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Samstag, 28. November 2020

Der Riese und das Kindlein


"Christophoros", latinisiert "Christophorus", ist altgriechisch und heisst: Christusträger.  Der riesenhafte Heilige habe das Jesuskindlein auf den Schultern über einen Fluss getragen, besagt die Legende. In der Kirche St. Peter in Mistail nah Tiefencastel begegneten wir unlängst einem circa 600 Jahre alten Fresko, das die Szene zeigt. Man beachte die hüschen Details: Das Jesuskind trägt einen Reichsapfel, und zu Füssen von Christophorus, der als Schutzpatron aller Reisenden gilt und stets mit einem Stab ausgestattet ist, sind Fische zu sehen. Sowie eine Meeresnymphe.

Freitag, 27. November 2020

Tausendmal sah ich dich nicht


In Zürich Oerlikon teilen sich Richtung Osten gleich am Ende des Bahnhofs die Schienen. Der eine Strang zieht via Opfikon zum Flughafen und weiter nach Winterthur, der andere, weniger wichtige visiert Wallisellen an. In dem Spickel, wo sich die Trassees trennen, steht der Andreasturm. Eine SBB-Immobilie, entworfen von Gigon/Guyer, 80 Meter hoch, Läden und Restaurants im Erdgeschoss, Büros in den Geschossen darüber. Ein Fünfeck hat das hohe Haus als Grundriss und ähnelt dem wesentlich höheren Prime Tower beim Bahnhof Zürich Hardbrücke - kein Wunder, da dasselbe Architektenbüro dahintersteckt. Gestern war ich in der Gegend, fotografierte den Andreasturm, der nach der Andreasstrasse benannt ist, und dachte: Ich bin unzählige Male an dir vorbeigefahren. Gesehen, wirklich wahrgenommen habe ich dich nie.
Markantes Fünfeck dort, wo sich die Schienenstränge teilen:
der Andreasturm, der östlich an den Bahnhof Oerlikon anschliesst.

Donnerstag, 26. November 2020

Duell am Zugerberg


Für gestern hatte ich mir den Gibloux im Kanton Freiburg vorgenommen. Pünktlich um halb fünf stand ich auf. Und stellte fest, dass ich irgendwie müde war. Energielos. Ich trank einen Schwarztee und legte mich noch einmal hin. Um acht Uhr zog ich dann doch los. Aber nicht Richtung Romandie, dafür war es mir schon zu spät. Nach Zug reiste ich stattdessen und weiter nach Unterägeri. Von dort stieg ich via Alllmigchappel, Rämselbrüggli  und Sätteli auf den Hünggigütsch, eine bewaldete Höhe des Zugerberges. Via Räbrüti und Hintergeissboden setzte ich fort zur Bergstation der Zugerberg-Standseilbahn und fuhr wieder heim. Zweieinhalb Stunden nur hatte das Ganze gedauert, so kurz wandere ich selten. Trotzdem werde ich die Unternehmung in Erinnerung behalten. Vor allem jene magische Phase auf halbem Weg im Aufstieg, in der sich Nebel und Sonne duellierten. Was den Gibloux angeht: Ich hoffe, ihn noch vor Ende Jahr besteigen zu können.
Auf dem Zugerberg war die Lichtmagie weg.
Dafür sah ich den Pilatus. Und das Nebelmeer.

Mittwoch, 25. November 2020

Usselig

Alles andere als usselig,
das Wetter derzeit.

Neu im Duden aufgenommen: "usselig". Ich hätte getippt, dass das ein Adjektiv zum Adverb "aussen" ist, also "das, was sich draussen befindet". Stimmt nicht: "Usselig" ist nordwestdeutsch und Umgangssprache und bedeutet "nasskalt" oder "ungemütlich". Man kann zum Beispiel, was freilich nicht auf die derzeitige Wetterlage passt, sagen: ein usseliger Novembertag.

Dienstag, 24. November 2020

Pickelhaubenträgerhoger

  • 100 000 Zuschauerinnen und Zuschauer
  • 22 645 Soldaten und Unteroffiziere
  • 5755 Pferde
  • 1309 Offiziere
  • 21 hohe Militärs diverser Länder
  • 1 deutscher Kaiser
Wilhelm II. im Herbst 1912 auf dem Hügel bei Kirchberg, der später "Kaiserhügel" getauft wird.
(Foto: Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen/ Wikicommons)
Abzweiger "Kaiserhügelweg" bei Hüsligs.

Am 4. und 5. September 1912 besucht der deutsche Kaiser Wilhelm II. die Schweiz. Es sind Friedenszeiten, zwei Jahre wird es noch dauern, bis der erste Weltkrieg ausbricht, in dem Millionen Menschen sterben, woran sture Militaristen wie Wilhelm massgeblich schuld sind. Wesentliches Ereignis des Staatsbesuches ist das grosse Herbstmanöver der Schweizer Armee im Raum Wil und Kirchberg. Die Menge der Zuschauerinnen und Zuschauer ist riesig, alle wollen den Kaiser sehen.
Am Samstag passierten wir das Hangdorf Kirchberg und kamen zum Weiler Hüsligs. Der dortige Hügel wurde in "Kaiserhügel" umgetauft, ein Pfad führt hin. Auf dem höchsten Punkt steht die "Kaiserlinde", damals zu Ehren des preussischen Pickelhaubenträgers gepflanzt; die letzten Meter zu ihr sind freilich nicht erschlossen. An diesem Punkt soll Wilhelm damals gestanden und in der klassischen Feldherrenpose das Geschehen inspiziert haben. Ein neunminütiger Film (ohne Ton) dokumentiert seinen Schweizbesuch.
DIE Linde.

Montag, 23. November 2020

Himalaya der Ostschweiz

Die Artischocke von Chrimberg.
Wir hatten am Samstag im Toggenburg kalt und hatten doch warm, indem wir zügig gingen. Zügiger noch als sonst. Die Sonne zeigte sich längere Zeit, dazwischen war das Licht immer wieder mal fahl. Die Wiesen nahmen im Raureif ein spätherbstliches Pastellgrün an, der Holzsteg über einen Bach war lebensgefährlich glitschig. Und in der Ferne sahen wir den Säntisriegel, den ich im Überschwang als "Himalaya der Ostschweiz" bezeichnete, was mir den Spott von Ronja eintrug. Doch, das war eine gute Route, die uns brauchte und belebte, umtrieb und unterhielt. Und die mittägliche Einkehr in der Krone im Högerdorf Mosnang ("Moslig") lohnte sich. Erstens hatten wir es an unseren zwei Vierertischen gemütlich und fühlten uns wohl in dem geräumigen Stübli. Und zweitens war das Essen - ich hatte ein mit Käse gefülltes Schweinsschnitzel - fein und deftig. Hier die Wegangaben zu der Rundtour von 6 1/2 Stunden (je 735 Meter auf- und abwärts), ich empfehle Nachvollzug: Bazenheid, Bahnhof - Oberbazenheid - Kirchberg - Hüsligs, Kaiserhügel - Rupperswil - Müselbach - Chrimberg - Winklen - Hofwis - Mosnang - Dottingen - Zuckenmatt - Bütschwil, Bahnhof - Drahtsteg - Ötschwil - Breiti - Loch - Ganterschwel - Unterfeld - Lütisburg - Oberdorf - Haslen - Mühlau - Bazenheid, Bahnhof.

Noch anderthalb Stunden bis zum Zmittag in Mosnang.

Fluh über dem Necker bei Tufertschwil.
Kurz vor Wanderende in Bazenheid: die Thur im frühabendlichen Restlicht.

Sonntag, 22. November 2020

Von 20 auf 4

Ausserrhoden mit von links nach rechts Hinterland, Mittelland und Vorderland.
(Tschubby/Wikicommons)

Appenzell Ausserrhoden, meine Heimat, hat 20 Gemeinden. Manche davon sind klein und serbeln, das Steueraufkommen ist teilweise mies, es wird immer schwieriger, Leute für die kommunalen Ämtli zu finden. Handcheeromm ist da dieser Stolz auf die eigene Gemeinde, mit der man sich identifiziert. Kenne ich aus eigenem Fühlen. Seit einiger Zeit schwebt die Idee einer grundlegenden Reform durch den Kanton, wie sie in Glarus längst passiert ist, wo es heute nur noch drei Gemeinden gibt. Eine Volksinitiative will die Stelle in der Ausserrhoder Verfassung, in der die Gemeinden namentlich aufgezählt werden, streichen - es wäre die Voraussetzung für echten Wandel. Wie es hernach weiterginge, wäre Sache der einzelnen Gemeinden, es könnte zum Beispiel die Gemeinde A der Gemeinde B eine Fusion vorschlagen. Vor einiger Zeit ist nun die Regierung mit einem Gegenvorschlag aktiv geworden, sie will die Sache quasi von oben steuern und beschleunigen und schlägt drei Möglichkeiten vor. Die radikalste Variante wäre die: statt 20 nur noch 4 Gemeinden. Das verstädterte Herisau wäre eine. Die anderen drei Grossgemeinden würden entlang den Grenzen der alten, 1995 abgeschafften Bezirke Hinterland (Orte wie Urnäsch), Mittelland (Teufen) und Vorderland (Heiden) gebildet. Wies weitergeht: Ich bin sehr gespannt. Und um es klar zu sagen: Ich bin zwar eine sentimentale Natur, wenn es um solche Themen geht. Trotzdem finde ich, dass die Reform gut wäre. Was jetzt ist, hat keine Zukunft.