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Freitag, 12. Oktober 2018

Die sirachende Prättigauerin

Ich mag die Schweizer Spitzenkletterin Nina Caprez nur schon wegen ihres Prättigauer Dialekts: "D Wand wartet uf ünsch", sagt sie in diesem knapp halbstündigen Film. Zur Hauptsache wird darin freilich Französisch gesprochen, da Caprez mit ihrem französischsprachigen Gefährten Cédric Lachat unterwegs ist. Und zwar in Nordspanien im Picos-de-Europa-Gebirge, wo die Wand des Orbayu wartet. Die ist brutal schwierig, und unberechenbarer Nebel nervt, so dass Nina wieder einmal ausgiebig zum Sirachen kommt. Wirklich amüsant, diese Extremkletterei.

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Museum statt Bergweg

Eigentlich sollten hier Fotos von der Bergroute Tällihütte (Gadmen) - Sätteli - Engstlenalp zu sehen sein, Bilder also aus der Region Susten/Haslital. Ich wurde gestern auch pünktlich wach, hätte also durchaus um 5 Uhr 10 zu der langen Anreise aufbrechen können. Bloss - ich hatte Halsweh und fühlte mich nicht wirklich fit. Also machte ich mir einen ruhigen Vormittag im Bett. Gegen Mittag dann rappelte ich mich auf, fuhr nach Aarau und schaute mir im Aargauer Kunsthaus die Ausstellung "Surrealismus Schweiz" an. Was für ein Spektakel! 400 Werke, vorwiegend Gemälde und Plastiken, sind zu sehen aus dem Zeitraum von 1920 bis 1950. Sie zeigen, dass surrealistische Gefühle auch hierzulande wallten in einer Zeit, die eigentlich Heimatkult und geistige Landesverteidigung und Dienst an der Scholle propagierte. Nachtschwarze Visionen, Traum- und Alptraumbilder, zerfliessende Gegenstände, erotische Stillleben, afrikanische Reminiszenzen, psychedelische Visionen sind in der Ausstellung zu sehen. Sie begeisterte und überforderte mich, ich will noch einmal hin, in einem Besuch ist das gar nicht alles zu bewältigen. Bis 2. Januar 2019 ist  es noch möglich. Hier eine gute Besprechung.

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Bitte noch ein' Teller voll!

Riesenanlage: Das Gurnigelbad auf einer Postkarte, circa 1900.
(Wikicommons)
Ich würde lügen, würde ich behaupten, ich hätte den grossen Bildband über das Gurnigelbad schon von A bis Z gelesen. Aber durchgeblättert habe ich die Neuerscheinung "Gurnigelbad - Die Stadt im Walde" von Christian Raaflaub und finde die Geschichte faszinierend. Drei schwefel- und eisenhaltige Quellen gibt es in der Gegend des Bades im Bergland westlich von Thun auf Boden der Gemeinde Riggisberg; die Quellen bewirkten es, dass sich im 19. Jahrhundert ein florierender Hotelbetrieb ergab, nach einem verheerenden Brand im Jahr 1902 kam es zum Neubau. Von den riesigen Häusern ist nicht viel übriggeblieben, man kennt diese Niedergangsgeschichten einstiger Kurherrlichkeit von anderswo, immerhin gibt es bis heute den Berggasthof Gurnigelbad. Witzig fand ich im Buch das achtstrophige Gedicht "Gurnigelsuppe"; dabei handelte es sich um eine mit allerlei Zutaten wie Gerste angereicherte Bouillon aus Rinds- und Kalbsknochen, die einst den Badegästen schon zum Frühstück gereicht wurde. Das Gedicht beginnt so:
"Von des Stockhorns Felsenkuppe/ Bis zum feinsten Maulwurfsknoll/ Lebe Hoch Gurnigelsuppe! Bitte noch ein' Teller voll!"

Dienstag, 9. Oktober 2018

Das Kastell von Zürich

Der Lindenhof liegt etwas erhöht über dem linken Ufer der Limmat mitten in Zürich, er ist einer der frühen Orte der Stadt. Eine keltische Siedlung ist nachgeweisen, später bauten die Römer ein Kastell, es folgten im frühen Mittelalter zwei Pfalzgebäude, das erste gehörte noch der Zeit Karls des Grossen an. Heute ist der Lindenhof nicht mehr befestigt. Auf der baren Fläche wird Boule gespielt, die Touristen fotografieren die schmucke Zunfthauszeile auf der anderen Seite der Limmat und das blaue Tram. Kürzlich war ich oben und betrachtete fasziniert eine Serie didaktischer Plakate, die die verschiedene Bebauungs-Stadien des Lindenhofs zeigen. Eines dieser Plakate, das mit dem römischen Kastell, habe ich fotografiert. So sah Zürich einst aus.

Montag, 8. Oktober 2018

Fleisch und Pilz

Im Kühlraum von Luma. Foto oben: Beef mit Pilzmantel.

Lucas Oechslin erzählt und erklärt.
Kennen alle Luma? Ja, Beef! Der Firmenname setzt sich zusammen aus den ersten zwei Buchstaben der Vornamen der beiden Firmengründer Lucas und Marco. Luma ist acht Jahre alt, handelt mit gutem Rindfleisch, hat zudem ein Patent darauf, einen bestimmten Schimmelpilz auf Fleisch anzusetzen; der Pilz dringt in das Fleisch ein, verändert es, veredelt es, macht es zart - Luma Beef, ein Luxusartikel, ein gefragtes Produkt, das immer wieder mal in den Medien auftaucht. Am Samstag waren wir zu zwölft in Neuhausen, wo die Firma zuhause ist. Lucas Oechslin himself nahm sich Zeit, erzählte uns alles über den Schweizer Fleischmarkt, den Pilz seines Vertrauens und dessen Wirkweise, über Enzymschnitte und Moleküle, über den biologischen Zerfallprozess von Fleisch, über Rinderzucht hierzulande, in Amerika, in Spanien; ah ja, Luma hat mittlerweile einen Ableger in der EU, in Leipzig. Nach dem Vortrag und der Diskussion ging es in die Kühlkammer, wo das Fleisch lagert, wir trugen alle Schuhüberzieher, Haarhäubchen und Plastikmänteli. Und dann zogen wir in den nahen Wald, Lucas feuerte an, legte verschiedene Stücke auf den Grill, wir degustierten, herrlich. Wie das zustandekam? Freundschaft, ein Journalistenfreund von mir kennt Lucas gut. Am Ende wanderten und verdauten wir, indem wir von Neuhausen via den Rheinfall nach Schaffhausen gingen. Es war ein lebhafter, genussvoller und sehr lehrreicher Tag.
Später im Wald von Neuhausen.

Sonntag, 7. Oktober 2018

Justiz von einst

Vicosoprano: Die Enkelinnen posieren am Pranger, Grossvater fotografiert.
Modernes Wandbild im Pretorio.
Als ich vor Wochen im Bergell war, schlief ich in Vicosoprano, einem Dorf mit historischem Kern. "Folterkammer" stand am Tor zum alten Rathaus, dem Pretorio, das um einen mittelalterlichen Rundturm gebaut ist, den Senvelenturm. Ich trat ein, beschaute mir das Gemäuer und sein Inventar, da waren Schandmasken und andere Quälgeräte; draussen vor dem Eingang gab es an der Gasse auch einen hohen Stein mit einer Halskette in entsprechender Höhe, das war der Pranger, auf dem Delinquenten stehend fixiert und also in ihrer Schande ausgestellt wurden. Vicosoprano war Sitz des Hochgerichts der Talschaft, das schwere Delikte beurteilte und die Todesstrafe verhängen konnte. Teil des Strafensembles ist auch ein Säulenduo zehn Gehminuten ausserhalb des Dorfes im Wald: der Galgen, unter dem die Strafen vollstreckt wurden von Erhängen über Köpfen bis Ersäufen in der nahen Maira. Vicosoprano macht es gut mit seiner geschichtlichen Substanz, es macht daraus Anschauungsunterricht, wie Justiz früher funktionierte. Nicht nur in Südbünden, sondern überall im Land.
Gerätschaften im Pretorio (oben und unten).
Der Galgen im Bosch da Cudin.

Samstag, 6. Oktober 2018

Ein musikalischer Ort, immerhin

Gestern fuhr ich auf den Berner Hausberg Gurten - ein Interview. Lange her, das letzte Mal war ich 1989 oben. Während ich bei der Talstation der Standseilbahn in Wabern auf die Leute wartete, mit denen ich verabredet war, stellte ich fest: Oh, der Platz heisst "Mani-Matter-Platz". Seit zwei Jahren ist das so. Sicher keine schlechte Wahl der Gemeinde Köniz, zu der Wabern gehört: Musikalischer ist kaum ein Platz in der Region, hier stauen sich jeweils die Leute, wenn auf dem Gurten das jährliche Festival ist und das Bähnli nicht mehr nachkommt. Viel Charisma hat der Ort nicht, aber immerhin. In Bern selber gibt es auch eine Erinnerung an den Liedermacher Matter: den Mani-Matter-Stutz. Er ist unansehnlich und trist, die NZZ schrieb über ihn: "Eingezwängt zwischen der Westfassade des Rathauses und der christkatholischen Kirche, führt er vom Rathausplatz hinab zum Eingang eines Parkings. Wohnungen gibt's keine. Das Schild ist überflüssig: Es ist kein Ort zum Verweilen." Da ist der Platz bei der Gurtenbahn allemal schöner.