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Dienstag, 9. Juli 2013

Das rollende Paar

Fahrendes Haus Wohnmobil.
(Wikicommons/Klugschnacker)
Beatrice Jung, die mit ihrem Mann in der Nähe von Zürich lebt, nennt den Camper "motorisiertes Ehebett". Und ihr aus vielen Reisen - samt 2000 Übernachtungen in dem Gefährt - geborenes, anekdotenreiches Buch heisst "Flohnmobil"; unter diesem Namen wiederum kennen wir sie als Bloggerin, die ab und an auch in diesem Blog einen Kommentar hinterlässt. Das Buch ist schmissig geschrieben, ich amüsierte mich beim Lesen. Man erfährt, warum Camperbesitzer in Schweden mit Vorteil bei Friedhöfen stoppen. Wie gut ein Känguruhpfeffer schmeckt. Und was zu tun ist, damit ein rollendes Paar jeden Tag frisches Brot essen kann. Witzige Sache. Hier ein Zitat, eine Liebeserklärung der Autorin ans Wohnmobil als modus vivendi bzw. modus movendi:
"Nur im Wohnmobil kann ich beim Zwiebelnschneiden aus dem Küchenfenster ins Grüne schauen. Nur im Wohnmobil kann ich Risotto rührend durch die Tür hinaus in die Abendsonne blinzeln. Nur im Wohnmobil kann ich heute Abend auf einen Rebberg schauen, morgen über einen Freizeithafen an einem französischen Kanal und übermorgen auf das gelb blühende Rapsfeld in einem Kaff, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen."

Montag, 8. Juli 2013

Olympus has fallen! Schimbrig, too!

Hurra! Sonne zwischen Schimbrigbad und Schimbrig-Gipfel.
Kurz vor dem Gipfel.
Kürzlich schaute ich mir den actiongeladenen Kinothriller "Olympus Has Fallen" an. Ein nordkoreanisches Terrorkommando attackiert das Weisse Haus und nimmt den US-Präsidenten als Geisel. Von dem Film inspiriert, formulierte ich für letzten Samstag die Losung: Schimbrig must fall! Der Schimbrig, 1815 Meter hoch, ist ein Gipfel im Entlebuch. Wir nahmen ihn von Heiligkreuz, indem wir via Schwarzenbergkreuz und Neuhütte zum Schimbrigbad gingen; beim Bad begann der eigentliche Aufstieg. Magisch der Moment, als der Nebel - jawohl, wir hatten dichten, zähen, kalten Nebel! - auf halber Höhe der steilen Schimbrigflanke von den ersten Sonnenstrahlen durchdrungen wurde. Bald darauf war es soweit: Gipfelkreuz, Gipfelbuch, Triangulationspyramide und die erlösende Gewissheit: "Schimbrig has fallen!"

Oben, eben.
PS: Der Fortgang der Wanderung: Retour zum Bad. Via Stettili nach Gfellen und daselbst spätes Mittagessen. Und dann durch allerherrlichstes Moorgelände nach Finsterwald und auf dem allerherrlichsten Tobelweg weiter nach Entlebuch. Gehzeit 7 1/2 Stunden, 1100 Meter im Aufstieg, 1540 im Abstieg. 
PS 2: Im Restaurant Gfellen, das unter schönen Alpen liegt, schaffen sie es, einem einen Käseteller mit Käse aufzutischen, der aus der Migros kommt. Oder vom Aldi. Oder ähnlich. Jedenfalls nicht von den Alpen rundum. Inmitten der Durchschnittsware hockte ein schlifriges Gerberkäsli. Armselig war das.
Peter auf dem Gfellen-Parkplatz. Und unser Schimbrig am Horizont.

Sonntag, 7. Juli 2013

Wo fliesst der Bombach?

Die neue Broschüre.
Früher investierte man viel Geld, um Stadtbäche unter den Boden zu schaffen. Und heute investiert man wieder viel Geld, um sie zurück ans Licht zu holen. In der Stadt Zürich gibt es mittlerweile 108 Kilometer sichtbaren Bach, davon 44 in Siedlungsgebieten und Freihaltezonen, der Rest in Wäldern. Eine neue Wanderbroschüre von Entsorgung und Recycling Zürich schlägt fünf Routen an solchen Bächen vor: Friesenbergbach, Albisrieder Dorfbach, Holderbach, Wehrenbach sowie Bombach*. Klingen diese Namen nicht wunderbar romantisch und unurban?

* Nicht mit Bumbach im Emmental verwechseln!

Samstag, 6. Juli 2013

Der Vibrator von Finsterwald

Heute gehts es von Heiligkreuz aus via Schimbrigbad auf den Schimbrig, hernach retour zum Bad und hinab nach Gfellen - mit Verlängerungsoption bis Finsterwald oder gar Entlebuch. Zu besagtem Weiler Finsterwald eine Geschichte aus dem Buch "Gratwegs ins Entlebuch" von François Meienberg (Rotpunktverlag): 1977 traktierte man das Gebiet mit einem riesigen Vibrator. Die ganze Gegend bebte, wenn man den Monsterapparat einschaltete. Die Schwingungsreflexionen gaben Aufschluss über die unterirdischen Gesteinsschichten. Man suchte und vermutete Erdöl. 1979 begannen die Bohrungen, die über ein Jahr andauerten und viel Volk anlockten. Man kam bis in eine Tiefe von 5289 Metern, dann gab es technische Probleme, und man nahm Abschied von der Öl-Idee. Dafür hatte man Erdgas entdeckt. Eine riesige Erfolgsgeschichte ist auch das nicht. Das Gas kam zuerst reichlich, dann bald schwächer, Anfang 1994 stellte man die Förderung ein. Seither ist Finsterwald wieder hundertprozentig bäuerlich-ländlich.

Freitag, 5. Juli 2013

Sockenspannung

Die neue Socke von Sigvaris (Werbefoto).
Kürzlich kriegte ich ein Mail der Firma Sigvaris, Winterthurer Hersteller von Stützstrümpfen. Die haben eine "Kompressions-Wandersocke mit effektivem Anti-Blasen-System" entwickelt. Die Wandersocke werde "individuell auf ihren Träger abgestimmt" und sorge "für Komfort im Bergschuh, eine verbesserte Muskelleistung, längere Leistungsdauer und weniger Muskelkater". Verbesserte Muskelleistung kann man immer brauchen, dachte ich und meldete der PR-Stelle mein Interesse an. Darauf ein zweites Mail: Ich solle doch bitte meine Fesseln und Waden messen und die Daten durchgeben. Ich zurück: Mache ich, sobald ich mir ein Messband besorgt habe; so etwas hat unsereiner nicht einfach so vorrätig. Darauf ein drittes Mail: Wir schicken Ihnen umgehend ein Messband zu, Herr Widmer. So schön hat man es - manchmal - als Wanderkolumnist. Auf die Socken bin ich echt gespannt, Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 4. Juli 2013

Der Weigel, die Dorsch und das Hirtenvolk

Der Weigel (lustige Frisur).
Ich las dieses Buch, als ich ein Kind war; jetzt lese ich es wieder und bin begeistert. Hans Weigel, 1908 bis 1991, war ein Wiener Theaterkritiker; die Nazizeit überstand er im Schweizer Exil. 1956 schrieb er eine Rezension, in der die Schauspielerin Käthe Dorsch schlecht wegkam; daraufhin ohrfeigte ihn die Dorsch vor seinem Stammcafé: "Ich finde es an der Zeit, dass Sie etwas auf Ihr ungewaschenes Maul bekommen." Aber um die irre Welt der Bühne soll es in diesem Eintrag ja eigentlich gar nicht gehen. Sondern um Weigels liebevoll-satirisches Schweizporträt "Lern dieses Volk der Hirten kennen" von 1962. Dieses Buch, das übrigens gleich alt ist wie ich, finde ich genial vom ersten Satz an, der folgendermassen lautet:
"Ob Wilhelm Tell gelebt hat, weiss man nicht; aber dass er den Landvogt Gessler umgebracht hat, steht fest."

Mittwoch, 3. Juli 2013

Ljuba und der Böhler

Das Tor zum Manz'schen Anwesen.
Der Wirt im Böhlerbeizli.
Der Böhler ist ein kleiner Strassenpass zwischen Schöftland und Unterkulm, Suhrental und Wynental. Als wir dort letzten Samstag vorbeikamen, waren wir doch schon etwas über sechs Stunden gelaufen. Kurz vor der Passhöhe, 611 Meter über Meer, hatten wir die Einfahrt zu einer Villa passiert, waren danach der äusseren Umfriedung des Villengeländes entlang gezogen; vom Haus nichts zu sehen, dichtes Buschwerk und Bäume schirmten das Anwesen ab. Wanderfreundin R. wusste, wer hier wohnte: Ljuba Manz, gebürtige Russin, die bis zu dessen Ableben mit dem Zürcher Hotelkönig Caspar Manz verheiratet war und diesen beerbte. Ein Zürcher High-Society-Ableger im Aargau also.

Das Beizli ist halt schon schnuckelig.
Auf dem Böhler dann freuten wir uns. Ein kleines Holzhäuschen stand da, ein Chaletbeizli. Es war erst noch offen. Hinten, weg von der Strasse, gab es im Freien ein paar Sitzbänke und Tische zum Sitzen. Drinnen fanden wir den Wirt und eine winzige Gaststube samt exakt einem langen Tisch mit zwei Bänken. Wir setzten uns, tranken Bier, gsprächleten ein wenig mit dem Mann, fragten ihn nach Frau Manz. Er sagte, sein Häuschen gehöre ihr, er sei der Pächter, zweimal im Jahr bringe er ihr den Zins - und diese Ljuba Manz sei also eine ungemein anständige, umgängliche Frau, auf die er gar nichts kommen lasse. Wir nahmen das interessiert zur Kenntnis, zahlten, gingen, und ich fand wieder einmal, dass Wandern ungemein informativ ist.