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Freitag, 7. Juli 2017

Frau Martins Spezialbrille

Scherenschnitt-verzierte Scherenschnittkünstlerinnenbrille.
Es ist 2 Uhr 30, irgendwie bin ich schlaflos, an der guten Luft kann es nicht liegen, still ist es auch draussen, die kleine Journalistengruppe, zu der ich gehöre, ist im Hotel Hornberg in Saanenmöser untergebracht, einem stimmigen Ort abseits jeden Rummels, das Abendessen war hervorragend und das Hotelier-Ehepaar enorm nett. Bevor ich mich wieder ins Bett lege, publiziere ich hier schon mal den Blogeintrag für heute Freitag. Zur Erinnerung: Dies ist eine Pressereise, bei der wir die Schönheiten und Besonderheiten des Saanenlandes kennenlernen sollen. Gestern abend trafen wir Regina Martin, die ursprünglich Keramikerin war und dann auf Scherenschnitte umsattelte; die sind eine Spezialität der Gegend, auch in meinem Hotelzimmer hängt ein wunderbarer Scherenschnitt. Ich fand die Begegnung interessant, natürlich durften wir mit der speziellen Schere, die ein wenig wie eine Nagelschere aussieht, selber probieren. Was herauskam... nun ja, Frau Martin kann es besser. Lustig fand ich, dass sogar ihre Spezialbrille, die genau auf die Entfernung der Augen zum Papier abgestimmt ist, mit Scherenschnitt-Motiven verziert ist. Alles Weitere zu der Künstlerin aus Schönried, die mehr als genug Arbeit hat, findet man auf ihrer Homepage.

Trauffer ist der Berner Sänger. Das
Plakat stammt von Regina Martin.
P.S. Heute Freitag soll es mit einem Besuch auf dem Rellerli weitergehen. Die Bahn wird nächstes Jahr die letzte Saison fahren, dann läuft die Konzession aus. Was danach kommt, hängt zu einem guten Teil von zwei bekannten Financiers ab, die sich bei den örtlichen, arg darbenden Bergbahnen eingekauft haben - das Rellerli wird wohl eine Art halbprivater Hoger, freilich ist unklar, wie genau; und sicher wird auch das normale Volk irgendwie dort verkehren dürfen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte genau wie die Sache mit Les Arts Gstaad; auch darüber redeten wir gestern. Jetzt lege ich mich noch einmal hin, wer weiss, vielleicht hat mich die Bloggerei schlafreif gemacht - schenke mir Schlaf, grosser Tourismusgott, schenke mir Schlaf.
Regina Martin präsentiert eigene Arbeiten.

Donnerstag, 6. Juli 2017

Adieu Tagi, hallo Gstaad

Beachvolleyball-Turnier in Gstaad. Auch diese
Veranstaltung steht auf unserem Reiseprogramm.
(Gstaad Tourismus/ Wikicommons)
Gestern hatte ich den Letzten beim Tagi, ich gab für alle einen aus in der Sherif's Bar, das war lustig. Und damit vorwärts geschaut: Heute geht es ins Saanenland, ich bin Teil einer kleinen Pressereise, die bis Sonntag dauert und uns Journalisten zeigen soll, dass die Gegend sich nicht nur für Superreiche als Ferienziel eignet. Das Programm ist bunt, es gibt Miniwanderungen, grosse Essen und vor allem Begegnungen, zum Beispiel mit einer Scherenschnitt-Künstlerin oder auch einem sehr speziellen Unternehmer aus Feutersoey. Als ich mich am Sonntag einlas, hirnte ich ein wenig, warum ich selber selten nach Gstaad, Saanenmöser usw. reise. Vier Dinge fielen mir ein; nun bin ich gespannt, ob die Reise mein Bild der Region verändern wird.

Die vier Dinge sind:
  • Tatsächlich fährt man immer ein bisschen kleinlaut an Orte, die man mit Reichen und Superreichen assoziiert; man denkt: Ist das etwas für mich? Werde ich da überhaupt wertgeschätzt? Gstaad kann den Mittelständler durchaus einschüchtern.
  • Punkto Stars ist das Image von Gstaad ältlich: Julie Andrews, Blake Edwards, Roger Moore, Johnny Halliday.
  • Das Saanenland liegt verkehrstechnisch nicht besonders gut. Die Anreise von Zürich dauert und ist umständlich. Und jedes Mal, wenn ich Richtung Gstaad unterwegs bin, sind die Züge das Simmental hinauf übervoll, irgendwie ist die Linie überlastet oder schlecht gemanagt.
  • Das Saanenland ist keine Einheit und hat keine interne Hierarchie. Es besteht aus mehreren Orten und etlichen Talschaften. Wenn man sich Ferien dort vorstellt, fällt einem alles und nichts ein. Es fehlt ein wichtigster Berg; das Appenzellerland zum Beispiel hat den Säntis, an dem sich die Fantasien festmachen können. Aber Gstaad?

Mittwoch, 5. Juli 2017

Rätselhafte, faszinierende Walser

Ünsch? Klingt so ein Bündner? Ja, wenn er auch ein Walser ist.
Das Schild steht vor einer Wirtschaft im Sertigtal nah Davos.
Heute gibt es von mir im Tagi eine Hintergrundseite zu den Walsern. Der Titel lautet "Das Phantom der Alpen", er spielt darauf an, dass die Walser einerseits historisch sehr wirksam waren und einen Gutteil der hiesigen Berggebiete besiedelt und geprägt haben. Dass anderseits diese Walser gar nicht leicht zu fassen sind. Am ehesten geht das über den Dialekt; wer im Prättigau mit Einheimischen redet, stellt fest, dass die ganz anders klingen als die Bündner der Tourismuswerbung. Für "uns" sagen sie "ünsch", das klingt doch heftig nach dem Goms, aus dem sie im Mittelalter auszogen.

Dienstag, 4. Juli 2017

Eine sehr nützliche Karte

Woher wissen wir, dass Schleitheim in der Römerzeit "Iuliomagus" hiess (Eintrag von gestern)? Von der Tabula Peutingeriana, einer 6,8 Meter auf 34 Zentimeter grossen Rollkarte, die die Welt zeigt, wie sie die Römer kannten. Die Tabula wurde im 12. Jahrhundert angefertigt aufgrund einer karolinigischen Vorlage, die wiederum auf eine römische Strassenkarte zurückgeht. 1591 wurde die Tabula ein erstes Mal gedruckt.
Ein Ausschnitt der Tabula Peutingeriana. Der Bodensee ist etwas klein geraten.
Gleich darunter ist Arbon eingezeichnet, "Arbor felix". Und darüber sehen wir
"Iulio mago" (grammatikalisch ein Dativ oder Ablativ zu "Iuliomagus").
(Wikicommons).

Montag, 3. Juli 2017

Bona res

Das Römerbad von Iuliomagus, heute Schleitheim.
Der Pavillon über dem Bad ist neu.
Bevor es Schleitheim gab, gab es draussen im Randen, heute Kanton Schaffhausen, einen römischen vicus. Eine Kleinstadt. Iuliomagus lag an der Fernstrasse von Tenedo (Zurzach) ins Badische und war von stattlicher Dimension. Nachgewiesen ist ein Tempelbezirk, besichtigbar aber zwei andere Dinge. Als ich gestern bei der Haltestelle "Salzbrunnen" am Dorfrand von Schleitheim aus dem Bus stieg, folgte ich dem Schild "Iuliomagus". Es führte mich zuerst zu einer Gewerbezone und zum Untergeschoss eines riesigen Gewerbegebäudes. Dort sind Reste der ehemaligen Marktstrasse dokumentiert mit Keller und Ladenlokal. Danach kam ich zu einem markanten, unlängst eröffneten blauen Pavillon. Er schützt und inszeniert das einstige Bad, in der sich Einheimische und Legionäre auf dem Durchmarsch trafen. Toll fand ich, dass sowohl die Originalreste im Gewerbegebäude wie auch der Pavillon zu den üblichen Tageszeiten immer offen sind, man zahlt den freiwiligen Eintritt und schaut sich um. Bona res! Gute Sache!
Zwei Gehminuten entfernt findet man im UG eines Gewerbegebäudes weitere Ruinen.
Das Wandgemälde am Gebäude zeigt, wie Iuliomagus ausgesehen haben könnte.

Sonntag, 2. Juli 2017

Olmekisches Babyface

Der Aargauer Marcel Ebnöther, 1920 bis 2008, war Chemiker. Und Unternehmer, Firmengründer. Ab 1970 reiste er aus beruflichen Gründen viel und begeisterte sich zusehends für die Kunst Südamerikas: ein Antikefan war er schon als Gymnasiast gewesen. Im Lauf der Jahrzehnte legte Ebnöther eine gewaltige Kollektion von 6000 Gegenständen - Skulpturen, Waffen, Gefässe und so weiter - an; die Sammlung ist im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen zu sehen. Natürlich nicht die ganze, aber ein Teil, wobei die Sachen schlau arrangiert sind in immer neuen Gegenüberstellungen von Alter und Neuer Welt. Man muss da hin und wird das olmekische Babyface, den Indianerkobold, die bizarre Totenurne, die üppigbrüstige Frauenstatuette und all die tierförmigen Vasen nicht so schnell wieder vergessen - Mesopotamien und Mittelamerika, Homer und die Inkas treffen aufeinander.

Samstag, 1. Juli 2017

Die Melchiors und ihr Wasserfall

In der Rofflachlucht: Galerie hinter dem Hinterrhein und seinem Fall.
Das Gasthaus Rofflaschlucht ist
bis heute im Besitz der Melchiors.
Seit 1833 gehört das Gasthaus bei der Rofflaschlucht oberhalb Andeer der Familie Melchior. Wirtespross Christian Melchior wanderte mit der Frau gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika aus. Dort arbeitete er als Diener, kam zu den Niagarafällen und erkannte, wie man ein solches Naturspektakel touristisch nutzen und damit Geld verdienen kann. Wieder zuhause, bohrte und sprengte er von 1907 bis 1914 einen Weg vom Restaurant in die enge Rofflaschlucht bis zum Wasserfall, hinter dem er eine Galerie in den Fels trieb, so dass der Besucher heutzutage den Hinterrhein gewissermassen hintergehen kann. Genau das tat ich am Donnerstag. Nach der Schluchtvisite und der Einkehr wanderte ich hinab nach Andeer, verspürte dort grossen Hunger und verschlang im Hotel-Restaurant Post einen Yak-Hamburger, der dem vorangegangenen Doppel-Erlebnis von Besichtigung und Wanderung kongenial war. Tolle Sache.
Weg zum Wasserfall, von Christian Melchior gebaut.