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Samstag, 13. April 2024

Die 63 Zentimeter von Willisau

Fällt nicht gross auf: die Elle beim Eingang zum Willisauer Rathaus.
Das Rathaus. Im Erdgeschoss gibts heute einen Saal
für Veranstaltungen, darüber haben die Schulischen
Dienste und die Musikschule Willisau ihre Räume.
Willisau hat mehrere Brände hinter sich. Nach dem letzten baute man in der Hauptgasse um das Jahr 1720 ein stattliches Haus fürs Gewerbe, Tuch- und Kornhändler hielten hier ihre Waren feil, im Erdgeschoss war das Schlachthaus eingerichtet. Seit 1887 dient das Gebäude als Rathaus, es ist sozusagen ein sozialer Aufsteiger. Am Freitag schaute ich mich im historischen Städtchen um, musterte natürlich auch das Rathaus, man kann es nicht übersehen. Der Metallstab links im Eingang allerdings ist schon sehr unauffällig. Er ist ein Stück Erinnerung an das frühere Marktgeschehen, es handelt sich um die Willisauer Elle. Bekanntlich hatte in früheren Jahrhunderten jede Region, manchmal gar jeder Flecken im Land seine eigenen Masseinheiten. Willisaus Elle hatte eine Länge von 63 Zentimetern.

PS: Gestern vermass ich mich zuhause, bestimmte den Abstand von den Fingerspitzen bis zum Ellenbogen. Die Widmer-Elle ist 45 Zentimeter lang. Dies entspricht praktisch genau der antiken griechischen Elle. Das gefällt mir.

Freitag, 12. April 2024

Wieder mal ein Seilbahnprojekt

Sommer 2022, mein Grüppli im Aufstieg
von Kandersteg zum Golitschepass.
Eine Seilbahn, die vom Bahnhof Kandersteg den Bergkamm im Westen überquert und auf der anderen Seite das kleine, feine Ski- und Wandergebiet Elsigenalp hoch über Adelboden ansteuert: Diese Idee geistert derzeit durch die Medien, letzte Woche las ich in der "Berner Zeitung" einen Artikel zum Thema. Für die Touristiker sowohl auf der Adelbodner als auch auf der Kandersteger Seite wäre eine solche Bahn attraktiv. Die Elsigenalp ist von der Adelboden-Seite her, aus dem Engstligental, erschlossen. Aber umständlich: Man nimmt zuerst einen Bus und dann ein Seilbähnli. Kandersteg wäre seinerseits froh um eine zusätzliche Attraktion. Kompliziert wird alles durch die Klimaveränderung: Die Elsigenalp liegt auf 1900 Metern Höhe, wird es dort in Zukunft genügend Schnee haben? Und wenn nein, wird dafür der Wandersommer länger und interessanter? Derzeit läuft jedenfalls eine Machbarkeitsstudie. Die neue Bahn würde, sollte sie kommen, übrigens über den Golitschepass verkehren. Der ist mir vertraut, seit wir ihn vor zwei Jahren in einer strengen Wanderung überquerten.

Donnerstag, 11. April 2024

Ein Stück Amerika

"Neu York", Gemeinde Rüti, Kanton Zürich, Schweiz.
Auf dem Jakobsweg-Abschnitt Gibswil–Rapperswil kamen wir am Samstag östlich von Rüti an einer Häusergruppe vorbei, die auf der Karte, siehe meinen Schweizmobil-Screenshot, mit "Neu York" angeschrieben ist. Die Geschichte zu dem Namen ist schnell erzählt. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts grassierte in der Schweiz für einige Jahrzehnte das Amerikafieber, ausgelöst 1848 durch Berichte über Goldfunde in Kalifornien. Viele hiesige Leute, vor allem ärmere, wollten nach Übersee auswandern, sie träumten von einem besseren Leben. Ein Bauer in Rüti hatte einen Sohn, der auch Abgangspläne hegte. Der Vater wollte ihn halten, baute ihm einen Bauernhof. Den taufte der Sohn, der nun also blieb und nicht nach Amerika auswanderte, "Neu York".

Mittwoch, 10. April 2024

Menschheitssprache

Vor Wochen fiel mir in der Iberer-Ausstellung in Basel, über die ich hier schon berichtet habe, auch eine kleine Statuette auf. Sie wurde in Andalusien gefunden, stammt aus dem Zeitraum vom vierten bis zweiten Jahrhundert vor Christus, stand in einem iberischen Heiligtum. Sie zeigt, so der Begleittext in der Ausstellung, eine "Adorantin". Also eine Person, die anbetet, so die wörtliche Übersetzung. Mich verblüfft immer wieder, wie gewisse Gesten oder Körperhaltungen über die Jahrtausende bleiben. Dass die in der Statuette erfasste Frau mit den nach oben gekehrten Handflächen huldigt, erfasst man gleich sofort. Es ist ein Stück Menschheitssprache.

(Foto: Antikenmuseum Basel, © Museu d'Arquelogia de Catalunya)

Dienstag, 9. April 2024

Die "Rebsamen"

Einst im Zürioberland gebaut, heute im Zürioberland ausgestellt:
die "Rebsamen" von 1864. (Foto: Ronja)
Das Nähmaschinen-Museum im Grundtal. Es ist mit einer
Antikschreinerei und einem Antiquitätenladen gepaart. 
1864 gründet Albert Rebsamen-Pfister in Hadlikon ZH eine Nähmaschinenfabrik. In ihr entsteht die erste Nähmaschine der Schweiz, sie wird allerdings nur für kurze Zeit und in kleiner Stückzahl hergestellt, die "Rebsamen" mag von hoher Qualität sein, kann aber auf dem Markt gegen die ausländische Konkurrenz nicht bestehen. Albert Rebsamen-Pfister verlegt sich bald auf die Endmontage importierter Nähmaschinen, wird später vom Fabrikanten zum Händler. Letzten Samstag, unterwegs auf dem Jakobsweg im Zürcher Oberland, besuchten wir das Nähmaschinen-Museum in der Gemeinde Dürnten, gelegen im Grundtal an der Durchgangsstrasse von Wald nach Rüti. Es präsentiert unzählige Nähmaschinen aus aller Welt samt Zubehör, aber auch alte Werbeplakate und Fotos in einem Raum, der an eine Brockenstube erinnert: schmale Wege für die Besucherinnen und Besucher, die von den Exponaten sozusagen umzingelt sind, darunter übrigens auch die "Singer Nr. 1", die allererste Nähmaschine der Welt von 1853 aus Amerika. Nun zur einheimischen "Rebsamen": Leider sei kein Exemplar erhalten geblieben, hiess es lange. Dann kam dem einen der beiden Museumsbetreiber, Nähmaschinenfan seit früher Kindheit, ein altes Foto von sich selber in die Hände, das ihn als Dreizehnjährigen auf Besuch bei einem Sammler zeigt. Auf diesem Foto glaubte er nun eine "Rebsamen" aus Hadlikon zu erkennen. Die Suche begann – und dauerte. 2018 dann spürten die Museumsmänner tatsächlich diese Maschine auf, konnten sie dem Besitzer abkaufen. Aufwändig restauriert, steht sie jetzt im Museum direkt am Jakobsweg. Und ist selber ein kleines Pilgerziel.

Montag, 8. April 2024

Blumenwiesen und Bluescht

Auf dem Jakobsweg nah Wald, Blick zu den Glarner Alpen, hinten links der Mitte der Tödi.

Die Fernsicht war toll, als wir vorgestern auf dem Jakobsweg von Gibswil nach Rapperswil zogen via Dieterswil, Pilgersteg, Weier, Jona. In der klaren Luft sahen wir die Berge vor uns aufgereiht von Speer und Federispitz über Fluebrig, Glärnisch, Tödi bis Rigi und Pilatus. Auch die Dinge am Weg gefielen uns oder waren doch bemerkenswert. Wir passierten etliche Hofläden. Trafen einen alten Italiener, der über die Jungen ausrief, die ganz in der Nähe ihre Schnapsflaschen von einem nächtlichen Gelage hatten liegenlassen. Halfen einem gestrandeten Feuersalamander von der Strasse. Genossen die Blumenwiesen und den Bluescht. So war das am Samstag, und jetzt bin ich gespannt auf unsere nächste Pilgeretappe. Innerschweiz, wir kommen.

Sonntag, 7. April 2024

Happy End mit Vitello tonnato

25 Stunden Wanderdauer, 94 Kilometer Distanz, 2465 Meter im Aufstieg und 1980 Meter im Abstieg: dies die Fakten zum Schwabenweg, wie der Abschnitt Konstanz-Einsiedeln des Schweizer Jakobsweges heisst. Supermegabeeindruckend sind die Zahlen nicht, aber wir waren doch stolz und zufrieden, als wir gestern von Gibswil her kommend in Rapperswil einliefen und somit die noch fehlende Lücke geschlossen hatten, Etappe fünf unserer insgesamt sechs Schwabenweg-Etappen. Wir machten keinen Leistungssport, hatten jede Menge Spass, so mein Fazit; kommenden Samstag gehts weiter, das nächste grosse Ziel ist der Brünigpass. Hier nun drei Fotos, eines vom Anfang der gestrigen Wanderung, eines von der Mitte und eines vom Schluss – mehr folgt morgen. Allen einen schönen Sonntag, möge das Wetter uns so verwöhnen wie gestern und möge sich der Saharastaub fernhalten.

Kurz nach dem Start in Gibswil trafen wir beim Hof Ried diesen lustigen Hund.
Er liess sich das Güggeli aus Plastik gern entwinden und apportierte es dann brav.
Die Nr. 4 bezeichnet im nationalen Wanderwegnetz den Jakobsweg. Wer die Muschel darunter,
angebracht hat, eine (echte) Jakobsmuschel als Zeichen der Jakobspilger, weiss ich nicht.

Happy End in Rapperswil im Restaurant mit dem passenden Namen Jakob.
Mein Vitello tonnato war sehr gut und passte zur Sommerwärme.