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Sonntag, 14. März 2021

Der Berg, der Mord, die Leere


Das bin ich (danke fürs Foto, Brigit). Einst stand auf dem Multberg, einem Hügel über dem Dorf Pfungen im Tal der Töss unweit von Winterthur, eine der Burgen des Adelsgeschlechts der Wart. 1309 rückten die Habsburger an und schleiften sie vollständig. Vorangegangen war wenige Monate zuvor, am 1. Mai 1308, bei Windisch im Aargau eine Bluttat, die die damalige Welt mindestens so erschütterte wie der Kennedy-Mord unsere Gegenwart. Fünf Ritter meuchelten den Habsburger-König Albrecht I. Einer der Verschwörer war Rudolf III. von Wart. Die Rache der Habsburger war brutal, Rudolf wurde ergriffen und gerädert, die Familienburgen wurden zerstört. Seither ist der Multberg leer. Mehr zu unserer windreichen Wanderung von gestern erzähle ich morgen.
Gertrud von Balm, Gattin Rudolfs, fleht vor Agnes von Ungarn, der Tochter des von Rudolf
ermordeten Habsburgerkönigs Albrecht, um das Leben ihres Mannes. Vergeblich.
Gemälde von August Weckesser aus dem Jahre 1878. (Adrian Michael / Wikicommons)

Samstag, 13. März 2021

Der Turmschädel gestern und heute

Deformierter Schädel einer Alamannin aus der Zeit der
Völkerwanderung. (Foto: Anagoria/Wikicommons) 
In einer Biografie des 2000 verstorbenen syrischen Diktators Hafis al-Assad las ich vor Jahren, dass die Religionsgemeinschaft der Alawiten, der er angehörte, ihre Babys auf eine ganz besondere Art lagerte: Man platzierte den Kopf in eine harte Mulde aus Holz, um so dessen Form zu beeinflussen. Mehr zum Thema fand ich damals nicht, doch hatte Assad tatsächlich einen speziell hohen, frankensteinisch anmutenden Schädel. Kürzlich nun entnahm ich einem Sachbuch über die Goten der Völkerwanderung, dass diese wie andere germanische Stämme, darunter auch die Alamannen, gezielt die Köpfe ihrer Kleinkinder bandagierten, um diese höher und unverwechselbar zu machen. Die Turmschädel liessen Erwachsene kriegerisch aussehen. Im Folgenden entdeckte ich, dass es in der Wikipedia erstens einen Artikel über künstliche Schädelveränderung gibt und dass zweitens auch in unserem Zeitalter, zumindest bis vor Jahrzehnten, dergleichen in Afrika und Asien vorkam. Heute weiss man, dass der anhaltende Druck durch Hauben oder Bänder nicht ganz harmlos ist; zum Beispiel kann eine Kieferarthrose die Folge sein oder eine Verengung der Augenhöhlen mit Glubschaugen. Faszinierend ist die Idee jedenfalls.
Mutter mit Kleinkind im Kongo um 1930.
(Foto: Tropenmuseum, Amsterdam / Wikicommons)

Freitag, 12. März 2021

Schnürkunst

Jede Schnürung wirkt anders, weiss
ich jetzt. (Foto: Wikicommons/Babylas)
Man kann dem Schienbein Spiel geben. Man kann über dem Rist etwas mehr Luft schaffen. Auch kann man gezielt Druck von den Zehen und vom Vorfuss nehmen. Wanderschuhe schnüren ist eine Kunst, jawohl. Bisher wusste ich von ihrer Existenz rein gar nichts, band halt jeweils oben zu und zog dann los, um mir im Problemfall mit einem Pflästerli zu helfen oder mir eine Einlage zu besorgen. Dank einem kundigen Artikel, den mir die liebe Wanderkollegin Marina vor wenigen Tagen mailte, weiss ich nun Bescheid, wie die Flaschenzugtechnik funktioniert, was eine Parallelschnürung ist und was genau eine Ladenschnürung. 

Donnerstag, 11. März 2021

Corona to take

Eine nette Blogleserin schickte mir eben diesen  Screenshot. In Schlieren ZH gab es früher eine "Krone". Dann taufte man das Lokal um. Seither heisst es "Corona". Italianità ist meist eine gute Sache. Aber nicht immer.

Mittwoch, 10. März 2021

Pendelzeichnen mit Emma Kunz

Eine Zeichnung von Emma Kunz in Aarau.

Emma Kunz war Heilerin, Naturkundlerin, Pendlerin, Magierin. 1892 wurde sie in Brittnau im Aargau geboren, 1963 starb sie in Waldstatt in Appenzell Ausserrhoden, wo ein Emma-Kunz-Pfad an sie erinnert. Zu ihren Hinterlassenschaften gehören unzählige Blätter mit Zeichnungen. Kunz nahm manchmal ihr Pendel, eine Silberkette mit einer Silberkugel am einen und einer Jadekugel am anderen Ende, liess das Ding über Papier ausschlagen, markierte Linien und Punkte und kolorierte manche der so entstehenden Flächen Ihr Tun verstand sie nicht als Kunst, sondern als eine Art Kommunikation mit Energien. Oder so ähnlich. Im Aargauer Kunsthaus in Aarau läuft eine Ausstellung. Zu sehen sind zum einen die Kunz'schen Blätter und zum anderen Werke von Künstlerinnen, die mit diesen Hervorbringungen in einen – Achtung, Kuratorendeutsch aus dem Prospekt! - Dialog treten. Gestern schaute ich mir die Ausstellung an. Fasziniert war ich nicht, ich denke, Emma Kunz war eine recht fantasielose Person. Ernsthaft war sie und wohl auch ein wenig besessen. Die Zeichnungen sehen sich alle ähnlich, sind ein bisschen Carambole-Spielbrett und ein bisschen Mantra. Mehr Freude hatte ich an den zeitgenössischen Arbeiten anderer (siehe Foto unten). Hingehen und sich im Kunsthaus die Sachen anschauen lohnt sich aber auf jeden Fall.
Neon-Kunst von Mai-Thu Perret. 

Dienstag, 9. März 2021

Wie die Aargauer einst wohnten

Das bronzezeitliche Haus bei Seengen aussen und innen.

1988 entstand am Hallwilersee unweit des Männerbades Seengen ein Pfahlbauhaus. Man wollte zeigen, wie die Menschen der Vorgeschichte in der Ufergegend gelebt hatten. Oder wie man das sich vorstellte. Letzten Herbst wurde das Haus, das immer mehr in den Boden eingesunken und von der Feuchtigkeit angegriffen worden war, abgerissen. Und man machte sich darin, zu Kosten von rund 220'000 Franken ein neues Haus zu bauen. Es sieht völlig anders aus, denn es orientiert sich nicht mehr an Rekonstruktionen jungsteinzeitlicher, sondern jüngerer Bauten aus der späten Bronezeit so circa um 900 vor Christus. An die Stelle des Reetdaches ist eines aus Holzschindeln getreten. Die Flechtwände sollen demnächst mit Lehm verstrichen werden – nun, schon jetzt ist es hübsch zu sehen, wie die Ur-Aargauerinnen und -aargauer wohnten.
2012 fotografierte ich am selben Ort das Pfahlbauhaus.

Montag, 8. März 2021

Schlottersamstag

Grüner Aargau: auf dem Niesenberg.

Der Alphornbläser von Sarmenstorf.
Eiskalt fühlte sie sich an, unsere Samstagswanderung im Kanton Aargau. Die Bise war daran schuld, die durch Mark und Bein ging, die Hände blau färbte und uns schlottern liess. Die Route selber, die war herrlich. Wir starteten in Boniswil, gingen zum Wasserschloss Hallwyl, folgten ein Stück weit dem Hallwilersee, bogen aber bald schon ab hinauf nach Sarmenstorf. Über dem Dorf kamen wir im Murimooshau zu einem Gutshof aus der Römerzeit respektive zum ausgegrabenen Badetrakt desselben, geschützt durch ein Holzdach; vor 170 Jahren hatten die Pfarrer von Fahrwangen und Birrwil, offenbar beide begeisterte Hobby-Archäologen, die antiken Mauern freigelegt. An einem Waldrand in der Nähe rasteten wir, gönnten uns gute Dinge, sahen den See unter uns. Und froren. Via den Niesenberg, Kallern und Büttikon erreichten wir danach unser Ziel, Wohlen, fast fünfeinhalb Stunden waren wir unterwegs gewesen Als wir heimfuhren, zeigte sich die Sonne, es kam mir vor, als wolle sie uns verspotten.
Bildstock auf dem Niesenberg.

Die Reste des römischen Bades oberhalb Sarmenstorf.