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Sonntag, 7. Juni 2015

Die erste Pfarrfrau der Schweiz

Am Freitag arbeitete ich zuhause, private Dinge, die Kolumne auch, so circa von halb sieben bis halb eins. Gegen ein Uhr kamen die Fensterputzer, eine Frau, ein Mann, Balkan, freundliche Leute. Ich übergab ihnen den Ersatzschlüssel für die Wohnung und ging in die Stadt, wo ich Thaifood ass, vom Buffet: Fisch, Reis, Glasnudeln, gedämpftes Gemüse. Dann streifte ich ein wenig herum, trank einen Kaffee vor dem Restaurant Sternenböckli, pardon, Starbucks, besichtigte hernach die Wasserkirche und deren Krypta. Am Hotel Helmhaus sah ich ein Schild, das ich nie zuvor gesehen hatte. Es erinnert an Anna Zwingli, die erste Pfarrfrau der Schweiz, wie da stand. Die geborene Reinhart, aus hablichem Haus, Jahrgang 1484, war eine eigenwillige Person, heiratete mit 20 gegen den Willen von dessen Vater den Junker von Knonau, gebar drei Kinder. 1517 starb ihr Mann, sie wohnte weiter in der Nähe des Grossmünsters, lernte den Leutpriester Ulrich Zwingli kennen, lebte mit ihm in geheimer Ehe zusammen; es nähme einen wunder, was das genau war. Im April 1524 heirateten die beiden offiziell, das erste von vier Kindern kam schon im Juli, oha. 1531 starb Zwingli, der Kopf der Zürcher Reformation, in der Schlacht bei Kappel, in der gleichen Schlacht kamen auch Anna Zwinglis Sohn aus erster Ehe und ihr Bruder um. Sie war nun zum zweiten Mal Witwe, lebte noch sieben Jahre, bis 1538. Wie gern läse ich eine Biografie dieser Frau, die laut dem Schild übrigens das Zürcher Armenwesen aufbaute! Und noch viel lieber wäre mir ein historischer Roman über sie! Dies denkend, fuhr ich wieder heim in eine Wohnung, die um einiges heller war als noch am Vormittag.

Samstag, 6. Juni 2015

Lasst den Himmel nicht aus den Augen!

Heute geht es von Glarus auf den Mullerenberg hoch über Mollis; ich habe diese Route nicht zuletzt deshalb gewählt, weil es immer wieder Häuser, Hütten, Ställe am Weg hat, man möchte nicht schutzlos dastehen, wenn ein Gewitter aufzieht. Zieht es auf? Und wann? Der eine Wetterdienst spricht vom frühen Nachmittag, der andere vom Abend. Im Alpenrösli wollen wir essen, dann soll die Wanderung hinüber zum Habergschwänd führen, einem Ort mit einer Sesselbahn hinab nach Filzbach. Mal schauen, ob wir bis ans Ziel kommen, man muss heute flexibel sein. Allen, die auch losziehen, wünsche ich viel Spass. Und lasst mir den Himmel nicht aus den Augen, Freunde!
Glarus einst. (Wikicommons).

Freitag, 5. Juni 2015

Hat jemand 15 Millionen?

2014 wurde das Kloster Disentis 1400 Jahre alt. Rechts das Fassadenplakat.
Am Kloster Disentis sah ich gestern ein riesiges Plakat, darauf stand: "Dringend notwendig - Restaurierung der Klosterkirche St. Martin." In der Stiva St. Placi, dem vor kurzem eröffneten Klosterbeizli, erfuhr ich, worum es geht. Der Zustand der Kirche samt Prachtfassade ist schlecht, man muss handeln; die Kosten dürften gut 15 Millionen Franken betragen, wovon nur ein kleiner Teil gesichert ist. Also, herhören, Reiche! Wenn ihr ein Herz für Kirchen und Klöster und deren Kunst habt, könnt ihr in Disentis wirken. Die Führung mit Pater Pirmin (ich war übrigens für die "Schweizer Familie" unterwegs) war dann ergiebig, ich sah: einen wunderbaren Renaissance-Altar, die Reste der allerersten Martinskirche (die heutige aus der Barockzeit ist die dritte), das Museum mit ausgestopften Tieren der Gegend, darunter ein imposanter Steinbock und ein noch viel imposanterer Riesen-Uhu.
Auf der Terrasse des neu realisierten Restaurants Stiva St. Placi.

Donnerstag, 4. Juni 2015

Gestern sah ich einen Steinbock - von ganz nah

Die Fotos, die ich gestern in Disentis machte, zuerst auf einer nicht allzu langen Wanderung, dann bei einer Klosterbesichtigung - diese Fotos sind noch in meiner Kamera gefangen. Ich war gestern nach der langen Rückfahrt zu müde, sie auf den Computer zu laden und zu sichten. Hier zunächst ein iPhone-Schnappschuss von der Heimreise im Zug zwischen Disentis und Chur. Der RhB-Waggon war nicht klimatisiert, es war gefühlte 40 Grad heiss, ich freute mich, als das Wägeli kam und kaufte ein eiskaltes Calanda. Als der Wägeli-Mann weiterfuhr, sah ich den Steinbock - hübsch.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Cadi, ich komme

Das Kloster Disentis im Jahre 1698. (Wikicommons)
Heute geht es in die Cadi, in das Haus Gottes. Nein, nein, keine Angst - ich liege nicht im Sterben! Die Cadi, mit Betonung auf der zweiten Silbe, ist eine alte Landschaft, die über gut 1000 Jahre kirchlich und weltlich definiert war: das Gebiet von Brigels bis zum Oberalppass, also die obere Surselva mit dem Kloster Disentis als Mittelpunkt. Ich reise für die Schweizer Familie hin, in deren Auftrag ich auch heuer die Vorschau auf den Schweizer-Familie-Wandertag schreibe. Am Vormittag treffe ich den Chef von Sedrun Disentis Tourismus und wandere mit ihm die eine der drei Strecken ab, die am Wandertag im Angebot sein werden. Das dauert nicht allzu lange, gut zwei Stunden. Und am frühen Nachmittag führt mich der Pater Pirmin, den kennenzulernen ich mich freue, durchs Kloster. Das wird ein ereignisreicher Tag.

PS. Gestern im Tagi von mir: eine Seite über einen der schönsten Dorfweiler der Schweiz, die Häusergruppe Wehrli in Oberstammheim ZH, die derzeit restauriert wird.

Dienstag, 2. Juni 2015

Etwas Kreuzkunde

Ja, das ist ein Tatzenkreuz.
Ich komme nicht draus! Die Broschüre, die ich am Samstag aus St-Ursanne mitnahm, verkündet: Der Ort hat eine berühmte Stiftskirche. Plus eine ebenfalls alte Pfarrkirche; aber mir ist unklar, wo die steht. In besagter Broschüre steht auch, dass die Pfarrkirche das älteste jurassische Kulturdenkmal christlicher Art besitze: eine karolingische Grabplatte mit Tatzenkreuz. Weiss jemand, was ein Tatzenkreuz ist? Ich wähnte, das sei ein Kreuz mit Löwentatzen-Balken. Aber nein. Ein Tatzenkreuz, auch Kanonenkreuz oder Templerkreuz, ist ein Kreuz mit gegen aussen sich verbreiternden Balken.

PS: Gestern brachte ich im Tagi in unserer Serie "Züri brannte" über die Jugendunruhen vor 35 Jahren einen Artikel über den Schriftsteller Reto Hänny. Er wurde damals brutal verprügelt und festgenommen und revanchierte sich mit einer brillanten literarischen Reportage. Hier mein Text.

Montag, 1. Juni 2015

Charmantes Abseits

Schwarze Wolken über der noch jungen Wanderung.
Baumbärte bei Les Lavoirs.
Zwischen La Caquerelle und Les Malettes.
Der Doubs in St-Ursanne.
Truite aux amandes im Ours.
Der Samstag im Kanton Jura war grosses Wetterkino. Am Startort Delémont dräuten schwarze Wolken, so dass wir vorerst fürchteten, es würde regnen. In der Senke von Les Lavoirs war es schwitzig-warm-feucht wie im Dschungel. Oben bei La Caquerelle blies eine kräftige Bise, so dass wir beim Zwischenhalt im bzw. vor dem gleichnamigen Restaurant froren. Das Städtchen St-Ursanne am Ende der Wanderung wiederum war von der Sonne aufgeheizt worden und wärmte uns lieb. In St-Ursanne ist immer ein schönes Ankommen, man hat dort unten am Doubs im Abseits der grossen Verkehrswege das Gefühl, aus der Zeit zu fallen, was durch die Stiftskirche aus dem 12. Jahrhundert forciert wird. Die Neuzeit holte uns um sechs Uhr abends oben am Bahnhof wieder ein, als wir nach einem guten Essen im Ours die Heimfahrt antraten. Doch, das war eine gute Route!
Delémont - Domont - Les Lavoirs - Séprais - La Caquerelle - Les Malettes - Les Grangettes - Outremont - Derrière le Château - St-Ursanne - St-Ursanne, Bahnhof. 6 1/4 Stunden, 776 Meter aufwärts, 698 abwärts, 22 Kilometer.