Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Posts mit dem Label Handwerk werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Handwerk werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 23. Mai 2026

Sprengfreude

2013 wurde in Aarau das Rockwell-Hochhaus gesprengt, ich schrieb damals im "Tagi" eine Hommage ans Sprengen und rief deswegen auch den Innerrhoder Künstler Roman Signer an, der für seine Lust an der Detonation bekannt ist. Nein, er werde nicht nach Aarau fahren, um sich die Sprengung anzusehen, sagte Signer, er ziehe kleine Explosionen vor: "Wenn es zum Beispiel einen Hut lupft."

Vorgestern gabs in unserem Land wieder eine hübsche Sprengung eines industriellen Gebäudes. Im Wallis, in Collombey-Muraz. Dort tilgt man die Überleibsel der ehemaligen "Tamoil"-Raffinerie. Wie die zwei fast 100 Meter hohen Schornsteine, kumuliertes Gewicht 4000 Tonnen, binnen weniger Sekunden einstürzten: Das war grandios. 50 Kilo Sprengstoff haben es möglich gemacht.

Hier das knapp zweiminütige Filmli, gefunden auf der Plattform Youtube bei "vidsfromsam". Falls es unten mit dem Klicken nicht klappt, hier auch noch der Link.

Donnerstag, 19. Februar 2026

Alle sind satt geworden

Ein stimmungsvoller Anfang, oder? In der "Schweizer Familie" gibt es diese Woche eine dichte Reportage zu lesen, natürlich ist sie auch opulent bebildert. Meine Redaktionskollegin Angela Lembo hat im Freiburgischen die Wanderhirtin Sarah Müri getroffen. Die ist den Winter über permanent unterwegs gewesen mit den ihr anvertrauten Schafen, mit Hirtenromantik hat das gar nichts zu tun, es war harte Arbeit – eine Arbeit aber auch, die Sarah Müri schätzt, weil sie zu ihr passt, weil sie in Ruhe verrrichtbar ist und ihr Frieden bringt. Am Ende der Reportage wird es Abend, und Sarah Müri zieht Bilanz: "Alle sind satt geworden, heute war ein guter Tag." Wer mehr wissen will, kaufe das Heft, es lohnt sich allein wegen dieses schönen Textes.

Dienstag, 17. Februar 2026

Der Müller, der Baron und das Bier

Das kleine Feldbach mit seinem Bahnhof. Hinten in der Mitte Rapperswil.
Die Villa Rosenberg in Feldbach, in der der Müller und Bierbrauer
Hans Heinrich Hürlimann mit seiner Gattin Verena Bleuler lebte.
Die ehemalige Brauerei von Hans Heinrich
Hürlimann, ebenfalls in Feldbach.
Erstaunlich, dass das nicht sonderlich grosse Feldbach, ein Ortsteil der Zürcher Gemeinde Hombrechtikon, einen eigenen Bahnhof besitzt. Uns fiel das auf, als wir am Samstag dort vorbeikamen. Nicht zuletzt hat die grosszügige Erschliessung mit Hans Heinrich Hürlimann zu tun, einem hablichen Müller und Getreidehändler. Er gründete 1836 in Feldbach eine Bierbrauerei, nachdem er wenige Jahre zuvor in der Nähe auf einem Hügelsporn mit Blick auf den Zürichsee die herrliche Villa Rosenberg hatte bauen lassen; weil seine geliebte, aus Küsnacht stammende Gattin allem Anschein nach immer wieder mal von Heimweh geplagt wurde, liess er im grössten Raum des Hauses eine Wand mit der Ansicht ihres Dorfes bemalen. Doch zurück zur Brauerei. Die lief nicht besonders, des öftern musste das Bier als ungeniessbar weggeschüttet werden. Die Misswirtschaft hatte viel mit einem Baron zu tun, den Hürlimann als Partner eingespannt hatte; der Baron verstand von Bierbrauen gar nichts – und flog schliesslich auf, er war kein Baron, sondern ein Hochstapler. Der Brauereibetrieb ging weiter, das Geschäft lief aber meist nicht besonders, noch vor Ende des Jahrhunderts war das Unternehmen am Ende. Das Hürlimann-Bier ist trotzdem bis in die nahe Gegenwart geblieben: Der Sohn von Hans Heinrich Hürlimann nämlich, Albert, der in Kempten im Allgäu eine Ausbildung zum Brauer absolviert hatte, gründete 1866 in Zürich-Enge die Brauerei Hürlimann. Vor drei Jahrzehnten ist allerdings auch sie eingegangen.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Alpsteingetreide

Neuerdings eine Mühle: die Bürgerscheune in Nesslau SG.
Mehl aus der "Alpsteinmühle".
Abnehmerin der ersten Charge ist die Migros.
Die Verwandlung der rund 100-jährigen Bürgerscheune am Rand von Nesslau im Toggenburg war aufwändig und mit viel Fronarbeit verbunden; die "Schweizer Berghilfe", deren Medienmitteilung mich gestern auf das Projekt aufmerksam gemacht hat, half mit einem Beitrag von 50'000 Franken. Schon seit einigen Jahren bauen Mitglieder des Vereins "Alpsteinkorn" im Raum Säntis wieder hochwertiges Berggetreide an. Ein Problem, das sich vorerst stellte: Das Getreide konnte nicht im Berggebiet verarbeitet werden, in dem es wuchs. Eine 2023 gegründete Genossenschaft hat es nun zustandegebracht, besagte Bürgerscheune zu erwerben und zur Mühle umzurüsten. Im November liefen die Maschinen das erste Mal, und das gleich für einen Grossauftrag, Mitte Januar ging die erste Charge Ruchmehl aus der "Alpsteinmühle" an die Migros Ostschweiz. Was mich grad motiviert, bei meinem nächsten Besuch in der Region mal in St. Gallen oder Teufen zu schauen, ob ich das Mehl dort finde.

Sonntag, 25. Januar 2026

Geberts Fabrik

Im Foyer der Alten Fabrik in Rapperswil (sorry für die
dilettantische Retusche, ich kanns nicht besser).
Die Gebert-Fabrik in ihren Anfängen.
(Foto: Infotafel vor Ort)
Albert Emil Gebert, ein Spengler, kreierte einen mit Blei ausgeschlagenen Holzspülkasten und brachte es fertig, diesen ab 1905 in Serie zu produzieren. So begann der Aufstieg der Firma Geberit, deren WC-Spülkästen uns allen ein Begriff sind. In Rapperswil wirkte der Pionier, unterhielt dort in der ganzen Stadt etliche Werkstätten, eine von ihnen, die heutige "Alte Fabrik", war das Stammhaus des Unternehmens, das heute global geschäftet. In dieser Fabrik von einst ist in der Gegenwart die Stadtbibliothek untergebracht plus ein sehr schönes Kulturlokal. In ihm erlebte ich am Donnerstag den Aufritt der Appenzeller Stand-up-Comedian Reena.

Montag, 13. Oktober 2025

Der Holzweg nach Basel

Reizendes Gewässer in einem stillen ... 
... Seitental: der Bogentalweiher.
Der Hof Bogenthal. Der Weiher liegt verdeckt am linken Bildrand.
Als wir am Samstag im Gebiet Wasserfallen/Passwang wanderten, kamen wir auch zum Bogentalweiher beim Hof Bogenthal. Gemeinde Lauwil, Basel-Landschaft. Die Lüssel, die höher oben im engen Talschlitz dem Erdgrund entspringt, ist an diesem Ort zu einem Weiher aufgestaut, einem herrlich lauschigen Gewässer samt Riedgürtel. Dank der Website der regionalen WWF-Sektion weiss ich, dass hier der Glögglifrosch lebt, die seltene Geburtshelferkröte. Interessant auch die Geschichte des Weihers. Er wurde zu Ende des 15. Jahrhunderts angelegt als Flösserweiher. Fällte man in der Umgebung Bäume, schleppte man die Stämme zum nahen Weiher, in dem sie landeten. Am Flössertag entleerte man den Weiher rasch, die Flutwelle reichte, die Stämme die Lüssel hinab zu tragen. Auf dem Anschluss-Fluss, der Birs, reisten sie weiter nach Basel. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam dieses so zu Holz aus dem Juragebirge. 

Dienstag, 30. September 2025

Der Köhler von Wäldi

"Schweizmobil"-Screenhot mit Napoleonturm und Cholhoo. 
500 Meter vom Napoleonturm in der Thurgauer Gemeinde Wäldi entfernt gibt es ein Waldstück Cholhoo. Wir kamen dort vor zwei Wochen durch – und ich fragte mich, warum der Ort so heisst. In der wissenschaftlichen Datenbank ortsnamen.ch wurde ich fündig. Chol steht für Kohle und verweist wohl auf den Platz eines Köhlers, der hier einst arbeitete. Und hoo ist gleich Hau, gemeint ist eine Waldfläche, auf der Holz gehauen, also geschlagen wurde. Wieder etwas gelernt.

Donnerstag, 23. Januar 2025

Der Mühledämon

Aus dem Mund kam die Kleie: drei Kleiekotzer im Basler Mühlemuseum.
Mühlen lagen oft im Abseits, am Rand eines Dorfes oder weiter draussen, in einem schmalen Tobel oder schmummrigen Bachtal. Kein Wunder, sind sie oft mit Gespenstergeschichten verbunden. Auf diese Unheimlichkeit der Mühle spielte der Brauch an, jenen Trichter, aus dem während des Mahlens die vom Mehl getrennte Kleie ausgespien wurde, in Form einer Fratze zu gestalten. Der von Menschenhand geschaffene, geschnitzte Dämon würde andere, bösere Geistwesen fernhalten, meinte man; er wurde "Kleiekotzer" genannt. Im Mühlemuseum in den Merian-Gärten in Basel sah ich letzten Sonntag eine Handvoll Kleiekotzer und amüsierte mich über das mir völlig neue Wort.

Sonntag, 4. August 2024

Aufstieg und Ende einer Fähre

Die Reste des alten Fährhauses am Ostufer der Aare bei der Burgruine Freudenau, Untersiggenthal.
Die Strassenbrücke hinüber zur Stilli.
Als wir am Montag von Turgi nach Döttingen wanderten, kamen wir auch zur Autobrücke, die über die Aare zur Stilli führt. Sie ist die Nachfolgerin einer früheren, 1903 gebauten Strassenbrücke. "Stilli", der Name der kleinen Ortschaft, die seit fast zwei Jahrzehnten zur Gemeinde Villigen gehört, rührt daher, dass die Aare in diesem Abschnitt still fliesst. Also keine Wirbel bildet und auch nicht übermässig zieht. Beste Voraussetzungen für eine Fähre. Tatsächlich entstand die Siedlung am Westufer der Aare, nachdem die adeligen Gebietsherren 1446 beschlossen hatten, an der günstigen Stelle eine Fähre einzurichten. Von ihr profitierten viele, die Stillemer bedienten die Waren- und Personenfähre, transportierten Menschen und Waren, beteiligten sich an der Flösserei und am Holzexport ins Ausland. Das Geschäft florierte, bis im 19. Jahrhundert erste Wasserkraftwerke in der Region die Schifffahrt erschwerten. Die Eisenbahn konkurrenzierte zudem den Verkehr auf dem Wasser. Das Ende der Fähre bei der Stilli kam schliesslich, als Anfang des 20. Jahrhunderts die erwähnte Strassenbrücke erstellt wurde. Am Ostufer, gleich bei der Burgruine Freudenau, sind von der einstigen Fähre die Mauerreste eines Häuschens geblieben. In ihm fanden die Fährleute und ihre Passagiere bei schlechtem Wetter Schutz.

Montag, 3. Juni 2024

Gooooold!

Das hübsche Signet der Veranstaltung.
 (Screenshot von der Site goldwaschen.ch)
Wäre sicher einen Ausflug wert: Vom 28. bis 30. Juni findet in Pfyn im Kanton Thurgau eine Schweizermeisterschaft im Goldwaschen statt, dies nach mehreren Jahren Unterbruch. Am Freitag können Interessierte beim "Plauschwaschen" probieren, wie man Gold aus dem Wasser holt, am Samstag geht es dann ernsthaft zur Sache mit den Qualifikationsläufen, und für den Sonntag sind die Finalläufe in den verschiedenen Kategorien angekündigt. Goldig, oder?

Freitag, 3. Mai 2024

Die Lowa-Visite

Matten bei Interlaken im Berner Oberland, die Schweizer "Lowa"-Niederlassung.

Ein oberbayrischer Schuhmacher namens Wagner hat drei Söhne. Vor gut 100 Jahren gründet jeder von ihnen ein eigenes Schuh-Unternehmen, Hans kreiert die Marke Hanwag, Adolf die Marke Hochland, Lorenz die Marke Lowa. Jetzendorf nah München, wo Lorenz 1923 startete, ist bis heute Sitz von "Lowa Sportschuhe". Und damit zu meinen Füssen. Sie sind, seit ich wandere, immer mit Lowa bestückt, ich trage in leichterem Gelände das Modell "Renegade" und in eher schwierigem Gelände den "Camino". Letzten Freitag besichtigte ich mit einer Kollegin die Schweizer Lowa-Niederlassung in Matten bei Interlaken. Hier besorgt man den Vertrieb und das Marketing in der Schweiz, hinzu kommt ein wichtiges Stück Kundendienst, die hauseigenen Fachleute flicken beschädigte Schuhe, die ihnen aus der Schweiz zugehen, und besohlen auch neu. Drei Kennzahlen, die ich bei meiner Visite lernte:
  • 65 000 bis 95 000 fabrikneue Outdoorschuh-Paare lagern je nach Saison in Matten.
  • 2100 Schuhe werden jedes Jahr neu besohlt.
  • 21 Arbeitsschritte braucht es für eine Neubesohlung. Wer also meint, das gehe ganz schnell, husch die alte Sohle abgetrennt und die neue aufgeklebt, der täuscht sich. Der Vorgang ist aufwändig und braucht Zeit.
    Das Lager mit Zehntausenden fabrikneuer Schuhe.
    Schuhe, die gleich repariert oder neu besohlt werden.

Mittwoch, 13. März 2024

Harry und der Haarsalon

Dirty Harry ist der Held des gleichnamigen Actionfilms von 1971 und von vier Folgefilmen. Clint Eastwood verkörpert den wortkargen und sehr schiessfreudigen Polizisten Harry Callahan mit dem riesigen "Magnum"-Revolver. Als ich 1981 in Bern zu studieren begann, belegte ich im zweiten Nebenfach Philosophie; vorerst, später wechselte ich auf Religionsgeschichte. Gegen Ende des Jahres gabs in einem Berner Kino ein Dirty-Harry-Spezial. Ich ging eines schönen Nachmittages hin und fand die gesammelten Ballereien herrlich entspannend. Als in der Pause das Licht anging, sass ganz in der Nähe ein junger Philosophie-Assistent, der ein Proseminar leitete, an dem ich teilnahm. Ihm war es furchtbar peinlich, dass wir uns im Dirty-Harry-Zusammenhang begegneten; als Intellektueller legte man damals Wert darauf, sich nur mit intellektuellen Dingen zu beschäftigen. Sei dem, wie dem sei, unlängst kamen wir in Lenzburg am Coiffeursalon "Dirty Hairy" vorbei. Ich fand den Namen nicht sonderlich gelungen, das Wortspiel mag ja lustig sein, aber was hat ein Coiffeur mit Harry Callahan zu tun? Frisiert er so schnell, wie der Cop schiesst?

Nachtrag: Leserin Betti lässt mich wissen, dass "Dirty Hair" auch ein Frisurentrend ist. Der Fettig-Look ist derzeit offenbar beliebt.

Sonntag, 11. Februar 2024

Die Sandsteinvisite

Ein Screenshot der Schweizmobil-Karte:
Am schnellsten erreicht man die 
Sandsteinhöhlen (oben rechts) vom
Bahnhof Teufenthal (unten links) aus.
Auf dem Gebiet der Gemeinde Gränichen im Wynental, Kanton Aargau, gibt es über 30 Sandsteinbrüche. Vor allem im 19. Jahrhundert war der Bedarf an Sandstein riesig, damals ersetzten vielerorts Steinhäuser die alten Holzbauten. Gestern schauten wir im bedeutendsten Gränicher Steinbruch vorbei, demjenigen im Liebegger-Wald in der Nähe von Schloss Liebegg; an diesem Ort finden sich, soweit wir sahen, sowohl natürliche Höhlen als auch Kavernen, die während des Abbaus entstanden. Um 1850 gab es in Gränichen rund 70 Fuhrhalter. Sie spannten ihren Fuhrwerken mal Pferde und mal Ochsen vor, bis zu drei Tonnen schwere Quader führten sie hinab ins nahe Tal. Heutzutage ist das alles Historie, die Steinbrüche sind stillgelegt; schön war gestern, dass wir die einzigen Leute auf Besichtigungstour waren.

Sonntag, 21. Januar 2024

Das Reich der Moche

So muss man sie sich vorstellen: zwei Moche-Männer.

Moche-Frau mit Kind.
Das römische Kaiserreich, der Aufstieg des Christentums, Roms Zusammenbruch, die Völkerwanderung und das frühe Mittelalter: Ereignete sich alles vom ersten bis achten Jahrhundert nach Christus, wir haben darüber in der Schulzeit so einiges gelernt. Doch wer waren die Moche? Nun, exakt in derselben Zeitspanne von 700 Jahren errichten sie – ihr Name wird übrigens spanisch ausgesprochen, "Motsche" – an der Nordküste Perus ihr Reich, einen kriegerischen Staat. Schriftliche Aufzeichnungen haben uns die Moche nicht hinterlassen, wohl aber ihre Keramikwaren, die von künstlerischer Meisterschaft zeugen und so einiges über diese Zivilisation verraten, die um 500 nach Christus blühte und am Ende von derjenigen der Inka abgelöst wurde. Wer mehr über die Moche wissen will, reist nach Schaffhausen und besucht das Museum zu Allerheiligen, dort läuft derzeit eine Ausstellung zum Thema. Während ich sie mir gestern anschaute, beschäftigte mich immer wieder die Frage der Gleichzeitigkeit: Was, wenn sich Römer und Moche gekannt hätten? Hätten sie sich bekämpft? Es ist anzunehmen. Und wer hätte gesiegt? Das bleibt offen. Sie wussten ja nicht einmal voneinander.

Zwei rätselhafte Skelettwesen, jedes mit einer Frau zur Seite. Das rechts bläst auf einer Flöte.
Beim Paar zur Linken ist, glaube ich zu erkennen, etwas Sexuelles im Gang. Beide
Keramikerzeugnisse sind Gefässe, daher (das gilt auch für die anderen Fotos) die Röhren.

Donnerstag, 18. Januar 2024

Die Atmos atmet wieder

Raffinierter Mechanismus: eine Schreibtischuhr
"Atmos Reutter". Aber nicht das Exemplar, um das es
in diesem Eintrag geht. (Foto: Atmos Reutter / Wikicommons)

Uhrengeschichten lese ich immer gern. Was eine atmosphärische Uhr ist, wusste ich bis anhin nicht, habe in diesem Fall also erst noch etwas gelernt. Nun, solche Modelle beziehen ihre Antriebskraft aus Temperaturschwankungen. Die "Atmos" von Jaeger-LeCoultre, um die es hier geht, birgt in ihrem Inneren eine Druckdose. Darin ist ein Gas gefangen, das sich je nach Temperatur ausdehnt oder zusammenzieht. Die dabei entstehende Energie wird auf eine mechanische Feder geleitet, eine Schwankung von einem Grad Celsius reicht, um die Uhr für 48 Stunden in Gang zu halten. Verrückt, oder? Die erwähnte Geschichte handelt von einer "Atmos" mit der speziellen Seriennummer 0000, sie war ein Abschiedsgeschenk des Schweizer Bundesrates für den Zuger Hans Hürlimann, als dieser 1982 aus dem Siebnergremium austrat. Die Uhr ging später an Hürlimanns Sohn über, den Schriftsteller Thomas Hürlimann, der sich an ihr erfreute, bis sie vor einiger Zeit eines Tages nicht mehr ging. In einem Interview in der NZZ erzählte Thomas Hürlimann davon und erwähnte, dass ein Uhrmacher befunden hatte, der Uhr sei nicht mehr zu helfen. Im Folgenden meldete sich das Zürcher Uhren- und Schmuckgeschäft "Beyer Chronometrie", das in seiner Werkstatt einen Atmos-Spezialisten beschäftigt. Der schaffte es tatsächlich, die Uhr wieder zum Laufen zu bringen. Thomas Hürlimanns Kommentar in der "Beyer"-Kundenzeitschrift, in der ich die Geschichte gelesen habe. "Die Atmos atmet wieder. Werden und Vergehen, Vergehen und Werden – das ist das Geheimnis der Zeit."

Montag, 8. Januar 2024

Eine berühmte Emmentalerin

Am Samstag fotografierte ich am Bahnhof Bülach den Bildschirm
eines Billettautomaten. Im Ruhezustand zeigt er die berühmte SBB-Bahnhofsuhr.

Sumiswald im Emmental, Kanton Bern, brachte im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder Uhrmacher hervor, die Pendulen, Kastenuhren und Standuhren von grosser Präzision fertigten. Habe ich letzten Donnerstag erzählt. Was ich hier nachtragen will: In Sumiswald gibt es heute noch einen Uhrenhersteller. Einen gewichtigen. Die Moser-Baer AG baut für Abnehmer in aller Welt High-Tech-Zeitmesser, die zum Beispiel in Kraftwerken oder Spitälern eingesetzt werden. Das Unternehmen wurde 1938 von Wilhelm Moser gegründet – schon 1947 landete es einen Coup. In Zusammenarbeit mit dem SBB-Ingenieur Hans Hilfiker entstand die berühmte Bahnhofsuhr mit dem Sekundenzeiger, dessen Form der Kelle eines Stationsvorstandes nachempfunden ist. Heute ist die SBB-Uhr ein Klassiker. Eine Schweiz-Ikone. Dass sie aus Sumiswald kommt: Also ich hatte das bis anhin nicht gewusst.

Donnerstag, 4. Januar 2024

Glücksfall im Emmental

Pendulen im Restaurant Kreuz in Sumiswald.
Eine Sumiswalder Kastenuhr 
von circa 1880 mit kunstvoll
geschnitztem Gehäuse aus Brienz.

Das Zifferblatt derselben Uhr von nahem.

Ronald Scherer und ich im "Kreuz".
(Foto: Ronja)
Als wir am 30. Dezember das "Kreuz" in Sumiswald ansteuerten (Eintrag von gestern), hatten wir nicht nur Essen im Sinn. Im ehrwürdigen Barockbau gibt es auch eine Uhrenausstellung, von der ich Tage zuvor aus einem Artikel der "Schweizer Familie" erfahren hatte, der just heute erscheint; die Artikel der eigenen Publikation früher zu lesen als die Öffentlichkeit, ist eines der kleinen Privilegien des Journalistendaseins. Also: Wir spiesen im "Kreuz" deftig. Und stiegen dann einen Stock höher zu jenen Räumen, die in der Regel allen einkehrenden Gästen offenstehen. Rund 130 Pendulen, Standuhren, Kastenuhren empfingen uns, von denen fast alle aus Sumiswald stammen; das Emmentaler Dorf hat im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder Uhrmacher hervorgebracht, die hervorragend genaue – und sehr schöne – Zeitmesser herstellten. Während wir schauten und staunten, fiel uns in einem Raum eine bereitgelegte Profikamera auf, an der Wand war eine weisse Leinwand parat, offensichtlich war da jemand daran, Fotos von den Uhren zu machen. Bald erschien der Besitzer der Kamera, Ronald Scherer, 57. Er hatte sich unten in der Gaststube mit einer Suppe gestärkt. Nun stellte sich heraus: Der IT-Fachmann aus dem solothurnischen Leimental, der mit einer eigenen Software zur Flugzeugwartung gutes Geld verdiente, ist der Besitzer der ausgestellten Sumiswalder, die er sammelt, restauriert, repariert. Und er ist bald auch der Besitzer des Restaurants Kreuz. Ronald Scherer, ein offener und freundlicher Mensch, gab uns gleich eine kurze Einführung zu den Sumiswalder Uhrmachern und ihren Erzeugnissen – was für ein Zufall, was für ein Glücksfall, dass wir ihn antrafen. Und um auch dies noch aufzulösen: Die Fotos, die er derzeit macht, werden bald ein Buch zieren, in dem er seine sämtlichen Sumiswalder vorstellt samt dem Umfeld, in dem sie entstanden.

Samstag, 9. Dezember 2023

Das Wort zum Samstag

 


Trowalisieren? Was zur Hölle ist das denn? Grad eben ging mir von einer Firma in Biberist, Kanton Solothurn, ein Mail zu, in dem das Wort vorkam. Ich schlug es nach. Es handelt sich um ein Schleifverfahren. Man gibt dabei Werkstücke, meist solche aus Metall, zusammen mit Schleifkörpern, den sogenannten Chips, in einen Behälter. Dieser wird in Rotation oder Schwingung versetzt, so kommt es zu einem Schleifeffekt. Willkommen in meinem Wortschatz, liebes Trowalisieren.

PS: Heute wird endlich wieder gewandert. Und zwar in der Gegend von Willisau. Ich hoffe, das Wetter benehme sich manierlich.

Mittwoch, 1. November 2023

Er schnitzte seine Welt

In diesem Holzhaus im Dorfkern von Sachseln ist
im ersten Stock die Sammlung Sigrist untergebracht.
Eine der Szenen, die Christian Sigrist schuf: Steinhauer an der Arbeit.
Christian Sigrist aus Sachseln, 1906–1987, betrieb eine Kunstschlosserei, lancierte als Fuhrhalter aber auch einen Transportdienst zur Älggi-Alp hinauf, wo bekanntlich der Mittelpunkt der Schweiz liegt. Gerne und mit Geschick schnitzte Christian Sigrist. Als er dann im Pensionsalter war, beschäftigten ihn die grossen Veränderungen in seiner bäuerlich-gewerblich geprägten Welt – er verspürte den Drang, das Entschwindende zu dokumentieren. Und also begann er Menschen, Werkzeuge, Geräte, Räume, Bräuche, Berufe schnitzend darzustellen. Die 28 detailliert und präzis ausgearbeiteten Szenen, die so entstanden, zeigen zum Beispiel eine Alpsennerei, einen Waschplatz, eine Sägerei, aber auch die Feuerwehr, das Schnapsbrennen und das Bierbrauen. Puppenstubengross sind Sigrists Miniaturmodelle, haben aber nichts Herziges und Jöliges; Dinge, die wir Heutigen kaum noch oder gar nicht mehr kennen, werden mit grossem Ernst vorgeführt. Volkskundlich ist das von grösstem Wert. Letzten Samstag, als wir in Sachseln waren, besuchten wir die Sammlung Sigrist, die am Dorfplatz in einem alten Holzhaus untergebracht ist, dem Nebengebäude des benachbarten Herrenhauses, in dem sich das Museum Bruder Klaus eingerichtet hat. Wer Lust bekommt, in den nächsten Tagen hinzugehen: Geht nicht, Saisonschluss. Unsereins hat es knapp noch geschafft.

Mittwoch, 26. Juli 2023

Visite beim Seifenmacher

Vor Wochen war ich in Arosa. Traf dort Beat Urech, der in seiner Manufaktur Naturseifen fertigt. Begleitete den gelernten Drogisten einen Tag lang beim Herstellen einer Heuseife, für die wir bei einem örtlichen Bergbauer gleich auch noch Heu holten. Jetzt ist der Artikel erschienen, der zeigt, wie eine solche Seife im sogenannten Kaltverfahren entsteht, es geht im Text um Sheabutter, ätzende Lauge, Heu "absolue" (ein Fachbegriff) und die sogenannte "Seifenhochzeit". Kann man alles nachlesen, man bekommt die "Schweizer Familie" am Kiosk. Mein Foto zeigt Fotograf Nicola Pitaro an der Arbeit. Und wir sehen Seifenmacher Beat, der nach einer Prozedur von dreieinhalb Stunden die fertige Seifenflüssigkeit in eine Serie von Fichtenholzkistli überführt, in denen sie sich zwei Tage verfestigen wird, um schliesslich mit einer Art überdimensionierter Eierharfe in handelsübliche Stücke zerteilt zu werden. Schön, wie man im Journalismus Geschichte um Geschichte zulernt. Ich bin jetzt ein Seifenwisser.