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Sonntag, 7. Oktober 2018

Justiz von einst

Vicosoprano: Die Enkelinnen posieren am Pranger, Grossvater fotografiert.
Modernes Wandbild im Pretorio.
Als ich vor Wochen im Bergell war, schlief ich in Vicosoprano, einem Dorf mit historischem Kern. "Folterkammer" stand am Tor zum alten Rathaus, dem Pretorio, das um einen mittelalterlichen Rundturm gebaut ist, den Senvelenturm. Ich trat ein, beschaute mir das Gemäuer und sein Inventar, da waren Schandmasken und andere Quälgeräte; draussen vor dem Eingang gab es an der Gasse auch einen hohen Stein mit einer Halskette in entsprechender Höhe, das war der Pranger, auf dem Delinquenten stehend fixiert und also in ihrer Schande ausgestellt wurden. Vicosoprano war Sitz des Hochgerichts der Talschaft, das schwere Delikte beurteilte und die Todesstrafe verhängen konnte. Teil des Strafensembles ist auch ein Säulenduo zehn Gehminuten ausserhalb des Dorfes im Wald: der Galgen, unter dem die Strafen vollstreckt wurden von Erhängen über Köpfen bis Ersäufen in der nahen Maira. Vicosoprano macht es gut mit seiner geschichtlichen Substanz, es macht daraus Anschauungsunterricht, wie Justiz früher funktionierte. Nicht nur in Südbünden, sondern überall im Land.
Gerätschaften im Pretorio (oben und unten).
Der Galgen im Bosch da Cudin.

Samstag, 6. Oktober 2018

Ein musikalischer Ort, immerhin

Gestern fuhr ich auf den Berner Hausberg Gurten - ein Interview. Lange her, das letzte Mal war ich 1989 oben. Während ich bei der Talstation der Standseilbahn in Wabern auf die Leute wartete, mit denen ich verabredet war, stellte ich fest: Oh, der Platz heisst "Mani-Matter-Platz". Seit zwei Jahren ist das so. Sicher keine schlechte Wahl der Gemeinde Köniz, zu der Wabern gehört: Musikalischer ist kaum ein Platz in der Region, hier stauen sich jeweils die Leute, wenn auf dem Gurten das jährliche Festival ist und das Bähnli nicht mehr nachkommt. Viel Charisma hat der Ort nicht, aber immerhin. In Bern selber gibt es auch eine Erinnerung an den Liedermacher Matter: den Mani-Matter-Stutz. Er ist unansehnlich und trist, die NZZ schrieb über ihn: "Eingezwängt zwischen der Westfassade des Rathauses und der christkatholischen Kirche, führt er vom Rathausplatz hinab zum Eingang eines Parkings. Wohnungen gibt's keine. Das Schild ist überflüssig: Es ist kein Ort zum Verweilen." Da ist der Platz bei der Gurtenbahn allemal schöner.

Freitag, 5. Oktober 2018

Todesfallen, eine Geheimloge und der nette Andi

Eine der Treppen Richtung Graitery.
War das schön gestern! Ich ging von Moutier auf die Montagne de Graitery, von dort weiter via Loge aux Boeufs auf den Oberdörferberg und hinab nach Gänsbrunnen - 4 Stunden 40 Minuten Gehzeit, 930 Meter aufwärts und 770 Meter abwärts. Ein paar Dinge:
  • Moutier lag im Nebel, als ich ankam, ich war früh dran. Weiter oben dieser grossartige Herbstmoment: Der Nebel wird heller. Und er wird blauer. Bis die Sonne ganz durchbricht. Überall im Kraut der Wiesen, in Sträuchern, Zweigen und Ästen waren Spinnennetze gespannt. Gibt es ästhetischere Todesfallen?
  • Vor Graitery absolvierte ich die Escaliers. Treppen, die schon fast Leitern sind, drei Stück kurz nacheinander, aus Metall gefertigt. Komfort in einer Fluh, die sonst ohne Kletterei nicht zu machen wäre.
  • Loge aux Boeufs? Was soll das denn? Haben Rinder eine Loge? Eine Geheimloge etwa? Die Rinder vor Ort taten harmlos und unbeteiligt. Nichts war ihnen zu entlocken. Nichts.
  • Im Restaurant Oberdörfer war Betrieb. Offenbar ist das immer so. Ich fand aber Platz. Nahm Suppe und Schweinswürstli, derweil das Gros der Gäste auf Fondue setzte. Der Wirt, Andi, war extrem nett. Und kommunikativ. Selten fühlte ich mich so willkommen wie in dieser Bauernwirtschaft.
  • Spinnenkunst.
  • Die letzte Stunde ging es steil abwärts. Mit Tritten, über schlüpfrigen Kalk und dito schlüpfrige Baumwurzeln. Dann der Geländeschlitz mit dem Bahnhof von Gänsbrunnen. Trister kann man nicht warten, es tötelet dort heftig. Klamm war es auch, die Bise haute mich fast aus dem Faserpelz. Gott sei Dank hatte mir Wirt Andi auf dem Berg gesagt, wann der Zug nach Solothurn fährt. So konnte ich meine Ankunft in Gänsbrunnen timen. Ich musste nur sechs Minuten ausharren. Das war gut; die Kombination von Stundentakt und Gänsbrunnen ist brutal.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Die Sensationshand

Die Hand von Prêles zwischen Bielersee und Chasseral.
(Bild: zvg/ Archäologischer Dienst Kanton Bern)
Beim Wandern hört man Dinge. Am Rand meiner Wanderlesung in Gossau und Umland letzten Samstag erzählten mir die Wanderfreunde Beat und Kurt etwas, das ich überlesen haben muss, obwohl es in den letzten Wochen überall war aufgrund einer Medienmitteilung von Mitte September. Demnach entdeckten in Prêles im Berner Jura letztes Jahr zwei Schatzsucher, Hobbyforscher also, ein Grab mit einer Bronzehand, an deren Gelenk ein Goldarmband befestigt ist. Die Plastik ist eine archäologische Sensation, sie ist an die 3500 Jahre alt und vermutlich die älteste Bronzeplastik Europas; einst war sie wohl anmontiert, an ein Szepter zum Beispiel oder an den Rest einer Menschenstatue. Noch bis zum 17. Oktober ist die Hand im Neuen Museum Biel ausgestellt. Gegen die beiden Privaten, die sie samt einer menschlichen Rippe und einem Dolch dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern aushändigten, läuft ein Strafverfahren. Denn bei einer Nachgrabung stellten die Fachleute fest, dass aus dem Grab Gegenstände entwendet wurden. So stand es kürzlich in der Zeitung. Ohne dass ich es sah. Die Schatzsucher, übrigens, weisen jede Schuld von sich.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Besuch im alten Rom

Augst: Der Neffe fotografiert das antike Theater.
Echt antike Suppenlöffel.
Gestern war ich mit meinem Neffen in Augusta Raurica. Wir schauten uns das Theater an und das Amphitheater, das Forum, die - begehbare - Kloake, die Reste des Tempels, den Backofen. Auch besuchten wir das Museum in einer stilecht imitierten Römervilla. Der eine Gebäudeflügel zeigt Fundgegenstände: kleine Götterstatuetten, den berühmten Silberschatz, Amulette und so weiter. Der andere Flüge besteht aus einer Abfolge realistisch nachgebauter Räume der Antike. Sie begeisterten uns beide am allermeisten. Und wieder einmal stellte ich fest: Mit Kindern ist das Besichtigen solcher Anlagen lustiger. Am Schluss waren wir beide müde, wir waren im weitläufigen Stadtrayon von einst doch elf Kilometer gegangen.
Einfach, aber gepflegt und schön farbig: So schlief man vor 2000 Jahren.

Dienstag, 2. Oktober 2018

20 Leute und ein Hund

Hund (vorn). Buchhändler (grün). Widmer (blau). (Foto: Beat Studer)
Am Samstag kamen gut 20 Leute zu meiner Wanderlesung im St. Gallischen. Und ein lustiger Zottel von Hund. Die Route, die Buchhändler André Wigger von der Gutenberg-Buchhandlung in Gossau ausgesucht hatte, begann in Andwil im Hinterland von Gossau. Von dort drehten wir folgende Runde durch paradiesisch grünes Högerland: Fischbach - Hohfirst - Hinterberg - Gossau. Im Restaurant Hohfirst gab es Fleisch auf grossen Platten, mehr als genug. Und Bier, Most, Rotwein, Mineral je nach Lust und Laune jedes Einzelnen. Am Ziel in Gossau besichtigten wir die Stadtbibliothek, die loftähnlich in einem alten Bau der Textilindustrie residiert. Um 13 Uhr hatte die Veranstaltung begonnen, um 17 Uhr 45 endete sie. Nun, nicht ganz, ein paar Leute nahmen noch ein Bier im Quellenhof beim Bahnhof und besichtigten das berühmte Krokodil im zugehörigen Australien-Restaurant Billabong. Zum Fotografieren war ich die ganze Zeit über nicht gekommen, ich wanderte, ich las, ich gsprächlete und war damit glücklich absorbiert. Aber Teilnehmer Beat Studer fotografierte, hat seine Fotos mittlerweile auf die Internetseite seiner Wandergruppe gestellt und erlaubte freundlicherweise, dass ich mich bediene (vielen Dank, Beat!). Ich wählte natürlich das Foto mit dem Hund.

Montag, 1. Oktober 2018

Vorsicht, Bergell, sie kommt!


Maloja liegt im Engadin, gehört geografisch somit zum Hochtal des Inn. Politisch hingegen zählt Maloja zum Bergell und dessen Grossgemeinde Bregaglia. Diese Doppelnatur zeigt sich in Malojas Zweisprachigkeit (Deutsch und Italienisch). Soweit die Erklärung zum gestrigen Sonntagsrätsel. Mit der Lösung meldeten sich: Stefan Brauchli, Patrick Brauns, Barbara Herzog, Marianne Jeker, Heinz Schlatter - Kompliment und Dank!

P.S. Die Maloja-Schlange wäre auch eine Quizfrage wert. Sie ensteht in der Regel an herbstlichen Morgen, feuchte Luft bildet eine Nebelwalze, die ins Bergell hinab kriecht. Dazu gibt es einen deutschen Kurzfilm von 1924.