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Samstag, 20. Januar 2018

I-N-T-E-R-E-S-S-A-N-T

Das von Claude Chappe entwickelte Zeichensystem.
(Bild: Patrick87/ Wikicommons)
Mit Genuss lese ich dieser Tage die "Ramage"-Romane des englischen Schriftstellers Dudley Pope, die zurzeit der Kriege der Engländer gegen Frankreich unter Napoleon spielen. In Band elf ("Ramage's Signal") entdeckt der Romanheld, Kapitän Nicholas Ramage, an der südfranzösischen Küste von seinem Schiff aus eine merkwürdige Baute. Er begreift bald: Das ist ein Semaphor. Also eine optische Telegrafiestation. Schon die Griechen der Antike übermittelten Nachrichten auf dem optischen Weg: per Rauchzeichen etwa. Der entscheidende Schritt für eine effizientere optische Nachrichtenübermittlung war die Entwicklung des Fernrohrs im Jahr 1608 durch holländische Brillenmacher; nun konnte man viel weiter in die Entfernung blicken und also Signale ausmachen. Der Erfinder des Semaphors, das war dann in der Napoleon-Zeit der Franzose Claude Chappe. Er entwickelte folgende Vorrichtung: einen hohen Pfahl, an dem zwei schwenkbare Querbalken angebracht waren mit je einem schwenkbaren Zusatzbalken an jedem Ende. Dazu lieferte Chappe ein Alphabet, in dem bestimmten Balkenpositionen Buchstaben zugeordnet wurden (dazu kamen natürlich auch die Ziffern). 1794 wurde die erste reguläre Telegrafenlinie zwischen Paris und Lille eingerichtet, die mit 22 einzelnen Stationen 270 Kilometer überbrückte. Napoleon profitierte vom Chappe-System erheblich. Bis 1845 entstand in Frankreich ein von Paris ausgehendes, die Hauptstadt mit allen wichtigen Städten des Landes verknüpfendes System von Semaphoren. Andere Länder übernahmen die Erfindung bald. "Semaphor" kommt übrigens aus dem Altgriechischen und bedeutet "Zeichen-Bringer". Auf Italienisch ist der "semaforo" mit betontem A heutzutage das Lichtsignal.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Toggo und der Steuersatz

Zwischen Zollikon und Küsnacht bildet der Düggelbach auf einem langen Abschnitt die Grenze. Kürzlich las ich im "Zolliker Zumiker Boten" etwas über die Herkunft des Namens. Es gibt einen althochdeutschen Männernamen Tuggilo, alemannisch Toggo, was "tüchtig" bedeutet. Daraus leitet sich der Familienname Düggelin ab, der im Gebiet auch tatsächlich schon im Mittelalter belegt war. Sicher ist auch dies: Als damals der Toggo mit seiner Sippe an diesem Ort siedelte, gab es noch keine grossen Häuser und Villen. Wie es mit dem Steuersatz steht, heute bekanntlich paradiesisch tief, weiss ich nicht; man müsste einen Historiker auftreiben und ihn fragen, wem die Leute am Bach damals zinspflichtig waren.

Freitag, 7. Oktober 2016

Trojan und das Wandern

Mit grossem Interesse las ich diese Woche im Zug nach Bern und später im Retourzug die eben erschienene, von meinem alleraktivsten Wanderkollegen René P. Moor herausgegebene Schrift "Wanderkunst - Lebenskunst". Ihr Autor, der Deutsche Ernst Walter Trojan, ist zuallererst Zeitdiagnostiker. An seinem Volke erkennt er im Jahre 1910, als das Büchlein in München erscheint, eine Degeneriertheit auf allen Ebenen: zu viel Verschulung und Verbildung, zu viel Sitzen und zu wenig Gehen, zu viele neuzeitliche Laster wie adoleszente Alkoholexzesse. Und insbesondere sind für ihn das Automobil und die Eisenbahn mit schuld daran, dass der Deutsche und die Deutsche nicht das Niveau an Kraft und Vitalität einnehmen, das ihnen zustünde. Trojan benennt das alles mit grösstmöglicher Leidenschaft. Und er plädiert fürs Wandern als Allerheilmittel. Hier eine Kostprobe, in der dargelegt wird, warum das Wandern für die Weiblichkeit im Land eigentlich die einzige geeignete Körperbetätigung ist - wir Heutigen dürfen herzlich lachen.
"Die meisten Sportarten haben sich für das weibliche Geschlecht als ungeeignet erwiesen. Der Grund ist klar, wird aber viel zu wenig erkannt und gewürdigt. Die weiblichen Genitalorgane sind von einer ganz ausserordentlichen Empfindlichkeit. Deshalb sind alle Sportarten, die mit Erschütterungen und heftigen Sprüngen verbunden, also Reiten, Radfahren, Tennis, Turnen für das weibliche Geschlecht gefährlich."

Sonntag, 18. September 2016

Ab auf die Insel

Ein Buch, das ich eben mit Begeisterung gelesen habe: "Our Life Off the Grid: An Urban Couple Goes Feral". Es gehört einem Genre zu: Leute berichten, wie sie irgendwann aus ihrem städtisch geprägten Leben aussteigen und sich auf eine Insel zurückziehen. Im Fall von David J. Cox und seiner Frau Sally ist es eine kanadische Insel vor der Küste von British Columbia. Die Geschichte ist von Erlebnissen gesättigt. Von Missgeschicken, Pannen und Unfällen. Von Humor auch. Es geht um eine Windturbine, die nicht funktioniert; um Orcas, die Delfine fressen; um den Versuch, mitten im Winter eine streikende Wasserleitung flottzumachen; um die Visite einer Schar chinesischer Gaststudenten; um Regierungsbürokraten, die am Telefon nicht begreifen können, dass es Leute gibt, in deren Adresse eine Strassenbezeichnung und Hausnummer fehlen, was der Computer nicht akzeptieren kann. Und es geht um die anderen Bewohner der Insel, von denen jeder auf seine Art ein Sonderling ist. Ein Nachbar kommt zu Besuch, wird zum Essen eingeladen und sagt: "Dave, ich mache es wie die Bären, ich esse nur Beeren und Fisch." Dave, also Autor Cox, antwortet: "Hey, Bären sind ausgesprochene Allesfresser." Der Nachbar vertilgt dann auf der Stelle drei Steaks. Wirklich lustig, das Buch. Und ausgesprochen gut geschrieben.

PS: Es gibt über das Paar Cox sogar ein Youtube-Filmli.

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Sechten

Das Horgner Jahrheft 2011 ist mir in die Hände gefallen. Sein Thema sind Waschhäuser, von denen es in der grossen Zürcher Seegemeinde noch etliche gibt, natürlich sind sie allesamt umgenutzt. Ein Wort, das ich bei der Lektüre gelernt habe: sechten. Die Waschhäuser heissen auch Sechthäuser nach dem mittelalterlichen Verb, das jene Prozedur bezeichnet, bei der die schmutzige Wäsche wiederholt mit Asche übergossen und in Aschewasser gelaugt wird. Im Zusammenhang damit eine Redensart von 1824:
"Wenn eine kann ein Mehlmus machen, eine Wasch sechten und kneten, so darf sie einen Mann nehmen."

Freitag, 2. Oktober 2015

Etwas zum Pilzjahr

Ludwig van Beethoven ist einer von denen,
die mit Pilz zu tun hatten. (Wikicommons)
Kürzlich diskutierten wir auf der Redaktion im Ressort, was man diesen Herbst zu den Pilzen schreiben könnte. Mir fiel ein, dass ich vor vielen Jahren in einem Sammelband eine geniale Kurzgeschichte gelesen hatte. Seit es Google gibt, hat man mit solchen Situationen kein Problem mehr. Ich googelte und fand gleich, welcher Text das gewesen war: "1956 - ein Pilzjahr" von Wolfgang Hildesheimer, erschienen in den 1950-er-Jahren. Es handelt sich um Satire der feineren Art, in deren Zentrum Gottlieb Theodor Pilz steht. Ihn hat es nie gegeben, alles ein Scherz, aber plausibel ist diese Existenz schon. Pilz, geboren 1789 in Dinkelsbühl oder Nördlingen, gestorben 1856 in Paris, war ein Verhinderer, das ist sein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen und gar europäischen Kulturgeschichte. Pilz war einer, der als gebildeter Mensch in allen möglichen Kreisen verkehrte und den Leuten Ideen und Projekte ausredete. Zum Beispiel macht man ihn verantwortlich für Beeethovens unproduktive Phase in Wien von 1814 bis 1818, auch brachte er Friedrich Ludwig Jahn von der Schriftstellerei ab, worauf dieser eine Alternativ-Karriere einschlug und zum Turnvater der Deutschen wurde. Gottlieb Theodor Pilz - eine bemerkenswert erfundene, begründete, erzählte Figur.

Dienstag, 30. Juni 2015

Harald Blauzahn erobert die Welt.

Schönes Logo, oder?
(Wikicommons/ Fry 1989)
Ich denke, wenn ich "Blauzahn" höre, sofort automatisch an Käpt'n Blaubär, die Trickfilmfigur von Walter Moers. Blauzahn, Blaatand im dänischen Original, Harald mit Vornamen, ist aber eine reale Figur. Er regierte im 10. Jahrhundert, vereinte dänisches Stammland sowie schwedische und norwegische Landstriche unter seiner Krone und galt seinen Zeitgenossen als magischer Kommunikator und Diplomat. Gut 1000 Jahre später arbeitete der dänische Elektoingenieur Sven Mattisson an einem neuen Funkstandard. Mit einem Kollegen trank er in Toronto ein Bier, man kam auf die skandinavische Geschichte und auf Blauzahn und dessen Begabung, Leute zusammenzubringen. Der Funke zündete, da war der Name für die neue Technologie: Bluetooth. Aus den Runen H und B entstand später das geschichtlich passende Logo, siehe Bild. Und Bluetooth wanderte bald um die Welt als Standard der Datenübertragung über kurze Distanz per Funk (uff, im letzten Satz habe ich die Kurve zu diesem Blog, der ja ein Wanderblog ist, geschafft). Quelle dieser Kleingeschichte: ein formidabler NZZ-Artikel.

Mittwoch, 4. März 2015

Die Endzeit kommt!

Eben bekam ich das neue Heft "Falstaff" zugeschickt; es geht darin um Wein, Essen, Reisen. Im Editorial wird überraschenderweise bereits die Endzeit ausgerufen. Oder doch ein sehr endzeitnaher Hedonismus, der die Zukunft verdrängt. Die beiden Herausgeber, Wolfgang und Angelika Rosam, raten der Leserschaft:
"Trinkt die besten Weine und Champagner jetzt! Leistet euch die schönsten Dinge des Lebens, ein bisschen Luxus, und verwirklicht eure Reiseträume. Es wird nicht besser! Die volatile Situation auf den Finanzmärkten und noch mehr die grosse politische Unsicherheit - denken wir nur an Russland und die Ukraine oder den Terrorismus - fordern geradezu ein neues Bewusstsein auf das Jetzt und das Heute heraus!"
Ha, danke für die Aufforderung. Ich begebe mich gleich in den Weinkeller und suche schon mal eine gute Flasche für heute abend heraus. Sollte es dann doch ein Morgen geben, werde ich den Kater irgendwie überleben. Jetzt aber im Ernst: Ist das nicht ein wenig ungeschickt, in einem Genussmagazin apokalyptisch zu werden. Die Inserenten jedenfalls könnten denken: Warum noch Anzeigen schalten, wenn doch Europa ohnehin demnächst ein Trümmerhaufen ist?

Mittwoch, 18. Februar 2015

Der Lederstrumpfmann in Bern

Der junge Cooper in einer
Navy-Uniform. (Wikicommons)
Man schätzt James Fenimore Cooper als Verfasser der "Lederstrumpf"-Geschichten. Weniger bekannt ist der Amerikaner als Schweizreisender, der sogar einen hierzulande spielenden Roman verfasste: "Der Scharfrichter von Bern Oder Die Winzerabtei" (1833). Wer das englische Original lesen will, kann das hier online tun; eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wisses nicht. Cooper war zweimal im Land, hielt sich 1832 in der Gegend von Vevey auf, hatte vier Jahre zuvor drei Monate lang in Bern gelebt. Als ich während des Studiums dort wohnte, kamen wir ab und zu an dem Häuschen vorbei, in dem Cooper damals abgestiegen war, es liegt im Lorrainequartier und ist heute ein Kindergarten. Vormals gehörte es dem Neuenburger Grafen James Alexander de Pourtalès-Gorgier, einem Kammerherrn des preussischen Königs; die Lorraine war zu jener Zeit noch nicht proletarisch geprägt, sondern ländliches Terrain. Cooper war in Bern Gast des Grafen. Warum ich das alles erzähle? Gestern berichtete ein Artikel im Tages-Anzeiger von Coopers Schweizer Aufenthalten.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Flügelhunde und Fabelgiraffen

Kuriose Kreatur in Bruno Webers Dietiker Park.
(Wikicommons/ Paebi)
Zeitlebens werkte und wirkte der Künstler Bruno Weber an und in seinem Skulpturenpark oberhalb von Dietikon im Limmattal. 2011 starb er. Der Park blieb offen und zog zahlendes Volk an. Und doch rentierte der Betrieb nicht, die Schliessung wurde angekündigt. Gestern nun las ich einen Artikel im Tagi, wonach der Park vorerst doch offen bleibt bzw. nach der Winterpause am 4. April wieder öffnen kann. Die Sache ist kompliziert, es geht im Artikel um das zukünftige Konzept, eine endlich zustande gekommene Einigung zwischen Webers Witwe und einer Stiftung sowie um einen Hochbahn-Zubringer, von dem Weber träumte, als er noch lebte. Und natürlich handelt der Artikel auch von der Finanzierung. In nächster Zeit müssen sich die Betreiber daran machen, professionelle Betriebsstrukturen zu schaffen und Sponsoren zu finden sowie öffentliche Fördergelder aufzutreiben, damit die Finanzierung stabil ist. Ich meinerseits habe mir für den April in die Agenda eingetragen, dass ich mal ins Limmattal reisen will, um mir Webers Tierkreaturen wie Einhörner, Flügelhunde und Fabelgiraffen anzuschauen.

Dienstag, 30. Dezember 2014

Kamor und Camorra

Sambutinus hätte gestaunt über
den Sendeturm auf seinem Säntis.
Ich bin neuerdings stolzer Besitzer des "Appenzeller Namenbuches", Teilbände 2.1. bis 2.3. Darin sind in über 12 000 Einträgen alle Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell erfasst und akribisch erklärt; Hauptautor ist der Ausserrhoder Stefan Sonderegger, ein germanischer Mediävist von internationalem Rang. Die drei Bände, ein Weihnachtsgeschenk, werden den einen oder anderen Blogeintrag motivieren, denke ich. Hier vorerst drei Appenzeller Bergnamen und ihre Erklärung:
  • Gäbris. Es gibt im schweizerischen Mittelland mehrere vordeutsche, also nicht-alemannische Hügelnamen: Belchen, Bözberg, Irchel, Randen. Der Gäbris gehört, wie sein Thurgauer Cousin Gabris, in diese urtümliche Reihe. Der Name wurzelt in der Zeit der Kelten. "gabra" heisst auf keltisch Ziege, die lateinische Form ist "capra". Der Gäbris ist der "gabreta", der Ziegenberg.
  • Kamor. Mit der Camorra hat der Nachbar des Hohen Kastens nichts zu tun. Sein Name ist ein Zusammenzug von "gand" und "moor". "gand" ist vorrömisch, ist sogenannt ostalpin und bedeutet Schuttfeld, Steinhaufen, Geröllhalde. "moor" wiederum von lateinisch "maurus" heisst schwarz.
  • Säntis. Die früheren Formen lauten Zemptis, Sämptis, Zemtis, Sämtis. Im "Sämtisersee" ist das m bis heute geblieben, während sich der Berg irgendwann ein n zulegte; dies wohl, weil "Säntis" leichter auszusprechen ist als "Sämtis". In dem Namen steckt das Wort "Sabbat". Ein am Sabbatstag, also am Samstag, Geborener war auf lateinisch ein "Sambutinus". Möglicherweise bezeichnete der Name zuerst die Alp eines Mannes Sambutinus, um dann auf den Berg überzuspringen, las ich vor längerem schon in einem anderen Namensbuch.

Sonntag, 23. November 2014

Die Halsabschneider von Baden

1580/81 reiste der grosse Renaissance-Gelehrte und Essayist Michel de Montaigne von Frankreich über die Schweiz und Deutschland nach Italien. Was er sah und ass und fühlte, wen er traf, worüber er sich wunderte und ärgerte - alles das kann man jetzt im wundersamerweise wieder aufgetauchten und in "Die Andere Bibliothek" erschienenen Reisetagebuch lesen. Es ist, so der akribische Herausgeber im Vorwort, zu exakt 54 Prozent von Montaigne selber geschrieben. Den Rest verfasste ein mit Namen nicht bekannter Sekretär, entweder aufgrund der direkten Diktate seines Herrn oder aber aus der noch frischen Erinnerung, an den Abenden oder Wochenenden. Kurios ist, dass Montaigne mit vier wesentlich jüngeren adeligen Compagnons startete. Respektive, dass diese ihm unterwegs alle abhanden kamen, weil sie sich beim Tanzen und Fechten verlustierten und nicht länger folgen mochten. Ich lese das Buch gerade. Hier eine Stelle, die sich auf die Stadt Baden AG bezieht, die damals ein wichtiger Bade- und Kurort war:
"... sind die den Fremden abverlangten Preise halsabschneiderisch. Vier Zimmer mit neun Betten, davon zwei mit Öfen und einem Bad, kosteten uns täglich für jeden der Herren einen Taler und für jeden Bedienten vier Batzen (also etwas mehr als neun Sous), und für die Pferde mussten wir sechs Batzen (ungefähr vierzehn Sous) täglich berappen. Ausserdem aber haben sie uns ... bei der Abrechnung mehrfach bemogelt."

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Der dritte Weg

Fritz Schwarz, 1887 bis 1958, ein Bauernbub aus dem Amt Konolfingen, war Primarlehrer, dann Seklehrer, war über viele Jahre Berner Grossrat und später Stadtparlamentarier in Bern. Als überzeugter Verfechter der Freiwirtschaftslehre, eines dritten Weges zwischen Sozialismus und Kapitalismus, wirkte er in Reden, Zeitschriften-Artikeln, Büchern leidenschaftlich und legendär für seine Sache.

Schwarz war, dies am Rand, auch der Vater der Zürcher Literaturagentin Ruth Binde, mit der ich seit vielen Jahren befreundet bin. Sie schenkte mir kürzlich das Büchlein "Wenn ich an meine Jugend denke", in dem Schwarz auf seine ländliche Kindheit zurückblickt. Ich habe es inzwischen mit Gewinn gelesen und viel über das Leben um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erfahren. Hier eine Stelle, in der der Vater eines bekanntes Berners auftritt:
Ach, wir waren eine rauhe Gesellschaft, und nicht nur, was Sprachliches anbelangt. So predigte einmal ein Pfarrer, der gut Hochdeutsch sprach, bei uns im Schulhaus. Er wählte unglücklicherweise den Text vom "Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit". Kaum hatte er nun "Gerechtigkeit" hochdeutsch ausgesprochen, so platzte einer von uns Kinderlehr-Buben in der vordersten Schulbank los, und alle lachten mit ihm. (...) Der Pfarrer hat sich nachher beim unsrigen schwer beklagt, mit vollem Recht, und dieser hat die Klage auf unsere schuldigen Häupter weitergeleitet. Jener "fremde" Pfarrer kam aus Konolfingen. Dort amtete er und hatte seine Familie. Er hiess Dürrenmatt, und einer seiner Buben hiess Friedrich.

Samstag, 30. August 2014

Wow? Wau!

Ein Foto von Tschingel habe
ich nicht. Hier immerhin ihr
Herrchen, William Coolidge,
1850 - 1926, grosser Alpinist.
(Wikicommons/ Jebulon)

Am 24. Juli 1875 krönt Tschingel ihre Karriere mit der Besteigung des höchsten Berges von Europa, des Mont Blanc. Ehrenmitglied des Alpine Club, des ältesten Bergsteigerverbandes der Welt mit Sitz in London, ist sie da schon seit sechs Jahren. Was für eine Ehre für eine Berner Oberländer Hündin! Tschingel erklettert aber auch immer wieder Viertausender und realisiert dabei mehrere Erstbesteigungen; sie ist der Stolz ihres Herrn, des amerikanischen Bergsteigers William Coolidge. Das ganze Hundeleben nachlesen kann man in einem langen und schönen Artikel in der NZZ.

PS: Heute wird gewandert. Vier-, Drei- und letztlich auch Zweitausender kommen nicht in Frage. Wir wandern am Chasseral und haben auch schon eine deftige Métairie, also eine Bauernwirtschaft, im Auge.

Freitag, 29. August 2014

Die Mauer von Bondo

Bei Bondo erreicht die Bondasca die Maira, mündet somit das Bondascatal ins Bergell. Zuhinterst im Bondascatal ereignete sich im Dezember 2011 ein gewaltiger Bergsturz vom Pizzo Cengalo. Die Einwohner Bondos hatten damit kein Problem, bis im Sommer darauf ein Unwetter aufzog. Das wilde Wasser der Bondasca wälzte die Felsbrocken des Bergsturzes Richtung Dorf. Mein Berner Wanderfreund Stefan von Bergen, mit dem Bergell seit langem verbunden, hat eine schöne Reportage geschrieben, wie sich das Leben in Bondo angesichts dieser Bedrohung anfühlt und was Experten gegen die Gefahr tun: Eine zwei Meter hohe und 500 Meter lange Mauer soll schon bald verhindern, dass bei einem neuen Unwetter eine Katastrophe passiert und ein Murgang Bondo verschüttet. Alles Weitere lese man auf den Schweiz-Seiten der gestern erschienenen "Zeit" nach.

Sonntag, 13. Juli 2014

Connelly und die Kofferwörter

Michael Connelly, einer der besten
amerikanischen Krimischreiber.
(Wikicommons/ Larry D. Moore)

Der Begriff "Kofferwort" kam in diesem Blog auch schon vor, es ging  um das Radom auf der Lägern; ein Zusammenzug aus "Radar" und "Dom". Kürzlich nun las ich einen ziemlich blutigen Krimi*, in dem es um zwei Schwesterstädte geht, deren eine in Mexiko liegt, die andere aber gleich über der Grenze in Kalifornien. Die mexikanische Stadt heisst Mexicali, die kalifornische Stadt Calexico. Interessant, zwei Kofferwörter, die quasi gespiegelt sind. Kann man mir folgen? Ich hoffe es.

* Ich habe in den letzten Monate alle Krimis von Michael Connelly um den Mordermittler Harry Bosch gelesen, grossartig. "The Black Ice" spielt an der Grenze, führt - eben - nach Mexicali und Calexico und handelt, wie könnte es anders sein, vom Drogenschmuggel.

Donnerstag, 15. Mai 2014

René und Nase Göring

Hier stadtwanderte ich kürzlich: Zürich-Altstetten.
Mein Wanderfreund René P. Moor, von dem ich schon verschiedentlich erzählte, hat eben im Greenpeace-Magazin ein Essay publiziert (hier klicken, dann ist es der oberste Artikel auf der Liste). René legt ein Plädoyer fürs Stadtwandern ab und bringt gute Gründe vor - hier meine Paraphrase:
  • Stadtwandern reduziert den ökologischen Fussabdruck. Es gibt Leute, die meinen, zum Wandern müsse man zwingend ins allerhinterste Bündnerland oder abgelegenste Walliser Loch fahren. Die eigene Stadt oder Agglo tuts oft auch.
  • Stadtwandern ist Ichwerdung. Emanzipation von den Fremdschemen in unserem Hirn, vom Klischee, dass es auf dem Land schön ist und in der Stadt unattraktiv, weshalb man eben zum Wandern in die Berge reisen muss.
  • Stadtwandern ist Konfrontation mit der Realität. In den Bergen können wir diese besser verdrängen. In der Stadt holt uns die Zersiedlung ein. Aber wir begegnen auch einer Vitalität, die spezifisch fürs Zentrum ist. Stadt ist Dichte, im Schlechten und Guten.
  • Stadtwandern macht, last not least, grossen Spass. Eben weil die Stadt lebt wie verrückt. Dazu ein Anekdötli meinerseits. An der Langstrasse in Zürich sah ich einst vor einem asiatischen Take Away ein Schild mit den Gerichten des Tages. Darunter: "Nase Göring"

Freitag, 7. März 2014

Globi und der Güggel

Globi ist im neuen Buch ein sanfter Bauer.
Gestern las ich im Tagi etwas Lustiges von Kollegin Helene Arnet. Sie vergleicht das neue Globi-Buch "Globi, der schlaue Bauer" mit "Wie Globi Bauer wurde" von 1941. In beiden Büchern hat Globi dasselbe Problem: Der Güggel nervt ihn sehr früh morgens mit seinem schlafraubenden Gekrähe. Damals in den Vierzigerjahren reagierte Globi, indem er dem Vieh den Hals umdrehte; das letzte Bild jener Geschichte zeigte ihn mit umgehängter Serviette, Messer und Gabel in der Hand und vor sich den gebratenen Güggel. Heutzutage reagiert Globi anders. Er greift sich das Buch "Singen leicht gemacht", geht hinaus zum Güggel und bringt diesem eine schöne Melodie ein. Zu der legt sich Globi dann zufrieden wieder in Bett, bis er wirklich Lust zum Aufstehen hat. Was für ein zeitgeistiger Softie!

Montag, 18. Februar 2013

Der Kalaschnikow-Kurs

Schiessen, schiessen, schiessen: BSC-Homepage (Screenshot).
Zufällig stiess ich beim Surfen im Internet auf die Homepage der "BSC Bläsi Stefan Company". Vorwiegend in Erlinsbach AG bietet die Firma Schiesskurse aller Art. Bei den Instruktoren handelt es sich um altgediente Polizeibeamte oder auch Mitglieder von Armee-Sondereinheiten. Die Kundschaft wiederum besteht ebenfalls aus Polizisten sowie Security-Personal und Privaten. Die Kursliste des laufenden Jahres ist vielfältig: Pistol Basic, Spezial Schrotflinte, Präzisionsgewehr, Schiessen in Bewegung, das heisst in taktischen Situationen wie beim Stürmen eines Hauses. Mein Liebling ist der "Spezialschiesskurs AK Armorer/Terror Survival" Mitte November. Da lernt man eine Kalaschnikow zerlegen und wieder zusammenbauen und darf ausgiebig mit ihr schiessen. Die Ausschreibung verspricht zudem: "Wissen über Angriffe mit Granaten sowie Sprengfallen und die Anwendung von Überlebenstechniken bringen alle Kursteilnehmer in Höchstform." Es ist Krieg im Land, wir wissen es nur nicht.

Sonntag, 17. Februar 2013

Der Bunker von Gadmen

In Gadmen auf der Berner Seite des Sustenpasses liegen zurzeit 180 Zentimeter Schnee, las ich gestern im "Bund". Lawinen drohen. Leute, die diese Woche ihre Skiferien im Ort verbrachten, mussten koordiniert abreisen im Rahmen eines Nottransports; der Skiliftbetrieb war zuvor eingestellt worden. Die Behörden organisierten einen Autokonvoi, jedes Auto war mit einem Lawinensuchgerät ausgerüstet, und die Autos fuhren einzeln, im Abstand einiger Minuten, talwärts. Speziell gefährdet ist Gadmens Weiler Obermad. Herrscht dort höchste Gefahrenstufe, muss das Dutzend Einwohner in den Bunker.

PS: Das Bild zeigt das Wappen von Gadmen. Der Adler ist der sogenannte Hasliadler; mehr darüber bald in einem eigenen Eintrag. Bei dem Haus handelt es sich um das namensgebende Gaden. (Bild: Wikicommons/Aliman 5040) .