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Sonntag, 27. September 2026

Die Verweigerin

Von einer lieben Redaktionskollegin habe ich zur Pensionierung letzte Woche ein hübsches kleines Buch erhalten, das vor vielen Jahren gelesen zu haben ich mich erinnere. Nun lese ich es wieder, und alles ist mir neu, erstaunlich, wie der Mensch vergessen kann. "52 Wanderungen" von Franz Hohler entstand im Jahr, nachdem der Oltner Schriftsteller 60 geworden war, er beschloss an seinem Geburtstag, sich jede Woche eine Wanderung irgendwo im Land zu gönnen. Die Berichte von diesen Unternehmungen sind unaufdringliche Protokolle. Gespreizten Stil, wilde Wendungen, Sensationen findet man nicht. Aber doch die ruhige Prosa eines genauen Beobachters. Nur schon der Satz über die Sihl, an der die erste Wanderung entlangführt, gefällt mir. Er holt mich sozusagen ab, weil ich selber des öftern gedacht habe, dass die Sihl doch eigentlich bei Pfäffikon oder Richterswil oder Wädenswil in den Zürichsee münden müsste; stattdessen zieht sie parallel zu ihm nach Norden. Sie verweigert sich dem naheliegenden Gewässer. In den Worten Franz Hohlers, dessen Wanderwerklein ich nur empfehlen kann: 

"Was für ein eigenwilliger Fluss, die Sihl. Statt sich von Einsiedeln aus auf geradem Weg in das einladende Zürichseebecken zu ergiessen, hat sie alles getan, um diesem See auszuweichen, und es ist ihr gelungen; sie versteckt sich die längste Zeit hinter einer Seitenmoräne des Linthgletschers und mündet knapp hinter dem Seeausfluss in die Limmat."

Samstag, 26. September 2026

Maria und die Hölle

Der Hof Höll liegt höllisch abgelegen. Hinten links der Groot.
Die heilige Idda in der Iddakapelle im Wald bei der Ottenegg.
Aussichtsreich steht die Marienstatue auf der Ottenegg.
Mein Zmittag im Restaurant des Klosters
Fischingen: Wasserbüffel-Bratwurst und ein
vor Ort gebrautes Pilgrimbier, Variante blond.
Schön wars, erstaunlich kalt wars, die Sonne zeigte sich erst, als ich praktisch fertig war mit der Wanderung. Anfang Woche drehte ich vom Kloster Fischingen aus eine Runde, die auf dem Groot kulminierte, dem – siehe Eintrag von gestern – höchsten Punkt des Kantons Thurgau, 991,1 Meter über Meer. Was mich an der etwas über dreistündigen Unternehmung (je 520 Meter auf- und abwärts) frappierte, war die Stille der Gegend, durch die ich zog; mir kam es vor, als sei seit der Landnahme durch die Alemannen hier nicht viel passiert. Besonders einsam liegt der Hof Höll, dessen Name soviel bedeutet wie: abgelegenes Gebiet. Vor der Höll war ich an einer der heiligen Idda gewidmeten Waldkapelle vorbeigekommen und dann an einer Metallsäule. Die ist so hoch, dass ich erst beim zweiten Hinschauen merkte, dass auf ihr eine Marienstatue steht. In diesem Fall ist die Gottesmutter den Menschen etwas gar weit entrückt.

Freitag, 25. September 2026

Eine Anregung

Schön abenteuerlich: auf dem Groot.
Der höchste Punkt des Kantons Thurgau, den ich am Montag besuchte, ist nicht sonderlich hoch. Auf dem Groot liegt er, einem Waldgrat südlich von Fischingen, der in diesem Abschnitt die Grenze zum Kanton St. Gallen bildet. Wobei die Grenzlinie knapp vor dem höchsten Punkt des Groot (996 Meter) wegknickt – zuungunsten des Thurgaus. Dessen höchster Punkt liegt deswegen auf bloss 991,1 Metern.

PS: Eine Anregung. Der Kanton St. Gallen könnte doch den Thurgauerinnen und Thurgauern auf dem Groot einige Meter Fläche schenken, sodass deren Staatsgebiet ein paar Meter höher kulminiert. St. Gallens höchster Punkt, das ist der Gipfel des Ringelspitz auf 3247 Metern. Mitleidvolle Grosszügigkeit wäre also angebracht. Und wenn der höchste Punkt des Thurgaus dann auf 996 Metern läge, könnte man ihn um 4 Meter aufschütten – auf 1000 Meter über Meer. Gute Idee, oder?

Der Groot mit dem höchsten Punkt auf St. Galler Boden. Die Kantonsgrenze in Rot.
PS: Gestern hatte ich meinen letzten Arbeitstag. Wie in diesem Blog angekündigt. War intensiv, war berührend, war schön. Am Nachmittag konnte ich der Branchenzeitschrift Persönlich ein Interview geben. Hier ist es.

Donnerstag, 24. September 2026

Ein wichtiger Tag

Wandern und geniessen will ich weiterhin. Prosit!
Heute ist für mich ein wichtiger Tag. Mein letzter Arbeitstag, auch wenn mein Anstellungsverhältnis bei "Tamedia" formal erst Ende Monat endet. Um neun Uhr mache ich zum letzten Mal Blattkritik vor der Redaktion, beurteile also die neue "Schweizer Familie". Und am Nachmittag um halb fünf lade ich das ganze Büro plus einige weitere Leute zum Adieuapéro in einem nahen Café. Wie ich mich fühle? Sagen wir mal: freudig verwirrt. Gespannt bin ich des weitern, wie sich der morgige Freitag anfühlen wird. Was wiederum meine Pläne angeht, nach denen ich oft gefragt werde: Ich möchte weiterhin zwei Mal pro Woche wandern und darüber bloggen. Auch schwebt mir vor, mich weiterzubilden, bereits habe ich festgestellt, dass die Uni Zürich einen Veranstaltungskalender unterhält, der täglich die allerinteressantesten Anlässe für alle offeriert. Sicher wird das eine oder andere Erlebnis hier aufscheinen. Vorerst gehts jetzt aber auf die Redaktion. Zum letzten Mal. Das ist nicht nichts.

Mittwoch, 23. September 2026

Wogender Bau

Das geplante Gehry-Haus im arabischen Emirat Abu Dhabi.

Gehry in Basel.
Es wogt, es wellt, es wirkt bewegt. Und die Farben, wenn es nachts illuminiert ist! Der Architekt Frank Gehry, letztes Jahr verstorben, hat Pläne hinterlassen für ein Haus der Künste in Abu Dhabi. Die werden nun umgesetzt. Im"Dar al-Funun", so der arabische Name, soll es Spielstätten für alle Kultursparten geben. Die Eröffnung des spektakulären Zentrums ist für 2030 geplant. Ein Trost für all die Leute, die nicht so weit reisen bzw. so lange warten möchten: In Basel gibts auf dem Novartis-Campus einen Gehry zu besuchen. Der Basler Bau ist vergleichsweise klein, beeindruckt aber durchaus auch; letztes Jahr war ich auf dem Campus und schaute ihn mir an.


Dienstag, 22. September 2026

Falsche Richtung

Der steile Abstieg nach Wolfs Ort, im Schatten war alles feucht und rutschig.
Kurz zuvor bei Wolfs Ort.
Aufstieg nach Wolfs Ort. Der Berg hinten rechts, die Wandflue, gehört zur  Gastlosen-Kette.
Hier kehrte ich am Anfang und am Ende ein: die Buvette
bei der Sessellift-Bergstation auf dem Musersbergli.
Die Geografie des Gastlosen-Massivs habe ich gestern erklärt und auch gleich die Route vorgelegt, die ich am Samstag dort machte. Heute möchte ich erzählen, wie sich die Unternehmung anfühlte und wie sie ablief. Nun, sie begann damit, dass ich auf dem Sessellift zum Musersbergli hinauf fast erfror, erstaunlich, wie kalt die Morgen schon sind.

Oben ging ich als erstes in die Buvette und wärmte mich mit einem Kaffee wieder auf. Wie er die Tour machen würde, fragte ich den Wirt auch – im Gegenuhrzeigersinn oder im Uhrzeigersinn? Nun, er kenne sie nur im Gegenuhrzeigersinn, sagte er, so mache man sie im Allgemeinen. Aha.

Ich wählte dann doch den Uhrzeigersinn. Dies schlicht, um möglichst speditiv zum Osthang der Gastlosen zu kommen. In die Sonne. Bald schon erreichte ich das besonnte Chalet Grat, mir war wieder warm. Das nächste lange Stück via Oberberg zum Wolfs Ort, einem Pass, war wundervoll, zur Rechten hatte ich die Kalkspitzen meines Massivs, sah in allen anderen Richtungen massive Berge und hatte in der Nähe unter mir voralpines Weideland mit eingestreuten Wäldern.

Bei Wolfs Ort, auf 1915 Metern über Meer, änderte sich das Szenario auf einmal. Und ich begriff, warum man diese Strecke besser in der anderen Richtung bewandert. Kurz ging ich auf einem Grat, schon hier war Vorsicht angesagt. Und dann gings auf einmal steil, sehr steil runter. Geröll, gezackter Fels, Kies, Wurzeln im Mix, und das alles feucht vom Morgentau – unheimlich glitschig war dieses Stück, das mir lang vorkam, obwohl ich es nach 20 Minuten hinter mir hatte; froh war ich um die Ketten, die stellenweise angebracht waren.

Ab dem Chalet du Soldat, einem vielbesuchten Berghaus, war alles wieder lieb und harmlos, der weitere Weg hinab zum Ausgangspunkt beim Sessellift stellte mir keine Probleme mehr. Gut vier Stunden braucht man für den Pfad bei je 750 Metern auf- und abwärts, wer ihn machen will, merke sich dies: Zuerst der Westen und dann der Osten.

Voralpines Land, gezackter Horizont. Blick vom Osthang der Gastlosen-Kette nach Süden.

Montag, 21. September 2026

Einmal um die Festung

Einige wenige der vielen Gipfel des Gastlosen-Massivs.
Hat die Bergkette der Gastlosen, die den Kantonen Bern, Freiburg und Waadt angehört, ihren Namen vom Adjektiv gastlos, das soviel wie ungastlich bedeutet? Naheliegend, da das Gebirge abgelegen liegt und abweisend wirkt. Falsch ist die Deutung trotzdem. Zugrunde liegt lateinisch castellosus, was wiederum auf castellum zurückgeht, Schloss, Burg. Die Gastlosen, die ich am Samstag im Rahmen der bekannten Gastlosen-Tour umkreiste, sind ja tatsächlich eine Festung aus Fels. Atemberaubend, diese Bastion aus  Kalkzacken.

Und noch ein Wort zur Geografie: Die Gastlosen-Kette zerfällt in mehrere Abschnitte und zieht sich von den Marchzähnen nah Jaun bis zu den Rochers de Rayes nah Rougemont. Die Gastlosen im engeren Sinn, das ist der nördlichste Teil der Kette. Auf meiner Tour umrundete ich diesen Nordteil samt den angrenzenden Sattelspitzen.
Mein "Schweizmobil"-Screenshot zeigt in Violett die Tour, die ich machte.
Oben rechts das Dorf Jaun, von wo ein Sessellift zum Startpunkt hinauf führt.
Die zwei Sterne bezeichnen das nördliche und das südliche Ende der Gastlosen-Kette.