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Montag, 7. Dezember 2015

The Afrika Reich

Dünkirchen im Frühsommer 1940, Evakuation britischer Soldaten. (Wikicommons)
Was wäre, wenn...? Aus dieser Frage entstehen immer wieder Bücher. Nehmen wir Dünkirchen in Nordfrankreich. Im Mai und Juni 1940 fällt Hitlers Wehrmacht derart schnell und vehement in Frankreich ein, dass die Verteidiger überrumpelt sind. In Dünkirchen sammeln sich an der Küste 400 000 alliierte Soldaten, das Gros davon Briten. Die Versprengten, Überrumpelten, Eingekesselten werden schliesslich in einer Blitzaktion nach England verschifft - ein Rätsel ist bis heute, warum die Deutschen, die sich in diesem Krieg sonst nicht durch Barmherzigkeit auszeichnen, nicht zugeschlagen haben; sie hätten die Eingeschlossenen vernichten können. Darüber wurde viel geschrieben und spekuliert. Ich lese gerade den Roman "The Afrika Reich" von Guy Saville aus dem Jahr 2011. Die Geschichte setzt bei Dünkirchen an, ihr Fiktion ist diese: Die Alliierten zu Dünkirchen sind alle tot. In England muss Kriegspremier Winston Churchill zurücktreten, sein Nachfolger tritt mit Hitler in Verhandlungen ein, ein gegenseitiges Sich-in-Ruhe-Lassen ist die Folge. In Amerika setzen sich die Isolationisten durch, so dass Amerika nicht in den Krieg eintritt. Das bolschewistische Russland fällt. Somit gehören den Deutschen und ihren Verbündeten grosse Teile der Welt. In Afrika entsteht eine Kolonie namens Deutsch Kongo; just in diesem Gebilde spielt der Thriller um einen Engländer, der 1952 von einem rhodesischen Minen-Tycoon beauftragt wird, den deutschen Generalgouverneur von Deutsch Kongo zu töten. Mehr will ich nicht erzählen, hier nur noch dies: Die Handlung ist ziemlich clever entworfen und umso beklemmender, der Roman bekam auch gute Kritiken. "Was wäre, wenn...?": eine abgründige Frage.

P.S. Ja, sorry, hüstel, trotzig-blick, ich weiss, das hat mit Wandern eigentlich nichts zu tun. Aber Wanderer wandern halt auch im Kopf, sie ziehen aus in die Geschichte, sie reisen durch Bücher; sie sind, kurz gesagt, keine eindimensionalen Rotsocken-Trottel. Für den Mittwoch plane ich trotz Bundesratswahl wieder eine Wanderung, mehr davon in diesem sich nicht beengen wollenden Blog.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Es ward Licht

Gestern machten wir eine kürzere Wanderung: von Küsnacht durch das Küsnachter Tobel nach Chüelenmorgen und zur Pfannenstiel-Hochwacht. Dort assen wir deftig und stiegen dann ab nach Uetikon am See. Die ganze Unternehmung dauerte nur 3 3/4 Stunden. Sie war spannungsvoll. Das Spektakel des Tages ergab sich aus dem Widerstreit zweier Kräfte: auf der einen Seite Nebel und Herbsttrübe, die unten am See und sowieso im Tobel dominierten, auf der anderen Seite Sonne und Licht, die höher oben warteten. Magisch der Moment, als in der Gegend von Chüelenmorgen die Sonne aufblitzte, auf einmal hatten wir blauen Himmel. Oben im Restaurant zeigte sich, dass der Kampf nicht entschieden war. Immer wieder einmal sahen wir den Alpenkranz und all die Höger des Zürcher Oberlandes, und immer wieder schlug der Dunst zurück und machte alles wieder grau. So wogte das im Viertelstundentakt hin und her.

Samstag, 5. Dezember 2015

Visite bei Herrn Oken

Erinnert an Oken: Findling mit Tafel auf dem Pfanennstiel,
hinten das Restaurant Hochwacht. (Wikicommons/ Roland zh)
Heute besuchen wir einen alten Freund, den Pfannenstiel. Für mich ist das wie Heimkommen, ich war dort oben schon so oft. Ich freue mich auf Raschellaub im Küsnachter Tobel, auf den Weitblick vom Hochwacht-Turm, auf den Oken-Gedenkstein gleich beim Pfannenstiel-Hochwacht-Restaurant; Lorenz Oken war übrigens der Gründungsrektor der Universität Zürich. Ein Deutscher, der sich zuhause der liberalen Sache angenommen hatte, der in einen Dauerstreit mit den Konservativen und Monarchisten geriet, der in Deutschland nicht frei sein konnte. In Zürich leistete er früh einen grosssen Beitrag zum Aufbau der Hochschule, die ihm viel verdankt. Oken, wir werden deiner gedenken. Aber zuerst gibt es im Restaurant zu essen, denke ich.

Freitag, 4. Dezember 2015

Wieder mal ein Fall von Adjektivitis

Kürzlich schrieb ich hier über den Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway; er ist der Ansicht, dass Texte stärker sind, in denen es keine oder nur wenige Adjektive hat. Recht hat er. Hier ein Beispiel eines Textes, der mit Adjektiven überladen ist: Eigenwerbung des Restaurants Rössli in Marthalen, wo wir letzten Samstag einkehrten und gut assen. Die Adjektive sind erstens total erwartbar gesetzt und konkurrenzieren sich zweitens ("in unserer idyllischen Gartenwirtschaft unter der lauschigen Eiche").

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Unterwegs mit dem Therapie-Alpaka

New York. Ein junger Typ, gut, aber nachlässig gekleidet, betritt einen Getränke-Laden. In der Tür bemerkt er nach hinten zu seiner Begleiterin, die man noch nicht sieht: "Alison, wenn dich jemand fragt, bist du über 21." Eine Anspielung auf die Alkohol-Verkauf-Regelungen. Alison grunzt. Dann wird sie sichtbar. Ein Alpaka. In New York gibt es über 11 000 Tiere, die als therapeutische Menschenbegleiter registriert sind, als certified emotional support animals. Als Einsamkeitsvertreiber und so weiter. Der lustige Kurzfilm, den ich auf der Website der Zeitschrift "The New Yorker" fand, führt vor, wie das ist, wenn man mit einem solchen Tier ins Restaurant, in die luxuriöse Hotellobby oder eben in den Laden will - aber nicht mit einem gmögigen Minihund, sondern mit einem exotischen Tier. Um die Übung ein bisschen zu komplizieren, hat der Mann gezielt jene Orte ausgesucht, die mit einem Schild verkünden, dass sie keine Tiere wollen. Der Film ist wirklich lustig.

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Die Sehnsucht eines Mannes

Im Sommer 2014 wanderten wir in und durch Paris. Jetzt lese ich Hemingway, und jene Woche kommt mir obsi - ich meine das positiv. Ernest Hemingway, der spätere Literaturnobelpreis-Träger, war zwischen 1921 und 1926 mit seiner Frau in Paris und beschreibt jene Zeit. Seine (relative) Armut. Die legendäre Buchhandlung "Shakespeare and Company" der Sylvia Beach, in der die englischsprachigen Literaten verkehren. Die schlecht beheizten, dafür spottbilligen Hotelzimmer. Die irren Schriftsteller wie F. Scott Fitzgerald, der Hemingway klagt, sein Penis sei zu klein (Hemingway nimmt ihn mit ins Museum und zeigt ihm griechische Statuen). Oder die Lesben-Ikone Gertrude Stein, die Hemingway erklärt, warum Sex unter Männern schmutzig ist, Sex unter Frauen aber göttlich. Sehr amüsant. Und was mich als Journalist besonders anspricht: Immer wieder geht es auch um das gute Schreiben, um überflüssige Adjektive, um Hemingways Technik, Sätze und Passagen aus dem Manuskript zu streichen, weil das Weggelassene auf magische Weise eben doch bleibt und wirkt. "A Moveable Feast" ("Paris - ein Fest für Leben") schrieb Hemingway übrigens erst zwischen 1957 und 1960, kurz vor seinem Tod, auch das macht das Buch besonders - man spürt die Sehnsucht eines Mannes fast am Ende seines Lebens nach dem Damals, der Jugend, dem Entschwundenen. Dem einfachen Schönen und schön Einfachen.

Dienstag, 1. Dezember 2015

Zeitenwende im Zuckerwesen

Jeden Morgen um fünf stehe ich auf und mache mir als erstes einen Earl-Grey-Tee mit etwas Milch und zwei Stück Zucker. Den Adeligen dieses Namens hat es übrigens wirklich gegeben. Charles Grey war der zweite Earl Grey und in den 1830er-Jahren englischer Premier. Angeblich soll ihm ein chinesischer Mandarin eine Gabe haben zukommen lassen: mit Bergamotten-Öl parfümierten Tee, von dieser Begebenheit hat die Sorte ihren Namen. Und nun zur Hauptbotschaft des Tages: Eine Zeitenwende ist heute zu vermelden, nichts weniger! Eben öffnete ich eine neue Packung Würfelzucker vom Coop. Und was sehe ich: eine Rille in jedem Würfel. Man kann ihn neu brechen und die Zuckerdosis halbieren. Eine gute Sache. Aber schon sehr einschneidend, wie sich da einleuchtendes, über Jahrzehnte bewährtes Design ändert. Ich bin erschüttert.