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Samstag, 7. November 2026

Blöde Franzosen

Der Crestasee ist auch ein Spiegel.
Blick zurück von Trin zum mächtigen Flimserstein.
Die Burgruine Canaschal in Trin.
Eine abwechslungsreiche Route, mal Kiesbelag und mal Wiese, mal Dorfstrasse und mal Waldweg. Und auch das Wetter war gemischt, Wolken im Wechsel mit blauem Himmel und Sonnenschein. Am Mittwoch wanderten wir von Flims via Crestasee, Trin Mulin, Trin, Tamins und Reichenau zum Bahnhof Reichenau-Tamins. Vier Stunden brauchten wir, sahen viel Schönes oder doch Interessantes. Den Crestasee etwa, dessen einer Badesteg ein wenig eingesackt war, eine Folge der Trockenperiode wohl. Wir hatten das Gewässer praktisch für uns, was auch für die Wanderwege abseits der Dörfer gilt. In Trin bestiegen wir in einem Mini-Abstecher den Hügelsporn mit der Burgruine Canaschal. Bewunderten später Schloss Reichenau, das der Familie von Tscharner gehört, Bündner Patriziat. Und natürlich las ich als Ausserrhoder in Reichenau auf der Rheinbrücke mit Stolz die historische Tafel. Sie erzählt, dass es lange vor dem heutigen Eisenmodell von 1881 hier schon eine Brücke gab. Um 1755 enstand sie, war aus Holz und ging auf die Baumeister Johannes und Hans Ulrich Grubenmann aus Teufen AR zurück. Bis 1799 stand diese erste Brücke. Napoleonische Truppen, also die Franzosen, setzten sie in jenem Jahr in Brand, als sie vor den anrückenden Österreichern flohen. Blöd.
Grossformatige Wandkunst beim Schulhaus von Trin.

Fünf Minuten vor Wanderschluss passierten wir die Rheinbrücke bei Reichenau.

Freitag, 6. November 2026

Dank an die schmerzhafte Mutter

Hier assen wir: Das Restaurant (und Hotel) Vogelsang etwas oberhalb von Eich.
Wanderkollege mit Kapuze, die Bise blies grad bös.
Der Himmel grau, der Horizont rundum verhangen, die Wege verlassen, abseits der Dörfer kein Mensch unterwegs. Gelegentlich schien es aufzuhellen, doch diese Momente gingen vorbei. So war das am Montag, als ich mit Freund Markus von Hochdorf via Römerswil, Gormund, Schopfe, Vogelsang nach Eich zog. Im Restaurant Vogelsang, wo wir vorzüglich spiesen und überhaupt uns wohl fühlten, sagte ich zu Markus, derweil sich dieser in genüsslicher Langsamkeit seinem Herbstteller widmete: "Gell, wir dürfen dann nicht trödeln, jetzt im November zählt jede Sonnenminute." Das war natürlich ein Witz, denn Sonnenschein hatten wir auf unserer knapp vierstündigen Unternehmung (reine Gehzeit) gar keinen. Doch auch diese Wetterlage hat ihre Vorzüge. Nervige Bikerinnen und Biker zum Beispiel trafen wir nicht an. Hatten die Landschaft ganz für uns. Und genossen in der Ruhe die Details wie etwa das gelbe Herbstlaub. Auch die Hochnebeltage haben ihren Reiz.
Die Kapelle von Gormund am höchsten Punkt 
unserer Route. Sie ist ein beliebtes Wallfahrtsziel.

Dienstleistung in der Kapelle.

In der Kapelle Gormund hängen viele Dankestafeln. Diese ist knapp
200 Jahre alt und besagt: Danck sey Gott und der schmerzhaften Mutter 
im Gormund, dass sie meine Bitt erhört, und mich in meiner Betrübnus
und Kranhkeit glücklich errettet und befreit hat."

PS: Nachtrag zu gestern. Es ging darum, wie man im Gastgewerbe einen Herbsteller auch nennt. Hier, was mir zuging jeweils unter Nennung eines bestimmten Restaurants.
Leserin Marianne: Vergebene Jagd
Leserin Monika: Wild ohne Wild
Reto: Erfolgloser Jägerteller
Meinrad: Schuss ohne Treffer

Donnerstag, 5. November 2026

Antijägerteller

Im Restaurant Vogelsang in Eich LU bekam Freund Markus eben diesen prächtigen Teller mit allen Wildbeilagen, aber ohne Wild serviert. Auf der Karte heisst er "Vegetarischer Herbstteller", was sich als Bezeichnung mehr oder minder eingebürgert hat, wobei das "vegetarisch" bisweilen auch weggelassen wird. Auch schon las ich "Wildteller ohne Wild". Und einmal amüsierte mich in einem Zürcher Oberländer Lokal die witzige Kreation "Antijägerteller". Was mich zur Frage führt: Kennt jemand ein anderes Wort für den Herbstteller, der Jahr für Jahr beliebter zu werden scheint? Wenn ja, freue ich mich über eine Zuschrift auf widmerwandertweiter@yahoo.de.

Mittwoch, 4. November 2026

Der Kastanienhype

Süsses im Sinn: die Schlange am Eingang zur "Vermicelleria".
Hier isst man, was man …
… in der Vitrine sieht und bestellt. Die Vermicelles 
kann man mit allerlei Zutaten kombinieren.
Mein Schälchen ist viel zu vollgepfropft.
Anrichten ist auch eine Kunst.
Die "Vermicelleria" in Zürich, diesen Herbst in ihrer achten Ausgabe dreieinhalb Wochen besuchbar bis 22. November, war vor der Eröffnung allgegenwärtig. In Zeitungen, auf Social-Media-Plattformen, in Newsletters las man vom jungen Team aus Zürich, dessen Kastanien aus dem Tessin, aus Südbünden und aus dem Wallis ohne Konservierungsstoffe zu Püree verarbeitet werden. Sympa. Eine ehrliche Sache. The real deal. Ich liess mich auch verlocken, begab mich gestern in den Kreis 5 und war schockiert von der Schlange, die sich zur Türöffnung um 14 Uhr bereits gebildet hatte. Eine Viertelstunde später hatten wir, ich und M., unsere Vermicelles vor uns, meine mit einer Kugel Vanilleglace, einer Meringue und Schlagrahm, die von M. mit einer veganen Meringue und Mandelcrème. Beide fanden wir, dass die Vermicelles mundeten. So normal mundeten. Nicht irgendwie sensationell. Schulnote fünf. Die vegane Meringue allerdings: weisse Ziegel mit aufdringlichem Zuckergout. Und die Mandelcrème war unangenehm säuerlich. Wir waren einem Hype aufgesessen. Mir jedenfalls ist nicht klar, warum diese Vermicelles besser sein sollen als die vom Coop oder vom Confiseur. Aber teuer, das waren sie.

Dienstag, 3. November 2026

Eine Luzerner Tour

Mauernische mit Halskette: der historische Pranger am Rathaus von Sursee.
Die Preise machen klar: Alt ist das Schild.
Blick von der Treppe der katholischen Pfarrkirche auf Sursees zentrale Altstadtgasse.
Der Riedgürtel am Sempachersee.
Eglifilets an Proseccosauce in Oberkirch.
Vom Gamma-Inseli im Sempachersee am Rand von Sursee hab ich vorgestern erzählt. Hier die zugehörige, leichte Unternehmung, die ich mit meinem Berner Freund Chrigu unlängst unternahm. Wir schauten uns als erstes Sursee an samt der riesigen Pfarrkirche, diversen Kapellen, dem Pranger, den historischen Häusern und dem ehemaligen Stadtgraben, in dem schöne Gärten eingerichtet sind. Danach gings runter zur Spitze des Sempachersees, hübsch die schmalen Pfade und Holzstege durch den Riedgürtel. Anschliessend wanderten wir hinüber ins nahe Nottwil, was gut anderthalb Stunden dauerte. Dort angekommen, tranken wir im Paraplegikerzentrum – monumentale Anlage – einen Kafi und fuhren dann, derweil der Nachmittag in den Abend überging, wieder heim. Habe ich etwas zu erwähnen vergessen? Ah, ja, klar, etwas Zentrales: Zwischen Sursee und Nottwil gabs in Oberkirch Zmittag im "Hirschen", einer Wirtschaft mit einer mehr als 400-jährigen Geschichte. Im ganz und gar modernen Wintergarten ass ich Egli aus dem Sempachersee und Chrigu Kalbsbäggli. War beides hervorragend. 

Montag, 2. November 2026

Das Filmhaus

Das hätte ich gern erlebt: Im "Studio 4", wie das Kino an der Zürcher Nüschelerstrasse hiess, gab es in den Anfängen scheinbar keine Leinwand. Alle Wände im Saal waren bedeckt mit schwarzem Samt. Startete der Film, begannen jene Prismen, aus denen die Wand vorne bestand, sich zu drehen und sich neu zusammenzusetzen zu einer Leinwand. 1949 war das "Studio 4" zeitgleich mit dem ganzen Bau eröffnet worden. Die Fassade fügte sich in die Umgebung ein, rundherum standen Geschäftshäuser, nüchterne Moderne. Innen aber hatte der Bauhaus-Künstler Roman Clemens eigenwillig gewirkt, der Grundriss ist asymmetrisch, die Linien fliessen. 1983 ging das "Studio 4" in städtische Hand über und ist heute bekannt als "Filmpodium". Nicht gerade knallig, dieser Folgename. Aber das Programm ist gut, weil eigenwillig, zu sehen sind zum Beispiel grossartige Retrospektiven. Am Wochenende war ich im "Filmpodium". War angetan von Richard Linklaters Animationsfilm "Apollo 10 1/2", der ins Jahr der Mondlandung zurückblendet. Und genoss das einmalige Ambiente dieses kommunalen Kinos, das längst unter Heimatschutz steht.

Sonntag, 1. November 2026

Inselzwerg

Also gross ist es nicht, das Gamma-Inseli.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts senkte man den Spiegel des Sempachersees um fast zwei Meter ab, beseitigte so die Gefahr von Überflutungen. Bei Sursee an der Nordspitze des Sees tauchte damals eine kleine Insel auf, die später "Gamma-Inseli" getauft wurde. Die Verkleinerungsform ist angemessen für eine Landfläche von bloss 184 Quadratmetern. Vögel schätzen das dschungelartig überwachsene Areal, es  bietet ihnen Schutz und ist ein winterlicher Rückzugsort. Als ich unlängst in Sursee war, registrierte ich am See natürlich das Inseli – bekanntlich ist die Schweiz eher arm an Inseln, sieht man mal eine, findet man das bemerkenswert. Archäologen ist das Gamma-Inseli ein Begriff, weil auf ihm schon in der Jungsteinzeit Menschen lebten, als der Seespiegel ebenfalls tief lag.  Fundgegenstände wie etwa Teller- und Topfscherben belegen die prähistorische Siedlung. 1960 befestigte man das Ufer des Inselis rundum mit Steinen, um eine Unterspülung durch das Wasser zu verhindern. So ist damit zu rechnen, dass es uns erhalten bleibt.
Und hier die Erklärung, woher der Name des Inselis rührt.