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Montag, 15. November 2021

Türme und Vermicelles

Der Abschnitt vom Siblinger Randenturm hinab nach Siblingen ist steil.
Mein Dessert.
Laub raschelte unter unseren Füssen. Einsam waren die Wege, nur wenige Leute unterwegs. Und grau war der Himmel. Mit Regen rechneten wir, doch kam er wirklich erst dann, als wir ausgewandert hatten und auf den Bus Richtung Schaffhausen warteten. Unsere Samstagswanderung im Randen, dem Schaffhauser Jura, war friedlich und nicht allzu lang und streng: 4 1/2 Stunden, 480 Meter aufwärts, 580 abwärts. Und wieder einmal kehrten wir im Randenhaus ein, wo das Ehepaar Tappolet seit vielen Jahren wirtet und gut kocht. Das Restaurant war voll. Route: Bargen, Dorf – Iblenquelle – Hagenturm – Hasenbuck – Zälgli – Randenhof, Restaurant Randenhaus – Siblinger Randenturm – Siblingen.
An schönen Tagen sieht man den Alpenkranz: auf dem Hagenturm.

Sonntag, 14. November 2021

Darth Vader auf dem Hagenturm


Es war einsam gestern Vormittag im Randen, dem Schaffhauser Jura. Von Bargen stiegen wir auf zum Hagenturm. Dort wurden wir überrascht: Action! Zwei Feuerwehrautos standen da, ein Dutzend Feuerwehrleute, Männer und Frauen, trugen Atemschutzgeräte mit Sauerstoffflaschen auf dem Rücken, einige von ihnen bestiegen grad den Turm. Ein Ernstfall war das nicht. Eine junge Frau teilte Luftballons aus, die man fliegen lassen konnte. An jeder Ballonschnur hing ein Miniflyer, der für Movember warb. Für eine weltweite Bewegung, der es um Männergesundheit geht, konkret um Vorbeugung gegen Hoden- und Prostatakrebs und gegen den Suizid von Männern. Die junge Frau sagte, sie, die Feuerwehrleute des Oberen und Unteren Reiat, unterstützten die Kampagne, indem sie mit den Atemschutzgeräten 60 Mal den Turm erstiegen, man schaffe so Öffentlichkeit. Als wir selber auf der Treppe unterwegs waren, ging hinter uns ein Feuerwehrmann mit seinem Atemschutzgerät. Es röchelte, als sei Darth Vader himself daran, den Hagenturm zu besteigen.

Samstag, 13. November 2021

Schlaue Webstübler

Wer einst in der Webstube sein Geld verdiente, verrichtete eine monotone Arbeit. Vermutlich kommt es von daher, dass bis heute im Dialekt ein "Webstübler" einen bezeichnet, der nicht besonders hell ist. Ein Basler Historiker vermutet, dass die abschätzige Bedeutung konkret auf die in Basel 1917 gegründete "Webstube" zurückgeht. Im Berner Benteli Verlag gab es später gar Webstübler-Witz-Sammlungen, die Basler Webstube änderte deswegen 1971 ihren Namen. Als ich kürzlich einen Teil des Zuger Industriepfades Lorze beging, las ich auf einer Infotafel in Neuägeri dies: Die Arbeiter erhielten in der dortigen Webstube 1857 einen Tageslohn von 1 bis 3 Franken. Dies sei "bedeutend mehr" gewesen als das, was ein Knecht in der Landwirtschaft verdiente. Unter Umständen war es schlau, sich in der Textilindustrie zu verdingen.

Schon im Ägypten der Pharaonen wurde gewoben. Von Hand, versteht sich.
Darstellung in einem Grab in Beni Hassan. (Encyclopaedia Biblica / Wikicommons)

Freitag, 12. November 2021

Der General aus Payerne


Antoine-Henri Jomini, geboren 1779 in Payerne, wo ich unlängst seine Statue fotografierte – dieser Waadtländer brachte es als Quereinsteiger aus dem Handels- und Bankengewerbe zum General. Er lebte, das erklärt es zum Teil, in der turbulenten Epoche, in der Napoleon Europa mit Krieg überzog und umkrempelte; bewegte Zeiten bewirken so manchen unkonventionellen Lebenslauf. Jomini beschäftigte sich hobbymässig mit Militärfragen, wurde Adjutant des Kriegsministers der Helvetischen Republik und stieg in dessen Ministerium zum Sekretariatsleiter auf, womit der Hauptmannsrang verbunden war. Als Planer und Spezialist für Organisationsfragen machte er sich einen Namen. 1801, blutjung noch, zog er nach Paris und veröffentlichte dort ein fünfbändiges Werk über Heerestaktik. Unter Marschall Ney machte er in Napoleons Armee Karriere, stieg zum Brigadegeneral auf, nahm am desatrösen Russland-Feldzug der Franzosen mit und wechselte alsbald in den Dienst des Zaren. Jomini wurde geschätzt als kundiger Berater, publizierte fleissig und bekleidete in fremden Diensten noch so manchen Posten, bis er 1869 starb. Auf dem Montmartre-Friedhof ist der General aus Payerne begraben, er gilt aufgrund seiner rund 30 Werke als einer der grössten Militärtheoretiker aller Zeiten.

Donnerstag, 11. November 2021

Luzerner Leinwand-Labyrinth


Vivian Suter, eine schweizerisch-argentinische Künstlerin mit Jahrgang 1949, lebt seit bald vier Jahrzehnten im Regenwald von Guatemala. Ihre grossflächigen Gemälde hängt sie zum Trocknen an Wäscheleinen auf, als seien es nasse Frottiertücher. Seit 2005 und 2010 zwei Tropenstürme ihre Region und ihre Kreationen heimsuchten, lässt sie die Natur gezielt an ihrer Kunst mitarbeiten. Manche Leinwände sind mit Schlamm bespritzt, oder es ist Laub auf sie gefallen. Auch dürfen Suters drei Hunde durchaus mal auf einem Bild herumspazieren und sich so verewigen. Gestern Mittwoch schaute ich mir im Kunstmuseum Luzern die grosse Suter-Retrospektive an. Ich geriet in ein Labyrinth, denn die Bilder hängen ungerahmt kreuz und quer an Leinen, als sei man bei Suter zuhause zu Besuch. Erstaunlich, wie diese andere Art des Zeigens auf den Betrachter wirkt, der nicht vor dem einzelnen Werk ehrfürchtig verharrt, sondern entspannt durch einen Garten der Formen und Farben schlendert.

Mittwoch, 10. November 2021

Barblan war ein Schwein

Gudench Barblan, Wortsammler.
(sent-online.ch / Wikicommons) 
Als ich hier vor zwei Monaten vom Punt Ota in Pontresina berichtete und dass die Leute von dieser Brücke in der Reformationszeit die Heiligenstatuen und -bilder des Ortes ins Wasser warfen, da liess ich ein sprachliches Detail aus. Die Bilderstürmer riefen dem, wie sie ihn sahen, katholischen Kram höhnisch nach: "Bhieti Gott!" Sie zogen sich damit den rätoromanischen Namen zu, der ihnen seither anhaftet: "ils Pietigots". Im Engadin tragen die Einwohnerinnen und Einwohner fast aller Dörfer solche angestammten, heutzutage nicht mehr wirklich lebendigen und doch nicht ganz verschwundenen Namen; dasselbe Phänomen gibt es auch in anderen Gegenden der Schweiz. Die Sprachwissenschaft spricht von "Ortsnecknamen".

P.S. Der Rechtsanwalt Gudench Barblan, vor etwas mehr als 100 Jahren verstorhen, sammelte die Ortsnecknamen des Engadins, darunter die Bezeichnung "Pietigots". Seine Liste findet sich in der Wikipedia. Er selber war aus Schuls und demnach ein … "Schwein".

Dienstag, 9. November 2021

Reformiert gewinnt

Vor einiger Zeit erwähnte ich in meinem Blog Intragnas Campanile, den mit 65 Metern höchsten Kirchturm des Tessins. Ich fragte mich in diesem Zusammenhang, welches denn eigentlich die höchste Kirche in unserem Land sei. Gestern suchte ich das heraus, was mich dank dem Wikipedia-Eintrag "Liste der höchsten Sakralgebäude der Schweiz" bloss Sekunden dauerte. Die höchste Kirche der Schweiz steht in Bern, es ist das Münster mit 100,6 Metern Höhe. Auf Platz zwei folgt die Kirche St. Martin in Malters LU, 97,6 Meter. Eins zu Null für die Reformierten.

P.S. Die prestigiöse 100-Meter-Marke erreichte der Turm des Berner Münsters erst Ende des 19. Jahrhunderts. 1521 hatte man die Bauarbeiten bei knapp 61 Metern unterbrochen, 1889 setzte man wieder an, wobei man von Berner Sandstein auf robusteren Sandstein aus Niedersachsen wechselte. Die Illustration von Gabriel Ludwig Lory (Wikicommons) zeigt das Münster um 1800.