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Dienstag, 20. Oktober 2026

Alltag und Hochglanz

Tom Kublin, Fotografien für Forster Willi, 1959/60. Courtesy:
Maria Helena Kublin. Mise en Scène, Ausstellung im
Textilmuseum St. Gallen. Foto: Jürg Zürcher, 2026.
Barbara Davatz, Porträt einer Schweizer Firma, 1972. Mise en Scène,
Ausstellung im Textilmuseum St. Gallen. Foto: Jürg Zürcher, 2026.
Ausstellungsansicht, Mise en Scène, Textilmuseum St. Gallen. Foto: Jürg Zürcher, 2026.
Ich mochte die Ausstellung, die ich am Wochenende besuchte. "Mise en Scène" im Textilmuseum St. Gallen bietet Modefotografie von der Belle Epoque bis heute. Die Roaring Twenties kommen vor, aber auch die Haute Couture von Paris nach dem Zweiten Weltkrieg, die wilden Sechzigerjahre samt der Londoner Twiggy-Ästhetik, aber auch die sexualisierten Frauenkörper der Strumpf- und Unterwäscheprodukte – womit wir praktisch schon in der Gegenwart wären. Und dann gibts sozusagen die Kehrseite zu erleben. Oder doch eine völlig andere Welt. In einem separaten Raum sind Aufnahmen der Fotografin Barbara Davatz zu sehen. Sie bat 1972 die gesamte Belegschaft der Textildruckerei und Zwirnerei H. Walser AG in Zürchersmühle AR vor die Kamera. Also Menschen, die damals Stoffe fertigten, die andere Menschen trugen. Krass der Kontrast von Davatz' Fotos zur Hochglanzsphäre der Mode und Werbung. 

Montag, 19. Oktober 2026

Bern barock

Berns Heiliggeistkirche von der Bahnhof-Rolltreppe aus gesehen.

Als ich in Bern lebte, war die Heiliggeistkirche praktisch immer verschlossen. Dann, 1999, wurde sie zur sogenannten interreligiösen Citykirche umgestaltet, was ich aber nicht mehr mitbekam. Nun, am Donnerstag ging ich wieder einmal an der Kirche vorbei, sah Leute, die eintraten, fand drinnen gleich beim Eingang ein Grüppli von Randständigen beim Käfele vor und konnte mir endlich das Gotteshaus von innen anschauen. Barock ist nicht mein Lieblingsbaustil, aber in diesem Fall mache ich gern eine Ausnahme, da er in Bern kaum anzutreffen ist, was Kirchen angeht. Die heutige Heiliggeistkirche wurde vor gut 300 Jahren eingeweiht und findet sich am Standort, an dem es schon im Mittelalter eine Spitalkapelle gab. In diesem Sinn kann man sagen, dass das heutige Konzept des Zufluchtsortes für alle gut passt.

Sonntag, 18. Oktober 2026

Hochzig of de Schwägalp

So sehen die neuen Bahnkabinen aus. (Foto: Säntisbahn)
Die Säntisbahn wird derzeit bekanntlich neu gebaut, kurz vor Weihnachten kann man wieder auf den Berg fahren. Morgen Montag werden die neuen Kabinen von Herisau auf die Schwägalp transportiert, am Dienstag oder Mittwoch sollen sie dann mit Gehänge und Laufwerk auf das Tragseil gehoben werden. Wie ich der Pressemitteilung der Säntisbahn auch entnehme, nennt man diesen Vorgang in der Branche hübscherweise "Hochzeit".

Samstag, 17. Oktober 2026

Heimreise nach Usakos

Ausstellungsplakat am Eingang zum 
Bernischen Historischen Museum in Bern.
In jener Epoche, in der das heutige Namibia eine deutsche Kolonie ist, entsteht eine Bahnlinie, die das nordöstliche Innere des Landes (Kupfervorkommen) mit der Küste verbindet. Chefingenieur des Projekts im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ist ein Schweizer, Victor Solioz. Seine Ehefrau Marie legt um 1904 eine Sammlung mit Gegenständen an, die den Eisenbahnarbeiterinnen und -arbeitern gehören. Unter welchen Umständen genau das geschieht, ist nicht mehr rekonstruierbar. Später verkauft das Ehepaar Solioz die Kollektion dem Bernischen Historischen Museum in Bern, wo sie fortan im Depot schlummert. Bis in die Gegenwart. Nächstes Jahr, gut 120 Jahre später, reisen die 286 Objekte – Musikinstrumente, Dolche, Geschirr – zurück nach Namibia. Zuvor aber sind sie in Bern im erwähnten Museum zu sehen im Rahmen der Ausstellung "Destination Usakos"; am Freitag schaute ich sie mir an. Die Stadt Usakos liegt an der erwähnten Eisenbahnlinie, im örtlichen Museum soll dort dereinst gezeigt werden, was Marie Solioz damals mit in die Schweiz nahm.
Einige der Objekte, die nächstes Jahr
nach Usako reisen sollen.

Freitag, 16. Oktober 2026

Diesmal hats geklappt

Unterwegs zum Roggenstock im Gebiet Schlipfauweid.
Unser Gipfelziel gesehen vom Tubenmoos.
Oben, 1777 Meter über Meer. Hinten rechts der Grosse Mythen.
Halbes Poulet im Chörbli im Restaurant Sager
in Oberiberg – der Zmittag nach dem Berg. (Foto: Ronja)
Der Roggenstock will doch einfach bestiegen sein, wie er  sich, zwar nicht besonders hoch, aber doch als Solitär, über Oberiberg SZ beeindruckend erhebt. Vor zweieinhalb Wochen scheiterte das Roggenstock-Unterfangen daran, dass ich morgens den falschen Zug nahm. Davon habe ich bereits erzählt. Nun, gestern klappte es mit der Anreise. Knapp vier Stunden brauchten wir bei je 750 Höhenmetern auf und ab für unsere Tour mit Start in Oberiberg, die eine Rundtour um den Berg war. Das letzte Stück zum Gipfel fanden wir etwas heikel, weil der Kalk feucht und rutschig war und der Pfad sehr steil; Gott sei Dank wachsen auf diesem Abschnitt Föhren, an denen man sich bei Bedarf halten kann. Grandios oben die Aussicht, was auch mit dem schönen Herbstlicht und dem Spiel der Wolken zu tun hatte. Nun sind wir also auf dem Roggenstock gewesen. Nicht zum ersten Mal – vor 15 Jahren war ich mit dem Grüppli schon einmal oben.
Licht und Schatten im Ybrig. Hinten das Duo Druesberg (l.) und Forstberg.

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Heihei und der Bergsturz

Gestern, Blick zurück auf dem Gipfelgrat des Roggenstocks.
Hinten rechts knapp zu erkennen ist ein Stück Vierwaldstättersee.
Wer in der Ybrig-Region im Kanton Schwyz auf den Roggenstock steigt, wie wir das gestern taten, kommt an geologischen Thementafeln vorbei. Sie schauen weit in die Runde, erzählen also nicht nur von der Innerschweiz. Interessant, was man da so erfährt. Weiss jemand, welches der grösste prähistorische Bergsturz im Gebiet der heutigen Schweiz war? Das war der Bergsturz von Flims GR. 10 Kubikkilometer Gestein gingen nieder, die heutige Ruinaultaschlucht des Vorderrheins entstand im Gefolge des gewaltigen Rutsches. Geometrische Auffrischung: Ein Kubikkilometer – das ist ein Würfel, bei dem jede Kante einen Kilometer lang ist. Was mich beim Lesen auch berührte: Einer der zwei Autoren der Tafeltexte war mein – inzwischen längst verstorbener – Kantilehrer Hans "Heihei" Heierli, ein schweizweit bekannter Geologe. In gruseliger Erinnerung ist die mörderische zweitägige Säntistour, die unsere Klasse damals in den Siebzigerjahren mit ihm absolvierte.

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Vertikale Reise

Zweimal Tief und Weitsicht …

… vom Roche-Turm 2 in Basel bei bestem Wetter.
Oben gabs einen kleinen Apéro.
Das Roche-Areal am Kleinbasler Ufer des Rheins ist riesig, hier befindet sich der Firmensitz, hier wird verwaltet, geforscht, entwickelt, gefertigt. Zwei gewaltige Türme markieren den Standort. Der grössere, der Roche-Turm 2, vor vier Jahren fertiggestellt, ist mit 205 Metern Höhe das höchste Hochhaus der Schweiz. Am Montag konnten wir ihn besichtigen, besonders gefiel uns, dass man zuoberst im 47. Stock auf die Terrasse hinaus darf. Ich wüsste nicht zu sagen, was mehr Freude machte: die Sicht in die Ferne oder der Blick auf Basel selber mit dem Rhein, der Wiese, der Birs und den umliegenden Hügeln, von denen wir manche erwandert haben. Die allererste Sensation der Visite war zuvor die Liftfahrt gewesen, kaum ist man eingestiegen, ist man auch schon oben, 30 Sekunden nur dauert die Vertikalreise. Letztes Jahr gabs einen Tower-Run, der schnellste Läufer schaffte es in 6 Minuten und 37 Sekunden auf den Turm.
Grenzacherstrasse mit Roche-Gebäuden, in der Mitte der markant gestufte Turm 2.

Der linke ist 27 Meter höher: die zwei Türme von der Wettsteinbrücke aus.