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Samstag, 4. Januar 2020

Heut ist Tanzfest in Ardez

Maria, das Kindlein, die Heiligen Drei Könige.
Ein Altargemälde von 1888 des Künstlers Josef
Moroder-Lusenberg in der Pfarrkirche
St. Ulrich in Gröden im Südtirol, Italien.
(Foto: Wolfgang Moroder, Wikicommons)

Heute ist Babania (mit langem i). Aus sprachlicher Sicht handelt es sich bei dem Wort offensichtlich um eine Verballhornung des griechischen "Epiphaneia", des Dreikönigstages. In den Dörfern des Unterengadins bezeichnet der rätoromanische Ausdruck das mit dem Tag verbundene Brauchtum. In Ardez zum Beispiel ist "Babania" ein Tanzfest. Die jungen Leute üben für den Anlass intensiv alte Tänze ein. Kurz vor dem Fest wird dann verlost, wer mit wem tanzen darf; wie ich in einem Zeitungsartikel las, haben die Mädchen den Horror, einen schlechten Tänzer zu erwischen. Oder, noch schlimmer, einen schlechten Tänzer, der zusätzlich ein Langweiler ist. Babania in Ardez wird traditionell auf den ersten Samstag des neuen Jahres angesetzt, heuer ist das der 4. Januar. Eben, heute.

Kirchengeschichtlich verhält es sich so: Epiphaneia, latinisiert "Epiphania", heisst "Erscheinen". Gemeint ist das Erscheinen Gottes, der sich in seinem Sohn den Menschen zeigt. Die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland, die dem Kindlein in der Krippe huldigen, wurden als Motiv erst später dem Ritual hinzugefügt.

Freitag, 29. November 2019

Nur die Hebamme hat den Schlüssel

Der Chindlistein vom Hüttikerberg ist als Wanderziel ausgeschildert.
Wenn früher hiesige Kinder ihre Eltern fragten, woher das neugeborene Geschwisterlein komme, so gab es diverse Möglichkeiten zu antworten. Zu flunkern, genauer gesagt. 1922 listete ein Zürcher Chronist auf, was in seinem Kanton an Behauptungen kursierte. Wahlweise sagten Eltern, die Kindlein kämen aus Schluchten, Felsen oder Brunnenstuben, wo die Hebammen sie aus einem verborgenen Raum holten, zu dem nur sie den Schlüssel besässen. Die Kinder aus der Gegend von Wädenswil, Schönenberg und Hirzel stammten angeblich aus einer Felshöhle beim Sihlsprung. Und in Horgen wurde behauptet, die Neugeborenen kämen vom Chindlistein im nahen Wald. Auch auf dem Hüttikerberg hoch über dem Limmattal gab es einen solchen Stein. Die Mär vom Storch als Kindlein-Bringer kam übrigens erst um 1900 aus Deutschland in die Schweiz. Bilderbücher, Kinderverse, Reime, Postkarten machten sie schnell populär.
Meine Quelle: "Bräuche im Lebenslauf am Zürichsee" von Peter Ziegler, Th. Gut Verlag, 2014.

Samstag, 19. Oktober 2019

Ich bin jetzt ein echter Kulturmensch

.In Grosshöchstetten will ich auch
von diesem Stein erzählen. Er
steht auf der Mörlialp OW.
Am 2. November habe ich am Nachmittag einen Auftritt in Grosshöchstetten im Kanton Bern. Im Rahmen eines Volkshochschul-Kurses werde ich mein Buch "Hundertundein Stein" vorstellen und eine Stunde zu einigen markanten Schweizer Steinen sprechen; natürlich zeige ich auch (siehe rechts) einige Fotos. Danach gibt es, falls das Wetter mittut, eine Exkursion zum nahen Lychleustein. Der kam in diesem Blog auch schon vor. An ihm hielten einst Leichenzüge auf dem Weg zur Kirche und zum Friedhof einen Moment inne. Man wollte die letzte Reise des Toten gemächlich gestalten.

Da wir schon beim Thema Auftritte sind: Zuvor bin ich am 29. Oktober um 7 Uhr 50 auf dem Kultursender Radio SRF 2 zu hören. Es handelt sich um das 15-minütige Dienstagmorgen-Gespräch. Der Eingeladene wird zu sich selber befragt und zu seinem Beruf. Zudem geht es auch um einen oder zwei aktuelle Zeitungs-Artikel oder ähnlich, die den Gast in den Tagen zuvor beeindruckten. Das Ganze wird bis circa 8 Uhr 30 in drei Live-Blöcken gesendet. Ich freue mich echt, im "Zwei" war ich noch nie, jetzt bin ich ein echter Kulturmensch.

Zunächst freue ich mich jetzt auf etwas anderes. Auf unsere heutige Samstagswanderung nämlich. Es geht wieder, wie letzten Dienstag, ins Prättigau.

Samstag, 14. September 2019

Tote haben es nicht eilig

Lychleustein bei Grosshöchstetten BE.
Im Hintergrund der Alpenkranz.
Der Lychleustein bei Grosshöchstetten kommt in meinem neuen, im Frühling erschienenen Buch vor. Am 2. November darf ich nun gar eine Exkursion dorthin anführen; zuvor werde ich in einem Saal in Grosshöchstetten über diesen und andere bemerkenswerte Schweizer Steine referieren, dies auf Einladung der örtlichen Volkshochschule. "Lychleu" setzt sich zusammen aus den Dialektwörtern "lych" gleich Leiche und "leu" gleich "leue", anhalten, verweilen. An solchen Steinen hielten einst die Leichenzüge für einen Moment an. Die Idee war, den Toten auf seiner letzten Reise nicht durch ungebührliche Eile zu beleidigen
und ihm Gelegenheit zu geben, in Ruhe Abschied zu nehmen.

Montag, 30. Oktober 2017

Die Feuerräder von Matt

Das Wappen von Matt GL.
(Bild: Ambroix/ Wikicommons)
Ortswappen sprechen zu uns, sie erzählen von entschwundenen Adelsgeschlechtern, breiten örtliche Legenden aus, weisen auf geografische Gegebenheiten oder transportieren Historie. Dasjenige von Matt im Sernftal, Kanton Glarus, berichtet von einem dörflichen Brauch. Beim Schybefleuge werden zur Zeit der Fasnacht glühende Holzscheiben des Nachts durch das Dunkel geschleudert. Sieht gut aus, das Wappen.

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Sechten

Das Horgner Jahrheft 2011 ist mir in die Hände gefallen. Sein Thema sind Waschhäuser, von denen es in der grossen Zürcher Seegemeinde noch etliche gibt, natürlich sind sie allesamt umgenutzt. Ein Wort, das ich bei der Lektüre gelernt habe: sechten. Die Waschhäuser heissen auch Sechthäuser nach dem mittelalterlichen Verb, das jene Prozedur bezeichnet, bei der die schmutzige Wäsche wiederholt mit Asche übergossen und in Aschewasser gelaugt wird. Im Zusammenhang damit eine Redensart von 1824:
"Wenn eine kann ein Mehlmus machen, eine Wasch sechten und kneten, so darf sie einen Mann nehmen."

Dienstag, 10. November 2015

Vom Gratzug

Das Beinhaus der St. Stephanskirche Leuk kommt im Film auch vor.
"Winna - Weg der Seelen" von Fabienne Mathier war in den Kinos im Wallis ein Renner. Der atmosphärisch dichte Dokumentarfilm handelt von den Toten und vom Totenkult im Wallis; in den katholischen Landgebieten beschäftigt das Weiterleben der Verstorbenen die Lebenden enorm. Zum Beispiel gibt es die Vorstellung vom "Gratzug", die Seelen müssen noch lange für ihre Sünden büssen, bis sie endlich erlöst sind; in dieser Zeit der Unruhe gehen sie in der Nacht um, ziehen zum Beispiel über die Bergkämme, geben sich bisweilen auch den Lebenden zu erkennen. Aber man schaue selber, noch fünf Tage ist das Video bei SRF" frei abrufbar. Übrigens: Besonders faszinierend finde ich den Dialekt der älteren Walliserinnen und Walliser in diesem Film; ohne hochdeutsche Untertiel versteht man praktisch nichts.

Sonntag, 18. Oktober 2015

Die Polterfrauen von der Haggenegg

Diese sechs Frauen fotografierte ich unterhalb der Haggenegg im Kanton Schwyz. Ja, bestätigten sie unsere Vermutung, Polterabend. Welche von ihnen denn heirate? Sie, sagten sie und deuteten auf die eine (die zweite von rechts). Die Frauen waren gut drauf, lustig, freundlich, fröhlich, nicht betrunken, sondern allerhöchstens angeheitert, ich dürfe sie gern fotografieren. Sie fragten dann noch schüchtern - der Nebel war dicht: Sie, wissen Sie, ob wir noch auf dem Rundweg zum Mostelberg sind, geht es auf diesem Weg retour zur Seilbahn? Wir bejahten, verabschiedeten uns, zogen davon und redeten, wieder entre nous, darüber, wie sich das Gefühlsregime der Schweizerinnen und Schweizer oder doch dessen äusserer, sichtbarer, öffentlicher Teil geändert hat. Wieviel extrovertierter dieses Volk doch ist als vor dreissig, vierzig Jahren!

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Alpenvoodoo

Sorry für das schlechte Foto.
Das Sennentuntschi war hinter Glas ausgestellt.
Gestern wollte ich mit Freund Stefan bergwandern, von Furna aus. Gerade schnürte ich mir frühmorgens zuhause die Schuhe, als ein SMS kam. Stefan sagte ab; im Prättigau (er ist dort mit der Familie in den Ferien) liege Schnee, unsere geplante Unternehmung liege nicht drin. Ich fuhr stattdessen nach Chur und besuchte das Rätische Museum. Dieses widmet einem eigenartigen Objekt seiner Sammlung eine kleine Ausstellung - es handelt sich um das einzige reale Sennentuntschi, das man kennt. Ein Sennentuntschi ist, krude gesagt, eine alpine Sexpuppe; allerlei Sagen erzählen, wie sich Älpler eine Gebrauchsfrau basteln, die aber plötzlich zu unheimlichem Leben erwacht - die Rache des Objekts. Das gleichnamige Stück von Hansjörg Schneider löste 1981 einen Skandal aus, als es im Schweizer Fernsehen gezeigt wurde, rechtskatholische Leute drehten durch, der Autor musste sich zwischenzeitlich im Tessin verstecken. Der Kinofilm von Michael Steiner vor fünf Jahren war dann kein Problem mehr und geriet gar zu einem moderaten Erfolg. Nun wieder zum echten Sennentuntschi. Angelo Peretti, letzter Einwohner des Weilers Masciadon ob Cauco im Calancatal, übergab es 1978 dem Journalisten Peter Egloff, als dieser durchspazierte und man ins Reden geriet; unklar ist, wie Peretti zum Tuntschi kam. 40 Zentimeter hoch ist dieses und wiegt 330 Gramm. Aus Holz ist es geschnitzt, Oberkörper und Arme sind mit Tuch umwickelt, auf dem Kopf trägt die Puppe echtes Frauenhaar. Die Brüste sind aus Stoff, die Scheide ist geschnitzt. Eindruck macht in dem flachen Gesicht der klaffende Mund. Alpenvoodoo!

Sonntag, 19. April 2015

Die Vorderländer Zimmerschützen

Kürzlich erzählte ich in meiner Wanderkolumne vom Restaurant Urwaldhaus im Weiler Robach in Rehetobel AR. Das Urwaldhaus hiess die längste Zeit Bären. Dann kam eine Wirtin, die ihrem Haus einen abenteuerlichen Ursprung herbeifabulierte und zum Besten gab, die Balken stammten aus dem Dschungel; so kam es zu dem neuen Namen.

Im Urwaldhaus gibt es eine einmalige Einrichtung, nämlich eine Zimmerschützenanlage. Der Brauch des Präzisionsschiessens in einem Restaurantsäli (neun Meter Distanz, Stutzen) war einst im Appenzeller Vorderland weit verbreitet, heute existieren aber nur noch wenige Vereine. Er enstand, weil die normalen Schiessstände in dieser schneereichen Gegend im Winter nicht benutzbar waren. Und gleichzeitig gelüstete es die Leute im 19. Jahrhundert nach Unterhaltung und Geselligkeit. Der Vorderländer Schriftsteller Peter Eggenberger erzählt* in einer Geschichte, wie es damals zuging. Kostprobe: «Wenn amel im Sääli inn gschosse worde-n-ischt, häd de Zaager vorn bi de Schiibe henderem Blatt vommene ommgleite Tisch gwartet, bis di aane gkhört hand mit Schüüsse.»

* Was das für ein Dialekt ist? Kurzenberger Dialekt, eine Besonderheit des Vorderlandes. Ich habe einige Verwandte in Wolfhalden, die auch so reden. Und vor allem habe ich noch meinen Grossvater im Ohr, ebenfalls aus Wolfhalden. Ich will nächstens einen Eintrag zu diesem Dialekt bringen.

Samstag, 11. April 2015

Aurelio und Ernst

Die Aurelio-Zen-Krimis wurden verfilmt. Zen hat nichts
mit Zen zu tun, sondern ist ein venezianischer Name.
Heute und morgen wird nicht gewandert. Ich habe mich erkältet. Jetzt will ich mich erholen, dies umso mehr, als ich der Neuling im Tagi-Lokalressort bin - und der Neuling muss das Sechseläuten machen. Will heissen: eine Seite am Dienstag in der Zeitung, stark bildlastig, aber doch ein Text, für den man eine Idee haben muss. Samt etwas Stress am Montag abend. Da will man fit sein. Das Wochenende versüssen mir zwei Dinge:
  • Zum einen lese ich die Aurelio-Zen-Krimis von Michael Dibdin. Es sind elf Romane, jetzt bin ich beim Zweiten, der im Italien der 1980er-Jahre spielt. Grossartige Sache. Übrigens las ich die ganze Serie vor Jahren schon einmal, habe sie unterdessen aber weitgehend vergessen. Es gehört zu den Vorzügen des Alters, dass man Dinge zum zweiten Mal entdecken darf.
  • Zum anderen bin ich heute mittag an ein Geburtstagsfest in Opfikon geladen. Wir feiern Ernst. Vor einem halben Jahr rief mich eine Frau aus Wallisellen an. Sie sagte, Ernst sei ein begeisterter Leser meiner Kolumnen und sei früher selber ein grosser Wanderer gewesen. Jetzt sei er 94 und habe den Wunsch, mich kennenzulernen. Das ist inzwischen geschehen, ich habe Ernst zweimal getroffen, wir haben uns befreundet. Erstaunlich finde ich, wie genau Ernst seine Routen im Gedächtnis hat; er beginnt gleich zu strahlen, wenn er die eine oder andere Unternehmung schildert, und kennt alle Wegdetails. Es gehört zu den Vorzügen des Alters, dass einem die wirklich wichtigen Dinge wohl doch bleiben.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Ab nach Unteriberg!

Einst gab es das "Streblen" an der Küssnachter Sennenchilbi und am - inzwischen eingestellten - Schwingfest auf der Seebodenalp unter der Rigi. Mittlerweile kann man den Brauch nur noch in Unteriberg erleben; auch dort war er verschwunden, bis er 1997 neu belebt wurde. Morgen Montag ist Chatzestreble am Stöckmärcht in Unteriberg, nichts wie hin! Das urtümliche Kräftemessen besteht darin, dass sich zwei chäche Männer auf allen vieren gegenüberknien wie zwei Katzen oder Kater, die Stirnen nicht allzu weit auseinander. Nun wird ihnen beiden ein gemeinsamer Riemen um den Nacken gelegt. Es beginnt eine Art Seilziehen per Genickmuskulatur. Der Schwächere verliert bisweilen dadurch, dass er über die Grenzmarke gezogen wird, öfter aber, indem er nicht mehr kann und den Nacken beugen muss, worauf der Lederriemen ausklinkt. Übrigens veranstalten sie in Unteriberg seit 2006 auch den Nachwuchswettbewerb "Jung-Chatzestreble" mit Knaben und Mädchen. Woher ich das weiss? Aus dem formidablen Y-Mag Schwyz (seltsamer Name, ich weiss).
Vom Chatzestreble habe ich kein Foto. Hier stattdessen ein Foto von gestern;
der Weg zur Tällifurgga nah Davos. Schön, wie sich der Wald herbstlich färbt.

Mittwoch, 2. Juli 2014

Sigriswil und Qu'eswachaka

Eine Brücke aus Gras? Klingt romantisch. Und dubios.
(Wikicommons/ Leonard G.)
Kürzlich erzählte ich von der Hängebrücke von Sigriswil, die 340 Meter lang ist und 182 Meter über Grund die Gummischlucht überspannt. Gestern nun stiess ich im Internet auf eine andere Hängebrücke, von der ich bis anhin nichts wusste. Sie ist mit 28 Metern Länge vergleichweise kurz, dafür aber uralt, gut ein halbes Jahrtausend gibt es sie schon. Wobei das insofern zu relativieren ist, als die Brücke von Qu'eswachaka in Peru immer wieder neu geflochten und neu gespannt wird. Sie ist ein Bauwerk der Inka und besteht aus Gras. Etwa 700 Menschen der Umgebgung sammeln sich jedes Jahr; die Frauen flechten die Seile, die Männer verknüpfen die Seile zur Brücke. Am Schluss gibt es ein Fest, und Schamanen weihen die Brücke. Klingt wunderbar authentisch, allerdings frage ich mich, ob ich den Mut und das Gottvertrauen hätte, sie auch zu queren. Letztlich ist mir die Brücke von Sigriswil lieber.

Sonntag, 25. Mai 2014

Z'ouberst uf

Muttens Wappen: Nein,
dies ist nicht das Kulturtenn.

Obermutten heisst bei den Einheimischen "Z'ouberst uf". Die Walsersiedlung liegt auf über 1800 Metern direkt am Walserweg Graubünden - und bietet demnächst eine neue Attraktion. Am 14. Juni nämlich wird das Kulturtenn Obermutten eröffnet. Es ist halb Ausstellungsraum und halb Selbstbedienungslädeli, in dem man sich mit Alpkäse, Bündnerfleisch, Muttner Hauswurst und anderen Lokalprodukten eindecken oder auch ein heimatkundliches Buch erwerben kann. Die erste Ausstellung im Kulturtenn heisst "Hexen, Toggi und Wildmannli: ungeheure Alpensagen".

Montag, 17. März 2014

Spätzle, oh Spätzle!

Renaturierter Rhein beim neuen Kraftwerk Rheinfelden.
Das von den Deutschrittern gegründete Schloss Beuggen.
Das Wetter war am Samstag nicht besonders, kalt und dunstig am Vormittag, kalt und dunstig und stürmisch am Nachmittag. Aber hey, es regnete nicht! Und wir hatten Spass an Deutschland; es ist immer schön, wenn alles ein wenig anders ist von Signalisation (mies) bis Essen (grossartig). Wir starteten in Rheinfelden, querten die Brücke, hielten auf der anderen Seite des Flusses aufwärts bis Riedmatt, hatten da schon viel gesehen: Schloss Beuggen etwa, in dem angeblich Kaspar Hauser gefangen war; den renaturierten, neuerdings mit Fischtreppen bestückten Rhein beim Kraftwerk Rheinfelden; den Eingang zur Tschamberhöhle.

Mmmmmmmmmmmmmmmmh!
Wir drehten hernach ab vom Rhein, hielten nun nordwärts auf und über den Dinkelberg und kamen zum Hohen Flum. Dass die Aussicht dort oben traumhaft ist, wussten wir aus Büchern, wir sahen nicht viel. Dann der Höhepunkt der Unternehmung: Das unscheinbare Berghaus erwies sich als Hort einer familiären, doch auch ausgeklügelten Küche. Die machen fast alles selber, inklusive Saucen, Suppen, Glacé. Für zehn Euro bekam ich Schweinsbraten mit Spätzle und Salat und war begeistert; für solche Spätzle gehe ich meilenweit. Auf dem Hohen Flum war im Übrigen ein Holzstoss aufgebaut, der am Abend brennen sollte. Die haben einen Brauch, den es bei uns auch gibt: Man spickt brennende Holzscheiben mit einer Hornusser-ähnlichen Technik in die Dunkelheit.

Gegen den erstarkenden Wind zogen wir im Folgenden via Adelhausen Richtung Basel, das Wiesental stets zur Rechten unter uns erahnbar; ein Teil des Grüppleins stieg bald vorzeitig ab. Der Rest hielt durch und erreichte via Eiserne Hand (was das ist, werde ich demnächst hier erklären) am späten Nachmittag Riehen BS. Doch, das war eine tolle Route. Und wer findet, dass ihm 27 Kilometer, 7 Stunden Gehzeit, 600 Meter auf- und abwärts zuviel seien: Vom Hohen Flum kann man in einer knappen Stunde nach Schopfheim absteigen; von dort fährt die S-Bahn durchs Wiesental direkt nach Basel. So sind es nur vier Wanderstunden. Lohnt sich!
Vom Turm auf dem Hohen Flum sieht man weit. Wenn das Wetter mittut.

Mittwoch, 16. Januar 2013

Böser, böser Schwabe

Fidele Sache: Homepage Hilariverein Laufen-Uhwiesen.
Heute fahre ich nach Gstaad und führe für meine Zeitung ein Interview mit... sorry, Berufsgeheimnis. Nun eine Bemerkung zum gestrigen "Tages-Anzeiger": Im Lokalteil las ich einen interessanten Artikel von meiner Lieblingsautorin Helene Arnet, die ein Sensorium für Religion, Geschichte, Volkskundliches hat. Sie stellt einen Brauch namens Hilari in den drei nördlichsten Gemeinden des Kantons Zürich vor, in Feuerthalen, Flurlingen, Uhwiesen (dort wohnt übrigens meine eine Schwester). Hilari heisst so nach dem heiligen Hilarius von Poitiers, der Brauch fällt in die Woche von dessen Gedenktag, dem 13. Januar. Die einen Dörfler verkleiden sich in dieser Woche nach Art der Fasnacht, Guggenmusiken gehen um. Und die anderen Dörfler verbrennen einen Böögg. Beide Rituale wollen aber nicht den Winter austreiben, sondern widmen sich einem Ritter aus grauer Vorzeit. Der ungestüme Schwabe soll einst ein heimisches Burgfräulein namens Berta zu Laufen am Rheinfall bedrängt haben. Die Bauern schlugen den Wüstling in die Flucht - und heute singen die Kinder zu Hilari:
Und  für den bösen Ritter
gilt der Hilarimann
er wird am End des Festes
verbrannt an einer Stang.
Denn wär er nicht geflohen
samt seinem wilden Tross,
so hätten unsere Ahnen,
erhängt ihn auf dem Schloss.

Dienstag, 18. Dezember 2012

Oomäiseler, du!

Kürzlich schrieb ich darüber, dass die Einwohner von Hochwald SO im Dialekt "Hobler" genannt werden. Leserin Marianne machte mich daraufhin auf ein interessantes Phänomen aufmerksam: Im Baselbiet gibt es für viele Orte bzw. ihre Bewohner Spitznamen - die freilich am Verblassen sind. Hier eine Auswahl:
  • Allschwil: Chruttstoorze, Schwellemer
  • Benken: Schingge
  • Biel: Stäggestregger
  • Binnigen: Wääiechöpf
  • Bottmingen: Brootfrässer
  • Ettingen: Gugger
  • Oberwil: Chaatzewalde, Schnägge
  • Schönenbuch: Oomäiseler
  • Therwil: Nüünenüünzger, Iltise

Mittwoch, 16. Mai 2012

Auch die Zürcher schwingen, jawohl

In drei Stunden ging ich gestern von Männedorf am Zürichsee (Bild) über den Pfannenstiel nach Egg. Vor dem Restaurant Hochwacht-Pfannenstiel sah ich ein halb aufgebautes, riesiges Festzelt. Ich erfuhr, dass am Donnerstag, also an Auffahrt, dort oben das Pfannenstiel-Schwinget stattfindet. Oh ja, liebe Restschweizer, das haben wir im Kanton Zürich auch; ihr täuscht euch, wenn ihr meint, bei uns gebe es nur Banken, irre Werber und die Anstalt am Leutschenbach! Und statt Schwinger nur Swinger.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Der Methanbrauch



Grossartig! Ich stiess gestern durch einen Artikel meines Tagi-Kollegen Erwin Haas, der eine Nase für Lokalstoffe hat, auf diesen Brauch: Unter dem Eis des Lauerzersees gärt es. Bakterien zersetzen abgestorbene Pflanzen und setzen Methangas frei. Und es gibt Schwyzer, die ein Loch ins Eis bohren und das Gas abfackeln - man schaue den Clip an.

Dienstag, 24. Januar 2012

Chrähaane und Haageri

Eben las ich im "Tages-Anzeiger" von einem neuen Buch. "Bräuche im Jahreslauf am Zürichsee" heisst es. Autor Peter Ziegler studierte über fünf Jahrzehnte, was es rund um den Zürichsee an kalendarischen Festen und Gepflogenheiten so gab und gibt, das Buch ist eine volkskundliche Trouvaillensammlung. Drei von vielen alten Bräuchen:

  1. Der Chrähaane. Bis zum morgendlichen Hahnenschrei tafeln und feiern die Winzer an diesem Tag anlässlich der abgeschlossenen Weinlese.
  2. Das Sternsingen. Am Dreikönigstag ziehen die Kinder, als Kaspar, Melchior, Balthasar verkleidet, von Haus zu Haus und überbringen den Haussegen.
  3. Haageri. In Samstagern gehen junge Männer am Abend des 30. Dezember durch die Gassen und führen einen Rosskopf mit sich, der an einer langen Stange befestigt ist. Der klappernde Pferdekiefer, Peitschenknallen und Kuhglockengeläute helfen, die bösen Geister dieser dunklen Jahreszeit zu verscheuchen.