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Sonntag, 5. März 2023

Kraxeln und Klettern im Thurgau

Die grosse Höhle Hohlenstein.
Die kleine Höhle. Sie liegt weiter westlich in der Fluh.
Hier klettert man.
Man liest, dass die kleine und auch die grosse Höhle künstlich angelegt wurden. Dass nach dem Bischofszeller Stadtbrand von 1419 Leute sich in ihnen einrichteten. Und dass ungefähr zur selben Zeit Einheimische sich hier versteckten, als die Appenzeller sengend und raubend durch die Gegend zogen. Heutzutage locken die Höhlen von Hohlenstein im Waldstück Felsenholz nördlich von Sitterdorf vor allem Freeclimberinnen und Freeclimber. Und Wanderinnen und Wanderer wie unsereins. Gestern erkundeten wir die Nagefluh-Fluh, staunten über das wilde Gelände im milden Thurgau, beschauten uns die Graffiti in den weichen Molassepartien, fanden, dass man hier wunderbar brätlen könnte. Die Höhlen von Hohlenstein – eine Trouvaille. Ein Stücklein Ostchweiz, das mir bis anhin verborgen geblieben ist.

Zugang: Von der Postautohaltestelle "Sitterdorf, Landhaus" auf dem Fussgängersteg über den Rötelbach, dann zur Sommerau und zum Weiler Hohlenstein. Dort nimmt man das Weglein in den steilen Waldhang. Das alles ist signalisiert mit mehreren Wegweisern "Chänzeli". Kurz vor der oberen Kante der Fluh mit dem Aussichtspunkt Chänzeli biegt man dann rechts ab, die Verzweigung ist nicht zu übersehen. Alles Weitere ... findet sich. Wer hingeht, tut es auf eigenes Risiko, Steinschlag droht, kein Wunder, führt kein Wanderweg zu den beiden Höhlen. Aber sehenswert sind sie wirklich.

Widmer wird handgreiflich. (Foto: Ronja)

Samstag, 4. März 2023

Frau Eppsteins Caravan

In Eppsteins Caravan (oben) steht
diese reizende Lampe.
Esther Eppstein, Jahrgang 1967, ist eine Zürcherin, die Kunst macht und andere Künstlerinnen und Künstler zusammenführt und inspiriert. In den 1990er-Jahren unterhält sie in Zürich an der Ankerstrasse einen "off space", eine Kombination aus Galerie und Treffpunkt. Sie nennt ihn "message salon". 1998 wird Eppstein an eine Kunstausstellung in Appenzell eingeladen. Sie legt sich einen Second-Hand-Caravan zu und ernennt ihn zu ihrem neuen message salon. Um ihn bildet sich in Appenzell in jenen Tagen eine Art Künstler-Ferienkolonie. Später kehrt der Caravan nach Zürich zurück, reist aber auch nach Freiburg, Esther Eppstein wohnt in ihm und hält Hof. Und letztlich wird das Gefährt, dieses Erinnerungsvehikel, das von kreativen Treffen und Diskussionen aller Art zeugt, selber Kunst.

Kommt man draus? Ich hoffe es. Esther Eppsteins "message salon Wohnwagen", der übrigens begehbar ist, steht derzeit im Migros Museum für Gegenwartskunst auf dem Löwenbräu-Areal in Zürich. Im Haus läuft eine Ausstellung in drei "Akten", der erste Akt dauert bis zum 2. April. Diese Woche besuchte ich die Ausstellung, die "Acts of Friendship" heisst, und war fasziniert. Zum Beispiel von Frau Eppsteins Caravan.

Freitag, 3. März 2023

Il nucleo

In der Kapuzinerkirche.
Palazzo Pollini.
Die Pfarrkirche ist den Heiligen Kosmas und
Damian gewidmet. Im Vordergrund die Statue
des Naturforschers Luigi Lavizzari.
Franziskus in der Pfarrkirche.
Am Dienstag schauten wir uns Mendrisio an, die Stadt im Südtessin. Vor allem waren wir im historischen Kern unterwegs, dem nucleo, in dem sich Kirche an Kirche reiht. Und Palazzo an Palazzo. Relikte der alten Römer gibts da auch. Zudem zogen wir durch die Via delle Cantine, wo sich am Berghang die Weinkellereien reihen, Räume, in denen es selbst im Hochsommer kühl bleibt; in der Strasse ist auch das eine oder andere Grotto eingerichtet. Mendrisio hat uns begeistert, und was das Beste ist: Wir sahen in zwei Stunden nur gut die Hälfte dessen, was es zu sehen gibt – wir müssen wiederkommen und Teil zwei jenes Rundganges absolvieren, den wir im Internet vorgeschlagen fanden. Die Gefahr einer Kirchen-Überdosis nehmen wir tapfer in Kauf.
Farbe im Februar: in der Via delle Cantine.

Donnerstag, 2. März 2023

Bottas Theater

Das anatomische Theater von Padua,
Gravur von 1654. (Quelle: "Theatrum 
Historicum in History and Today",
2007 / Wikicommons)
Wer in Mendrisio Architektur studiert, findet auf dem Campus Anschauungsmaterial. Dort nämlich steht ein eigenwilliger Bau, kreisrund, Durchmesser 27 Meter, praktisch fensterlos, fünf Stockwerke, davon zwei unterirdisch. Das Teatro dell'architettura von Mario Botta, 2018 eröffnet, ist ein Ort für wissenschaftliche Tagungen, Ausstellungen, Events. Der Name nimmt Bezug auf die anatomischen Theater früherer Zeiten, Vorlesungssäle, in denen der Dozent auf einer zentralen Bühne agierte, derweil die Studenten aus den steilen Rängen rundum zuschauten. Am Dienstag war ich in Mendrisio, umkreiste das Gebäude, hinein konnte ich grad nicht, es war verschlossen. Für mich war es eine Überraschung, ich hatte zuvor nie von diesem Teatro gehört.



Mittwoch, 1. März 2023

Die alte Grenze ist die neue Grenze

Die Häusergruppe Eidgenossenhäuser bei Hagenfirst.
Ein Screenshot von Schweizmobil.
Südwestlich des Dorfes Hettenschwil, das zur Gemeinde Leuggern gehört, liegt der Weiler Hagenfirst. Etwas höher findet sich in unmittelbarer Nähe ein unscheinbarer Kleinweiler namens Eidgenossenhäuser. Der Name geht auf das Ancien Régime zurück. Der Hof Eidgenossenhäuser war damals eine Wachtstation. Hier grenzten die von der Eidgenossenschaft als gemeine Herrschaft verwaltete Grafschaft Baden und der von den Bernern kontrollierte Teil des Aargaus an das habsburgische Fricktal. Ob von den Leuten, die passierten, eine Zollgebühr eingezogen wurde, weiss ich nicht, nehme es aber an. Heute sind es die drei Aargauer Bezirke Zurzach, Brugg und Laufenburg, die bei Hagenfirst und Eidgenossenhäuser zusammenkommen. 

Dienstag, 28. Februar 2023

Aargauer Stelzen

Landschaft mit Bauwerk.
Beim Hügel Gugelen ist die Strasse von Villigen nach Mandach und
Hottwil auf ein paar Metern überdacht – offensichtlich eine
Vorsichtsmassnahme wegen der Gesteinspipeline ein paar Meter höher.

Vor zwei Jahren unterquerten wir im Wald nah Siggenthal ein Förderband auf Stelzen, es war durch die Bäume ziemlich verdeckt. Letzten Samstag trafen wir wieder auf das Band, als wir von der Rotbergegg nach Villigen abstiegen – diesmal waren wir in offenem Gelände unterwegs und hatten freien Blick auf die Anlage der Holcim Schweiz AG. Das Band in ihrem Inneren transportiert zerkleinerten Kalkstein und Mergel vom Steinbruch Gabenchopf am Geissberg zum Zementwerk Siggenthal. Fast vier Kilometer lang ist die Gesteinspipeline und überquert auch die Aare.

P. S. Die „Eidgenossenhäuser“ folgen morgen.
Hier wird abgebaut: Steinbruch Gabenchopf am Geissberg. (Foto: Ronja)

Montag, 27. Februar 2023

Wir sahen ein Ufo

Wir starteten in Koblenz, weit war der Himmel über der Aare.
Tafeljura unweit von Mandach.
Der Risotto.
Mandach ist ein kleines Dorf, das nördlich von Brugg zwischen Aare und Rhein liegt im Tafeljura, der rundum lange Kämme bildet und das Land in Kammern teilt. Die Kirche ist klein und gedrungen, das Dorfrestaurant heisst "Hirschen" und ist gut, wie wir am Samstag feststellten. Cordon bleu, Schnipo, Safranrisotto mit Pilzen und Haselnüssen, Nudeln mediterran mit getrockneten Tomaten – alles untadelig. Kühl war der Tag und verhangen der Himmel, wir hatten die Gegend weitgehend für uns, das macht immer gute Laune. Vom Startort Koblenz visierten wir via Sibewege und Sandholtern Mandach an, stiegen nach dem Zmittag ab nach Villigen. Das Ufo, das wir kurz vor Wanderschluss nah der Aare bei Villigen zu sehen vermeinten, war die Synchrotron-Lichtquelle des Paul-Scherrer-Instituts, das Nuklearforschung betreibt. In einer Kreisbahn beschleunigt man im scheibenförmigen Riesengebäude Elektronen auf Fast-Lichtgeschwindigkeit, das dabei erzeugte hochintensive Röntgenlicht wird für die Ergründung aller möglichen Materialen genutzt – Spitzenforschung im Aargau.
4 Stunden und 20 Minuten, 460 Meter aufwärts, 420 Meter abwärts.
Sieht doch wirklich aus wie ein Ufo! (Foto: Ronja)

P.S. Was es mit dem kleinen Weiler "Eidgenossenhäuser" in der Nähe von Mandach auf sich hat, erzähle ich morgen.

Mandach. Ihren Hausberg bzw. Haushügel mit den Reben (rechts) nennen
die Einheimischen "Berg". Die Dampffahne im Hintergrund stammt vom AKW in Leibstadt.