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Donnerstag, 21. Oktober 2021

Wo Gotthelf wirkte

Lützelflüh: Uli-Brunnen beim Schulhausplatz und Gotthelf-Denkmal beim "Ochsen".
Bei der Kulturmühle ist ein Teil der Holzbrücke zu sehen,
über die Gotthelf am 1. Januar 1831 im Schneegestöber
ritt, als er seine Seelsorger-Stelle in Lützelflüh antrat.
Gestern gotthelfte ich. Es gibt in Lützelflüh, wo Albert Bitzius ab 1831 zuerst als Vikar, bald aber als ordentlicher Pfarrer waltete und daneben als Schriftsteller eine Vielzahl von Romanen und Erzählungen schrieb, die heutzutage als grosse und bedeutende Literatur gelten, "Uli der Knecht" etwa – es gibt in besagter Emmentaler Gemeinde neuerdings einen Kulturweg namens "Unterwegs zu Gotthelf". Gestern beging ich die Route von zwei Stunden Gehzeit, die mich durchs Dorf und auch ein wenig in die Höhen nördlich führte. Ich sah viel: das Gotthelf-Zentrum natürlich, wo man die Broschüre zum Weg bekommt (noch bis und mit 14. November hat es offen). Die Kirche, in der Bitzius predigte. Seinen Grabstein. Den Uli-Brunnen. Das Gotthelf-Denkmal. Die Gotthelf-Gedenkstätte. Und einige prachtvolle Häuser wie etwa ein stattliches Bauernhaus im Weiler Waldhaus, das wohl als "Hof Liebiwyl" im Roman "Geld und Geist" auftaucht. Und und und, das war eine gute Sache. Bloss etwas klappte nicht. Den Ochsen, in dem der Herr Pfarrer gern einkehrte, hätte ich auch besuchen wollen. Das Restaurant hatte leider Ruhetag.
Berner Alpen und Föhnhimmel von Lützelflüh aus gesehen.

Mittwoch, 20. Oktober 2021

Schiefer als Schicksal


Unterwegs auf dem Spissenweg von Adelboden Richtung Frutigen (Einträge von vorgestern und gestern), sahen wir am Samstag am Eingang zum Lintergraben eine Nische mit einer ausrangierten Maschine. Um eine Schieferfräse von einst handelt es sich. Unter der Niesenkette wurde früher an verschiedenen Orten Schiefer abgebaut. Mit der Fräse spaltete man im Berg den freigesprengten Schiefer und schnitt ihn auf Schiefertafelformat zu. Die fertigen Tafeln vom Lintergraben wurden per Materialbahn via Kratzern hinunter zur Strasse an der Engstligen transportiert, reisten zum Bahnhof Frutigen und weiter, unter anderem nach Deutschland. Die Grube Wältiweide-Lintergraben wurde 1964 geschlossen, 13 Jahre später stellte die letzte Grube in der Gegend den Betrieb ein. 250 Jahre lang hatte man dem Berg Schiefer abgetrotzt.

P.S. In besagter Nische standen zur Veranschaulichung handliche Schiefertafeln. Auf die eine hatte jemand mit Kreide Folgendes notiert: "Mein Vater Adolf Fuhrer arbeitete manches Jahr in den Schiefergruben. Er starb an Schieferlunge." Der Berner Journalist und Schriftsteller Fredi Lerch hat zum Thema eine Reportage geschrieben.

Dienstag, 19. Oktober 2021

Zwei Wanderungen in einer

38 Meter über der Engstligen auf der Hängebrücke Hostalden.
Die Brücke von unten.
Man probierte zuerst und fotografierte dann.
Die Tour von Adelboden nach Frutigen hinab am Samstag: grandios. In der ersten Hälfte nahmen wir den Spissenweg, von dem ich gestern schon erzählt habe. Wir gingen in hellem Herbstlicht, hatten hinter uns den Wildstrubel mit dem Plaine-Morte-Gletscher, hatten zur Rechten das Elsighorn, zur Linken aber die Niesenkette mit dem Gsür, dem Linterhorn, dem Mäggisserhorn. Und des öftern durchquerten wir exotische Gräben, waren im Schatten und in der Oktoberkühle unterwegs, passierten hohe Wände und nasse Schieferflächen. Es war ein Hin und Her zwischen Himmel und Hölle. Bei Gempelen stiegen wir ab zur Engstligen, kehrten im Restaurant Rohrbach ein, assen Flammkuchen – perfekte Rast, perfekte Speise. Was folgte, war etwas ganz anderes: eine Brückenschlenderei das Tal hinab mit der Hohstalden-Hängebrücke als Höhepunkt. Am Bahnhof Frutigen waren wir uns einig, dass das nicht eine Wanderung gewesen war. Sondern zwei. (6 Stunden, 610 Meter aufwärts, 1180 abwärts).
Bauernland am Gegenhang.

Montag, 18. Oktober 2021

Das Geologie-Spektakel

Am Samstag wanderten wir von Adelboden nach Frutigen, mehr zur ganzen Route morgen. Auf der ersten Hälfte gingen wir auf dem Spissenweg. Der Hang unterhalb der Niesenkette ist durch in der Falllinie herabschiessende Gebirgsbäche zertrennt in längliche Geländestücke, Spissen eben. Wer besagten Weg begeht, taucht immer wieder mal aus der Heilligkeit ab in das schummrige, bröselnde Reich des Schiefers, Spissen und Gräben wechseln sich ab. Im Ladholzgraben erwartete uns ein besonders üppiges Geologie-Spektakel (Fotos), wir konnten uns kaum sattsehen.

Sonntag, 17. Oktober 2021

Die Blüemlisalp-Eiche

Die Blüemlisalp-Eiche konnte ungehindert wachsen.

Ich mag Bäume, die Persönlichkeiten sind und einen Namen tragen. Den Chêne des Bosses von Châtillon im Kanton Jura etwa, die Esche von Peist im Schanfigg, die Linde von Linn im Aargau. Die Blüemlisalp-Eiche an der Zürcher Goldküste ist auch so ein Baum. Sie zog mich in ihren Bann, als wir kürzlich auf dem Weg vom Erlenbacher Tobel zur Neuen Forch durchkamen. Ihr Umfang beträgt 4.84 Meter. Dabei ist sie, an anderen bekannten Eichen gemessen, gar nicht mal so alt, 1885 wurde sie gepflanzt. Dass die Blüemlisalp-Eiche so prächtig gewachsen ist, liegt daran, dass sie ein Einzelbaum ist, der nicht von anderen Bäumen bedrängt wurde und sich ungehindert entwickeln konnte. Blüemlisalp, übrigens, bezieht sich auf das nahe Restaurant in Herrliberg, um das herum tatsächlich auf bescheidener Höhe Alpwirtschaft betrieben wird.

Samstag, 16. Oktober 2021

Vom kurzen Leben des Flaz

Der Flaz (rechts) und seine Einmündung in den Inn. Dies ist der korrigierte
Lauf des Flaz. Vorne links das frühere Flussbett, damals tangierte der Fluss Samedan (hinten links).
(Foto: Sven Scharr / Wikicommons)
Kennt jemand den Flaz? Mir war dieser Fluss kein Begriff. Bis ich kürzlich im Oberengadin wanderte und ihn auf der Karte eingezeichnet sah. Bei Pontresina wird der Flaz geboren, indem Berninabach und Rosegbach sich vereinigen. Bei Samedan, nach sechseinhalb Kilometern, ist schon wieder Schluss: Einmündung in den Inn. 2004 wurde das Flussbett des Flaz bei Samedan korrigiert zwecks Hochwasserschutz. Auf dem Foto sieht man schön beide Läufe.

Freitag, 15. Oktober 2021

Zu hell, zu sonnig war der Tag

Bei Corte di Sotto.
Die Römerbrücke über die Melezza in Intragna.
Palagnedra, die Centovalli-Bahn kommt, es geht heimwärts.

Meine Dienstagsunternehmung im Centovalli begann mit einem Missgeschickli. Ich kam um 8 Uhr 14 in Locarno an und musste für die Weiterfahrt den Bus Richtung Onsernonetal nehmen, der in Intragna bei der Brücke anhält; dort wollte ich starten. Allerdings stieg ich zu früh aus, statt in "Intragna Ponte" in "Golino Ponte". Kein Problem, meine Wanderung nach Rasa (Eintrag von vorgestern) verlängerte sich so bloss um eine Viertelstunde und einige Höhenmeter. In Intragna machte mir wieder einmal der Campanile der Dorfkirche Eindruck, der höchste des Tessins. Es folgte ein Abschnitt an der Melezza, ich überquerte die Römerbrücke und andere stilvolle Brücken. Kastanienhüllen polsterten den Boden. Auf der Höhe von Corcapolo begann der Aufstieg. Der war happig. Von Corte di Sotto sah ich den Campanile von Intragna wieder, eingebettet in das Grün des Tales. Wie fern er war! An diesem Ort bauert man bio, in einem Stübli mit der Aufschrift "Bar" kaufte ich Käse und ein Glas Bienenhonig. Bald darauf erreichte ich Rasa, das Dorf, zu dem keine Strasse führt. Im Grotto kehrte ich ein und hätte im Folgenden die Seilbahn hinab nach Verdasio nehmen können. Ich verzichtete, zu hell, zu sonnig war der Tag. Stattdessen ging ich zu Fuss nach Terra Vecchia und Bordei und zog, wobei ich das Fahrsträsschen benutzte, hinab nach Palagnedra, zuerst zum Dorf, dann zur Mauer des Stausees, dann zur winzigen Station der Centovalli-Bahn. Dort hatte ich eine Stunde Zeit. Ich legte mich auf den Rasen, schaute in den von Wolken dekorativ durchzogenen Himmel und sinnierte, wohin ich als nächstes wandern will. (5 Stunden, 1090 Meter aufwärts, 815 abwärts)