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Dienstag, 7. Oktober 2014

Generoso, vielleicht vergess ich dich!

Hat das jemand gewusst? Also ich nicht. Eben plante ich für die kommenden Tage eine Wanderung auf den Monte Generoso mit Talfahrt per Zahnradbähnli. Und dann las ich im Internet: Bahn geschlossen, Gipfelrestaurant geschlossen, ein Umbauprojekt, Wiedereröffnung im 2016. Die nehmen sich aber viel Zeit, finde ich. Wer weiss, vielleicht habe ich den Berg bis dann vergessen.

Montag, 6. Oktober 2014

Die Zweitälertour

Auf der Bündner Seite des Chrüzlipasses: der Strem.
Und die Stremhörner mit dem Oberalpstock zur Linken.
Die Käseschnitte der Etzlihütte.
Am Samstag gingen wir von Sedrun über den Chrüzlipass zur Etzlihütte und dann hinab nach Bristen; eine anstrengende Wanderung, gut 6 1/2 Stunden mit saftig Höhendifferenz: 980 Meter aufwärts, 1640 abwärts. Wie verschieden doch die beiden Täler waren, die wir durchwanderten. Das Surselva-Seitental Val Strem kam uns vor wie ein lichter Alpentraum. Der Fluss durchschlängelte saftigen Moorboden, seine Kurven sahen von oben aus, als hätte sie einer mit dem Stoffmesser in ein Stück gelben Samt geschnitten. Hinten im Tal wachte über unseren Anmarsch der Oberalpstock; wenn er ein gütiger Vater war, dann waren die frech zackenden Stremhörner seine pubertären Kinder. Die Urner Seite mutete ganz anders an. Wieder ein mäandrierendes Gewässer zwar, der Etzlibach. Aber alles war nun verschattet und nass; verendete Farne lieferten den Geruch des Herbstes, die Steine waren rutschig wie Schmierseife, Schlammlöcher auf Schritt und Tritt zu vermeiden. Gegen Bristen zu verloren wir fast die Kontrolle, wir schlitterten am Schluss einen unglaublich feuchten und dreckigen Schafhang hinab. Ein Wunder, dass es keinen umlitzte und in die dicht liegenden fetten Schafbölleli haute, das wäre ein Parfüm für die Heimfahrt gewesen! In Bristen endete die Zweitälertour mit einem Schlusstrunk auf der Terrasse des Alpenblicks, wo die junge Serviererin sagte: "Am schönsten ist es hier oben halt schon, wenn die Leute alle wieder gegangen sind."

Sonntag, 5. Oktober 2014

Turteltaube und Posttaube

In der Taubenlochschlucht. (Wikicommons)
Vor 125 Jahren wurde der Fussweg von Biel nach Frinvillier durch die Taubenlochschlucht eröffnet; kürzlich feierte man in der Gegend dieses Jubiläum. Die Zeitung "Biel/Bienne" brachte dazu einen Artikel mit ein paar interessanten Dingen:
  • Bereits 1850 wurde für die Post ein Kutschenweg erstellt; die Reisenden nannten die wilde Strasse "La Via Mala du Jura".
  • 1889 kam besagter Fussweg unterhalb der Postroute. Der Bau kostete 15 000 Franken, Wanderer mussten 10 Rappen für die Nutzung zahlen.
  • Nicht stichhaltig ist die Erklärung, die Taubenlochschlucht heisse so, weil sich einst ein schönes Mädchen, "Turteltaube" genannt, in die Schlucht stürzte, um einem aufdringlichen Ritter zu entkommen.
  • Anfang der 1950er-Jahre brach beim Taubenloch-Restaurant ein Bär aus seinem Gehege aus und versetzte die Bevölkerung einige Stunden lang in Angst und Schrecken.
  • Eine Historikerin stellt klar, was es mit dem Namen wirklich auf sich hat: "Die Post-Taube flog damals immer in den Jura und benützte dafür den Weg durch die Schlucht."

Samstag, 4. Oktober 2014

Etzli revisited

Heute geht es noch einmal richtig in die Höhe, auf über 2300 Meter, ich freue mich auf das Val Strem, den Chrüzlipass, das Etzli - mit anderen Worten: Wir wandern von Sedrun GR nach Bristen UR. Toll, dass da genau zum richtigen Zeitpunkt nach vier Stunden die Etzlihütte auftauchen wird! Ich machte diese Route schon einmal und besitze von damals noch ein - mittlerweile ziemlich verblichenes - T Shirt der Hütte. Wer weiss, vielleicht kriegt mein Kleiderschrank heute Zuwachs.

Freitag, 3. Oktober 2014

Jetzt bin ich ein offizieller Mythenfreund

Die Mythenfreunde haben aber auch schöne Briefcouverts!
Man könnte überall Mitglied werden, es gibt im Land unzählige Bergbahnen, Hütten, Clublokale und sonstigen Einrichtungen, die darben und auf einen Zustupf angewiesen wird. Weil es derart viele sind, verzichtet man als Wanderer dann grundsätzlich. Nun ja, fast grundsätzlich. Kürzlich bekam ich Post vom Verein der Mythenfreunde aus Schwyz. Der Präsident freute sich, im "Boten der Urschweiz" in der Klatschrubrik gelesen zu haben, dass ein gewisser Widmer aus Zürich sich in seiner Wanderkolumne als "mythensüchtig" bezeichnet. Er legte den Ausschnitt bei; ich hatte von der Erwähnung meiner selbst übrigens nichts mitbekommen. Und natürlich war die Argumentation des Präsidenten stringent: Ein dem Mythen verschriebener Mensch wie ich müsse doch einfach ein eingeschriebener Mythenfreund werden. Nun ja, dem hatte ich nichts entgegenzusetzen, kürzlich zahlte ich meine 20 Franken und bin jetzt also Mitglied.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Der dritte Weg

Fritz Schwarz, 1887 bis 1958, ein Bauernbub aus dem Amt Konolfingen, war Primarlehrer, dann Seklehrer, war über viele Jahre Berner Grossrat und später Stadtparlamentarier in Bern. Als überzeugter Verfechter der Freiwirtschaftslehre, eines dritten Weges zwischen Sozialismus und Kapitalismus, wirkte er in Reden, Zeitschriften-Artikeln, Büchern leidenschaftlich und legendär für seine Sache.

Schwarz war, dies am Rand, auch der Vater der Zürcher Literaturagentin Ruth Binde, mit der ich seit vielen Jahren befreundet bin. Sie schenkte mir kürzlich das Büchlein "Wenn ich an meine Jugend denke", in dem Schwarz auf seine ländliche Kindheit zurückblickt. Ich habe es inzwischen mit Gewinn gelesen und viel über das Leben um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erfahren. Hier eine Stelle, in der der Vater eines bekanntes Berners auftritt:
Ach, wir waren eine rauhe Gesellschaft, und nicht nur, was Sprachliches anbelangt. So predigte einmal ein Pfarrer, der gut Hochdeutsch sprach, bei uns im Schulhaus. Er wählte unglücklicherweise den Text vom "Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit". Kaum hatte er nun "Gerechtigkeit" hochdeutsch ausgesprochen, so platzte einer von uns Kinderlehr-Buben in der vordersten Schulbank los, und alle lachten mit ihm. (...) Der Pfarrer hat sich nachher beim unsrigen schwer beklagt, mit vollem Recht, und dieser hat die Klage auf unsere schuldigen Häupter weitergeleitet. Jener "fremde" Pfarrer kam aus Konolfingen. Dort amtete er und hatte seine Familie. Er hiess Dürrenmatt, und einer seiner Buben hiess Friedrich.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Handwerkers Pech, unser Glück

Fresken in der Galluskapelle von Oberstammheim ZH.
Isanhard ist ein reicher Alemanne mit Besitzungen an mehreren Orten im Zürcher Weinland. Eine Urkunde in St. Gallens Stiftsbibliothek belegt, dass er im Jahre 761 seinen ganzen Besitz dem Kloster Sankt Gallen verschenkt hat. Menschen, Vieh, Gebäude, Boden. Um seine neuen Gotteshausleute seelsorgerisch betreuen zu können, lässt das Kloster das Galluskirchlein auf dem Hügel oberhalb des heutigen Dorfes Oberstammheim bauen; es ist schriftlich erstmals 897 erwähnt.

Als ich letzte Woche am Stammerberg wanderte, kam ich an der Kapelle vorbei. Vermutlich handelt es sich um einen Neubau des 11. oder 12. Jahrhunderts, den Nachfolgebau der Urkapelle. Hauptattraktion sind die Fresken, die in den ersten Jahren nach 1300 entstanden, später übertüncht wurden und 1896 wieder zum Vorschein kamen, als ein Steinmetz mit einem unvorsichtigen Schlag den Verputz der Südwand verletzte. Handwerkers Pech, unser Glück. Bibelszenen sind da an die Wand gemalt für Leute, die nicht lesen konnten: die Schöpfungsgeschichte, Episoden aus dem Leben Jesu, die Passionsreihe. Wunderbar. Und ein Wunder, dass man 700 Jahre später vor sie treten und sie anschauen kann.