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Montag, 17. April 2017

Lenins Zugfahrt (ohne gekochte Eier)

Briefmarkenlenin aus dem Jahre 1960.
(Darjac/ Wikicommons)
Ostermontag vor 100 Jahren, Zürich. Im Restaurant des Hotels Zähringerhof sammelt sich eine bunte Schar von Menschen, Russen die meisten, aber nicht nur; auch einige Frauen und Kinder sind im Übrigen dabei. Mit ihrem exilierten Anführer Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin, treten die Leute an diesem Tag ihre lange Zugfahrt nach Russland an. Dort ist seit einigen Tagen eine Revolution im Gang, deren Ausmasse und Richtung nicht absehbar sind. Lenin, Anführer der besonders radikalen Fraktion der Bolschewisten, will unbedingt nach St. Petersburg, ins Zentrum des Sturms. Ein regulärer Schweizer Zug bringt ihn und seine Gefolgschaft via Schaffhausen nach Thayngen und Gottmadingen; die Schweizer Zöllner beschlagnahmen an der Grenze Würste, Käse und hartgekochte Eier ab, eine Kriegsregulierung, die Ausfuhr dieser Waren ist verboten. Danach besteigt die Gruppe den für sie bereit gestellten, versiegelten Sonderzug. Die Reise führt durchs deutsche Kaiserreich und via Schweden und Finnland nach St. Petersburg; die Deutschen haben sozusagen das Patronat übernommen und die komplizierte Passage organisiert, sie wollen, dass Lenin es bewirken kann, dass Russland in einen Frieden einstimmt - sie hätten so einen mächtigen Feind weniger in dem seit drei Jahren wütenden grossen Krieg. In St. Petersburg angekommen, sichert sich Lenin die Kontrolle seiner Partei, die beileibe nicht den Aufstand dominiert; viele Bolschewiken gehen davon aus, dass gemäss den Gesetzen des Marxismus nach der Absetzung des Zaren zuerst eine bürgerliche Phase der Geschichte kommen muss, bevor das Proletariat siegen kann. Doch der skrupellose Lenin schafft es innert Monaten, all die anderen Kräfte, die gemässigteren Menschewiki insbesondere und die Bürgerlichen, zu verdrängen. Was folgt, sind Jahrzehnte der Diktatur mit Enteignungen, Hungersnöten, Zensur und Unterdrückung durch die Geheimpolizei, der Gulag. Millionen Menschen werden sterben. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Fahrt von der Schweiz nach Russland im April 1917 hätte nicht stattgefunden, Lenin wäre in Zürich sitzengeblieben und andere Parteien hätten die Geschicke Russlands nach der Monarchie bestimmt. Der im Sonderzug mitgereiste Schweizer Kommunist Fritz Platten übrigens landet während der Herrschaft Stalins, der nach dem Tode Lenins 1924 übernimmt, im Straflager. Dort wird er am 22. April 1942 erschossen. Es ist der Geburtstag Lenins.
Fritz Platten, Leningefährte, Schweizer, Stalinopfer. Um 1930. (Wikicommons)

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