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Montag, 29. November 2021

"Ist es bald da?"

Vorsicht, Unfallrisiko: Einstieg in den Bachtelspalt.
Widmer arbeitet sich durch den Spalt.
Am Samstag gingen wir von Gibswil via Wissengubel, Bachtelweiher, Sennenberg, Bachtelspalt auf den Bachtel. Und stiegen wieder ab über Orn, Hasenstrick, Breitenmatt, Garwied, Tann-Dürnten Bahnhof nach Rüti. Nur grad eine Sache gefiel uns an der Unternehmung (Gehzeit vier Stunden, 440 Meter aufwärts, 720 abwärts) nicht, der Bachtelweiher war leer, vermutlich pumpt man das Wasser auf den Winter jeweils ab. Ansonsten gabs nur Schönes. Wir hatten im Aufstieg ein bisschen blauen Himmel und gar ein ganz bisschen Sonne. Die Begehung des Bachtelspalts, 8 Meter tief, 50 Meter lang und an seiner engsten Stelle nur 40 Zentimeter breit, erwies sich als Abenteuerchen. Die Aussicht vom Bachtel auf den Zürichsee gefiel uns sehr. Auch wenn uns am Treppengeländer des Panoramaturms fast die Hände anfroren. Und die opulent gebutterte Rösti samt Schweinsbratwurst im Gipfelrestaurant mundete im Zusammenspiel mit dem Pinot von Rapperswil-Jona sehr. Am Nebentisch hielt ein kleiner Bub das Warten auf seine Pommes frites mit Würstli fast nicht mehr aus. Er ging ans Buffet und fragte höflich: "Ist es bald da?"
Der Zürichsee mit Lützelau und Ufenau vom Bachtel aus.

Das Schneeli verdeckte mancherorts fies vereiste Stellen.

Sonntag, 28. November 2021

Verschluckt

Die Giessen, die Wasserfälle im Zürcher Oberland, stürzen oft über eine überhängende Wand, hinter der sich eine Höhle öffnet. Gestern entdeckten wir oberhalb von Gibswil auf dem Weg zum Bachtelweiher wieder einmal eine typische Kombination dieser Art, den Wissengubel-Giessen samt seiner Höhle. Wir waren begeistert – sicher ist dies einer der schönsten Giessen, die wir in den letzten Jahren sahen. Begibt man sich in die weite, an keiner Stelle beengende, bestens begehbare Nagelfluh-Einbuchtung, so fühlt sich das urtümlich an. Und eigenartig beruhigend. Man ist verschluckt. Aufgenommen von einem gutmütigen Bauch.

Samstag, 27. November 2021

"III. Stock links ist lohnend"

"Gezinkt"sind Karten, die jemand mit unauffälligen Markierungen versehen hat, was heisst, dass dieser Jemand weiss, welches Blatt die anderen in der Runde halten. Das Substantiv zum Verb, "Zinken", kommt vielleicht von lateinisch "signum", Zeichen. Eventuell aber auch vom althochdeutschen "zinko", Spitze. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war bis zu ein Zehntel der Menschen in Europa das ganze Leben oder doch jahrelang unterwegs. Auf viele dieser Leute wartete nirgendwo ein Zuhause, sie hatten kein festes Einkommen und wurden immer wieder mal vertrieben oder gar gejagt. Manche bettelten, andere ergaunerten sich Nahrung oder Geld. Mit Zinken, festgelegten Geheimzeichen, brachte das fahrende Volk an manchen Häusern Zeichen an. Sie deuteten an, was dort zu erwarten bzw. zu holen war. Hier eine Liste gängiger Zinken, die ich kürzlich im Buch "Landauf-Landab ... mit Gauklern, Quacksalbern und Gemeinen Fräulein" fand, erschienen 1985 in der Edition Erpf. Und damit fertig, jetzt muss ich mal vors Haus, den Türrahmen inspizieren, obs dort seltsame Kreidemarkierungen gibt.

Freitag, 26. November 2021

Julius Cäsar aus Biel

Eine Denner-Filiale in Zürich.
(Foto: Karl Pfister Denner AG / Wikicommons)
Gemeinhin denkt man, dass die Geschichte von Denner in den frühen 1950er-Jahren mit Karl Schweri beginnt. Das stimmt zur Hälfte. Wenn wir vor der Discounter-Strategie sprechen. Das Unternehmen selber ist wesentlich älter. Alles beginnt mit der Einwanderung von Emanuel Friedrich Denner aus Stuttgart. 1844 lässt er, Lehrer von Beruf, sich in Biel einbürgern. Sein Sohn, auf den klingenden Bildungsbürger-Namen Julius Cäsar getauft, heiratet in eine Familie ein, die im Spezereihandel tätig ist. 1888 entsteht die Denner & Co. Consumgesellschaft. Dies die Vorgeschichte zum heutigen Detailhandelsriesen. In der "Schweizer Familie" der nächsten Woche bringte ich 27 Kurztexte, die erklären, was hinter bekannten Produkte- und Firmennamen unseres Landes von Trisa über Sipuro bis Bico steckt.

Donnerstag, 25. November 2021

Kleinhüningen und Alaska

Kleinhüningen zählte gerade mal 211 Menschen, als die Stadt Basel es 1640 – also im Dreissigjährigen Krieg – dem Markgrafen von Baden abkaufte und so ihr Territorium vergrösserte. 3500 Reichstaler betrug der Preis, offenbar wars ein Schnäppchen. Heute ist Kleinhüningen das nördlichste Basler Stadtquartier, die Einwohnerzahl hat sich mehr als verzehnfacht. Und jetzt wechseln wir mal kurz die Grössenordnung. 1867 erwarben die Vereinigten Staaten von Amerika vom russischen Zaren für gut sieben Millionen Dollar Alaska. Beide Fälle verbindet dies: Der Kauf hat sich gelohnt. Kleinhüningen ist wertvolle Fläche. Und sicher sind auch die Amerikaner froh um ihren Bundesstaat im Norden. Terrain ist Chance, Terrain ist Macht.

Im Pfarrhaus von Kleinhüningen wuchs der Psychologe
C. G. Jung auf, sein Vater war der Dorfpfarrer.
(Foto: Dr. Nachtigaller / Wikicommons)

Mittwoch, 24. November 2021

Pipilottis Tentakel

Der Autor, Erzähler, Radiomann Reeto von Gunten, ein Scherzbold, sprach von der "ersten 5G-Fernimpfsäule". Ziemlich ausgeflippte Assoziation. Ich denke eher an das Tentakel eines gutmütigen Unterwasserwesens. Die Skulptur von Pipilotti Rist steht in Zürich auf dem Heimplatz zwischen dem Kunsthaus und dessen neuen Erweiterungsbau – seltsamerweise übersah ich sie bisher. Sie ist Teil einer grösseren Licht- und Videoinstallation.

Dienstag, 23. November 2021

Das Bistrotram

Das Tram am Dorfrand von Siblingen im Schaffhauser Klettgau – dieses Tram gleich bei der Postautohaltestelle "Am Stei" ist sozusagen ein Zitat. Es erinnert an die Jahre von 1905 bis 1964, in denen auf der Linie von Schaffhausen nach Schleitheim eine Strassenbahn verkehrte. Das Depot der Linie befand sich in Siblingen. Vor zwei Jahren erstand ein Paar einen alten Tramwagen von 1919 und überführte ihn nach Siblingen. Die beiden richteten in dem alten Vehikel ein hübsches Bistro ein. Für Wanderer und Wanderinnen, die grad eine Randentour hinter sich haben oder eine solche in Angriff nehmen, liegt das "Trämli" ideal. Seit diesem Sommer ist es offen. Eine gute Sache ist das auch, weil ein paar Monate zuvor die letzte verbliebene Dorfbeiz, der "Freihof", coronahalber aufgab.