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Mittwoch, 14. Oktober 2020

Die Transitwanderung

Kapuzenmann Widmer in der Gondoschlucht.

Im Passdorf Simplon gabs Zmittag.
Verrückt und verrückt schön, diese fünf Gehstunden am Montag. Ich habe gestern schon geschildert, wie wir auf dem Simplonpass praktisch Winter hatten und uns im Abstieg nach Gondo den Herbst zurückholten. Die zweite Hälfte des Stockalperweges begingen wir, benannt nach Kaspar Stockalper, der im Barockzeitalter den Saumweg von Brig nach Domodossola zur ernstzunehmenden Handelsachse ausbaute und darob zu monströsem Reichtum gelangte. Überhaupt war der Transit das Thema unserer Unternehmung, wir sahen langgezogene Schnellstrassen-Brücken und uralte Wegkapellen und Susten aus der Maultierepoche, wir gingen mal auf napoleonischem Pflaster, mal auf Asphalt der Gegenwart, mal auf schmalen Weglein im Geröll, wir nahmen diverse Fussgängerstege mit Gitterrostboden, durchquerten zwei beleuchtete Tunnels des Militärs, nutzten auf einem langen Abschnitt aber auch die Galerie der Passstrasse. Und natürlich taten wir all dies in Gesellschaft der wildesten Berge, die sich gegen Ende zur Gondoschlucht verengten. Selten habe ich eine Wanderung mit derart vielen Attraktionen aller Art absolviert. 

Vor Gondo gingen wir auf dem Dach der Strassengalerie.
Die Sonne beleuchtete den Einschnitt des Zwischbergentals.

Einer der Fussgängertunnels von Fort Gondo.

Dienstag, 13. Oktober 2020

Vom Winter in den Herbst





Giftkalt wars gestern Morgen um zehn Uhr auf dem Simplonpass, auf 2000 Metern über Meer. Schnee lag noch keiner. Doch war der Winter schon erahnbar. Raureif überzog die Steine und Gräser, stellenweise waren die Pfade überfroren, wir schlotterten während der ersten Gehminuten. 1350 Höhenmeter legten wir in den folgenden fünf Stunden im Abstieg nach Gondo zurück und eroberten uns Schritt für Schritt etwas mehr vom Herbst zurück, wundervoll waren die goldenen Lärchen. Die Kapuzen freilich behielten wir praktisch die ganze Zeit über an, denn es blies eine böse Bise. Das war ein starker Tag gestern mit Eindrücken, die bleiben werden.

Montag, 12. Oktober 2020

Rousseau war da - wir auch


Hierhin lustwandelte Rousseau gern:
der Wasserfall und die Grotte von Môtiers.

Wir starteten am Samstag in Fleurier, durchquerten den Ort, zwei Häuser gefielen Leuten in meinem Grüppli so sehr, dass sie grad Kauf- und Umzugsvisionen entwickelten. Durch die Forêt des Raisses kamen wir zuerst zum Schloss (Privatbesitz) und dann zur Grotte von Môtiers; der Schriftsteller und Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der drei Jahre in Môtiers verbrachte, lustwandelte offenbar gern zu diesem stimmungsreichen Ort im Wald, zu dem auch ein Wasserfall gehört. Es begann der Aufstieg hinauf nach Les Plânes, wo wir - siehe Eintrag von gestern - einen opulenten Zmittag nahmen; markant war die enge Combe Lacherel. Nach der Völlerei hielten wir hinüber nach La Banderette und stiegen wieder ab durch steiles Gelände zur Areuse. Es folgte die letzte Etappe der Wanderung: Am trägen Flüsschen entlang hielten wir nach Couvet und Môtiers. Und kauften dort, bevor wir wieder heimreisten, Absinth. Lustig: Ich bin kein grosser Absinthfan. Trotzdem kehre ich praktisch jedesmal mit einer Flasche heim, wenn ich im Val de Travers wandere. Es gibt nicht nur Kraftorte, es gibt auch Kraftschnäpse. 5 1/4 Stunden, 575 Meter aufwärts, 580 abwärts.
Herbst an der Areuse.

"Môtiers" kommt von "monasterium" gleich Kloster.
Das ehemalige Kloster des Ortes ist von imposanter Grösse.

Sonntag, 11. Oktober 2020

Die Jägerin von Les Plânes


Nachdem wir drei Stunden gegangen waren, kamen wir gestern hoch über dem Val de Travers auf 1100 Metern zum Restaurant Les Plânes. Ich denke, wir waren dort die einzigen Wanderer, alle anderen schienen mit dem Auto gekommen zu sein. Das Lokal war voll, angesagt war Wild, die Serviererin an unserem Tisch, eine Französin aus Pontarlier, trug die passende Bekleidung, ein Jägergilet mit Flintenpatronen (danke für das Foto, Brigit!). Mit meinem Essen war ich dann sehr zufrieden: Ich hatte gezupftes Wildschwein mit karamelisierten Feigen, gebratenem Foie gras und weiteren Beilagen sowie Spätzli - alles impeccable. Doch, das Plânes ist eine Entdeckung, ich kann es nur empfehlen. Nebenbei lernte ich ein neues französisches Gastrowort: "gezupft" heisst effiloché.

Samstag, 10. Oktober 2020

Das Missverständnis

Eine Postkutsche der San-Bernardino-Linie.
(Foto: Adrian Michael/Wikicommons)
Den San-Bernardino-Pass, also die Verbindung vom Raum Chur in die Lombardei, dürften schon die alten Römer benutzt haben. Bis zum Ende des Mittelalters hiess er in der Regel auf Lateinisch "Culmen de Ouxello"; "Culmen" meint Kulminationspunkt, während das keltische Wort "Ouxello" soviel wie Höhe bedeutet. Weil "Ouxello" klingt wie italienisch "uccello", also Vogel, wurde der Pass bald "Vogelberg" genannt. Dann kam es zwischen 1451 und 1467 zum Bau einer Kapelle auf dem Übergang, die dem heiligen Bernhardin von Siena gewidmet war. So erlangte der San Bernardino seinen heutigen Namen. Östlich der Passhöhe erhebt sich der Piz Uccello. In ihm lebt das sprachliche Missverständnis von einst fort.
(Quelle: "Entdeckungen am San Bernardino", Verlag Hier und Jetzt, 2020)

Freitag, 9. Oktober 2020

Das rote Phantom

So sieht er aus.
55 Franken zahlte ich.
Grks, man konnte sich gar nicht in Ruhe und etappenweise von den höheren Lagen verabschieden, so schnell wurde es vor drei Wochen auf einmal garstig. Die Berge wurden einem entrückt, auf einen Schlag. Das war brutal. Auch dieses Wochenende dürfte es wieder weit herabschneien. Und wir Flachländer werden wohl wieder einmal kalt geduscht. Gestern ging ich in Zürich in den riesigen Transa in der Europaallee-Passage und kaufte mir etwas, das ich mir seit langem wünschte: einen schützenden Poncho. Womit ich optimal gerüstet bin, falls es morgen zünftig schüttet. Das rote Phantom im Gelände, das wäre dann ich, Leute.

Donnerstag, 8. Oktober 2020

Bahntrassee und Pfützenberg

Am Dienstag ging ich von Cama das Misox hinauf nach Mesocco. Die Route (4 1/2 Stunden, 550 Meter aufwärts, 130 abwärts) gefiel mir sehr. Sie war abwechslungsreich von Anfang bis Ende, Kastanienhüllen polsterten den Weg, an anderen Wanderern traf ich gerade mal zwei junge Frauen. Hier sieben Fotos.

Die Ruine von Norantola stammt von den mittelalterlichen Herren von Sax.

Der Pfützenberg.

Die Madonna von Lostallo hat ein modernes Dach.

Wo kämen wir denn da hin, wenn wir die Kastanien liegenliessen, wo sie hinfallen!
Der Buffalora-Wasserfall.

Soazza mochte ich besonders.

Oft ging ich auf dem Trassee der stillgelegten Misoxerbahn.