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Mittwoch, 7. Oktober 2020

Wichtige Wiese

Der Prato della Centena in Lostallo GR, Blickrichtung Süden.

Das Tessin schmachtete jahrhundertelang in der Knechtschaft; es wurde je nach Talschaft durch die Urner allein, durch das Trio Uri, Schwyz, Nidwalden oder aber durch die gesamte Eidgenossenschaft ausgebeutet. Das Misox und sein Seitental Val Calanca, beide italienischsprachig und katholisch wie das benachbarte Tessin, hatten es besser: Man trat gegen Ende des 15. Jahrhunderts dem Grauen Bund bei und gehörte somit zum Freistaat der Drei Bünde, dem Vorläufer des heutigen Graubünden. In diesem Gebilde war mehr Freiheit und Selbstbestimmung möglich, auch wurde die Politik zum grossen Teil vor Ort gemacht und nicht von weit entfernten, desinteressierten Herren. Gestern kam ich in Lostallo durch, dem alten Hauptort, wo jährlich die "Centena" abgehalten wurde, die Wahl- und Gesetzgebungsversammlung des Hochgerichts-Bezirks Misox-Calanca. Der Anlass fand jeweils am 25. April auf dem Prato della Centena statt, der Wiese am südlichen Dorfeingang; ganz in der Nähe gibt es das Grotto Centena mit Direktblick auf das symbolträchtige Grün.

Dienstag, 6. Oktober 2020

Mit einer Villa fing alles an

Payerne VD, links der Turm der Abteikirche, rechts der Turm der Pfarrkirche.

Letzte Woche war ich in Payerne, dem Wirtschaftszentrum der Broyeregion - ich habe davon in zwei Einträgen erzählt. Hier im Nachtrag drei sprachliche Dinge:

  • Das Flüsschen Broye hat einen alten deutschen Namen: Brüw. Gebräuchlich ist er nicht mehr. Deutschschweizer halten sich an den französischen Namen, den sie freilich "Broiä" aussprechen.
  • "Payerne"hat nichts mit "pays" oder "payer" zu tun. Der Römer Publius Gracius Paternus aus Aventicum liess auf dem Boden des heutigen Payerne die Villa Paternia bauen. Von diesem antiken Gutsherrn hat das heutige Städtchen, 9949 Einwohnerinnen und Einwohner, seinen Namen.
  • Payerne heisst auf Deutsch Peterlingen. Auch diese Bezeichnung hört man nur noch selten. Ausser es gehe um Payernes alte Abtei: "Kloster Peterlingen" wird durchaus noch verwendet. So heisst auch der Eintrag in der deutschen Wikipedia.

Montag, 5. Oktober 2020

Top Gun an der Broye

Im Museum hing diese historische Fotografie als Poster. Datiert war sie nicht.
Die Herren mit den Karabinern betreiben Flugabwehr, nehme ich an.

Der Militärflugplatz Payerne liegt Luftlinie dreieinhalb Kilometer nordwestlich von Payerne im breiten Tal der Broye. Letzte Woche war ich mit Freund Christian dort. Als wir gegen halb drei nachmittags ankamen, donnerten grad einige F/A-18 über die Piste. Wir sahen und hörten sie vom Museum des Flugplatzes aus, genauer gesagt von dessen Terrasse im ersten Stock. Leider passierte danach länger gar nichts mehr. Wir begaben uns also ins Museum mit dem poetischen Namen Clin d'Ailes, in dem ein Dutzend Flugzeuge und Helikopter aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sehen sind von Vampire über Mirage bis Tiger. Sowie dazu passende Exponate, Flugzeugpneus, Schleudersitze, Kanonen, alte Fotos et cetera. Nach der Besichtigung erkundigten wir uns bei der Frau an der Kasse der Museums-Buvette, ob mit weiteren F/A-18-Flügen zu rechnen sei. Sie wisse es nicht genau, sagte sie, aber normalerweise sei zwischen halb vier und vier einiges los. Genau so war es - rund 10 Kampfjets heulten bald, stets im Duo, himmelwärts. Wir bekamen also, was wir uns erhofft hatten: Top-Gun-Feeling.
Blick von der Museumsterrasse im ersten Stock.

Im Museum.

Sonntag, 4. Oktober 2020

Starker Dreiakter

Vor Basadingen, die Ziege sass den Regen unter dem Bauwagen aus.

Metzgete in Ossingen.
Das war gestern das Regenband des Jahres, das am Morgen über uns hinwegzog, nachdem wir in Diessenhofen gestartet waren. Fast drei Stunden lang wurden wir ohne Unterlass geduscht, wobei das Wasser nicht von oben kam, sondern von der Seite. So nebenbei ramponierte der Sturmwind meinen Schirm. Dann kam der Mittag und mit ihm eine herrlich opulente Metzgete in der Wirtschaft zum Thalacker in Ossingen. Als wir wieder ins Freie traten, war das Unwetter weg, und bald begann die Sonne zu scheinen. Das Licht blitzte und blendete, dass es mir vorkam, als sei das mit dem Regen eine Illusion gewesen. Fazit am Ziel in Henggart nach sechs Gehstunden  Dieser Samstag war grosses Theater in drei Akten.

Am Nachmittag bei Oberwil, jetzt schien die Sonne.

Samstag, 3. Oktober 2020

Die auferstandene Abteikirche




1000 Handwerker arbeiteten mit, 13 Jahre dauerte die Renovation, 20 Millionen Franken kostete sie. Seit diesem Sommer ist die Abteikirche von Payerne im Waadtland, die grösste romanische Kirche der Schweiz, wieder offen. Wer sie besucht, wird von den Touristikern bzw. ihren Installationen intensiv begleitet, es gibt ein Kino mit einem Einführungsfilm, Erläuterungstafeln, einen Audioguide-Stationen-Parcours. Am Donnerstag war ich mit Studienfreund Christian vor Ort und  war fasziniert. Von der Höhe der Kirche, vom Spiel des Lichts, das durch die Fenster einfällt, von den diversen Seitenkapellen und ihren kleinen Besonderheiten. Und von den Säulen, deren Steine mal hell und mal etwas weniger hell sind, so dass sich eine Scheckung ergibt, die dem Gebäude einen arabisch-andalusischen Einschlag verleiht. Es stammt aus dem 11. Jahrhundert und folgte auf einen früheren Bau, das Kloster Payerne war im Gefolge der Klosterreform von Cluny entstanden, Gründerjahr war wohl 962. Nach der Reformation wurde das Kloster profaniert, diente als Speicher, Soldatenherberge, Archiv, Turnhalle.

Freitag, 2. Oktober 2020

Unchristlicher Christenstreit

Die Köpfe sind weg, doch die Heiligen wollen nicht sterben:
Zürichs Stadtheilige Felix und Regula im hochmittelalterlichen
"Stuttgarter Passionale". (Roland zh/ Wikicommons)
An Pfingsten 1375 eskaliert die Rivalität der beiden Zürcher Konvente. Zwei Prozessionen begegnen sich bei der unteren Brücke. Man drückt, drängelt, keiner will weichen und den anderen den Vortritt gewähren. Das Brückengeländer bricht, schreiende Mönche und Nonnen zappeln in der Limmat, viele kann man aus dem Wasser fischen, doch acht ertrinken.

So ist es im Mittelalter mit dem Fraumünster und dem Grossmünster: Sie stehen sich unversöhnlich gegenüber. Das Fraumünster, von Ludwig dem Deutschen gestiftet, ist ein Ableger des deutschen Adels, es ist das ältere und edlere Kloster,  die Insassinnen sind verwandt mit Grafen, Herzogen, Königen. Das Grossmünster wiederum bindet die aufstrebende lokale Handwerker- und Händlerschicht, die Chorherren entstammen in der Regel den einflussreichen Zürcher Geschlechtern. Ihr Trumpf ist die Wallfahrt. Die Gräber der Stadtheiligen Felix und Regula, die unter dem Grossmünster liegen sollen, ziehen mehr Volk an als einige Reliquien der beiden Heiligen, die ins Fraumünster überführt wurden. Fraumünster und Grossmünster: die beiden Kraftzentren des frühen Zürich. Wer sich für das Thema interessiert, liest "Zürichs Kirchen, Klöster und Kapellen bis zur Reformation", erschienen 1994 im Verlag Neue Zürcher Zeitung.

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Viel Licht und gute Laune

Diese Kuh zwischen Appenzell und dem Guggerloch war sehr zutraulich.
Sie begann gleich nach dem Fotografiertwerden damit, meine Wanderjacke anzukauen.

Geranienfassade der Wirtschaft Stoss.

Rechts die Wirtschaft Stoss, links die Schlachtkapelle.
Tat gut, in der Wochenmitte Sonne zu tanken. Gestern ging ich mit Ronja, Fritz ("Wander-Fritz") und Ferenc von Appenzell via das Guggerloch nach Gais. Im Hirschen, den ich von Familienanlässen kannte, assen wir gut. Und viel. Auch am Rotwein sparten wir nicht. Es folgte der zweite Teil der Route: Am Fuss des Sommersbergs hielten wir hinüber zum Stoss, wo es ein Schlachtdenkmal gibt, eine Schlachtkapelle, eine Bahnstation und ein herrlich rustikales Restaurant. E richtigs Osserrhoder Wertschäftli. Ein Schlussbier, und wir fuhren wieder heim. Es war eine leichte, nicht einmal dreistündige Wanderung gewesen. Eine mit viel Licht, Wärme und guter Laune.