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Donnerstag, 29. November 2012

Durch den Hudel zum Kloster

Eine Preziose: Chorgestühl von St. Urban. (Gandalf/Wikicommons)
Mag es noch so hudeln, heute wandern wir. Auch das alte Kloster St. Urban LU besuchen wir, das eine Psychiatrische Klinik beherbergt. Die Klosteraufhebung 1848 war eine Folge des Sonderbundskrieges, des Konfliktes zwischen Reformierten und Katholiken, Liberalen und Konservativen, der den modernen Bundesstaat hervorbrachte. Der Kanton Luzern fand sich auf der Verliererseite und tilgte Kriegsschulden, indem er Klostergüter verkaufte. Auch das wertvolle Chorgestühl von 1700 veräusserte er, konnte es aber später zurückerwerben.

PS: Ein Blick auf den Klickzähler dieses Blogs zeigt: Die magische 333 333 kommt näher und näher.

Mittwoch, 28. November 2012

Mittelholzers Matter Martyrium

Schön, oder? Das Foto machte ich im Oktober, nachdem wir den Risetenpass (SG/GL) überquert hatten. Es zeigt das Risetenhorn vom Krauchtal aus. Walter Mittelholzer hatte im März 1922 dieselbe Perspektive, freilich war das Horn tief verschneit. Und er selber war nicht zwäg wie unsereins, sondern kroch mit einem verletzten Knie durch die Schneemassen talwärts nach Matt.

Mittelholzer, der Schweizer Flugpionier, war in Mailand Richtung Dübendorf gestartet, hatte im Linthgebiet im dichten Nebel aber die Orientierung verloren. Dann der Unfall, den er später in seinem Buch "Persienflug" schilderte:
"Aus dem Nebelgrau schiesst plötzlich eine hellschimmernde, weisse Fläche auf mich zu. Instinktiv ziehe ich das Höhensteuer. Ein furchtbares Krachen durch Mark und Bein - dann Totenstille..."
Walter Mittelholzer, Schweizer Flugpionier, 1894 bis 1937.
Mittelholzer erwacht, das Knie ist geschwollen und tut furchtbar weh, er rutscht auf dem Rücken talwärts, löst eine Lawine aus, hält sich an einer Tanne, entkommt so gleich noch einmal dem Tod. Die erste Nacht bei Minustemperatur verbringt er in einer Alphütte, findet zwar Schwefelhölzchen, die aber nicht zünden, schlottert qualvoll vor sich hin. Dann rutscht und kriecht er weiter, hinkt später auf einen Ast gestützt durchs endlose Krauchtal. Alle 200, 300 Meter schläft er ein. Es wird wieder Abend:
"Ein letzter rotgoldener Schein spielte um die obersten Felsen des Risetenhorns, an dessen Fuss als kleines, schwarzes Pünktchen mein armes Flugzeug mit zerbrochenen Schwingen lag."
Um Mitternacht kommt Mittelholzer in Matt im Sernftal an, ist aber so erschöpft, dass er nicht um Hilfe rufen kann, er schläft im Dorf auf dem Schnee ein. Am Morgen wankt er in eine Gaststube, den Fliegerhelm auf dem Kopf, das Gesicht voller Blut, und bittet um heissen Tee und Wein. Es dauert drei Monate, bis er wiederhergestellt ist.


Dienstag, 27. November 2012

Vier Freunde auf dem Jakobsweg

Jakobspilger in "The Way". (Screenshot)
Die Vier sind in Santiago de Compostela und die Geschichte gleich zu Ende. Nie sah ich einen Film, in dem so ausgiebig gewandert wird wie in "The Way" von Emilio Estevez (2010). Martin Sheen spielt einen amerikanischen Augenarzt, dessen Sohn auf dem Jakobsweg erfroren ist. Nun absolviert der Vater, die Asche des Sohnes im Gepäck, denselben Weg. Unterwegs gabelt er drei andere Pilger auf: eine traurige Kanadierin, einen verkifften Holländer und eine Nervensäge von Schriftsteller aus Irland. Die vier werden Freunde, es gibt nach bewährter Drehbuch-Schreiber-Art allerlei Rückschläge und Hindernisse zu überwinden, und so manches ist ziemlich klischiert - trotzdem fand ich den Film berührend und habe ihn gestern Abend genossen.

Montag, 26. November 2012

Gotthelf schrieb nicht schön

Gotthelf, Hässlichschreiber.
Zu Jeremias Gotthelf - er kam kürzlich in meiner Zeitungskolumne vor - habe ich auf Wikipedia ein lustiges Zitat gefunden. Als Albert Bitzius, wie Gotthelf hiess, von 1814 bis 1817 in Bern den Theologen-Vorkurs besuchte, befand sein Lehrer zu Mutter Bitzius: "Sagt doch Eurem Sohne, er solle schöner schreiben lernen, er schreibt wie eine Sau." Heute würde der Lehrer dafür vermutlich verklagt oder entlassen oder beides!

Sonntag, 25. November 2012

Ich besuchte Wetzipedia

Winter im Kemptner Tobel. (Screenshot)
Wetzikon ZH hat eine Wetzipedia. Eine Plattform für Ortsgeschichte im Internet. Man kann dort lesen über frühere Vereine, alte Familiennamen oder auch den Samichlaus im Ettenhauserwald. Gestern besuchte ich die Site und fand es toll, dass einige der Filme des städtischen Filmarchivs digitalisiert sind; man kann sie anklicken und anschauen. Ich führte mir Nr. 117 zu, einen Sechsminüter aus den 1930er-Jahren, der mich ins vereiste Kemptner Tobel und zu der frisch abgebrannten Nagelfabrik am Tobeleingang führte.

Samstag, 24. November 2012

Kopfwandern

Jawohl, da war ich: Miami.
Heute abend besuche ich in Schafis eine Fassprobe - ein Weinritual, zu dem mich eine Freundin einlud. Und morgen wandern wir von Bôle NE durch die Areuse-Schlucht nach Noiraigue und weiter über die Krete zur Rechten nach Les Ponts-de-Martel. Theoretisch. Denn seit Tagen bin ich vergrippt - so dass es beim Plan bleibt. Die letzten drei Tage verbrachte ich grossteils im Bett. Dort habe ich viel gelesen - Kopfwanderungen sozusagen. Meine Lektüre:

  • "Back To Blood" von Tom Wolfe, ein Roman, den ich schon letzten Samstag anpackte. Eine Miami-Story um einen Polizisten, der alles falsch zu machen scheint, obwohl er alles richtig macht; einen Kotzbrocken von Psychiater mit Spezialgebiet Sexsucht; einen russischen Oligarchen, der der Stadt ein Museum schenkt samt Bildern, die allesamt gefälscht sind.
  • "The Black Box" von Michael Connelly, meinem allerliebsten US-Krimi-Autor (okay, George Pelecanos ist auch ein Gott des Genres). Harry Bosch ermittelt in einem Mord, der vor 20 Jahren anlässlich der Rassenunruhen in Los Angeles geschah und damals nur rudimentär dokumentiert wurde; er wird bei diesem hoffnungslosen Unterfangen bedrängt und behindert von einem allzu bürokratisch veranlagten Vorgesetzten.
  • "Driving The Saudis" von Jayne Amelia Larson. Die Chauffeurin, die lieber Schauspielerin geworden wäre, erzählt in einer leicht literarisierten Form die wahre Geschichte, wie sie wochenlang eine Familie durch Los Angeles fuhr, die zum saudischen Königshaus gehört; Reiche-Araber-Klischees bewahrheiten sich dabei und lösen sich doch auf.
  • "The Forgotten" von David Baldacci. Die Geschichte spielt in der reichen Rentner-Oase Paradise in Florida. Ihr comicnaher Held Puller, ein Militär-Ermittler, findet seine Tante tot auf. Puller nimmt Witterung auf: Ein Menschenhändler-Ring nutzt die Küste, um seine "Ware" umzuladen. Dieses Buch ist ein sehr mässiger Thriller, den ich nur um des Prinzips fertiglas.

Freitag, 23. November 2012

War Giraud nun ein Held?



Kriegsgefangener Giraud (links).
(American National Archives)
Gedenktafel am Weg.
Zum Lesen anklicken.
In meiner heutigen Zeitungskolumne geht es am Rand um den General Henri Giraud; wir passierten kürzlich auf unserer Wanderung nämlich auf der Grenze des Kantons Jura zu Frankreich einen Punkt namens Les Ebourbettes, wo Giraud im April 1942 wieder französischen Boden erreichte. Dazu etwas mehr in diesem Eintrag: Beginnen wir mit dem Werdegang dieses Militärs. Giraud war in den 1920er-Jahren massgeblich daran beteiligt, in Marokko den Aufstand der Rifkabylen niederzuschlagen; dafür wurde er zum Mitglied der Ehrenlegion ernannt. Im Zweiten Weltkrieg war er einer der Gegenspieler General de Gaulles. In Holland geriet er 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde in Sachsen interniert. Zwei Jahre lang soll er dort den Ausbruch geplant haben: Er lernte Deutsch, legte sich Karten der Umgebung an, flocht aus Bindfäden jenen Strick, mit dem er sich am 7. April 1942 abseilte. Dass er es trotz intensiver Gestapo-Fahndung durch Deutschland in die Schweiz schaffte, darf als Wunder bezeichnet werden; bald darauf erreichte er Frankreich. Das klingt bewundernswert, sicher hatte Giraud Tatkraft und Mut. Wer sich etwas in seine Biografie einliest oder auch nur den langen Wikipedia-Eintrag durchgeht, wird allerdings erkennen, dass der General bei alledem eine reichlich zwiespältige Figur war und mit dem Vichy-Regime, das mit den Deutschen kooperierte, sympathisierte. Auch war er ein Antisemit. Und ein Vertreter der Kolonialherrschaft in Afrika sowieso. So ist diese Heldenlegende letztlich eine Parabel über Heldentum, das oft bei näherem Hinsehen zweifelhaft erscheint.