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Mittwoch, 12. Juni 2019

Der Fuss im Luterental

Irgendwie erinnert mich dieser Block an eine riesige Statue des Trajan oder Vespasian, die ich vor 37 Jahren in Rom sah, als ich dort gleich nach der Matura Ferien machte. Es handelt sich jedoch um reine Natur. Ich fotografierte den Vorderfuss aus Kalk, der vom Regenwasser geformt wurde, gestern im Luterental im letzten Drittel einer Wanderung, die uns von Stein im Toggenburg über den Risipass in besagtes Tal und hinauf zur Schwägalp führte. Ich will später etwas mehr über die Route erzählen. Hier gilt es etwas anderes einzuschieben: Heute abend um acht Uhr ist Vernissage meines neuen Buches "Hundertundein Stein" im Kaufleuten Zürich. Bin ich gestresst, bin ich nervös? Nicht so sehr, weil ich ja doch viele Auftritte hinter mir habe. Ein bisschen Angst macht mir jeweils eines: Wenn viele Leute um mich sind, verwechsle ich oft den Namen zu einem bestimmten Gesicht. Nun hoffe ich, dass mir das heute abend nicht passiert. Oder dass es mir, falls es doch geschieht, verziehen wird. Ansonsten: Ich freue mich! Und wer spontan kommen will: Das Kaufleuten ist nicht für kleine Räume bekannt. Platz hat es genug.

Dienstag, 11. Juni 2019

Entrücktes Tessin

Schön. Die nächsten anderthalb Jahre braucht man
aber (ab Zürich) länger, den Luganersee zu erreichen.
Seit langer Zeit war sie angekündigt, seit Sonntag ist sie in Kraft: die Sperrung der Bahnstrecke von Zug nach Arth-Goldau. Bei Walchwil wird endlich die Doppelspur realisiert, auch überholen die SBB ihre Anlagen auf der Strecke, Tunnels und Brücken zum Beispiel. Bis 12. Dezember 2020 - jawohl, 2020, nicht 2019! - werden sämtliche Fernzüge über den Gotthard ab Zürich und Zug via Rotkreuz umgeleitet. Die Fahrzeiten ins Tessin verlängern sich deswegen um bis zu 15 Minuten. Im Online-Fahrplan sind die Zeiten angepasst. Seufz.

Montag, 10. Juni 2019

Loch am Anfang, Loch am Schluss

Schöner grüner Jura: zwischen Chratten und Vorder Erzberg (oben rechts).

Die Salzrollen beim Vorder Erzberg: begehrter Schleckstoff.
Rundum Jura, Kämme zum einen, kecke Spitzen zum anderen. Alles grün, nur an wenigen Stellen die Graspolster durchbrochen von bleckenden Kalkfluhen. Das war die Kulisse unserer Pfingstsamstag-Wanderung. Wir starteten bei der Bushaltestelle Passwang, zogen via Beibelberg und Chratten nach Vorder Erzberg, erstiegen von dort die Hohe Winde, stiegen auf dem selben Weg wieder ab, gingen zum Scheltenpass und nahmen die letzte Steigung vor dem Zmittag, die hinauf zum Matzendörfer Stierenberg. Im Restaurant mit der grossen Terrasse assen wir gut, mussten freilich die Windjacken überstreifen, denn es blies eine böse Bise. Der Nachmittag war noch einmal anstrengend: hinüber nach Zentner und zur Oberen Tannmatt, durch die Rüchi zum Lochboden, dann zur Ergeleralp und hinab nach Welschenrohr. Nur etwas wurmt mich im Rückblick auf die schöne Unternehmung (sechs Stunden, 805 Meter aufwärts, 1055 abwärts): Wir hätten am Schluss noch das Bärenloch besuchen sollen, das tunnelportalartige Felsloch über Welschenrohr. Als ich mich umdrehte, es hoch über uns in der Wand sah und die Idee zur Visite hatte, waren wir freilich schon unten im Dorf. Noch einmal hinauf - dafür hätte mir die Energie dann doch gefehlt. Nun gut, das Bärenloch steht jetzt auf meiner Liste mit Wanderzielen.
Unser Anfangsloch: Der Passwang-Strassentunnel-Ausgang, wo wir starteten.
Unser Schlussloch: Das Bärenloch in der Felswand oberhalb Welschenrohr.

Sonntag, 9. Juni 2019

Pfiwa

War ein unbeschwerter Tag gestern, wir zogen durch den Solothurner Jura und erstiegen unter anderem die Hohe Winde, 1204 Meter über Meer; von diesem Kalkgipfel bescheidener Höhe sieht man den Alpenkranz, aber auch den Schwarzwald und die Vogesen. Auf der Anreise via Olten, Oensingen, Balsthal zum Passwang war mir aufgefallen, wieviele Kinder in Gruppen unterwegs waren -  Pfingstlager, abgekürzt Pfila, eine nationale Institution. Was wir machten, taufte ich im selben Augenblick "Pfiwa". Pfingstwanderung.

Samstag, 8. Juni 2019

Die Hungerfestungen

In der Gegend von Monte Carasso und Sementina, am Westufer des Ticino auf der Höhe von Bellinzona und Giubiasco, fotografierte ich diese Mauern und den zylinderförmigen Turm. Ich dachte: oh, Mittelalter! Was völlig falsch ist. Es handelt sich um Teile der Fortini della Fame, der "Hungerfestungen". Die markanten Anlagen entstanden im jungen Bundesstaat Schweiz. 1853 begann man mit der Befestigungslinie, die der Sonderbunds-General Guillaume-Henri Dufour entworfen hatte; sie zog sich von der Magadinoebene bis Monte Carasso. Es handelte sich um Arbeitsbeschaffung. Ein halbes Tausend arbeitslose und hungernde Tessiner, die zuvor aus dem Lombardo-Venezianischen Königreich ausgewiesen worden waren, bauten zwei Jahre an den Festungen und kamen so zu einem Auskommen. Das Verteidigungswerk sollte zudem verhindern, dass der Kanton Tessin und das ganze Land in den Konflikt des Risorgimento verwickelt würde; so heisst die Bewegung, die sich insbesondere gegen das Lombardo-Venezianische Königreich, Teil der Habsburgermonarchie, richtete und letztlich zur Bildung des Nationalstaates Italien führte. Die Schweiz fürchtete damals, Habsburg könnte sie von der Lombardei her angreifen und so Rache dafür nehmen, dass sie als stolze Republik anti-habsburgische Revolutionäre und Flüchtlinge aufgenommen hatte.

Freitag, 7. Juni 2019

Sie kamen über die Furgga

Relikt aus dem Mittelalter: das Kirchlein von St. Martin. 

Wurst-Käse-Salat im Resti von St. Martin. Er schmeckte.
Doch finde ich, er sei im Configlas nicht optimal angerichtet.
St. Martin - ich war am Mittwoch dort - ist mit Sicherheit einer der schösten Schweizer Flecken. Der verträumte Miniweiler liegt, wo die Tamina den Gigerwald-Stausee speist. In der südöstlichsten Ecke des Kantons St. Gallen also, im Calfeisental. Zu Fuss kommt man in 50 Minuten von der Bushaltestelle auf der Mauerkrone des Staudamms hin. Man findet eine Art Freiluftmuseum vor: ein sauber renoviertes, demonstrativ herausgeputztes historisches Dörfchen mit einer kleinen Kirche, die um 1312 gebaut wurde. Heute lebt St. Martin nur noch im Sommer ein bisschen, dann zieht die schöne Wirtschaft viel Volk an; leider kommen die meisten Gäste per Auto oder per Töff. Im Winter ist St. Martin tot, die Strasse am Staudamm ist dann zu, Lawinen gehen nieder. Die letzten Calfeisen-Walser zogen 1652 ab, zu unwirtlich war der Flecken damals in der Kleinen Eiszeit. Zur Erinnerung: Die Walser waren ein mittelalterliches Siedlervolk aus dem Wallis, das die Schweizer Alpen entscheidend geprägt hat. Sie liessen sich dort nieder, wo kein anderer leben wollte. Die Walser im Calfeisental kamen zu Beginn des 14. Jahrhunderts von Fidaz GR über die Trinser Furgga. Das Kloster Pfäfers als Gebietsherrin hatte ihnen das Land an der Tamina zur Verfügung gestellt.
Bei dem Winker handelt es sich um einen Teebeutelverkäufer. Er fand,
er müsse ein wenig Leben in mein Bild bringen. Gute Idee.

Donnerstag, 6. Juni 2019

Beklemmung im St. Galler Oberland

Gestern fuhr ich mit dem Postauto von Bad Ragaz ganz weit hinein und hinauf ins Taminatal. Bis zur Endstation der Linie auf der Mauerkrone des Gigerwaldsee-Damms. Meine Route in den folgenden knapp fünf Stunden: auf dem Strässchen südseitig, stellenweise durch Galerien und Tunnels mit giftkaltem Zugwind und Tropfwasser, bis ans Ende des Stausees. Und dann nordseitig der Tamina auf dem breiten Alpfahrweg bis zur ersten Brücke im Gebiet Schwamm/Tüfwald. Die, abseits des Wanderwegnetzes platziert, nahm ich. Auf der anderen Seite der Tamina gings wieder abwärts. Diesmal machte ich in St. Martin, dem reizenden, ein wenig musealen Walserweiler Station; er liegt dort, wo die Tamina sich zum Stausee weitet. Auf der selben Route, wieder auf dem Strässchen also, zog ich retour und setzte von der Mauerkrone fort hinab nach Vättis. Was hatte ich erwartet? Entspanntes Wandern, Blumen, Vogelgezwitscher, vielleicht ein Fussbad in der Tamina. Bergfrühling halt mit Romantikflair und Wiesenduft auf der Harmloshöhe von 1500 Metern über Meer. Was bekam ich stattdessen? Schneemauern. Einen nassen Baumstamm, auf dem ich ein bleigraues Monstrum namens Malanserbach zu queren hatte. Eine Tamina, die sich jede Annäherung verbat, die toste und riss. Auch waren da drei steile Bachrunsen, gefüllt mit Lawinenschnee, die ich in der Höhenlinie meistern musste. Last not least gab es Stellen, wo  entwurzelte Bäume den Weg blockierten. Nein, easy war das nicht. Das Wandergefühl gestern: Beklemmung, Faszination, Respekt. Und am Ende Erleichterung.