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Mittwoch, 4. November 2026

Der Kastanienhype

Süsses im Sinn: die Schlange am Eingang zur "Vermicelleria".
Hier isst man, was man …
… in der Vitrine sieht und bestellt. Die Vermicelles 
kann man mit allerlei Zutaten kombinieren.
Mein Schälchen ist viel zu vollgepfropft.
Anrichten ist auch eine Kunst.
Die "Vermicelleria" in Zürich, diesen Herbst in ihrer achten Ausgabe dreieinhalb Wochen besuchbar bis 22. November, war vor der Eröffnung allgegenwärtig. In Zeitungen, auf Social-Media-Plattformen, in Newsletters las man vom jungen Team aus Zürich, dessen Kastanien aus dem Tessin, aus Südbünden und aus dem Wallis ohne Konservierungsstoffe zu Püree verarbeitet werden. Sympa. Eine ehrliche Sache. The real deal. Ich liess mich auch verlocken, begab mich gestern in den Kreis 5 und war schockiert von der Schlange, die sich zur Türöffnung um 14 Uhr bereits gebildet hatte. Eine Viertelstunde später hatten wir, ich und M., unsere Vermicelles vor uns, meine mit einer Kugel Vanilleglace, einer Meringue und Schlagrahm, die von M. mit einer veganen Meringue und Mandelcrème. Beide fanden wir, dass die Vermicelles mundeten. So normal mundeten. Nicht irgendwie sensationell. Schulnote fünf. Die vegane Meringue allerdings: weisse Ziegel mit aufdringlichem Zuckergout. Und die Mandelcrème war unangenehm säuerlich. Wir waren einem Hype aufgesessen. Mir jedenfalls ist nicht klar, warum diese Vermicelles besser sein sollen als die vom Coop oder vom Confiseur. Aber teuer, das waren sie.

Dienstag, 3. November 2026

Eine Luzerner Tour

Mauernische mit Halskette: der historische Pranger am Rathaus von Sursee.
Die Preise machen klar: Alt ist das Schild.
Blick von der Treppe der katholischen Pfarrkirche auf Sursees zentrale Altstadtgasse.
Der Riedgürtel am Sempachersee.
Eglifilets an Proseccosauce in Oberkirch.
Vom Gamma-Inseli im Sempachersee am Rand von Sursee hab ich vorgestern erzählt. Hier die zugehörige, leichte Unternehmung, die ich mit meinem Berner Freund Chrigu unlängst unternahm. Wir schauten uns als erstes Sursee an samt der riesigen Pfarrkirche, diversen Kapellen, dem Pranger, den historischen Häusern und dem ehemaligen Stadtgraben, in dem schöne Gärten eingerichtet sind. Danach gings runter zur Spitze des Sempachersees, hübsch die schmalen Pfade und Holzstege durch den Riedgürtel. Anschliessend wanderten wir hinüber ins nahe Nottwil, was gut anderthalb Stunden dauerte. Dort angekommen, tranken wir im Paraplegikerzentrum – monumentale Anlage – einen Kafi und fuhren dann, derweil der Nachmittag in den Abend überging, wieder heim. Habe ich etwas zu erwähnen vergessen? Ah, ja, klar, etwas Zentrales: Zwischen Sursee und Nottwil gabs in Oberkirch Zmittag im "Hirschen", einer Wirtschaft mit einer mehr als 400-jährigen Geschichte. Im ganz und gar modernen Wintergarten ass ich Egli aus dem Sempachersee und Chrigu Kalbsbäggli. War beides hervorragend. 

Montag, 2. November 2026

Das Filmhaus

Das hätte ich gern erlebt: Im "Studio 4", wie das Kino an der Zürcher Nüschelerstrasse hiess, gab es in den Anfängen scheinbar keine Leinwand. Alle Wände im Saal waren bedeckt mit schwarzem Samt. Startete der Film, begannen jene Prismen, aus denen die Wand vorne bestand, sich zu drehen und sich neu zusammenzusetzen zu einer Leinwand. 1949 war das "Studio 4" zeitgleich mit dem ganzen Bau eröffnet worden. Die Fassade fügte sich in die Umgebung ein, rundherum standen Geschäftshäuser, nüchterne Moderne. Innen aber hatte der Bauhaus-Künstler Roman Clemens eigenwillig gewirkt, der Grundriss ist asymmetrisch, die Linien fliessen. 1983 ging das "Studio 4" in städtische Hand über und ist heute bekannt als "Filmpodium". Nicht gerade knallig, dieser Folgename. Aber das Programm ist gut, weil eigenwillig, zu sehen sind zum Beispiel grossartige Retrospektiven. Am Wochenende war ich im "Filmpodium". War angetan von Richard Linklaters Animationsfilm "Apollo 10 1/2", der ins Jahr der Mondlandung zurückblendet. Und genoss das einmalige Ambiente dieses kommunalen Kinos, das längst unter Heimatschutz steht.

Sonntag, 1. November 2026

Inselzwerg

Also gross ist es nicht, das Gamma-Inseli.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts senkte man den Spiegel des Sempachersees um fast zwei Meter ab, beseitigte so die Gefahr von Überflutungen. Bei Sursee an der Nordspitze des Sees tauchte damals eine kleine Insel auf, die später "Gamma-Inseli" getauft wurde. Die Verkleinerungsform ist angemessen für eine Landfläche von bloss 184 Quadratmetern. Vögel schätzen das dschungelartig überwachsene Areal, es  bietet ihnen Schutz und ist ein winterlicher Rückzugsort. Als ich unlängst in Sursee war, registrierte ich am See natürlich das Inseli – bekanntlich ist die Schweiz eher arm an Inseln, sieht man mal eine, findet man das bemerkenswert. Archäologen ist das Gamma-Inseli ein Begriff, weil auf ihm schon in der Jungsteinzeit Menschen lebten, als der Seespiegel ebenfalls tief lag.  Fundgegenstände wie etwa Teller- und Topfscherben belegen die prähistorische Siedlung. 1960 befestigte man das Ufer des Inselis rundum mit Steinen, um eine Unterspülung durch das Wasser zu verhindern. So ist damit zu rechnen, dass es uns erhalten bleibt.
Und hier die Erklärung, woher der Name des Inselis rührt.

Samstag, 31. Oktober 2026

Das Tor des Abtes

Zwei Fotos vom St. Galler Karlstor. Auf diesem ersten sieht man hinten die Türme der Kathedrale.

Im Turm sitzen heute Untersuchungshäftlinge ein.
Ich stelle mir die Zellen grimmig vor.
Vermutlich kam ich schon vor Jahrzehnten in St. Gallen am Karlstor vorbei; wenn man in Stein AR aufwächst, spielt sich ein Gutteil der Freizeit in der nahen Stadt St. Gallen ab, dort gibts Kinos, Buchhandlungen, Plattenläden – na gut, das mit den Plattenläden war damals so. Allerdings nahm ich besagtes Karlstor erst vor wenigen Tagen wirklich wahr, als ich am Rand von St. Gallens Altstadt unterwegs war. Es ist das einzige Tor der Stadt, das in der Gegenwart noch da ist. Und steht für einen Konflikt, der einst über Jahrhunderte schwelte. Die aufstrebende Stadt verstand sich schon im Mittelalter nicht wirklich mit dem Kloster in ihrem Inneren, der Klosterbezirk war ein Fremdkörper, immer wieder gab es Streitigkeiten. Als St. Gallen sich dann gar der Reformation anschloss, verschärften sich die Spannungen noch einmal. Unter Vermittlung eidgenössischer Schlichter wurde dem Abt schliesslich erlaubt, ein eigenes Tor in die Stadtmauer zu brechen, samt Zugbrücke. Das Karlstor eben, durch das er vom Klosterareal direkt in ihm gehörende Ländereien wechseln konnte, ohne Stadtboden zu betreten. 1570 war das. Der Mailänder Kardinal und Erzbischof Karl Borromäus, streitbarer Held der katholischen Welt von damals, soll das Tor als erster durchschritten haben; nach ihm ist es jedenfalls benannt. Heute sitzen im alten Gemäuer Untersuchungshäftlinge ein.

Freitag, 30. Oktober 2026

Der lange Marsch zu Giacometti

Kunsthaus Zürich, im Foyer des Erweiterungsbaus.
Das Foyer von oben.
Der unterirdische Verbindungsgang vom alten zum neuen Trakt.
Unverkennbar Giacometti.
Ist mir jetzt peinlich. Fünf Jahre hat es gedauert seit dessen Eröffnung, bis ich nun doch – am Dienstag wars – den Chipperfield-Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses besucht habe. Was für Dimensionen! Im Gang, der den alten Gebäudetrakt unterirdisch mit dem neuen auf der anderen Seite der Heimstrasse verbindet, fühlte ich mich wie in der Moskauer Metro. War im Folgenden aber sehr angetan vom Gebäude und von dem, was ich an Kunst sah. Weil im Erweiterungsbau derart viel gezeigt wird, konzentrierte ich mich fürs erste auf die Ausstellung mit Werken des Südbündner Bildhauers Alberto Giacometti. Ich will aber bald wieder hin und mir andere Dinge anschauen.

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Bierburg

Am Montag wanderte ich, siehe den gestrigen Eintrag, von St. Gallen nach Herisau. Unterwegs fiel mir ein, dass dies die beiden einzigen Kantonshauptorte der Schweiz sind, die direkt aneinandergrenzen. Speziell gefielen mir an der dreistündigen Route im Übrigen die vielen charaktervollen Bauten. Hier seien fünf von ihnen genannt.

In manchen Bahnhöfen kann man kaum atmen, im Bahnhof Bern etwa fühle
ich mich stets beengt. Der Bahnhof St. Gallen hingegen: Luft, Licht, Weite. 

Die reformierte Kirche St. Leonhard steht in der Nähe des St. Galler Bahnhofs.
Seit mehr als 20 Jahren ist sie mittlerweile in Privatbesitz und wird
kaum genutzt. Einen Brand hat sie auch schon hinter sich. Schade.
Die Burg Waldegg an der Fürstenlandstrasse wurde 1475 von zwei St. Galler
Handelsherren erbaut. 1901 gabs einen Grossbrand. Der untere Teil ist der ursprüngliche,
der obere Fachwerk-Teil entstand nach dem Brand. Die Burg ist Privatbesitz.
Der Tröckneturm gehörte zu einer Färberei, die nassen Stoffbahnen wurden in und an ihm zum
Trocknen aufgehängt. Heute ist im Turm eine Ausstellung zum Textilgewerbe untergebracht.

Am Rand des Sittertobels findet sich die alte Brauerei Stocken. Jahreszahl an der
Fassade: 1784. Wenn ich den Bau sehe, denke ich stets: Was für eine trutzige Bierburg.