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Sonntag, 16. Dezember 2018

Poo! Ja, Peng?

Sent ist schön.
Mir gefällt, dass es im Land soviele verschiedene Familiennamen gibt, darunter solche, die man nicht kennt und die darum kurios klingen. Ebenfalls gefällt mir, dass es Namen gibt, die sich in einem Dorf häufen. In Sent GR zum Beispiel hat es doch einige Poo. Und in Vals GR hat es noch viel mehr Peng. Man kommt gleich ins Blödeln, wenn man mit diesen Namen herumspielt. Zum Beispiel könnte eine Frau in Sent neidvoll zu einer anderen sagen: Du hast den schönsten Poo. Oder es könnte einer aus Vals, weil seine Eltern grosse China-Fans sind, Deng Xiao Peng heissen. Okay, beenden wir die Albernheit, ich bin halt so - allen einen schönen Sonntag wünscht Widmer.

Samstag, 15. Dezember 2018

Der Winzer war ein Nazi

Die Zweigelt. (Wikicommons)
Grad kürzlich, in Wien, nahm ich wieder einmal einen Zweigelt. Offen, zwei Dezi, war gut. Gestern nun las ich in der Zeitung, dass der Name des süffigen Rotweins, der nach Fläche gerechnet der am meisten angebaute in Österreich ist, gar nicht von "Zweig" kommt, dass er also keinen pflanzlichen Ursprung hat. Vielmehr geht er zurück auf den Botaniker Fritz Zweigelt, der 1922 zwei Traubensorten kreuzte und so eine neue schuf. Mit riesigem Erfolg. Zweigelt selber taufte seine Kreation "Rotburger", was heutzutage irritiert, weil es nach "Hamburger" klingt. Auf die Länge setzte sich ein anderer Name durch: Zweigelt eben nach dem Schöpfer. Damit soll nun Schluss sein, hört man aus Österreich, wo eine Kampagne gegen den Namen anläuft. Denn der Zweigelt war ein Nazi. Ein früher, der schon 1933 in die NSDAP eintrat. In seiner Weinbauschule propagierte er die NS-Ideologie. Nach dem Krieg wurde er sechs Monate eingesperrt, das wars. Dann winzerte er weiter. 1964 verstarb er. Und jetzt könnte es sein, dass sein Name verblasst. Eine scherzkeksige Künstlergruppe aus Wien hat bereits einen Alternativnamen vorgeschlagen: "Blauer Montag". Gelesen habe ich all das im Tagi, eine Internetversion finde ich nicht.

Freitag, 14. Dezember 2018

Der Raquette-Graben

Ein bewaffneter Kanadier zieht 1722
auf Schneeschuhen in den Krieg.
(Bibliothèque et Archives Canada/
Wikicommons)
Soeben war ein schönes Interview in der "Berner Zeitung" mit dem Buchautor Andreas Staeger. Blogleser kennen den Namen, ich stellte im Oktober Staegers neuen Winterwanderführer vor. Im Interview, das ich leider nicht im Netz finde, analysiert der Brienzer den Trend zum Wandern in der kalten Jahreszeit, schildert Unterschiede zwischen Deutschschweiz und Romandie und bringt einen hübschen, wohl von ihm kreierten, auch im Buch auftauchenden neuen Begriff ins Spiel - eine Ableitung vom Wort "Röstigraben". Hier die Stelle im Interview samt dem Begriff, es spricht Staeger:
... allerdings durchzieht der "raquette"-Graben die Schweiz. In der Romandie gibt es kaum längere gepfadete Winterwanderwege. Selbst für flache Wege im Schnee montieren die Romands sogleich die Schneeschuhe - auf Französisch: "raquettes".

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Scheu waren sie und still

Am Samstag kam uns zwischen Buechberg und Wolfhalden AR ein junger Typ mit zwei auffallend schönen, auffallend wolfsartigen Hunden entgegen. Ich fragte, ob ich streicheln dürfe. Ich durfte. Die Hunde, Weibchen, liessen es zu, verhielten sich aber scheu. Still waren sie, knurrten nicht, bellten schon gar nicht, wichen immer wieder leicht zurück, derweil sie uns beäugten. Es waren tschechoslowakische Wolfshunde. Die Rasse wurzelt in einer Idee aus der ersten Phase des Kalten Krieges. 1955 formulierte man in der Tschechoslowakei, im abgeschotteten Ostblock, den Plan, eine neue Hunderasse zu kreieren, die besonders kälteresistent sein sollte; man wollte die Tiere in den höher gelegenen Gegenden des Landes im Grenzschutz einsetzen. Zu diesem Zweck paarte man Deutschen Schäferkund und Karpatenwolf. Das Resultat hatten wir auf unserer Ostschweizer Wanderung vor uns. Mir gefielen die Wolfshunde sehr. Im Grenzdienst bewährten sie sich damals vor Jahrzehnten nicht. Sie wichen vor Menschen zurück, statt sie zu verbellen und zu stellen. Sympathisch, oder?

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Pfefferbeere übernimmt

Die Wirtschaft Aescher im Jahr 2011 mit Hund Emil.
De Schotz isch doss. Vorgestern gabs in Wasserauen AI eine Pressekonferenz, an der sich das neue Wirteteam des wichtigsten Restaurants im Alpstein vorstellte. Des "Aescher", abenteuerlich gelegen beim Wildkirchli in der Steilwand unter der Ebenalp. Die bisherigen Pächter hatten vor wenigen Monaten verkündet, dass sie nicht mehr mögen. Und zwar wegen zuviel Erfolg, die Touristen rennen ihnen täglich die Bude ein, weil diese weltweit immer wieder auf irgendwelchen Heftlicovern zu sehen ist. Neu wirtet im Aescher mit seinem Team Gallus Knechtle, Inhaber der Firma Pfefferbeere aus Bühler AR, die unten bei der Bahnstation Wasserauen bereits die Loki führt, eine versponnene Minibeiz in einem ausrangierten Bahn-Zugwagen. Pfefferbeere ist eine Eventagentur, die das Einzigartige des Ortes Wildkirchli, das Mythische an ihm, laut eigenen Worten noch mehr herausarbeiten will. Soll sie! Bloss, was machen die Pfefferbeeris, wenn der Zustrom zum Aescher weiter anschwillt? Sind sie dem gewachsen? Die Leute, die dort vorbeischauen, wollen doch vor allem eines: Mit Blick auf den Abgrund - die Wirtschaft liegt hart an der Kante - eine währschafte Rösti speditiv bekommen und mampfen und dazu ein paar Dutzend Handyfotos machen. Ob die neuen Betreiber mit Stress umgehen können? Ob sie sich nicht überlupfen? Mal schauen.

Dienstag, 11. Dezember 2018

Herzogs Duc

Der Grat des Buechbergs mit Reben und der Bodensee von Wolfhalden aus.
Zuvor: Im Weinberg am Buechberg.
Am Samstag gingen wir wandern, mein Grüppli und ich. Nun gut, es war bloss eine Zweierdelegation, die sich in Rheineck besammelte, der Rest war krank oder am Shoppen oder aber der Meteoprognose erlegen. In den folgenden Stunden ereignete sich ein Wetterwunder: Ronja und ich kamen praktisch trocken davon. Bloss einmal tröpfelte es eine Viertelstunde sozusagen waagrecht, Minimalregen und Sturm in Allianz. Zwischenzeitlich hatten wir sogar Sonne. Die Route: Rheineck, Bahnhof - Buriet - Steiniger Tisch/ Buechberg - Buechstig - Hinterlochen - Lüchli - Unterwolfhalden - Wolfhalden - Obergatter - Mühltobel - Blatten - Oberhof - Hof - Friedegg - Rheineck, Bahnhof. Dinge, die uns an der knapp vierstündigen Unternehmung besonders gefielen:
  • Zuallererst natürlich der Buechberg, dieser äusserste Ausläufer des Rorschacherbergs, ein Sandstein-Grat, der sich weit ins flache Land am Alten Rhein vorschiebt und eine vorzügliche Aussicht gewährt auf den Bodensee, das deutsche Ufer samt Lindau, den Flughafen Altenrhein und die Stadler-Industriehallen in Altenrhein. Für mich ist der Buechberg mit seinem vordersten Teil, dem Steinigen Tisch, Kindheitsterrain; ich kann mich an Sonntagsausflüge erinnern, die uns hierhin brachten. Im Restaurant gabs dann jeweils ein Coci.
  • In den Reben am Buechberg trafen wir im Abstieg einen Winzer. Wir fragten ihn, was er für Wein anbaue. Die Liste klang eindrücklich: Pinot noir, Malbec, Merlot und ein paar andere Trauben nannte er. Sein Paradewein sei der "Duc", der so heisse, weil er selber Herzog heisse. Später im Gespräch mit Christian Herzog stellten wir fest, dass es den Duc in der Krone Wolfhalden gibt. Womit sich unser Ziel quasi verdoppelt hatte: Wir wollten sowieso in der Krone essen, nun wollten wir dort auch den herzogschen Wein trinken.
  • Traktorfelge, mit Alpaufzug-Motiv verziert.
  • Die Krone ist ein formidabler Ort für den Wanderzmittag. Die Fensterfront geht auf den Bodensee, die Aussicht steigert sich ins Immense, sie allein macht glücklich. Wir hatten den Hackbraten mit Kartoffelstock und Gemüse. Draussen vor den Fenstern chutete es. Der Bodensee zeigte sich in allen Schattierungen von blau und braun (Sandbänke, die sich weit ins Wasser hinausziehen). Und Herzogs Duc war ein wunderbar würziger Tropfen. So dass Ronja und ich zum Schluss kommen mussten: Arm die, die zuhause geblieben waren.
    Die Ruine der Burg Alt-Rheineck kurz vor Wanderschluss.

Montag, 10. Dezember 2018

And the winner is ...

Der Stausee Lac des Dix. Vorn die Mauerkrone
des Grande-Dixence-Staudammes.
(Foto: Roland Zumbuehl/ Wikicommons)
Vor Tagen musste ich für einen Artikel die Höhe des Roche-Turmes in Basel nachschlagen. Dabei stiess ich auf eine Liste mit hohen Schweizer Bauwerken - so kam ich auf die Frage im gestrigen Sonntagsquiz. Hier die höchsten Strukturen in den drei Kategorien mit Chancen auf den Sieg:
  1. Kategorie: Hochhaus, also bewohntes Gebäude mit dauerhaft Menschen drin: Eben, der Basler Roche-Turm mit 178 Metern. In wenigen Jahren wird er abgelöst durch den zweiten Roche-Turm, der 205 Meter hoch werden soll.
  2. Kategorie Fernseh-/Fernmeldeturm: Schon wieder Basel, diesmal der St.-Chrischona-Fernsehturm. Er ist 250 Meter hoch.
  3. Kategorie Bauwerk ingesamt: Erstaunlicherweise ist das allerhöchste Menschending in der Schweiz, soweit ich sehe, eine Staumauer. Die Grande-Dixence-Staumauer im Wallis nämlich mit 285 Metern.
Lösungen? Ich bekam gestern einige Mails mit falschen Antworten, während andere Mails Vermutungen in Listenform vorbrachten. Und also kann ich hier keinen grossen Gewinner ausrufen. Danke aber fürs Mitmachen!

Sonntag, 9. Dezember 2018

Hohe Frage

Heute wieder mal ein Sonntagsrätsel. Mein hochformatiges Signet passt perfekt zur Frage. Sie lautet: Welches ist das höchste Bauwerk der Schweiz? Also die höchste von Menschen gebaute Struktur der Schweiz? Ich zähle darauf, dass, wer mitmacht, nicht Wikipedia oder Google zu Rate zieht. Viel Glück wünsche ich. Und einen schönen Sonntag. Wer die Lösung kennt - ich freue mich über ein Mail auf widmerwandertweiter@yahoo.de. Ah ja, ein Missverständnis gilt es noch auszuschliessen: Ich meine höchstes, nicht höchstgelegenes Bauwerk; die Rede ist von der vertikalen Länge.

Samstag, 8. Dezember 2018

Warum der Name?

Das Lieblosental vom Beringer Randenturm aus.
Bei Beringen SH zweigt in Nordrichtung ein drei Kilometer langes Tal ab, das auf beiden Seiten von Jurakämmen des Randen begrenzt wird. Wir sahen das Tal, als wir vor Wochen zum Beringer Randenturm stiegen und diesen erklommen. Und wir fanden es schön, denn es ist praktisch unverbaut. Daher verstanden wir den Namen nicht. Das Tal heisst Lieblosental.

Freitag, 7. Dezember 2018

Onuphrius, Anachoret

Onuphrius, wie ihn sich Albrecht Dürer
um 1505 vorstellte. (Wikicommons)
Onuphrius oder auch Onophrios war ein äthiopischer Fürstensohn, sein Vater verstiess ihn, er ging in die Wüste. "Anachoret" nennt man im Christentum diesen Typus Mensch, der sich aus der Gemeinschaft löst und in die Einsamkeit zurückzieht. Geboren um 320, verdiente sich Onuphrius dann durch sein wohltätiges Wirken und seine Frommheit den Zusatz "der Grosse" und wurde heiliggesprochen. Wie ich auf ihn komme? Nun, am Felsentor im Rigigebiet ist er zu sehen als versteinertes meterhohes Abbild, mit geneigtem Haupt und in die Stirn gezogener Kapuze und Wallebart. Felsentor: Das ist ein aus drei verkeilten Felsbrocken bestehendes Naturportal unterhalb Rigi-Romiti, auf dem Areal dahinter betreibt die Stiftung Felsentor Zen, Meditation und dergleichen. Onuphrius, der von der Rigi jetzt, soll vor 400 Jahren gelebt haben. Als Anachoret, der sich von Onuphrius dem Grossen aus Äthiopien den Namen geborgt hatte, um so sein einsiedlerisches Programm zu verdeutlichen.

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Süss

Vor fast zwei Wochen, gegen Ende meiner Etzel-Wanderung, sah ich vom Hoger aus unten bei Altendorf SZ einen riesigen Lindt-Teddy. Normalerweise gibt es den in der essbaren Kleinausgabe. Dieser war die Monstervariante, eine Werbepuppe; er kam mir ein wenig buddhahaft vor, wie er grinsend, satt und ein bisschen dick auf dem Dach hockte. Nun, Kinder finden ihn sicher süss. Das Goldbärli zeigt den Lindt Chocolate Shop von Altendorf an.

Mittwoch, 5. Dezember 2018

St. Galler Wissen, St. Galler wissen

Die Uzner Kreuzkirche, 13. Jahrhundert.
(Dietrich M. Weidmann/ Wikicommons)
Heute St. Galler Wissen. Ich habe wieder einmal ein Dorfadjektiv entdeckt, das ich hier zum Besten geben muss: Die Ableitung zu "Uznach" lautet ... Uzner. Das wiederum erinnert mich daran, dass gleich neben den Uznerinnen und Uznern, im Nachbardorf Schmerikon, die Schmerknerinnen und Schmerkner wohnen. St. Galler wissen das natürlich schon.

Dienstag, 4. Dezember 2018

Kunst von Widmer

Südwestlich von Safenwil AG kamen wir am Samstag zum Scherenberg, den die Einheimischen "Sodhubel" nennen; einst stand dort eine Burg mit einem Sodbrunnen. Ein grosser Grillplatz ist eingerichtet, ihn umgeben senkrechte Fluhen aus Sandstein; sie entstanden durch den Abbau des Steins. Der autodidaktische Holzschnitzer Hans Widmer, 1887 bis 1964, ein christlicher Prediger, verewigte sich an diesem Ort in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Er hinterliess ein Panoptikum aus Reliefskulpturen mit Motiven aus der Bibel (Friedensengel mit Löwe), patriotischen Motiven (Rütlischwur) und Märchenszenen (Rotkäppchen). Das Ensemble im stillen Wald ist heute eine Sehenswürdigkeit, ein Experte vom Aargauer Kunsthaus in Aarau spricht von "beachtlichem künstlerischen Rang". Doch, dieser als grüblerisch, weltfremd, schwärmerisch, sektiererisch bekannte bis verschriene Widmer konnte etwas. Und nein, wir sind nicht verwandt!

Montag, 3. Dezember 2018

Zickelzackelroute

Ungarn in der Schweiz.

Rote Augenschmeichlerin.
Was wir alles sahen am Samstag, der der erste Dezembertag war - Winterbeginn bei feuchtem, nebligem, mildem Wetter! Zum Beispiel passierten wir eine grosse Weide mit Zackelschafen. Ich gebe gerne zu, diese Tierchenart nicht gekannt zu haben, den anderen im Grüpplein ging es gleich. Gott sei Dank gibt es das Internet, ich googelte "Schaf mit geraden Hörnern" und kam gleich zum Zackelschaf. Dieses gilt laut Wikipedia seit über 1100 Jahren als "Gefährtin der Ungarn". Hm. Hübsch sind sie auf jeden Fall, die Schafe mit den V-förmig vom Kopf in die Höhe abzweigenden, an sich geraden, gleichzeitig spiralförmigen Hörnern. Zu unserer Route: Wir gingen von Safenwil nach Zofingen. Aber nicht in der Direttissima, sondern im Hin und Her durch die riesigen Waldungen auf den Höhen östlich des Wiggertals. Es war sozusagen eine Zickel-Zackel-Route. Und natürlich gabs zu essen. im Restaurant Rathaus in Zofingen gaben wir uns deftige Kost, ich hatte ein Zürigeschnetzeltes, nach dem ich für den Rest des Tages nichts mehr brauchte.
Der diebstahlsichere Rollator von Safenwil.

Sonntag, 2. Dezember 2018

Das Nagelproblem

Gott sei Dank hat sie den Fuss noch: Corinne Suter, hier 2017.
(Foto: Stefan Brending, Wikicommons)
Zum Wandern braucht man die Füsse, und daher dürfte diese Geschichte für Wanderer interessant sein. Sie handelt von einem Fuss, der knapp vor der Amputation gerettet wurde. Und von seiner Besitzerin, der Schweizer Ski-Abfahrerin Corinne Suter, die ein Fussproblem etwas sehr leger nahm. Gelesen habe ich die Moritat gestern im Tagi. Sie beginnt diesen Herbst damit, dass Suter, 24, einen neuen Skischuh testet. Nach einem intensiven Training stellt sie fest, dass ihre Zehennägel mit Blut unterlaufen sind. Kann passieren, wenn die Zehen im Schuh permanent vorn anstossen; kennen wir Wanderer auch. Es tut weh, Suter kann fast nicht mehr gehen und bittet eine Physiotherapeutin, die Nägel mit einer Nadel anzubohren, damit der Druck weggeht. Das klappt bestens. Bloss entzündet sich die eine Stelle. Bald danach ist Wochenende, Suter humpelt, der Chefarzt von Swiss-Ski ist in Amerika, sie will ihn nicht belästigen. Ein roter Strich bildet sich, der vom Fuss bis zum Knie hinauf läuft. Suter macht nun doch ein Foto ihres Fusses und schickte es dem Chefarzt. Der reagiert aus den USA sofort: ab ins Spital! Dort lässt Suter allerdings noch vier Patienten vor. Als sie endlich drankomt, ist klar: Blutvergiftung. Die Zeit drängt, sie bekommt eine Antibiotika-Infusion nach der anderen, bleibt vier Tage im Spital, und die Ärzte sagen: Hätte sie noch ein wenig länger gewartet, hätte der Fuss amputiert werden müssen. Die nächsten zwei Monate erscheint Corinne Suter zum Krafttraining dann in weichen Finken. Heute lacht sie über die Sache. Wir auch. Aber gell, liebe Wanderer: schwarze Nägel nicht aufstechen! Oder zumindest gut beobachten, was nachher mit den Fuss passiert! Weil - mit zwei Füssen wandert es sich schöner als mit einem.

Samstag, 1. Dezember 2018

Ich war bei den Indianern


Ganz zuhinterst im Zürcher Seefeld liegt das Nonam, das Nordamerika Native Museum, das die Kultur der nordamerikanischen Indianervölker sowie der Inuit zeigt. Es gehört der Stadt Zürich, die 1961 die sogenannte Sammlung Hotz aufkaufte. Ich ging diese Woche vorbei, um mir die Katsinam anzuschauen, kleine Figuren, die einen primitiv nach Art eines rudimentär bearbeiteten Holzscheites, die anderen elaboriert und farbenstark wie Puppen aus einem alternativen Kinderladen von heute; die Katsinam stellten Ahnengeister dar oder auch Angehörige des Nebelvolkes, zu dem Stämme wie die Zuni und Hopi um Regen beteten. Europäische Künstler des 20. Jahrhunderts, so etwa Emil Nolde, Max Ernst, Sophie Taeuber-Arp und Andy Warhol, liessen sich von den Katsinam inspirieren. Alles gut. Mindestens ebenso interessant fand ich danach aber die Dauerausstellung zuoberst im Haus mit Masken, Waffen, Kanus, Karibufellmänteln und dergleichen. Am Ende war es wie oft. Ich dachte: Du musst noch mal hin, Widmer! Ein Wort zu den Fotos: Die Katsinam konnte ich nicht fotografieren. Blitzen darf man im Museum nicht, was auch richtig ist; und ohne Blitz war das Licht für die Püppchen zu schwach. Stattdessen gibts hier drei Bildli aus der Dauerausstellung.

Freitag, 30. November 2018

Trouvaillen garantiert

Seit wenigen Tagen gibt es den Führer "Wanderparadies Appenzellerland 2"; der Vorgängerband erschien vor zehn Jahren und hat nun also sozusagen ein Brüederli bekommen.  Das Konzept ist dasselbe: An Text nur das Nötigste, nämlich Information zu den einzelnen Wegpunkten einer Route. Dafür sind die Fotos stark gewichtet, sie vermitteln den Überblick, liefern zudem liebenswerte Details und Sinnlichkeit. Eine gute Sache. Die Verfasser kenne ich beide: Jolanda Spengler ist auch Journalistin, wir wanderten schon zusammen. Marcel Steiner wiederum war Redaktor bei der "Appenzeller Zeitung", als ich dort in den 1980ern mein Volo machte. Heute ist er der Kopf des "Appenzeller Verlags", in dem das Buch erschienen ist. Es berücksichtigt übrigens beide Appenzell; gerade im Ausserrhodischen, das nicht so übertouristisiert ist, kann man als Wanderer manche Trouvaille machen. Der neue "Wanderparadies"-Band mit 48 Vorschlägen hilft dabei.

Donnerstag, 29. November 2018

Max, Simone, Ulrich


Ulrich Zwingli hat mich schon immer interessiert, und daher freue ich mich auf den Zwinglifilm, eine der grösseren Schweizer Filmproduktionen bis anhin. Mitte Januar des nächsten Jahres kommt "Zwingli" in die Kinos, gestern bekam ich vom Filmverleih den Hinweis, dass der offizielle Trailer jetzt vorliegt. Ich schaute mir den Clip gleich an und musste lachen: Max Simonischek, der den Zwingli gibt, hat so eine lustige Topffrisur. Wie das Reformationsdrama dann wird, ob es mich fesselt: mal schauen. Was aus meiner Sicht dafür spricht, ist der Name Simone Schmid. Sie war beim Tagi im selben Ressort wie ich, Hintergrund-Analyse, und hat das Drehbuch geschrieben. Wenn Simone draufsteht, ist die Sache gut, denke ich.

Mittwoch, 28. November 2018

Büsi freut sich sicher

Heute nur diese Aufnahme, die in der Nähe von Appenzell entstand. Ich denke, Katzen spricht der Firmenname besonders an.

Dienstag, 27. November 2018

Was für eine schöne Reise

Wiener Hauptbahnhof by night.
Okay, das Erfahrungsmaterial ist für einen Vergleich eigentlich zu klein. Und doch. Als ich am Samstag und Sonntag mit den ÖBB nach Wien und retour fuhr, war das himmlisch. Beide Knapp-acht-Stunden-Fahrten endeten ohne Verspätung. Im Waggon gab es Wireless. Das Essen im Speisewagen war wirklich gut, das Personal so was von freundlich. Und kein einziger Toilettenbesuch endete vor einem kaputten und geschlossenen WC. Es fiel mir schwer, nicht an die SBB zu denken - ich habe die Differenz zu unserem nationalen Bahnunternehmen genossen.

Montag, 26. November 2018

Dr. Widmers Allzweckmedikament

Zwischen Büel und Etzel, Blick zum Höhronen.
Auf dem Etzel. In Grau verpackt das Zürichsee-Becken.
Abstieg vom Etzel nach St. Meinrad.
Nebel auch toll: Baum weiter unten.
Am Freitag und Samstag fuhr ich je acht Stunden Zug, Zürich - Wien retour, und zwei Mal nacheinander schlief ich wenig, bloss vier Stunden pro Nacht. Gestern rappelte ich mich frühmorgens auf, fühlte mich zerschlagen und verschrieb mir gleich eine Wanderung - Dr. Widmers Allzweck-Medikament sozusagen. Von Schindellegi erstieg ich den Etzel, nahm in der Gipfelwirtschaft einen mediokren Wurstsalat, stieg wieder ab. Nicht wie zuvor einige Male nach Pfäffikon, diesmal erwählte ich mir Lachen zum Ziel. Knapp viereinhalb Gehstunden brauchte ich für die ganze Unternehmung und fühlte mich am Ende angenehm revitalisiert. Was mir am besten gefallen hat? Nein, nicht die Sonne auf dem Etzel. Sondern das Wechselspiel von Nebel und Sonne. Es war wunderschön, aus dem Grau ins Licht zu kommen. Und es war ebenso wunderschön, wieder ins Grau einzutauchen.

Sonntag, 25. November 2018

Zweieinhalb Minuten gegen ein Vorurteil


"Willkommen in der hässlichsten Stadt der Schweiz. Willkommen in Grenchen." So beginnt dieser Imagefilm von zweieinhalb Minuten, der das Gegenteil zeigen will und das durchaus schafft. Nein, Grenchen ist nicht öd, doof, langweilig. Wäre okay, wenn das Klischee gelegentlich stürbe.

Samstag, 24. November 2018

You like it?

Heute ein fotoloser Eintrag. Bin in Wien, das Hotel beim HB ist nicht unteuer, doch das Wireless-Signal im Zimmer - unbrauchbar! Hochladen müsham. Sonst alles gut, am Mittag habe ich einen Interviewtermin, ich bin beruflich hier. Gestern reiste ich mit dem Zug an, die knapp acht Stunden waren Zucker, ich hatte mir ein Erstklass-Sparticket gekauft, hin und zurück 270 Franken, günstig, finde ich. Schön, mal wieder durch Feldkirch, Bludenz, Sankt Anton, Innsbruck, Salzburg, Linz, Sankt Pölten zu gondeln und die Grösse Österreichs - rein geografisch, gell - zu erfahren. Am Abend, gleich nach der Ankunft, ging ich in der Johannitergasse essen, in «Der Ringsmuth». Ich nahm ein Backhendl, es war Spitze, ich sass wohlig an meinem Tisch, fühlte mich wie zuhause und dachte: Doch, Widmer, du bist schon fast ein Einheimischer, wie du da isst und trinkst; ein halber Wiener bist du. Hast ja auch den passenden Ösi-Akzent drauf. In diesem Moment schaute der Kellner an meinem Tisch vorbei und sagte: "You like it?"

Freitag, 23. November 2018

Hinterländer Narzissmen

Kürzlich ging es hier um das Wappen von Hundwil, wo ich von 1975 bis 1981 lebte. Um das Autobiografische weiterzuspinnen: Meine ersten 12 Jahre verbrachte ich zuvor in Stein, das an Hundwil grenzt; ich bin Bürger von Stein. Die beiden Gemeinden gehören aus historischer Sicht zusammen, wie sie auch in meinem Leben gepaart sind: Stein spaltete sich 1749 von Hundwil ab. Dieses bestand zuvor aus der Oberen Rhode. Und der Unteren Rhode, heute Stein. Den Steinern wurde irgendwann der Gang in die Hundwiler Kirche zu lang. So erwirkten sie die Trennung und erbauten eine eigene Kirche. Das Wappen von Stein, siehe rechts, spricht wie das von Hundwil: Es zeigt den Appenzeller Bär, der sich an einem Stein aufrichtet. Oder ist er grad daran, an dem harten Material die Krallen zu wetzen?

Stee, also Stein. Hier bin ich Bürger.
Erinnerung aus meiner Kindheit und Jugend: Ich spürte in beiden Dörfern, was Freud den "Narzissmus der kleinen Differenzen" nannte. Der Mensch nährt sein Selbstbewusstsein zuallererst, indem er sich von seinen nächsten Nachbarn abgrenzt und irgendwie die eigene Überlegenheit definiert. So absurd das jeweilige Argument dann auch ist. Die Steiner fühlten sich damals in den Sechziger- und Siebzigerjahren klüger als die Hundwiler, weil es in Stein eine Sekundarschule gab, die auch die seklosen Hundwiler besuchen mussten; sie kamen mit dem Velo oder Töffli. Die Hundwiler, stellte ich später fest, fühlten sich urchiger als die Steiner. Traditioneller, konservativer, bäurischer. Darauf legten sie grossen Wert; sie sahen die Steiner als armselige Städter an. Bis heute ist der Unterschied der beiden Hinterländer Dörfer riesig. Auch wenn die Kirchen bloss zwei Kilometer auseinander liegen.

Donnerstag, 22. November 2018

Rein ins Grau

Oben das Kloster Werthenstein, unten die Kleine Emme.
Überhängender Fels bei Näbdeflue.
Gestern wollte ich auf den Kronberg im Appenzellerland, Sonne tanken. Um sieben Uhr morgens sah ich im HB Zürich auf der Anzeigetafel, dass der Zug Richtung Ostschweiz eine, wie es hiess, unbestimmte Verspätung hatte. Ich wechselte auf Plan B, nahm mir eine - 1000 Meter tiefer verlaufende - Route im Kanton Luzern vor und murmelte zu mir selber: "Umarmen wir doch den Nebel!" Tatsächlich hatte ich viel Freude an der Strecke Malters - Hinder Ämmeberg - Näbdeflue - Werthenstein, für die ich 3 1/4 Stunden brauchte, ohne an irgendeiner Stelle weiter als einen Kilometer gesehen zu haben. Wie auf einzelnen Tannenzweigen Schnee lag. Wie Schafe sich aus dem Grau schälten bzw. ich mich aus dem Grau schälte, worauf die Schafe die Flucht ergriffen. Wie ich mit einem Bauer drei, vier Minuten gesprächlete. Wie einsame Hofhunde mich erfreut verbellten, endlich etwas zu tun! Wie ich zur Näbdeflue kam, einem überhängenden Nagelfluhbauch riesenhaften Ausmasses, den ich in den letzten Jahren in mehreren Wanderblogs gesehen hatte. Und wie ich wieder einmal die Lage des Klosters Werthenstein bewunderte auf seinem Felssporn hoch über der Kleinen Emme: alles grosse Dinge. Am Ende gabs Spiessli mit Kräuterbutter und Pommes Frites im Gasthaus zur Emme in Werthenstein und ein Bier, dann fuhr ich wieder heim. Nebel immer toll!

Mittwoch, 21. November 2018

Mein ÖV-Freudeli

Bald besser verbunden: Züri und Winti.
Per 9. Dezember ist Fahrplanwechsel, je nach Region und Wohnort hat da jeder sein persönliches Freudeli. Oder seinen persönlichen Frust. Mich stellt auf, dass es zwischen Winterthur und Zürich auf der schnellen S-Bahn-Strecke via Stettbach und Stadelhofen statt des bisherigen Halbstunden- neu einen Viertelstundentakt geben wird. Die Strecke ist ja so was von überlastet. Will ich von St. Gallen in meinen Wohnort Zollikerberg, werde ich in Zukunft 15 Minuten schneller sein, wenn ich via Winterthur-Zürich Stadelhofen statt via HB Zürich-Zürich Stadelhofen reise. Soweit mein ganz und gar egoistisches Freudeli.

Dienstag, 20. November 2018

Tod eines Adeligen

Eduard von Falz-Fein 1998.
(Ivanpopoff/ Wikicommons)
Gestern las ich im Internet, dass der Baron Eduard Alexandrowitsch von Falz-Fein gestorben ist. Was für ein Name, was für ein Leben! Er wurde noch im Zarenreich geboren und sah als Bub das Bernsteinzimmer, jenen Prachtraum, den der Preussenkönig Friedrich Wilhelm I. dem Zaren seiner Zeit schenkte. Im Zweiten Weltkrieg raubten die Deutschen angeblich das Bernsteinzimmer, seither ist es jedenfalls verschollen; in Sankt Petersburg ist eine Kopie zu sehen. Der Baron emigrierte nach der Oktoberrevolution nach Westeuropa und begründete in Liechtenstein eine neue Existenz. In Vaduz besuchte ich ihn vor 15 Jahren. Nun hat ein Hausbrand das 106-jährige Leben des Eduard Alexandrowitsch von Falz-Fein am 17. November beendet. 

Hier mein Artikel aus dem Nachrichtenmagazin "Facts" von 2003.
Der Bernstein-Baron 
Weltwunder - Als Kind sah er das Bernsteinzimmer. Nun feiert Eduard von Falz-Fein die Einweihung der Kopie. 
Von Thomas Widmer Das Telefon klingelt in der Villa, Baron Eduard von Falz-Fein nimmt ab und wechselt in ein hartes Französisch. Der Belgier am andern Ende der Leitung behauptet, er habe interessante Informationen zum Bernsteinzimmer. «Kommen Sie am Wochenende zu mir nach Vaduz», sagt der Baron schliesslich.
«Wie alle meine Gäste wird auch dieser abwaschen müssen. Dafür koche ich ihm ein wunderbares Abendbrot», sagt der Baron. Aber warum empfängt er den Belgier überhaupt, nachdem er in den letzten Jahren Hunderte Anrufe bekommen hat und dazu sackweise seltsame Briefe, in denen dubiose Fremde Informationen übers Bernsteinzimmer anboten? «Weil er anders als die meisten anderen kein Geld wollte.»
Eduard von Falz-Fein, Jahrgang 1912, russischer Emigrant mit einem Schuss Romanoff-Blut, Neo-Liechtensteiner mit Villa neben dem Schloss des Landesfürsten, bekannter Mäzen und Rückführer russischer Kunst nach Russland - dieser Falz-Fein ist eine treibende Kraft bei der Suche nach dem legendären Bernsteinzimmer.
Am 31. Mai wird die Kopie des Zimmers in Sankt Petersburg feierlich eröffnet. «Schröder geht hin, Putin geht hin, meine Wenigkeit geht auch hin.» Der Baron lacht, ein durchs Alter kaum gebeugter Mann im eleganten, doch sichtbar getragenen Anzug. Die Haare wellen sich im Nacken.
Er ist in Sankt Petersburg der Ehrengast. Nicht nur, weil er einige Male Suchaktionen nach dem Zimmer finanzierte, 500 000 Dollar Belohnung ausschrieb, in einer internationalen Findungskommission mithalf. Darüber hinaus ist Falz-Fein einer der wenigen, wenn nicht der einzige noch lebende Mensch, der das echte Bernsteinzimmer mit eigenen Augen sah. Jenen Prachtraum also, der vom Preussenkönig Friedrich Wilhelm I. dem Zaren Peter I. geschenkt wurde, in Petersburg noch mehr Schmuck und Verzierungen erhielt und als achtes Weltwunder zelebriert wurde, bis ihn im Zweiten Weltkrieg die Deutschen raubten.
Die Spur des Zimmers verliert sich 1945 im Schloss Königsberg in Ostpreussen, als die Engländer ihre Bomben abwarfen. All die Theorien, wie und wo es überlebt haben könnte, findet der Baron abwegig bis abstrus. «Die Belohnung liegt bereit. Aber ich werde sie nie auszahlen müssen.»
Das Zimmer sei vor Ort verbrannt, dessen ist der Baron gewiss. «Leider. Aber die Kopie ist noch schöner als das Original.»
Falz-Fein erinnert sich genau, wie er als kleiner Bub bei seinem Grossvater zu Besuch in Sankt Petersburg war. Der war Direktor des Pagen-Corps und hatte zeitweise eine Wohnung im Zarenschloss. Eines Tages nahm er seinen Enkel an der Hand und führte ihn ins Bernsteinzimmer.
«Wie das glänzte. Ich habe es nie vergessen.» Der Baron singt den Satz. Draussen vor den Fenstern ist Ländle, strömt der Rhein, glänzt der Schnee auf dem Alvier. Drinnen in der Villa aber ist Russland.
Als 1917 die Revolution kam, flohen die Falz-Feins nach Deutschland, später an die Côte d'Azur, wo der Vater eine Ferienvilla besass. Falz-Fein studierte in Nizza und Paris, wurde französischer Studentenmeister im Radfahren, zog als Sportjournalist nach Berlin, erlebte die Vorbereitung auf die Olympiade, traf Leni Riefenstahl.
Kürzlich erst hat er Riefenstahl wieder gesehen. «Ich muss sagen, sie hält sich gut», sagt der 91-Jährige über die 100-Jährige.
Nach dem Geheimnis der eigenen Vitalität gefragt, beugt er sich leicht nach vorn. «Hervorragende Frage. Ich gratuliere.»
Dann deklamiert er mit schnarrender Stimme und präzis hochdeutscher, von Österreichismen gereinigter Diktion: «Ich esse wie ein Spatz. Ich habe nie einen Tropfen Alkohol getrunken. Und ich gehe jeden Tag um neun zu Bette, lasse stets das Fenster offen und schlafe zwölf Stunden.»
Es ist klamm im staubigen Wohnzimmer voller Gemälde. Der Baron ist ein harter Sparer, überheizt nicht, gibt pro Monat bloss 70 Franken für Essen aus, zelebriert die Leidenschaft zum Geldnichtausgeben wie Dagobert Duck, lebt wie dieser allein. Die Tochter Ludmila hat längst geheiratet.
Ist er wach, hat er zu tun. Werkt in Garten und Haushalt. Und bereitet, während ihn von ihren Bildern all die Fürsten, Popen, Generäle und Nobeldamen beäugen, die Überführung der Familien-Dokumente ins russische Staatsarchiv vor, wo ein Raum wartet. Manchmal steuert er auch seinen Mercedes von der Hangvilla zu Tale und fährt etwa nach Bern zu einem Empfang der russischen Botschaft. Dort ist er gern gesehen, denn schon in der Endphase des Kommunismus begann er, Kunstgegenstände aufzukaufen und in die alte Heimat zurückzuschaffen. Präsident Putin dekorierte ihn dafür mit einem Orden.
Und als er eines Tages feststellte, dass die russische Botschaft in Bern anders als andere Residenzen keine vergoldeten Zaunspitzen hatte - hat er da nicht das nötige Blattgold herangeschafft? Ein initiativer Mann.
In der Revolution verloren die Falz-Feins, was ihre Vorfahren seit dem Urahn, einem deutschen Auswanderer des 18. Jahrhunderts, aufgebaut hatten: ihre riesigen Landgüter nahe der Krim in der heutigen Ukraine. «Askania Nova» vor allem, das den grössten Tierpark Russlands beherbergte. «Askania Nova» hat der Baron auch seine Vaduzer Villa getauft. Hier fand er nach den Jahren als Reporter - und, wie er gern verrät, glühender Playboy - Unterschlupf und Heimat, wurde 1936 eingebürgert. Eine alte Adels-Connection: Liechtensteins späterer Fürst, Prinz Franz I., war seinerzeit Botschafter Österreich-Ungarns am Zarenhof und lernte dort die Falz-Feins kennen und schätzen.
Bis heute ist der Baron für die Gastfreundschaft dankbar. Einmal im Monat nimmt er darum einen Besen, geht die 100 Meter zum nahen Bronzedenkmal des Prinzen und poliert dieses nach Kräften.
Als Mann der Tat erkannte Falz-Fein nach dem Krieg sofort, dass der Tourismus aufblühen würde. An bester Lage eröffnete er Liechtensteins ersten Souvenir-Shop und verkauft dort bis heute kleine und grosse Erinnerungen ans Ländle; aus dieser Geldquelle finanzierte er sein Engagement für die Kunst. Gründer des Liechtensteinischen Olympischen Komitees war er auch.
Und er hatte immer wieder kommerzielle Genieblitze. «Liechtenstein braucht eine Melodie», fiel ihm in den Fünfzigerjahren ein. Ein befreundeter Komponist auf Besuch nahm die Anregung auf, setzte sich an Falz-Feins Flügel und komponierte die «Liechtensteiner Polka». Ein globaler Gassenhauer, zu kaufen auch im Laden des Barons, wo 100 000 Stück der 45er-Single über den Tisch gingen. Falz-Fein ist zwar ein russischer Nobler. Hat aber den Business-Riecher eines US-Selfmademan.
Am 22. Mai schon reist er ab nach Sankt Petersburg. Im Juni, wenn er zurück ist, wird er sich der Promotion seiner Erinnerungen widmen, welche nächstens auf Deutsch erscheinen. Das Buch «Baron von Falz-Fein. Ein russischer Aristokrat in Liechtenstein», verfasst von einer Russin: ein Feuerwerk der Anekdoten, ein Defilee der Prominenten von Simenon bis Soraya, ein Schaufenster aufs turbulente 20. Jahrhundert.
Charmant auch die Prisen unfreiwilligen Humors, der aus der Distanz der Autorin zum Ländle erwächst. O-Ton über Liechtenstein: «Es ist ein Reich des Wohlstandes, es gibt keine Kriege, keine Gauner und Verbrecher, das Gefängnis steht leer.»

Montag, 19. November 2018

Oberschichtklo

Hübsches Möbel! Ich fotografierte es gestern im Freulerpalast, dem Museum des Landes Glarus in Näfels. Ich werde auf das Haus aus dem 17. Jahrhundert zurückkommen, hier vorgezogen bloss diese einzige Aufnahme: der Nachtstuhl von 1840 mit noblem, auf- und zuklappbarem Oberteil; er ist gefertigt aus Tannenholz, die Furniere sind aus Nussbaumholz. Nicht zu sehen, weil unter dem Deckel verborgen, ist der Nachttopf aus Porzellan.

Sonntag, 18. November 2018

30 Kilometer? Na ja ...

Ali Soufan 2001
in Afghanistan.
(Wikicommons)
Gestern sagte ich ab. Mir war mies, schwaderig irgendwie, beim Gedanken an die vorgesehene Wanderung mit 1300 Höhenmetern abwärts wurde mir mulmig. Ich blieb zuhause und las den Grossteil von "The Black Banners" (2011), den wahnsinnig spannenden Erinnerungen von Ali Soufan, einem der führenden FBI-Agenten zu Zeiten von 9/11 und Al-Qaida. Darin erzählt Soufan, ein Amerikaner mit libanesischen Wurzeln, wie ihm bei einem Verhör einer der Leibwächter von Usama bin Laden erzählte, in den Trainingscamps in Afghanistan habe man am Ende der militärischen Ausbildung zum Kämpfer einen 30-Kilometer-Marsch machen müssen. Ich war mässig beeindruckt, mit Stolz erinnerte ich mich an die 43 Kilometer, die wir, das Grüppli und ich, vor Jahren zurückgelegt hatten. - Allen einen schönen Sonntag! Wieso nicht mit einem tollen Buch.

Samstag, 17. November 2018

Staubig? Schön!

Ich führe dieser Tage ein staubiges Leben. Die "Schweizer Familie" feiert nächstes Jahr ihr 125-Jahr-Jubiläum, ich betreue zusammen mit der Bildchefin die Sonderseiten im Heft, die den Geburtstag feiern werden. Mehrere Male war ich jetzt im Untergeschoss unter dem Tamedia-Glashaus, wo im Archiv der Hauspost die alten Bände der Zeitschrift lagern. Was für eine Katakombe! Hier ein Müsterli unserer Kellerarbeit: die Jugendseite der "Illustrirten Zeitschrift für die Schweizer Familie" in einer Ausgabe aus dem Jahr 1897. Im Scherenschnitt sehen wir Karl und Peterchen, die Nachbars Ziege an Nachbars Hausglocke gebunden haben; jetzt dauerbimmelt es beim Nachbarn. Wie die Sache ausgeht, kann man in der ersten Nummer der SF im neuen Jahr nachlesen, dann erscheint der Jubiläumsteil. Staubiger Job? Schöner Job!

Freitag, 16. November 2018

Auf Augenhöhe mit dem Heiligen

Total ausgemergelt: Bruder Klaus (links) in der Ausstellung in Schwyz.
(Copyright: Foto Lauperzemp, Schweizerisches Nationalmuseum)
Aus welchem Grund begeisterte mich die Ausstellung "Heilige - Retter in der Not" im Forum Schweizer Geschichte in Schwyz? Ich versprach gestern, das bald darzulegen. Nun, zuallererst dies: Die Ausstellung begeisterte mich nicht nur, sie berührte mich sogar. Ich lernte viel, allein die Attribute der Heiligen, die sie kenntlich machen, sind ja eine Wissenschaft - der Doppelkamm zum Beispiel gehört zu Verena. Wie all das Zubehör mir entschlüsselt und erklärt wurde: fand ich toll. Und dann war halt für einmal das Problem behoben, das beim Wandern oft auftritt, wenn man ein Gotteshaus betritt oder in einen Bildstock linst: Oft sind die Heiligen fast nicht zu sehen, das Licht ist schummrig, oder dann ist der Heilige in einem abseitigen Winkel platziert oder zwei Meter über dem Betrachter. Manche Skulpturen sind auch gar nicht besonders gross, das kommt hinzu. Die Schwyzer Ausstellung schafft Nähe, ja Intimität: Wir können den Heiligen auf Augenhöhe gegenübertreten und kommen ihnen auf Armeslänge nahe. Das war es, was mich bewegte. Wer auch hin will, hat noch viel Zeit, die Ausstellung läuft bis in den nächsten März hinein.

Donnerstag, 15. November 2018

Ich habe einen neuen Pass

Das Forum Schweizer Geschichte Schwyz. Mit Heiligen-Ausstellung-Plakat.
Mein neuer Pass.
Ha! Jetzt bin ich stolzer Besitzer eines Schweizer Museumspasses. Gestern kaufte ich einen, im HB Zürich, ich musste am Bahnschalter das GA vorweisen und zahlte 136 Franken. Nun kann ich ein Jahr lang ziemlich viele Museen im Land gratis besuchen, das lohnt sich auf jeden Fall, vier Mal pro Jahr oder so reise ich ja allein nach Aarau, um mir dort im Aargauer Kunsthaus anzuschauen, was aktuell gezeigt wird. Den Museumspass weihte ich ein, indem ich nach Schwyz fuhr. Dort läuft im Forum Schweizer Geschichte die Ausstellung "Heilige - Retter in der Not" - sie begeisterte mich. Warum, will ich hier nächstens darlegen.

Mittwoch, 14. November 2018

Zentralschweiz meiden!

Der Bahnhof Luzern. (Wikicommons/ focus mankind)
Ein Tipp für alle Wanderer: Meidet dieses Wochenende den Bahnhof Luzern. Am Samstag und Sonntag werden dort die Weichen erneuert, bloss die Züge der Zentralbahn verkehren normal, alle anderen Züge werden durch Busse ersetzt. Das gibt sicher ein ordentliches Gedränge.