-Unterricht gelernt hatte: temenos von temno gleich "schneiden". Der Temenos ist das Abgeschnittene. Der abgetrennte Heilige Bezirk. Bickels Tempel.