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Freitag, 2. November 2018

Körperfreude, Blüemlispass, Aussichtsbolzerei

Seit zehn Jahren hat die deutsche "Zeit" Schweiz-Seiten. Zu diesem runden Geburtstag publizierte die Zeitung diese Woche eine Sonderausgabe - 100 Expertinnen und Experten beantworten Fragen zur Schweiz. Ich wurde für die Frage Nr. 72 angegangen: Warum wandern Schweizer so gerne? Hier meine Antwort auf 1500 Zeichen; auf 15 000 wäre einfacher gewesen:
Warum wandern Schweizer so gerne?
Schweizer Paar auf dem Illhorn VS.
Ja, heieiei, weil wir das schon immer tun und unser Ländli so schön ist! Sorry, die Antwort ist blöd. Auch Länder, in denen nicht gewandert wird, haben schöne Ecken. Zudem wandern wir Schweizer noch gar nicht so lange. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit empfanden wir das Gebirge als diabolisch. Söldner, Pilger, Handelsleute durchzogen es in Angst, Sagen von bösen Geistern kursierten. Beigebracht haben uns den Landschaftsgenuss per pedes ab dem 18. Jahrhundert Deutsche. Frühtouristen wie Goethe. Den Alpinismus wiederum führten die Engländer ein. Irgendwann kamen wir Schweizer selber auf den Geschmack und verfügte auch das gemeine Volk über jene Freizeit, ohne die Abstecher in die Berge nicht möglich sind. Durch die Gründung des Bundesstaates 1848 wurde das Wandern patriotisch aufgeladen. Seither performieren wir als Fussgänger den Zusammenschluss verschiedener Kulturen und Sprachen zu einem Land; wir tun es schon als Kinder mit der Schulreise. Warum wandern wir Schweizer so viel? Darum! Und weil der Fahrplan von SBB und Postauto dicht ist und das Land wundervoll klein, sodass wir es am Abend wieder nach Hause schaffen. Wandern ist eine komplexe Sache: ein Amalgam aus Körperfreude, Freundschaft, Blüemlispass und Aussichtsbolzerei.

Donnerstag, 1. November 2018

Drei Leute in zwei Porträts

Lo & Leduc.
Max Göldi.
Vor einem Monat erzählte ich hier vom Gurten und vom Mani-Matter-Platz unten bei der Talstation der Standseilbahn. Damals war ich für einen Artikel unterwegs, ich traf auf dem Berner Hausberg die Rapper Lo & Leduc, die sich dieses Jahr mit "079" 21 Wochen lang ununterbrochen an der Spitze der Schweizer Hitparade hielten, das gelang in den letzten fünfzig Jahren niemand anderem, ausländische Konkurrenz inklusive. Die beiden Sänger waren angenehm allürenlos und ruhig - es war für mich eine gute Begegnung. Mein Porträt kann man in der "Schweizer Familie" lesen, die ab heute erhältlich ist. In derselben Ausgabe gibt es von mir noch ein zweites Porträt, das der ehemaligen Schweizer Libyen-Geisel Max Göldi. Anlass in diesem Fall: Göldi hat sein Libyen-Tagebuch publiziert.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Flexibler Führer


Der Schweizer Winter ist in den letzten Jahrzehnten volatiler geworden. Es gibt Wintermonate, die sind frühlingsmild und grün. Und dazwischen ist es frostig wie in Sibirien mit Frostattacken. Mein Berner Oberländer Wanderfreund Andreas Staeger hat ein neues Buch veröffentlicht, es heisst "Wege im Winter", der Untertitel trägt der Unberechenbarkeit der kalten Jahreszeit Rechnung: "Wandern im Schnee und ohne Schnee." Wobei man das gar nicht werten muss, Andreas tut es auch nicht, im Januar kann eine Wanderung im Flachland durch den einsamen Wald genauso stimmungsvoll wie eine auf gespurtem Weg irgendwo in den Alpen oder wie eine abseitige Schneeschuhtour. Alle drei Kategorien berücksichtigt der neue Führer mit 28 Routen aus der ganzen Schweiz, zu dem auch die GPS-Tracks mitgeliefert werden.

Dienstag, 30. Oktober 2018

Sie ruhen in Frieden

Ausrangierte Grenzsteine im Kirchhof von St. Arbogast.

Altes Fresko in der Kirche.
Vor wenigen Monaten war ich mit dem Grüpplein in Herznach im Fricktal, Kanton Aargau, dort gibt es etwas Seltenes zu sehen, nämlich eine Wehrkirche. Gestern nun kam ich in Muttenz im Kanton Basel-Landschaft vorbei, die haben auch eine Wehrkirche, also ein Gotteshaus, das ganz von einer Mauer umgeben ist und sich so abwehrbereit präsentiert wie eine Burg. Eine zweite Besonderheit von St. Arbogast, wie die Dorfkirche von Muttenz heisst, ist die Grenzstein-Sammlung im Kirchhof. Gut 100 Grenzsteine dokumentieren, wer einst auf Dorfboden Land besass, es waren etwa die Stadt Basel, der Deutschritterorden oder auch das Kloster Klingental, dazu kommen Privatleute. Im Lauf der Zeit verschwanden diese Akteure, es gab Güterzusammenlegungen, die Grenzsteine wurden nicht mehr gebraucht. Nun ruhen sie in Frieden neben der wehrhaften Muttenzer Kirche.
Die Kirche ist ganz von einer Mauer umgeben.

Montag, 29. Oktober 2018

Hochsicherheitshemetli

Die Strafanstalt Gmünden.
Was hat der denn für ein Problem? Das schöne Anwesen in der Gmünden bei Niederteufen ist von einem Hag umgeben, der wiederum ein Drahtgeflecht kaschiert - leben hier Paranoiker? Nun, es gibt eine Erklärung. Das Haus liegt gleich neben der Strafanstalt Gmünden. Die ist für Straftäter gedacht, die weder gemeingefährlich noch sehr fluchtgefährdet sind. An sich. Aber wenn man abends grad gemütlich vor dem Fernseher hockt und ein Glas Wein trinkt, ist es unangenehm, wenn plötzlich einer vor dem Fenster durchschleicht, der Proviant oder eine Jacke braucht, bevor er endgültig das Weite sucht - die Vorstellung ist halt einfach da. Die Gmünden gibt es seit 1884, sie war eine Zwangsanstalt für, wie man damals sagte, liederliche und arbeitsscheue Männer.

Erinnerung aus den 1960-ern: Die Gmünden, Gemeinde Teufen, grenzt an die Sitter. Vis-à-vis liegt Stein, wo ich aufwuchs. Damals gab es in der Strafanstalt den Ausbrecherkönig Dörig, der - eben - ab und zu ausbrach. Wir Kinder lagen damals nachts im Bett mit einer Riesenangst, der Dörig würde bei uns im Schlafzimmer vorbeischauen.

Sonntag, 28. Oktober 2018

Natürlich und auch künstlich

Gott sei Dank bin ich nur 1,8 Meter hoch! Schranke beim Eintritt
in den Pfynwald nah der Bushaltestelle Parc de Finges.
Knochentrocken war der Wald. Aber das ist jetzt anders.
Der Pfynwald, la forêt de Finges, der riesige Föhrenwald auf der Sprachgrenze zwischen Sierre und Leuk, wird von der Zivilisation bedrängt. Mal sieht man einen Lastwagen, der von einer Kiesgrube kommt, mal ist da ein Bauernhof, es gibt Kanäle und Strassen und Strommasten und neue Autobahn-Abschnitte; ohnehin entkommt der Wanderer dem Lärm der Autos nicht, die das Rhonetal durchfahren. Das Idyll Pfynwald selber ist in seiner Natürlichkeit ein Stück weit Künstlichkeit, es wird gepflegt und gemanagt und für die Besucher hergerichtet, derzeit läuft gerade eine grosse Aktion zur Bekämpfung von Neophyten. Der Mensch greift ein. Den Wald zu durchwandern, ist bei alledem ein Erlebnis. Vor allem, wenn man früh unterwegs ist. Ich startete um halb neun in Sierre, es war kalt, vier Grad nur, sobald ich den Wald bei der Bushaltestelle Parc de Finges betrat, war ich allein im Reich des Raureifs und Schattens - die Sonne schaffte es erst gegen elf Uhr über den Gorwetschgrat. So war das am Freitag im Wallis.
Das Rosenseeli.

Samstag, 27. Oktober 2018

Oh Gott!

Samstag bis Montag bei www.sma.ch.
Schön! Endlich! Es regnet! Und, wie es aussieht, bleibt das zwei, drei Tage so. Gestern war ich bei bestem Wetter im Pfynwald im Wallis; heute halte ich mich still und will mal häuslich sein. Ich freue mich sehr auf Nässe, Kälte, Nebel. Und hoffe, es gebe nicht gleich Überschwemmungen.

Gestern nahm ich etwas Lustig-Trauriges zur Kenntnis. Quelle: das Radio. Genauer: ein Beitrag im SRF-Regionaljournal Ostschweiz. Im Kloster Maria der Engel in Appenzell leben noch genau zwei Nonnen. Die haben offenbar seit langem Streit miteinander. Vermittlungsversuche nützten nichts. Nun wird die Klostergemeinschaft aufgelöst, was mit dem Kloster passiert, ist unklar, der Stiftungsrat sucht eine Lösung. Und ich dachte immer, das Christentum beruhe auf den Ideen Frieden und Versöhnung.