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Mittwoch, 12. April 2023

Alpträume und Hügeli

Hier gibts Horrorvisionen: das "HR Giger Museum".
Mmmm, Doppelrahm zum Kafi.
Gestern war ich beruflich in Greyerz, im Freiburger Städtchen auf dem Hügel, auf dem einst die Grafen von Greyerz residierten. So nebenbei besuchte ich das "HR Giger Museum" mit den Alienskulpturen, Biotechnokreaturen, Gruselgemälden und Alptraummöbeln des 2014 verstorbenen Bündner Künstlers und Oscar-Preisträgers Hans Rudolf Giger. Irgendwie war ich erleichtert, als ich aus dem Kabinett der düsteren Fantasien wieder ins Freie trat und rundum die herzigen Hügeli und halbverschneiten Gipfel sah. Zum Kafi gabs dann statt des obligaten Industrierähmli ein Schoggichübeli mit … ja, klar, Crème de Gruyère. Sie machte die Welt wieder vollständig heil. Und half auch gegen eine leichte, durch das Regenwetter bewirkte Verdrossenheit des Gemütes.
Obelix-Anspielung auf einem Werbeplakat an der "Maison du Gruyère" in Greyerz.

Dienstag, 11. April 2023

Und zum Schluss eine Ruine

Das Kloster von Rüeggisberg BE heute und …

Ich liebe es, wenn eine Wanderung nicht nur abwärts, aufwärts oder geradeaus führt, sondern zusätzlich in die Vergangenheit. Unsere Unternehmung am Ostersamstag stimmte mich auch deshalb zufrieden, weil sie im Dorf Rüeggisberg endete. Dort besuchten wir die Ruinen des einstigen Klosters, dessen Geschichte mit zwei Mönchen beginnt, die in der abgelegenen Gegend um 1072 die ersten Zellen begründeten. Das bald erblühende Kloster hatte eine Ausstrahlung über die Region des Längenbergs hinaus, an dessen Abhang es steht, es besass allenthalben Ländereien, verfügte etwa über eigene Rebflächen am Bielersee. Auch lag es am Jakobsweg von Deutschland nach Spanien. Als im 16. Jahrhundert die Reformation im Berner Staatswesen kam, war endgültig Schluss mit dem Klosterbetrieb, manche Gebäulichkeiten verfielen, andere wurden umgenutzt. Was heute an Ruinen steht, gibt aber eine gute Idee von der Schönheit des einstigen Cluniazenser-Ablegers. Zur Erinnerung: Die Benediktiner-Abtei von Cluny im Burgund war im 10. Jahrhundert Ausgangspunkt einer gewaltigen Klosterreform. Sie verfocht eine neue Ernsthaftigkeit und wollte von ihren Anhängern wieder mehr Frömmigkeit. Auch in Rüeggisberg dürfte es betont gottesfürchtig zugegangen sein. Eigener Wein hin oder her.
… früher. (Rekonstruktion auf der Infotafel vor Ort)

Montag, 10. April 2023

Vier vor vier

Auf der Bütschelegg, die letzten Meter zum höchsten Punkt.
Die lange Gerade kurz vor Obermuhlern.
Am Ostersamstag zogen wir von Kehrsatz über den Längenberg, wie der Höhenzug südlich von Bern heisst. Das Gehen fiel uns leicht, die Steigungen hielten sich im Rahmen. Und das Wetter war unterhaltsam. Wir bekamen Sonne ab. Freuten uns, als wir unter uns den Thunersee erblickten, derweil die Stockhorn-Kette von Wolken umwallt war. Zogen Jacken aus und wieder an, wo der Wind hinreichte, wars kalt. In Obermuhlern trafen wir die Katze Felix und tütschten Eier, davon habe ich gestern erzählt. Einige Zeit später erreichten wir die Bütschelegg und taten dort zwei Dinge. Zuerst assen wir im grossen Restaurant, das einen tamilischen Wirt hat, der Hackbraten war pikant scharf und irgendwie zimtig-orientalisch gewürzt, der Kartoffelstock cremig und butterig, beides mundete. Rotwein floss. Danach besuchten wir den höchsten Punkt der Bütschelegg, der gleichzeitig der höchste Punkt des Längenberges ist. Die Wanderung endete anderthalb Stunden später im abgelegenen Rüeggisberg – schöne alte Häuser haben die dort. Und weil wir um vier vor vier im Dorf ankamen, reichte es grad noch, im Dorfladen eine Glace zu kaufen. Im Speisewagen von Bern nach Zürich stiessen wir dann an auf Ostern und die abwechslungsreiche Unternehmung.

Kehrsatz – Englisberg – Undere Wald – Obermuhlern – Niedermuhlern – Ratteholz – Bütschelegg – Oberbütschel – Taanwald – Mättiwil – Rüeggisberg, Post – Kloster – Rüeggisberg, Post. 4 3/4 Stunden, 740 Meter aufwärts, 380 Meter abwärts.

Der Dorfladen von Rüeggisberg.
Aprilhimmel mit der umwölkten Stockhorn-Kette.

Sonntag, 9. April 2023

Eiertütschen mit Felix

War die rote Katze ein Weibchen oder ein Männchen? Unklar. Jedenfalls zeigte sie sich prompt, als wir gestern Mittag in Obermuhlern, eine gute Stunde vor unserem Wanderziel Bütschelegg, für einen Apero anhielten. Für die, die es nicht kennen: Obermuhlern ist ein bäuerlicher Weiler im Berner Mittelland. Felix, wie wir die Katze spontan tauften, entfaltete in der nächsten halben Stunde Präsenz, liess sich streicheln, beschnupperte Rucksäcke, thronte zwischendurch auf jener Scheiterbeige, die uns die Rast bequem machte. Wir tranken an der schön windgeschützten Stelle nicht nur Prosecco, sondern tütschten auch Eier. Mein Ei, bio vom Coop, erwies sich als untauglich, die Schale kollabierte beim ersten Feindkontakt. Aber das Ding mundete. Und das bisschen Eigelb, das auf den Boden fiel, vertilgte Felix flink. So war unser Samstag – und nun wünsche ich allen ein schönes und stimmiges Osterfest. (Fotos: K. Nidzwetzki)

Samstag, 8. April 2023

Ich lebe eher undicht

Gestern machte ich es mir zuhause gemütlich, ging bloss kurz auf einen Spaziergang um die Häuser, meine Strasse im Zollikerberg kam mir vor wie ausgestorben. Später surfte ich ein wenig im Netz, schaute mich auf der Internetseite des "Tages-Anzeigers" um und sah, dass eine "Dichtestress-Karte" aufgeschaltet war. Ein interaktives Tool. Ich gab im Suchfeld meine Adresse ein. Und erfuhr, dass im Hektar, zu dem mein Haus gehört, 66 Personen wohnen; ein Hektar, das sind 100 auf 100 Meter. Weitet man die Fläche um mein Haus auf einen Quadratkilometer aus, sind es 1523 Personen. In der Schweiz wohnten 65 Prozent der Leute dichter als ich, stand da auch. Interessant. Landesweit am engsten, las ich des weitern, sind die Menschen in der Genfer Innenstadt gepackt: 29 000 pro Quadratkilometer.

P.S. Dort, wo wir heute hinwandern, leben 14 Personen auf einem Quadratkilometer.

Meine Strasse im interaktiven "Tagi"-Tool (Screenshot).

Freitag, 7. April 2023

Der fehlende Fussbeitrag

Heute könnte hier ein Beitrag stehen über jene Zwei, die den Wanderer und die Wanderin Route um Route unverdrossen tragen: die Füsse. Es würde darum gehen, wie man diese pflegt, sodass keine rissigen Stellen entstehen. Nun, der Beitrag kommt nicht. Ich selber habe zum Thema grad nichts Gescheites zu sagen – und habe auch keine Lust, den Text bei einer in Österreich niedergelassenen PR-Agentur zu bestellen. Die würde mir nach meinen Vorgaben einen hübschen Text oder auch ein Interview mit zwei Kosmetik-Spezialistinnen liefern. Gratis natürlich. Gestern bekam ich das entsprechende Angebot. Nun, ich verzichte.

Ein Screenshot des Mails von gestern, zwei Stellen habe ich retouchiert.

Donnerstag, 6. April 2023

Giftküste

Der Ponton auf dem See vor Uetikon. Und die Container für die abgepumpte Erde.

Vor der Goldküstengemeinde Uetikon am See schwimmt im Zürichsee ein Ponton. Von der Plattform aus wird der Seegrund zum Ufer hin gesäubert, Schläuche saugen schädliches Material ab von Blei über Zink und Arsen bis Uranteilchen, alles landet in gelben Containern. 25 Millionen Franken oder auch einiges mehr kostet die komplikationsanfällige Sanierung, 20 Prozent zahlt die öffentliche Hand, 80 Prozent die "Zeochem", wie die "Chemie Uetikon" heute heisst. 1818 gegründet, produzierte die Fabrik lange Dünger. Das verseuchte Abwasser wurde, bevor die ersten Kläranlagen aufkamen, unbehandelt in den See geleitet. Am Sonntag zeigte mir ein Freundespaar aus Uetikon das riesige, 66 000 Quadratmeter messende Chemieareal, das derzeit zum grössen Teil begehbar ist; Dünger wird hier keiner mehr fabriziert, die "Zeochem" geschäftet von Rüti im Zürcher Oberland aus, in einige Gebäude sind Zwischennutzer eingezogen. Die Uetiker Chemiefläche ist im totalen Wandel begriffen, an die Stelle des Industriebetriebs an bester Lage tritt bald ein pfleglicherer Mix: Wohnen, öffentlicher Park, Gewerbe. Und vor allem soll ein neues Gymnasium entstehen. Dessen Schülerinnen und Schüler werden in einigen Jahren einen grandiosen Seeblick haben. Der Ponton ist bis dahin längst entfernt. Die Giftstoffe im See hoffentlich auch.
Auf dem Areal der Düngerfabrik. In ein paar Jahren wird hier gelernt und gewohnt.