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Dienstag, 7. Juni 2022

Donnerwetter, Donnerlöcher!

Toggenburger Augenpaar: die Schwendiseen.

Wasser war gleich zwei Mal ein Thema, als wir gestern von Wildhaus-Oberdorf auf den Gamserrugg und wieder hinab hielten. Zum einen erblickten wir im Abstieg die beiden Schwendiseen auf der ersten Geländeterrasse über Unterwasser, sehr schön. Zum anderen erfuhren wir im Aufstieg von einer Infotafel einiges über die Dolinen in der Senke zu unserer Linken. Dolinen sind Karsttrichter, in denen das Regenwasser versickert. Das wusste ich. Hingegen ahnte ich nichts von dem im Hang des Gamserrugg versteckten Höhlensystem mit waagrechten und senkrechten Röhren, die über 200 Meter in den Untergrund reichen; geschaffen hat sie Regenwasser, das in den Dolinen landete und sich im Laufe der Zeit durch den Kalk in die Tiefe frass. Es gibt eine örtliche Bezeichnung für diese unheimlichen Röhren, die Mensch und Tier verschlingen können. Die Sennen der Gegend nennen sie "Donnerlöcher". Denn Steine, die man hineinwirft, sind unter Tag noch lange zu hören. Ihr Donnern verschafft eine Ahnung von den Ausmassen dieser Unterwelt nach Toggenburger Art. 
Tiefblick vom Wanderweg zwischen Gamsalp und Gamserrugg auf die
(herangezoomte) Neuenalp. In der rechten unteren Ecke des Bildes eine Doline.

Montag, 6. Juni 2022

Das Beduinendorf

Das abgelegene Isérables, Luftaufnahme von 1949.
(Foto: Werner Friedli, ETH-Bibliothek / Wikicommons)
Nichts. Es gibt weder historische noch archäologische Belege dafür, dass die Araber sich einst in irgendwelchen Seitentälern des Wallis niedergelassen hätten. Auch wenn man das immer wieder hört in Bezug auf so manchen Walliser Ort, wobei dann fragwürdige Belege beigegeben werden. Nehmen wir Isérables, wo ich kürzlich wanderte. Die Menschen, die dort leben, werden im Patois Les Bedjuis und Les Bedjasses genannt, was angeblich von "Beduinen" kommt. Angeblich! In Tat und Wahrheit steckt in der Bezeichnung der Patois-Ausdruck djouis, Dorf. Wer genauer wissen will, wann und weshalb die Theorie von den Arabern aufkam, die gewisse Orte im Wallis besiedelten – hier der schlaue Artikel zum Thema, den ich kürzlich entdeckte und mit Genuss las.

Sonntag, 5. Juni 2022

Hundwil und Hund

Festplatz und Festivalzentrum: der Hundwiler "Bären".

Gestern trat ich in Hundwil am Appenzeller Wanderfestival auf, einem erstmals durchgeführten dreitägigen Anlass mit reichhaltigem Programm. Es hatte auf dem Festplatz nicht besonders viele Leute, jedenfalls nicht am Vormittag, eventuell waren die meisten auf einer der geführten Wanderungen unterwegs, das Wetter war ja grandios. Zu meinem Vortrag "Mein Appenzellerland" über spezielle Orte in der Region kamen gerade mal drei Personen. Natürlich gab ich mir Mühe, sie gut zu unterhalten, und denke, dass mir das auch gelungen ist. Unter anderem erwähnte ich die Hundshenki, eine Flur in der Nähe von Appenzell, von der ich in diesem Blog auch schon erzählt habe; der bizarre Name hat ziemlich sicher mit einem Tierprozess zu tun und nicht mit dem Gerücht, dass wir Appenzeller unsere Hunde ässen. Gerücht? Der Mann im Publikum, vielleicht 70, durch seinen Dialekt klar als Appenzeller kenntlich, meldete sich an dieser Stelle zu Wort. Er berichtete, er sei in einer armen Bauernfamilie im Ausserrhoder Mittelland aufgewachsen – und selbstverständlich hätten sie daheim den Hofhund gegessen, wenn der altershalber abgetan werden musste. Ihm habe das nichts ausgemacht, es sei ganz normal gewesen. Aber ein Genuss gewesen sei es nicht. "Die Mutter machte mit dem Fleisch ein Voressen. Es war schon sehr zäh."

Samstag, 4. Juni 2022

So begann mein Wandersommer

Nach den ersten anderthalb Gehstunden, das Färmeltal bleibt unten zurück.
Die Sennhütte fünf Minuten unterhalb des Furggi.
Pestwurz.
Als ich gestern erzählte, wie ich am Mittwoch spontan das Grimmifurggi überquerte, weil mich die Lust auf etwas Hartes gepackt hatte – nun, das klang ein wenig zu heroisch. Klar, Gehzeit etwas über fünf Stunden, 1050 Meter aufwärts, 850 abwärts: Das ist nicht nichts. Doch spielte sich diese Passwanderung zwar inmitten hoher Berge ab, aber im voralpinen Gelände. Das Furggi auf 2022 Metern über Meer ist ein begraster Übergang, mit Geröll bekommt man es nicht zu tun. Auch hatte ich zu Anfang, ab Matten das reizende Färmeltal hinauf, eine komfortable Stunde Zeit, um mich bei geringer Steigung zu akklimatisieren. Danach wurde es kurz mal schweisstreibend, bis zur Alp Under Bluttlig. Weniger steil gings zum Furggi. Dort genoss ich es, dass ich nun weit nach Norden sah und hinten die Scheibe des Stockhorns erkannte; immer schön, alte Freunde wiederzusehen. Die zweite Hälfte vom Pass hinab auf die Grimmialp war sowieso easy. Ab der Alp Grimmi, wo mich ein bösartiger Hund verbellte und mit seinem fiesen Gebiss ziemlich nahe an meine Waden kam, ging ich drei Viertelstunden auf einem gekiesten Alpsträsschen. Alles in allem: leichte Verhältnisse, wenn man davon absieht, dass die Wege wegen des Regens in der Nacht zuvor dreckig waren und unheimlich rutschig. Am Ziel belohnte ich mich im Restaurant Spillgerten mit einem Schnipo. War eine entspannte Sache, diese erste Sommer-Unternehmung.
Nach dem Furggi, die Felswand gehört zum Rothore. 
Blick zurück zum Furggi (beim oberen Schneefeld).

Freitag, 3. Juni 2022

Gib Schub, Widmer!

Immer wieder mal wechsle ich im Zug den Wanderplan, wenn ich allein unterwegs bin. Gestern nahm ich in Zürich den 6-Uhr-30-Zug nach Freiburg. Die Idee war, zum Schwarzsee hinauf zu fahren, den Hügel La Patta zu besteigen und weiter zur Kartause von Valsainte zu halten. Eine gemütliche Sache. Während der Zug losfuhr, begann ich zu zweifeln, wie es meinem Naturell entspricht. Ich dachte: Hey, Widmer, das kannst du weiss Gott auch im Herbst machen. Du hast den ganzen Tag Zeit, du kannst eine grosse Wanderung machen. Gib ein bisschen Schub!

Ich nahm dann das Handy zur Hand, öffnete die Karte von "Schweizmobil" und formulierte einen neuen Plan. Stieg in Bern um, stieg in Spiez um, stieg in Zweisimmen um und war um 9 Uhr 20 in Matten im Obersimmental. Dort startete ich. Stand gegen Mittag auf dem Grimmifurggi. Und erreichte in der Mitte des Nachmittags die oberste Bushaltestelle im Diemtigtal beim Hotel Spillgerten auf der Grimmialp. 

Und ja, das Umdisponieren hat sich gelohnt. Ich habe ein neues Stück Berner Oberland kennengelernt auf einer Passwanderung, wie man sie ab jetzt machen kann, bis so circa Ende Oktober wieder alle Bergwege in den Winterschlaf sacken. Hier vorerst ein Foto, ich muss die optische Beute noch ein wenig sichten – morgen mehr vom Weg, von den Dingen an ihm und vom Furggi.

Gestern, eine Stunde vor Wanderschluss: Blick zurück zur Krete des Grimmifurggi.

Donnerstag, 2. Juni 2022

Per Metro nach Bosco

Wir fahren von Domodossola, Italien, mit einem Elektrobus das Tal des Toce hinauf und erreichen das Val Formazza. Luftlinie sechs Kilometer entfernt liegt in Ostrichtung das Dorf Bosco Gurin, Kanton Tessin, Schweiz; es ist berühmt als einziges Tessiner Dorf, in dem Deutsch geredet wird. Zwischen dem Val Formazza und Boso Gurin zieht sich eine Bergkette, die auch die Landesgrenze bildet. Kein Problem. Wir steigen auf der italienischen Seite um auf die einspurige Standseilbahn, die in einem Tunnel ins 250 Meter höher gelegene Bosco Gurin aufsteigt. Acht Minuten dauert die Fahrt, 50 Leute haben in der Bahn Platz. Bosco Gurin, wir kommen! Später reisen wir dann, wieder in einem Elektrobus, von Bosco Gurin die Valle di Bosco Gurin und das Maggiatal hinab nach Locarno. War ein hübsches Reisli.

Bosco Gurin, 1500 Meter über Meer, schmuck.
(Foto: Alessandro Vecchi / Wikicommons)
Ich rede von einem Projekt. 52 Millionen Franken würde es kosten, wobei 15 Millionen von staatlicher Seite kämen. Dahinter steht der Unternehmer Giovanni Frapolli, der in Bosco Gurin eine Jugendherberge, ein Hotel sowie Skiliftanlagen besitzt und gern mehr Gäste im abgelegenen Dorf sehen würde, das noch rund 60 Einwohnerinnen und Einwohner zählt. Freilich sieht es danach aus, als seien just sie mehrheitlich gegen die neue Bahn. Kann man verstehen, der Rummel ... Wobei Bosco Gurin gleichzeitig mit Abwanderung konfrontiert ist. Es serbelt. Mal schauen, ob die alpine Metro, von der ich letztes Wochenende in der Zeitung "Schweiz am Wochenende" las, eine Chance hat.

Mittwoch, 1. Juni 2022

Das Gigerwaldseeproblem

Vor drei Jahren fuhren wir mit dem Posti von Bad Ragaz
via Vättis zur Gigerwaldsee-Staumauer. So begann die
schöne Wanderung über den Heidelpass nach Weisstannen.
Eben begann ich eine Wanderung im St. Galler Oberland zu planen, die hoch über Vättis beim Damm des Gigerwaldsees startet. Ich konsultierte deswegen den Postautofahrplan – huch! Das Postauto verkehrt diesen Sommer nur bis zum Restaurant ziemlich weit unterhalb der Staumauer. Warum, stand da nicht. Ich forschte nach und fand heraus, dass eine Sanierung des Stausees für 25 Millionen Franken ansteht. In den letzten Jahren hatten die Kraftwerke Sarganserland und die Axpo als Betreiberinnen des Stausees zunehmend ein Problem mit dessen Verlandung. Kies und Sedimente lagerten sich ab bis zum Grundablasseinlauf, wie die unterste Öffnung in der Staumauer heisst. Der Einlauf soll nun höher oben in der Mauer platziert werden. Seit Monaten laufen die Vorbereitungen, die ÖV-Haltestelle wird aufgehoben, Anfang Oktober soll der See entleert werden. Läuft alles gut, ist man Ende April 2023 fertig mit den Arbeiten. So dass nächsten Sommer das Posti wieder zur Staumauer hinauf kurven kann. Mit mir an Bord.