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Montag, 7. Juni 2021

Bernstein, Fleisch und blondes Haar

Pirum. Eine Birne. (Foto: Staycoolandbegood/Wikicommons)

Gewusst, dass "Most" aus dem Lateinischen stammt ebenso wie "Birne" und "Speicher"? In den 150 Jahren nach Kaiser Augustus halten sich die unter römische Kontrolle geratenen Germanen einigermassen still, die mächtigere Zivilisation wirkt, ein reger Handelsverkehr entwickelt sich, römische Kaufleute wagen sich tief nach Germanien hinein und erwerben Bernstein, Fleisch, Pelzwerk. Und blondes Frauenhaar für Perücken, die in Rom Mode sind. Die Germanen lernen durch den Kontakt Glas und Silber kennen, Schere und Schloss und das lateinische Alphabet. Besonders aus der überlegenen Landwirtschaft der Römer übernehmen sie vieles samt den zugehörigen Wörtern, las ich letzte Woche in "Die alte Welt" von Christian Schmid, einem Buch von 1967. Hier eine Liste von Lehnwörtern im Deutschen mit der lateinischen Ausgangsform:

  • mustum, Most
  • vinum, Wein
  • caseus, Käse
  • secula, Sichel
  • spicarium, Speicher
  • murus, Mauer
  • tegula, Ziegel
  • scindula, Schindel
  • pirum, Birne
  • cepulla, Zwiebel
  • cucurbita, Kürbis.

Sonntag, 6. Juni 2021

Der Abbruch

Vormittag, wir steigen zum St. Anton auf.

Mein Grüpplein und ich, wir brechen eigentlich nie eine Wanderung ab. Gestern starteten wir in Heiden AR, zogen via Hinterholz und Rietholz nach Oberegg, das wir freilich nur streiften, um via Bürki und Gonzeren zum St. Anton aufzusteigen, dem Passweiler mit der prächtigen Aussicht auf den Alpstein, das St. Galler Rheintal und die Gipfel Vorarlbergs. Nun, der Fernblick war eingeschränkt, Dunst waberte. Doch das Wetter war gut. Warm und zeitweise sonnig. Im Restaurant St. Anton kehrten wir ein, ich hatte die Siedwurst mit Chäshörnli, zum Dessert gabs Birnenfladen. Als wir gegen halb zwei wieder aufbrachen, chutete es. Der Wind kam in Böen, der Regen war stark und traf uns waagrecht. Wir gingen noch 20 Minuten bis zur Postautostelle Haggen, wobei jeder auf seine Art nass wurde; bei mir war die Partie von den Knien abwärts betroffen, die nicht vom Poncho abgedeckt war. Mein Grüpplein und ich brechen eigentlich nie eine Wanderung ab. Diesmal schon.
Nachmittag beim Haggen. Der Mann in Rot bin ich.

Samstag, 5. Juni 2021

Schwergang bei der SBB

Diesen Screenshot eines SBB-Tweets schickte mir gestern Ronja. "Schwergang" für ein schleppendes Funktionieren eines computergesteuerten Systems: Das Wort ist mir neu.

Freitag, 4. Juni 2021

Waldbaden

Frau K. im Wald. Ohne Zertifikat und Kursleiterin.
Ist sie auch achtsam und atmet gut? Ich hoffe es.
Kürzlich schrieb das Zolliker Ortsmuseum eine Veranstaltung "Waldbaden" aus. Nein, gemeint ist nicht, dass man irgendwo im Forst in einen Tümpel hüpft. Oder dass da Badewannen aufgestellt sind. "Waldbaden" ist eine in Japan geborene Achtsamkeits-Disziplin namens Shinrin-Yoku. Man geht schweigend und langsam durch den Wald und versucht, im Moment zu verweilen. Die Frau, die den Anlass leitet, ist "zertifizierte Kursleiterin für Waldbaden und Achtsamkeit im Wald". Mir kommt das lächerlich vor. Unser Verhältnis zur Natur wird zunehmend verschult. Immer unnatürlicher.

Donnerstag, 3. Juni 2021

Pendeln in Pruntrut


Im Hof der Kantonsschule von Pruntrut, gleich am Eingang zum botanischen Garten, steht ein 10 Meter hoher Turm, in dem eine Metallkugel, die an einem Stahlfaden befestigt ist, unaufhörllich hin und her pendelt; 6,2 Sekunden braucht sie für eine ganze Vorwärts-Rückwärts-Schwingung. Um ein Foucaultsches Pendel handelt es sich, das 1993 eingerichtet wurde. Platziert man sich in der Achse des Pendels, das sich also direkt auf einen zubewegt, um dann wieder nach hinten zu weichen, und wahrt man nun Geduld, so wird man nach einer halben Stunde feststellen, dass das Pendel plötzlich leicht an einem vorbeizielt. Es scheint, als drehe sich die Aufhängung im Kreis. In Wahrheit ist es die Erde, die sich wegdreht; in Pruntrut beträgt der Effekt pro Stunde 11 Winkelgrade. Der Erfinder der Vorrichtung, mit der er die Rotation der Erde sichtbar machte, war der französische Physiker Léon Foucault. 1851 montierte er im Panthéon in Paris ein 67 Meter langes Pendel mit einem 28 Kilo schweren Pendelkörper, an dessen Unterseite sich eine Spitze befand, die bei der Schwingung eine Spur in das Sandbett auf dem Boden zeichnete. Eine Linie, aus der im Lauf der Stunden immer mehr Linien wurden, die eine Art Rosette ergaben. Was für ein ästhetisches Experiment!

PS: Im Eintrag zum Foucaultschen Pendel der Wikipedia gibt es eine sehr schöne animierte Grafik mit einer Erdkugel, die sich dreht, und dem schwingenden Pendel. Und auf Youtube habe ich mein 14-Sekunden-Filmli vom Pruntruter Pendel aufgeschaltet.

Mittwoch, 2. Juni 2021

Blarers roter Hahn

Schloss Pruntrut mit dem roten Hahn im Wappen der Blarer von Wartensee.


Am Freitag war ich in Pruntrut, Zentrum der Ajoie und ein ungemein schönes Städtchen. Ich ging durch die Altstadt und stieg hinauf zum Schloss. Im Angesicht des Renaissancebaus verspürte ich wieder einmal den Grundwiderspruch des Christentums: hier Jesu Ideal eines Lebens in Armut oder doch Bescheidenheit, da der Prunk jener Herrscher, die sich später auf ihn und seine Botschaft beriefen. In diesem konkreten Fall meine ich die Basler Fürstbischöfe, die nach der Reformation in Basel 1528 Pruntrut zu ihrer neuen Residenzstadt machten; Fürstbischöfe waren sowohl geistliche Oberhäupter als auch weltliche Fürsten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Das Schloss von Pruntrut wurde um 1590 erbaut unter einem der grössten Basler Fürstbischöfe, Jakob Christoph Blarer von Wartensee. Damals erlebte Pruntrut, "Porrentruy" auf Französisch, einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine Blütezeit sondergleichen. Heute ist nach dem katholischen Monarchen ein Platz in der Altstadt benannt. Und an der Tour du Coq, einem der Schlosstürme, prangt neben dem Baselstab das Hoheitszeichen der Blarer von Wartensee, der rote Hahn mit je einem goldenen Kreuz auf dem Kamm und dem Kehllappen. Wie Blarer Jesus die eigene Machtfülle erklärt hätte, weiss ich nicht.
Jakob Christoph Blarer von Wartensee,
zeitgenössische Darstellung. (Wikicommons)

Dienstag, 1. Juni 2021

Adlerblick im Schwarzbubenland

Das Kreuz auf dem Hoggen und (unten)
der Blick vom Hoggen auf Erschwil und dessen Landschaft.


Nieder Fringeli.
Ich startete am Sonntag in Erschwil, einem Dorf im Schwarzbubenland unweit von Laufen. Richtung Delémont wollte ich gehen, das war mein vager Plan. Die bewaldeten Jurakämme im Westen waren mein erstes Ziel, derweil ich mich ihnen näherte, erblickte ich auf einem kleinen Felsvorsprung ein weisses Kreuz. Nach einer Stunde erreichte ich das Welschgätterli – was für ein hübscher, programmatischer Name, der kleine Pass führt hinüber in die Romandie, ins Val Terbi im Delsberger Becken. Nun drehte ich scharf nach rechts, und sofort wurde der Weg zum Gratpfad auf einer Kalkrippe. Bald kam ich bei dem Kreuz an, das ich von unten bestaunt hatte, Hoggen hiess die zugehörige Fluh. Ich trat an die Kante, sah unter mir Erschwil und dahinter das Land am Passwang und der Hohen Winde; ich genoss den Adlerblick. Nächstes Ziel war der Stierenberg, die Landschaft machte mich froh, anderen Wanderern begegnete ich nur sporadisch, die Bise kam in Böen, ich musste die Kapuze meiner Wanderjacke überziehen. Bald schon begann der Abstieg, er führte mich in eine Senke unter dem Falchriedberg. Dort musste ich mich entscheiden: Laufen oder Val Terbi? Da ich zuvor am Welschgätterli vorbeigekommen war, hatte ich Lust auf Welschland. Und also hielt ich via Nieder Fringeli nach Courchapoix im Val Terbi, wobei mir eine kleine Schlucht besonders gefiel. Nach knapp vier Stunden (625 Meter aufwärts, 580 abwärts) war ich am Ziel. Dass ich Hunger hatte, doch im Relais du Val-Terbi in Courchapoix nichts zu essen bekam, habe ich gestern berichtet. Meine gute Laune konnte das nicht gefährden, zu apart war das Gelände gewesen, durch das ich gezogen war. Und also schliesse ich mit einer Empfehlung: Macht diese Route auch, Leute, sie ist toll.