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Freitag, 30. Oktober 2026

Der lange Marsch zu Giacometti

Kunsthaus Zürich, im Foyer des Erweiterungsbaus.
Das Foyer von oben.
Der unterirdische Verbindungsgang vom alten zum neuen Trakt.
Unverkennbar Giacometti.
Ist mir jetzt peinlich. Fünf Jahre hat es gedauert seit dessen Eröffnung, bis ich nun doch – am Dienstag wars – den Chipperfield-Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses besucht habe. Was für Dimensionen! Im Gang, der den alten Gebäudetrakt unterirdisch mit dem neuen auf der anderen Seite der Heimstrasse verbindet, fühlte ich mich wie in der Moskauer Metro. War im Folgenden aber sehr angetan vom Gebäude und von dem, was ich an Kunst sah. Weil im Erweiterungsbau derart viel gezeigt wird, konzentrierte ich mich fürs erste auf die Ausstellung mit Werken des Südbündner Bildhauers Alberto Giacometti. Ich will aber bald wieder hin und mir andere Dinge anschauen.

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Bierburg

Am Montag wanderte ich, siehe den gestrigen Eintrag, von St. Gallen nach Herisau. Unterwegs fiel mir ein, dass dies die beiden einzigen Kantonshauptorte der Schweiz sind, die direkt aneinandergrenzen. Speziell gefielen mir an der dreistündigen Route im Übrigen die vielen charaktervollen Bauten. Hier seien fünf von ihnen genannt.

In manchen Bahnhöfen kann man kaum atmen, im Bahnhof Bern etwa fühle
ich mich stets beengt. Der Bahnhof St. Gallen hingegen: Luft, Licht, Weite. 

Die reformierte Kirche St. Leonhard steht in der Nähe des St. Galler Bahnhofs.
Seit mehr als 20 Jahren ist sie mittlerweile in Privatbesitz und wird
kaum genutzt. Einen Brand hat sie auch schon hinter sich. Schade.
Die Burg Waldegg an der Fürstenlandstrasse wurde 1475 von zwei St. Galler
Handelsherren erbaut. 1901 gabs einen Grossbrand. Der untere Teil ist der ursprüngliche,
der obere Fachwerk-Teil entstand nach dem Brand. Die Burg ist Privatbesitz.
Der Tröckneturm gehörte zu einer Färberei, die nassen Stoffbahnen wurden in und an ihm zum
Trocknen aufgehängt. Heute ist im Turm eine Ausstellung zum Textilgewerbe untergebracht.

Am Rand des Sittertobels findet sich die alte Brauerei Stocken. Jahreszahl an der
Fassade: 1784. Wenn ich den Bau sehe, denke ich stets: Was für eine trutzige Bierburg.

Mittwoch, 28. Oktober 2026

Gute Route

Der Bibelspruch in der reformierten Kirche in St. Gallen-Bruggen passt auch für Leute, die wandern.
Halloween steht an.
Für einen Spitalbesuch musste ich auf Montagmittag nach Herisau und fand am frühen Morgen, ich könnte das mit einer fussgängerischen Unternehmung verbinden – wieso nicht von St. Gallen nach Herisau wandern? Ich fuhr nach St. Gallen. Zottelte vom Bahnhof los. Und stellte anhand des Wegweisers bald fest, dass ich auf dem Jakobsweg unterwegs war. Bloss kurz wich ich einmal von diesem ab, nachdem ich auf dem SBB-Viadukt die Sitter überquert hatte: Ich wählte den lauschigen Weg am Südufer des Gübsensees, der Jakobsweg verläuft nördlich. Ein lohnender Umweg, fand ich. Nach gut drei Stunden erreichte ich Herisau und fand, dass dies – allein schon des schönen Wetters wegen – eine gute Sache gewesen war.
Auf dem SBB-Sitterviadukt – mit Blick auf den Sitterviadukt der Südostbahn.

Naherholungszone bei St. Gallen-Winkeln: der Gübsensee, ein Staugewässer.
Reizender Wolkenhimmel über Herisau.

Dienstag, 27. Oktober 2026

Kleiner Mann

Ein Ausschnitt aus dem Gemälde.
Ende Monat schliesst das Museum des Landes Glarus, das im Freulerpalast zu Näfels untergebracht ist. Ich bin froh, vor der Winterpause wieder einmal zu Besuch gewesen zu sein, letzte Woche wars. Das Haus, das in sich selber eine Pracht und ein Spektakel ist, birgt ausserordentlich viel an Sammelgut, ich entdecke bei jeder Visite Neues.

Diesmal blieb ich länger vor dem Porträt der Anna Elisabetha Müller, geborene von Blumenthal, stehen. Der Künstler Martin Leonz Zeuger porträtierte sie 1755 in ihrem 32. Lebensjahr, die reiche Glarnerin aus bestem Haus, die verheiratet war mit Kaspar Müller-Freuler, einem Enkel des Freulerpalast-Erbauers. Angesichts der Tatsache, dass ihr Gatte im Staate Glarus zeitweise das Amt des Landammanns bekleidete, fand ich ihn auf dem Gemälde im Verhältnis zu seiner Gattin geradezu lächerlich klein. Verniedlicht. Aber offenbar war es damals Mode, dass reiche Leute Porträtminiaturen mit sich trugen mit dem Konterfei des Ehemannes oder der Ehefrau. Wenn Anna Elisabetha Müller mit dem Minibildnis ihres Gatten posiert, bezeugt sie damit ihre Verbundenheit mit diesem oder, modern gesagt, ihre Liebe zu ihm. Und ihre Treue – Kaspar Müller-Freuler war auch Söldnerführer und viel in fremden Diensten im Ausland unterwegs.

Montag, 26. Oktober 2026

Das Hüttlein der Heiligen

Wiborada in einem St. Galler Kodex des
15. Jahrhunderts. Die Hellebarde verweist
wohl darauf, wie sie umgebracht wurde.
(Foto: Wikicommons)
Wiborada oder – näher an der Originalform – Wiberat war Thurgauerin. Eine Adelstochter, die früh schon einen starken religiösen Drang entwickelte und bald allem Weltlichen entsagte. Asketin wurde sie, Einsiedlerin auch, kam schliesslich bei der Kirche St. Mangen in St. Gallen zur Ruhe; in einer Zelle liess sie sich dort für den Rest ihres Lebens einschliessen und soll allerlei Wunder gewirkt haben. Kürzlich besuchte ich St. Mangen, an der Hinterwand des Gotteshauses verdeutlicht ein Gehütt aus der Gegenwart, wie Wiborada an diesem Ort in etwa gelebt haben könnte. Bis zu ihrem Tod als Märtyrerin: 926 fielen die Ungarn ins Land ein, plünderten, mordeten. Sie töteten die fromme Frau. Im laufenden Jahr begeht bzw. beging das katholische St. Gallen den 1100. Todestag Wiboradas – notabene ist sie die erste Frau der Christenheit, die heiliggesprochen wurde. Mir kommt es allerdings vor, als würden die meisten Leute im Land nichts von ihr wissen.
Die Kirche St. Mangen am Rand der St. Galler Altstadt.

Die Holzhütte an der Kirchenwand ist neuzeitlich und
soll zeigen, wie Wiborada als Eingeschlossene lebte.

Sonntag, 25. Oktober 2026

Quinten unter Druck

Quinten voraus, gerade legt das Schiff ab.
Die Schiffverbindung nach Quinten, Gemeinde Quarten SG, schien mir immer eine Selbstverständlichkeit; wie sonst wäre das Dorf am Nordufer des Walensees denn erreichbar? Eine Strasse führt nicht hin. Ja, klar, man kann zu Fuss in das winzige Quinten gelangen, aber das ist, ob von Walenstadt oder von Weesen her, weit. Diese Woche gab es Medienberichte, wonach der Kanton das Kursschiff nach Quinten nicht mehr subventionieren und so pro Jahr 250 000 Franken sparen will; die Gemeinde müsste in diesem Fall die jährlichen Gesamtkosten von einer halben Million Franken selber tragen – was sie überfordern dürfte. Eine Gruppe hat sich mittlerweile eingeschaltet, die die Kürzung per Aufsichtsbeschwerde verhindern will. Noch dieses Jahr dürfte der Kantonsrat in der Sache entscheiden. Es gibt also Hoffnung.

Samstag, 24. Oktober 2026

Aufladen in Wallisellen

Kürzlich betrat ich in der Nähe des Bahnhofs Wallisellen das "Zentrum Wallisellen". Mitten in der riesigen Eingangshalle lag am Boden ein Kopfhörer. Beim Näherkommen sah ich, dass er angeschlossen war und dass zwanzig Meter weiter auf einer Sitzbank am Rand der Halle ein junger Typ sass, ein Lehrling oder so. Ihm war wohl der Strom ausgegangen, und findig wie die Jugend ist, hatte er in der Halle den einzigen Stecker gefunden. Wenn man hochladen muss, muss man hochladen.