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Donnerstag, 23. Juni 2016

Hütet Euch vor den Bahnhöfen!

Superwetter heute. Schulreisewetter.
Wie hiess es vor Jahrhunderten so schön, damals, als die Habsburger Richtung Ägerisee anrückten: "Hütet Euch am Morgarten!" Heute Donnerstag möchte ich allle Freundeidgenossen warnen: Hütet Euch vor den Bahnhöfen! Mehr als 65 000 Kinder gehen auf die Schulreise. Nichts gegen die Gofen, die sollen es ruhig lustig haben. Allerdings denke ich, als Wanderer verzichtet man besser auf den Ausflug oder unternimmt einen von der Haustür aus. Das Gmoscht in den Zügen und Bussen und Seilbahnen wird sicher grauslig sein. Allein im HB Zürich ziehen heute 10 000 Kinder durch. Die Ballung von Schulreisen hat mit dem schlechten Wetter zu tun, viele Ausflüge wurden immer wieder verschoben, bald sind Ferien, die Zeit drängt - heute aber ist der perfekte Schulreisetag. Eben, hütet Euch vor den Bahnhöfen!

Mittwoch, 22. Juni 2016

Das Showmesser von Otelfingen

Auch heute möchte ich auf einen Artikel von mir im Tages-Anzeiger hinweisen. Er erschien gestern online und heute im Print und widmet sich einer tollen Neuerscheinung: "Ausflug in die Vergangenheit - Archäologische Streifzüge durch den Kanton Zürich" (Verlag Librum). Die Winterthurer Autorin Gisela Nagy genügt als Spezialistin wissenschaftlichen Ansprüchen, präsentiert aber auch sehr brauchbare Wandervorschläge, auf denen man allerlei Fundorte passiert. Weil ich keine lineare Rezension schreiben und alles einfach nacherzählen wollte, was ich im Buch gelesen hatte, ging ich für die Zeitung anders vor: Ich präparierte aus den Routentipps von Nagy zehn archäologische Trouvaillen. Zum Beispiel ist da ein prähistorisches Messer, das... man lese selber:
"Gadgets trugen die, die es sich leisten konnten, schon in der Jungsteinzeit mit sich herum. In Otelfingen-Riedholz fand man einen Silexdolch, hergestellt aus einer Silexknolle von der nahen Lägern durch einen versierten Handwerker. Die Halterung des Dolches (verwahrt in der Fundsammlung der Kantonsarchäologie) ist verschwunden, Kerben in der Klinge deuten an, wo sie in den Stein griff. Das Messer sieht aggressiv aus, man konnte damit schneiden und stechen. Theoretisch. In der Praxis ist es so: Silex bricht ziemlich schnell. In einem Kampf war der Dolch unbrauchbar. Er war der Protzgegenstand eines Hablichen. Wehrhaftigkeit als Show."

Dienstag, 21. Juni 2016

Landolts zweieinhalb Jahre

Zu unserem Bundesstaat gehören Institutionen: die SBB, die Schweizer Wanderwege, die ETHs in Zürich und Lausanne. Sowie das besonders ehrwürdige, seit 1862 aktive Idiotikon*, das schweizerdeutsche Wörterbuch. Irgendwann um 2025 herum soll der 16 und letzte Band erscheinen; digital ist auch schon vieles greifbar. Und danach? Dann wird weiter gewerkt, weil bekanntlich der Dialekt lebt und sich verändert. Sieben Redaktoren arbeiten am Idiotikon, ich traf letzte Woche einen, Christoph Landolt. Wie das ist, wenn man zweieinhalb Jahre am Eintrag zum Wörtchen "zue" arbeitet und was herauskommt - man kann es lesen in meinem gestern erschienenen Porträt.

PS: Weder sind beim Idiotikon Idioten beschäftigt noch richtet es sich an Idioten. Der Name des Wörterbuches kommt von griechisch "idios" gleich "eigen"; gemeint sind die sprachlichen Eigenheiten einer bestimmten Region oder Landschaft, nämlich in diesem konkreten Fall die der deutschsprachigen Schweiz.

Montag, 20. Juni 2016

Ich war auf dem Gonzen, aber nicht persönlich

Schöner Anblick: In der Mitte die Rieterhütten. Und hinten der Gonzen. 
Dann kamen die Wolken. Unten das St. Galler Rheintal.
Im Berghaus Palfries nah der Seilbahn endet die Wanderung.
Am Samstag wollten wir von Palfries auf den Gonzen; die formidable Zubringer-Seilbahn von Heiligkreuz hinauf nach Palfries habe ich gestern schon gewürdigt. Der Weg ist nicht weit, gut anderthalb Stunden hin und ebensoviel retour muss man rechnen. Es geht allerdings durch einen Grashang, der aufgrund des Dauerregens der letzten Wochen eher eine Art ins Schräge gekippter Sumpf war, wirklich beschwerlich. Weiter oben wurde es besser, ich hatte den letzten Abschnitt zum Gipfel vor Augen. Dann kam von Ronja, die wie üblich weit vorne war und beim Gipfelkreuz stand, der Anruf: Es sei sinnlos, ganz aufzusteigen, Nebelsuppe, man sehe nicht auf Sargans hinab! Schade, dachte ich und drehte mit zwei Wanderfreundinnen ab. Peider liess sich nicht abschrecken - und tatsächlich! Als er oben war (und Ronja schon wieder ein Stück weit unten) verzog sich der Nebel kurz, 1300 Meter tiefer erblickte er in einer Art Buddhavision Sargans, das Rheintal, die Ebene der Seez. Wohlverdient, Peider! Und wenn mich jemand fragt, ob ich schon einmal auf dem Gonzen war, werde ich im Hinblick darauf, dass Peider mir erstens seine Gipfelfotos schickte, ich zweitens fast oben war und Ronjas nette Fraktion drittens einen Gipfelbucheintrag unter dem Kollektivnamen meines Grüppleins "Fähnlein Fieselschweif" vornahm, sagen: "Ja, ich war auf dem Gonzen, aber nicht persönlich."

PS: Die Wanderung lohnt wirklich, bei trockenem Wetter ist sie easy, wer Kinder dabei hat, muss freilich oben aufpassen: ungesicherte Kante! Am Schluss, nach der Rückkehr, kann man im Berghaus Palfries essen und trinken und dann mit der Bahn wieder runter.

Sonntag, 19. Juni 2016

Aus 12 wurden 8

Der Bus hat uns vom Bahnhof Sargans zur Palfries-Bahn gebracht.
Die Bahn meistert vorerst ein wildes Fels-Wald-Gebiet.
Der Motor der Bahn.
Ich liebe Kartonbillette.
Seit Ende Mai fährt die Palfries-Bahn wieder, die gut anderthalb Jahrzehnte stillgelegt war. Zuvor hatte sie seit 1941 über mehr als fünf Jahrzehnte Wehrmänner auf das Palfries-Plateau unterhalb des Alvier befördert; die Bahn diente der Festung Sargans zu, einem der drei grossen Festungsräume der Schweiz. Mein Grüpplein samt mir bekam freundlicherweise eine kleine Betriebsführung durch Markus Walser, Präsident der Seilbahn-Genossenschaft; wir durften uns den Motor und die Seilverankerungen im Maschinenraum anschauen - Journalist sein ist halt schon toll. Und dann ging es los: Bergfahrt über 1250 Höhenmeter. Absolut fantastisch, wie man direkt über den Wasserfall des Ragnatscher Baches fährt; leider konnte ich ihn durch die Scheiben der Kabine nicht besonders gut fotografieren. 32 Personen in vier Acht-Personen-Schüben alle 15 Minuten kann die Bahn pro Stunde hinauf transportieren und ebensoviele in der Gegenkabine hinab. Wir sassen und standen recht gedrängt, lustigerweise erzählte Markus Walser, dass zu Zeiten des Militärs 12 Personen in die Kabine gepresst wurden. Denkt man sich ihre Packungen dazu, schnappt man nach Luft. Und damit retour in die Gegenwart: Die Palfries-Bahn ist ein Superinstrument, um dem Alvier und dem Gonzen sowie anderen interessanten Bergen ohne viel Basisaufwand näherzukommen; ich kann sie nur empfehlen. Wichtig ist dies: Wer sie benutzen will, reserviert mit Vorteil (im Internet); die mit Reservation haben Vortritt.
Wasserfall des Ragnatscher Baches durchs Fenster fotografiert.

Samstag, 18. Juni 2016

Offen für Nichtsoldaten

Vor 10 Jahren, zwischen Palfries und Alvier.
Nordwestlich von Sargans liegt Heiligkreuz. Wenn man von Heiligkreuz aus auf den Alvier will, was ich vor vielen Jahren machte, fallen zwei Aufstiege an. Der untere braucht Kondition, es geht 1200 Meter aufwärts. Der obere ist nicht ganz so anstrengend, 600 Meter aufwärts, dafür ist er ein bisschen ausgesetzt - an einer Stelle, siehe Foto, gibt es eine hübsche Treppe durch ein Couloir. Zwischen Etappe eins und zwei kann man auf der weiten Geländeterrasse von Palfries im gleichnamigen Berghaus rasten. Vor Jahren, als ich genau das tat, unterwegs zum Alvier, dachte ich: Wieso kann man nicht die alte Militärbahn aktivieren? Genau das ist nun geschehen, seit kurzem ist die Palfries-Seilbahn wieder in Betrieb. Für Nichtsoldaten. Heute testen wir sie und fahren von Heiligkreuz hinauf nach Palfries.

Freitag, 17. Juni 2016

Oorechnüttel, autsch

Er heisst nicht, er hat Ziegenpeter.
(Wikicommons/ H. Weingaertner)
Die Schwyzer leisten sich ein Kantonsheftli, es ist aufwendig gemacht und bietet unter anderem die Mundartrubrik "Kantonesisches". In der Nummer 17, eben erschienen, geht es um den Mumps, den sie in Deutschland "Ziegenpeter" nennen - nicht mit Heidis Geissenpeter verwechseln! Die Krankheit bewirkt ein angeschwollenes Gesicht, eine Ballonfratze, man hat höllische Schmerzen, und die Ohren sausen. Im Wallis spricht man vom "Mops" oder "Muff". Die Schwyzer ihrerseits haben zwei Wörter parat. Im inneren Kantonsteil reden sie von "Guttere", im äusseren von "Oorechnüttel". Mit dem zweiten Begriff verhält es sich wie mit der Ohrfeige: Man beschreibt die Handlung, indem man ihre Folge schildert. Bei der Ohrfeige schwillt das Ohr zur Feige an. Der Mumps wieder macht, dass die Ohrengegend aussieht, als hätte sie einen Schlag mit dem Knüppel abbekommen. Oorechnüttel - sehr treffend.