Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Dienstag, 14. Juni 2022

Das Breithorn-Experiment

1903, Touristen und Touristinnen bei der Jungfraubahn-Station Eigerwand, 
wo ein kleines Restaurant eingerichtet ist. (Foto: Wikicommons)

Da wäre ich auch gern dabei gewesen. Als Getragener natürlich, nicht als Träger. Adolf Guyer-Zeller, der Grossindustrielle aus dem Zürcher Oberland, schafft zu Ende des 19. Jahrhunderts, was einige Vorgänger nicht geschafft haben. Er sichert sich die Konzession zur Erstellung einer Bahnlinie auf die Jungfrau im Berner Oberland. Dass Guyer-Zeller reüssiert, hat nicht zuletzt mit einem Experiment am lebenden Menschen zu tun. Vor ihm sind Unternehmer und Ingenieure am Argument gescheitert, man könne keine Bahn in eine derartige Höhe bauen, die Passagiere und Passagierinnen würden es gar nicht überleben. Guyer-Zeller lanciert deswegen eine Expedition. Am 15. September 1894 lässt er sieben Versuchspersonen im Alter von 10 bis 70 Jahren von je sechs bis acht Trägern auf das Breithorn-Plateau oberhalb Zermatt tragen, auf 3750 Meter über Meer. Die Beteiligten überstehen den komfortablen Ausflug ins Hochalpine bestens. Und so darf Guyer-Zeller die Bahn bauen. Freilich wird sie am Ende nicht bis auf die Jungfrau fahren, sondern nur aufs Jungfraujoch. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Montag, 13. Juni 2022

Vier Stunden Hochgebirge

Wandern auf 3500 Metern geht bestens, wenn der Weg präpariert ist.
In der Mönchsjochhütte muss
man Hüttenfinken tragen.

100 Minuten Gehzeit, je 200 Meter auf- und abwärts: soweit die Zahlen zu unserer Wanderung vom Wochenende. Wenn man auf 3453 Metern über Meer startet, ist das nicht nichts. Und alles beeindruckte, fesselte, faszinierte am Samstag: die Berge rundum, der Schnee, das Eis, die Gletscher, der weite Himmel. Bei Traumwetter wanderten wir vom Bahnhof Jungfraujoch los. Allein waren wir nicht, viele Menschen waren mit uns auf der gewalzten Piste unterwegs. Wobei etliche bald umkehrten, das Atmen wird auf dieser Höhe, sobald es ein wenig aufwärts geht, zum Hecheln, auch leicht schwindlig kann es einem werden. Unsere Belohnung kam mit der Mönchsjochhütte beim Oberen Mönchsjoch, wo wir einkehrten und uns für den Rückweg stärkten – und für den touristischen Parcours auf dem Jungfraujoch, wo es einiges zu sehen gibt von der Aussichtsplattform auf dem Sphinx-Observatorium über die Ausstellung mit dem Berg und seiner Bahn als Thema bis zum in den Gletscher gehauenen Eispalast. Gut vier Stunden verbrachten wir im Hochgebirge. Es waren gut gefüllte Stunden.
Hält das? Die Mönchsjochhütte, 3650 Meter über Meer.

Sonntag, 12. Juni 2022

Jungfraujoch (VS)

In Rot die Grenze zwischen den Kantonen Bern (oben) und Wallis (unten).
Die Bahnlinie zum Jungfraujoch ist als rote Strichellinie eingezeichnet.

Zu den schönsten Dingen, die man im Kanton Bern tun kann, gehört eine Fahrt aufs Jungfraujoch; seit es den neuen Seilbahnzubringer ab Grindelwald-Terminal gibt, geht das schön speditiv. Gestern reisten ich und mein Wandergrüpplein bei prachtvollem Wetter in die Höhe und hatten oben einen tollen Tag; mehr davon morgen oder übermorgen. Was ich erst gestern Abend beim Studium der Karte begriff und verblüfft zur Kenntnis nahm: Der Bahnhof auf dem Jungfraujoch, der als höchster Bahnhof Europas gilt, liegt gar nicht im Kanton Bern, sondern im Kanton Wallis. In der Gemeinde Fieschertal, die vom Betrieb massiv profitiert. Gewusst? Also mir war das neu.
Gestern bei der Station "Eismeer", wo der Zug zum Jungfraujoch für 
fünf Minuten stoppt – man kann aussteigen und durch die Scheibe
den Gletscherhang fotografieren. Das tat auch die Inderin neben mir.

Samstag, 11. Juni 2022

Ein Kloster wird geklont

Letzten Juni auf dem Campus Galli, eine Kornscheune im Bau.
(Foto: Tommy489/Wikicommons)

Der St. Galler Klosterplan aus dem 
9. Jahrhundert. (Wikicommons)
40 Kilometer Luftlinie nördlich von Konstanz liegt Messkirch. Vor zehn Jahren begann man dort mit dem Bau einer karolingischen Klosterstadt, mittlerweile ist die Baustelle zum Freiluftmuseum avanciert, das Jahr für Jahr Neues wächst. Mehrere Jahrzehnte dürfte es dauern, bis der "Campus Galli", so der Name des Projekts, vollendet ist. Gallus war jener irische Wandermönch, der um 612 unweit des Bodensees an der Steinach siedelte und bei seinem Tod eine kleine Mönchsgemeinschaft hinterliess – aus ihr entstand das Kloster St. Gallen. Zu dessen mittelalterlichen Hinterlassenschaften gehört der berühmte St. Galler Klosterplan, eine der ältesten oder gar die älteste bekannte Architekturzeichnung Mitteleuropas. Der St. Galler Klosterplan dient dem Bauteam von Messkirch als Vorlage. Dort wächst also ein zweiter St. Galler Klosterbezirk heran. Ein deutscher Klosterklon.

Freitag, 10. Juni 2022

Sich suhlen will gelernt sein


Was für ein sympathisches Urvieh! Gestern zeigte mir Verena Wagner von Pro Natura Bern zwei benachbarte Ökoflächen am Rand der Industrie- und Gewerbezone in Gwatt bei Thun. Im Gwattmoos und Gwattmösli gibts allerhand seltene Geschöpfe und Gewächse zu sehen und zu hören von der Gelbbauchunke über die Blaupfeil-Libelle bis zur Weissen Sumpfwurz. Ich durfte mit meiner Führerin den Zaun übersteigen, bekam also viel Nähe. Im sumpfigen Gelände wurden meine flachen Scarpa sehr, sehr schmutzig. Ich traf Zwergzebus, schottische Hochlandrinder und Wasserbüffel. Diese Wasserbüffel-Dame (Foto) war noch ein wenig misstrauisch, liess sich aber kurz mal kraulen. Im Wasser habe sie sie noch nie gesehen, erzählte mir Verena Wagner. Das Tierli ist in Gwatt sozusagen in den Sommerferien; es kommt von einem Bauernhof im Bernbiet, wos solche Löcher nicht gibt. Sich suhlen will gelernt sein. Aber der Sommer ist ja noch lang.

Donnerstag, 9. Juni 2022

Das Ducanproblem

Also superstabil sind diese Hänge nicht: das urtümliche Ducantal.

Auf Schweizmobil (Screenshot)
ist die Sperrung eingezeichnet.
Kurz nach Ostern rumpelte es im Ducantal. Man startete eine Drohne mit Kamera und stellte fest, dass sich an einem Hang Spalten geöffnet hatten und bereits 3000 Kubikmeter Fels ins Tal gestürzt waren. Bei einem grossen Felssturz könnte ein Vielfaches an Material niedergehen. Der Wanderweg wurde deswegen vorsorglich gesperrt, Fachleute überwachen die Gegend, möglicherweise stabilisiert sich der Hang wieder. Ich hoffe, dass es so kommt. In den letzten Jahren ist in der Schweiz die Zahl dauerhaft gesperrter Wege sprunghaft gewachsen. Um den Weg durch das Ducantal wäre es besonders schade. Eine Passroute führt vom Sertigtal bei Davos via dieses Tal zur Fanezfurgga nach Davos Monstein. Sowie zur nahen Ducanfurgga nach Bergün. Sie überquerte ich, nachdem ich zuvor die Fanezfurgga besucht hatte, vor drei Jahren. Dies ist einer der allerschönsten Übergänge im Land.

Mittwoch, 8. Juni 2022

Der rummelfreie Berg

Noch 20 Minuten bis ganz oben.
Die letzten 150 Meter zum Steinmannli auf dem Gipfel. Hinten der Chäserrugg.
Abstieg nach Wildhaus.
Bei der Sesselbahn-Bergstation Wildhaus-Oberdorf (rechts der Bildmitte) gabs Zmittag.

Am Pfingstmontag bestiegen wir im Obertoggenburg zu siebt den Gamserrugg, der an den Chäserrugg grenzt, sich von diesem aber dadurch unterscheidet, dass der Gipfel sommers nicht mit einer Seilbahn erreichbar ist. Umso stiller war es oben, als der Sessellift von Wildhaus-Oberdorf halb hinauf zur Gamsalp noch nicht fuhr und die Schneefelder in den höheren Partien manche Leute abgeschreckt haben mögen. Er war rummelfrei, unser Berg. Dies auch, weil er sich mit Nebelschwaden verhüllte, gegen die die Sonne letztlich nicht ankam. Auf 2075 Metern rasteten wir am Steinmännchen beim höchsten Punkt, und Freund E. zauberte eine Flasche aus dem Rucksack. Mit Quittenschnaps stiessen wir an auf die Unternehmung, auf uns, auf den Gamserrugg.

Wildhaus-Oberdorf – Obere Engi – Speicherseeli – Warmtobel – Gamsalp – Gamserrugg – Gamsalp – Gamswald – Obere Engi – Wildhaus-Oberdorf – Wildhaus-Lisighaus, Bus. 4 3/4 Stunden, 900 Meter aufwärts, 1080 abwärts.