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Montag, 6. April 2020

Tröster Wald

Gestern Vormittag war ich, siehe Foto, im Wald. Gleich bei mir, Zollikerberg. Schon um diese relativ frühe Zeit, 10 Uhr, waren etliche Familien mit Picknicktaschen unterwegs. In den letzten drei Wochen fiel mir auf, dass sich mehr Leute als normal in die Wälder begeben. Warum ist das so? Nun, der erste Grund ist banal: Andere Freizeitflächen, Seeufer und Parks vor allem, sind momentan abgesperrt. Wer aber wollte den Wald kontrollieren? Er ist ein Refugium, ein Sammelsurium von Nischen, von Winkeln, in denen man sich verkriechen, sich der sozialen Kontrolle entziehen kann. Vielleicht wirkt zusätzlich etwas anderes: Wer sich in den Wald begibt, sieht nicht weit. So entsteht kein Fernweh jetzt, da man nicht verreisen kann. Der Wald hilft verdrängen. Er ist ein Tröster.

Sonntag, 5. April 2020

Ein Pass für jede Jahreszeit

In der Stadt Zürich gibt es:
einen Amselsteig
eine Delphinstrasse
einen Elefantenweg
einen Hasenrain
eine Krebsgasse
einen Luchsgraben
und viele, viele weitere tierische Strassennamen.

Seit einer Wanderung über den Käferberg und Waidberg weiss ich: Es existiert in Zürich auch ein Fuchspass. Der heisst offenbar so, weil sich in dieser Gegend Füchse tummeln und beobachtet werden. Wesentlich für Wanderinnen und Wanderer ist dies: Sie können in Zeiten, da die Berge nicht zur Verfügung stehen, trotzdem eine Passwanderung absolvieren. Auf 560 Metern über Meer. Der Fuchspass, der zusammen mit anderen Waldwegen Wipkingen und Neuaffoltern verbindet. macht es möglich.

Samstag, 4. April 2020

Der Schnäderfräss

Schnäderfräässig.
Gschmäderfrässig.
Schmäderfrässig.
Ein Schnäderfrääss? Unklar.
Die Adjektive bedeuten alle dasselbe: sich beim Essen wählerisch verhalten. "Bis nüd eso schnäderfrässig", sagt die Mutter zum Kind, das lustlos im Rosenkohl herumstochert. Im Zürichdeutschen gibt es auch das Substantiv: Ein solches Kind ist ein Schnäderfrääss. Zugrunde liegt den Varianten das Verb schnädere, ohne Lust und unwillig essen. Gelesen habe ich all dies in der neuen Ausgabe des "Y-Mag". Meine Lieblingsrubrik in diesem vom Amt für Wirtschaft des Kantons Schwyz herausgegebenen Magazin lautet "Kantonesisches" und präsentiert jeweils ein Dialektwort. Hier kann man das Heft herunterladen.

Freitag, 3. April 2020

Die 18-Meter-Flamme

Das Forchdenkmal.
Heute möchte ich von meiner Mittwochswanderung erzählen. Ich startete in Ebmatingen, hielt durch ein steiles Waldstück hinab nach Berg und an den Greifensee. Immer wieder gut, die blaue Fläche des Wassers, das Schilf, die Vögel. Am Ufer zog ich nach Maur, rastete bei der Schifflände. Es folgte ein schweisstreibender Aufstieg durch das Bachtobel - eine Neuentdeckung - nach Aesch und zur Forch. Das Forchdenkmal irritiert mich bei jeder Visite neu: Die Treppenanlage kommt mir vor wie ein Aztekentempel, während ich zur 18 Meter hohen, eine Flamme darstellenden Skulptur selber jeweils denke: Dies Modell muss ein berauschter Glasbläser kreiert haben! Das Denkmal wurde 1922 eingeweiht und erinnert an die Schweizer Soldaten, die während des ersten Weltkrieges im Aktivdienst starben (viele von ihnen erlagen der Spanischen Grippe). Die dritte und letzte Etappe der Wanderung: hinüber zum Wassberg, hinab nach Waltikon und hinüber nach Zollikerberg. Nach dreieinhalb Stunden war ich - angenehm durchlüftet der Kopf - wieder zuhause.
Maurs reformierte Kirche.

Donnerstag, 2. April 2020

Acht Minuten ÖV

Er kommt, er kommt! Zollikerberg, der 910-er taucht auf
Gestern gönnte ich mir ein ÖV-Freudeli. Ich führ im - abgesehen von mir - leeren Bus von Zollikerberg nach Ebmatingen, Dorf. Es war eine Premiere für mich. Diese Verbindung gibt es ja auch erst seit vier Monaten. Ich muss ausholen: Man gelangt von Zürich auf zwei Arten nach Zollikerberg. Erstens mit der Forchbahn vom Vorplatz des Bahnhofs Stadelhofen. Oder aber mit dem 910er-Bus ab Bahnhof Tiefenbrunnen, ebenfalls Zürich. Dieser 910er wendete bis Dezember 2019 in Zollikerberg und fuhr wieder hinab nach Zürich Tiefenbrunnen. Nun aber ist die Linie, jeweils von Montag bis Freitag, verlängert, der Bus fährt von Zollikerberg weiter nach Binz und Ebmatingen, also in die Greifenseegegend. Ich genoss die Testfahrt gestern. Sie dauerte acht Minuten. Mir kam das lang vor.

P.S. Von Ebmatingen aus wanderte ich, sah Altbekanntes, aber auch Neues. Mehr dazu morgen oder übermorgen.

Mittwoch, 1. April 2020

Sauerstoff made in Madetswil

Mit dem Linde-Verfahren kann man flüssigen
Sauerstoff erzeugen. Ob ich das schlaue
Diagramm begreife? Kein Kommentar.
(Illustration: Martin Kossick/ Wikicommons)
Bevor ich den Artikel las, schaute ich mir das Foto an. In der Legende war die Rede von einer ehemaligen Lufttrennanlage. Ich las "Luft-Renn-Anlage" und fand das exotisch, bis ich doch begriff, dass es um die Trennung von Luft geht. Um eine industrielle Prozedur, in deren Verlauf der Luft maschinell Sauerstoff entzogen und in Flaschen gefüllt wird. Der Artikel, um den es hier geht, stand gestern im Tagi und führte ins Zürcher Oberland, nach Madetswil in der Gemeinde Russikon. Dort steht eine militärische Sauerstofffabrik, die 1990 den Betrieb aufnahm, um im Oktober 2008 stillgelegt zu werden, worauf die Maschinen entfernt und ins Ausland verkauft wurden. Heute gehört die leere Fabrik der Militärhistorischen Gesellschaft des Kantons Zürich, die sie als Lager und Werkstatt nutzen will. Der in Madetswil gewonnene Sauerstoff - Förderkapazität 120 Flaschen pro Tag - war für die Schweizer Militärspitäler gedacht; auch in Ilanz GR und Luchsingen GL wurde produziert. Einzige erhaltene Anlage ist die Lufttrennanlage in Ilanz, sie kann auf Anfrage besichtigt werden. Funktionsfähig ist auch sie nicht mehr. Dabei könnte die Schweiz gerade jetzt Medizinalsauerstoff brauchen, für die Beatmungsgeräte auf den Intensivstationen.

Dienstag, 31. März 2020

Der Uhrenautodidakt

Daniel Jeanrichard, 1665 - 1741, geboren in La Sagne NE, gestorben in Le Locle NE. Vor einiger Zeit kam ich am Hang oberhalb von Le Locle an seinem Wohnhaus vorbei. Jeanrichard, "Bressel" genannt, gilt als Urgestalt, als Pionier der Uhrenfabrikation im Schweizer Jura und soll seine Geheimnisse vor seinem Tod an die fünf Söhne weitergegeben haben. Alles hatte im Jahre 1679 begonnen, als ein Mann namens Peter, ein Pferdehändler, auf dem Rückweg von einer seiner Reisen ein Uhrenmöbel mitbrachte, das in London hergestellt worden war und wegen der Rüttelei und Schüttelei unterwegs nicht mehr richtig ging. Daniel Jeanrichard, schon als Jüngling ein auffallend begabter Bastler und Tüftler, soll sich der komplizierten Apparatur angenommen und diese repariert haben, um anschliessend als Autodidakt seine erste Uhr zu bauen. So soll es gewesen sein. Freilich - sauber belegt ist die Gründerlegende nicht.