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Donnerstag, 7. Dezember 2023

Zürich gewinnt

Zürichs erster Bahnhof im Jahr 1847, gemalt von Johann Baptist Isenring. (Wikicommons)

Welches ist der beste europäische Bahnhof? Das "Consumer Choice Center", eine amerikanische Konsumentenorganisation, hat zum vierten Mal 50 Bahnhöfe in Europa ausgewertet, zur Analyse herangezogen wurden Berichte nationaler Behörden, Statistiken, Bahnhofslayouts, eigene Forschungsergebnisse, es ging um Dienste im Bahnhof, etwa Ticketschalter, WCs, Restaurants, Kioske, aber auch um Zugänglichkeit, Anbindung an lokale Verkehrsmittel, Verfügbarkeit von Zügen und so weiter. Der Spitzenreiter im Europäischen Bahnhofsindex 2023 ist ... jawohl, der HB Zürich, dem ich schon gestern einen Eintrag widmete. Es folgen auf den Rängen zwei bis fünf der Hauptbahnhof Wien, der Bahnhof Bern sowie der Hauptbahnhof Berlin (geteilter dritter Rang), Utrecht Centraal und der Hauptbahnhof Frankfurt. Und welches ist der mieseste unter den 50 europäischen Bahnhöfen? Der Hauptbahnhof Bremen.

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Im Süden viel Neues


Kein Gebäude in Zürich ist mir näher als der HB. Er ist der Ort, von dem ich abreise, der Ort, an dem ich ankomme, der Ort, an dem ich mich verabrede, der Ort, an dem ich einkaufe, der Ort, an dem ich esse. Und all das immer und immer wieder. Fünf Jahre lang dauerten die Umbauarbeiten im der Bahnhofstrasse zugewandten, von 1871 stammenden Südtrakt, nun öffnen die ersten Geschäfte, einiges ist neu, gestern Nachmittag schauten wir uns zu dritt um und stellten fest, dass wir nicht allein waren, viel neugieriges Volk war unterwegs. Unsereins trank in der neuen"Brasserie Süd" einen – wir wusssten dort nicht so recht mit unseren Gefühlen umzugehen. Schön war die hohe Decke, beengend irgendwie die Unterteilung und Möblierung des Raumes, überkandidelt die Kostüme des Servicepersonals. Ich kann das grad nicht stringenter erzählen, conflicting emotions, wie gesagt. Auch sind da weitere Lokale zu testen. Und all das ändert ohnehin nichts daran: Kein Gebäude in Zürich ist mir näher als der HB.

Dienstag, 5. Dezember 2023

Katastrophenkunst

Unweit der Alten Aare erinnert in Lyss das Kunstwerk "Naufrage Moment mal re garde"
an das Schiffsunglück, bei dem im 17. Jahrhundert 111 Menschen starben. Hinten rechts die Infostele.

Am 5. September 1687 kommt es auf der Aare, heute "Alte Aare", bei Lyss im Berner Seeland zu einem Schiffsunglück, das bis heute als das grösste dokumentierte im Land gilt. Zwei zusammengebundene Weidlinge fahren von Aarberg Richtung Büren, sie sind völlig überladen. Der eine Weidling rammt einen Baumstrunk, kentert. Die Menschen im Wasser wollen sich auf den anderen Weidling retten, worauf dieser auch kentert. Am Ende sind 111 der insgesamt 137 Passagiere und Passagierinnen tot. Um Hugenotten und Hugenottinnen handelt es sich, Reformierte, die vor der Unterdrückung im katholischen Frankreich des "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. geflohen sind. Am Oberen Aareweg in Lyss erinnern eine Kunstinstallation sowie eine Infostele an den Vorfall ganz in der Nähe am Wasser; an dieser Stelle führt auch der Weitwanderweg "Auf den Spuren der Hugenottinnen und Waldenser" von Frankreich über die Schweiz nach Deutschland durch (die Waldenser sind eine andere Gruppe von Protestanten, die damals auf der Flucht waren). Unlängst war ich vor Ort, dies, weil ich einen Artikel darüber schreiben will, wie die hugenottische Einwanderung unser Land geprägt hat. 

Montag, 4. Dezember 2023

Wo blieben die Berner?

Das Zwingli-Denkmal 15 Gehminuten nördlich von Kappel.
Es erinnert an den Tod des Reformators in der Schlacht.

Die Berner kamen 1531 zu spät zur Schlacht bei Kappel am Albis im Züribiet. Das reformierte Zürich musste allein kämpfen und unterlag den Katholiken der Innerschweiz. Ist das ein besonders skandalöser Beleg für die sprichwörtliche Berner Langsamkeit? Nun, nicht zwingend. Mit den Bernern waren die Solothurner, damals zu einem guten Teil reformiert, unterwegs Richtung Kappel – und man liest bisweilen, sie hätten die Berner gezielt gebremst. Den Anmarsch verzögert. Um die Theorie auszuführen: Die Solothurner profitierten besonders stark von der Vermittlung eidgenössischer Söldner an den französischen König, Solothurn war ja auch die Schweizer Stadt, in der der französische Botschafter residierte. Zwingli aber wollte das Söldnerwesen abschaffen. Am Ende lag er tot auf dem Schlachtfeld bei Kappel. Die säumigen Berner wiederum besetzten kurz darauf das nicht allzu weit entfernte, im Aargau gelegene Kloster von Muri und richteten dort massiven Schaden an. Der Kreuzgang wurde drei Jahre später vollständig neu gebaut. Danach entstanden in ihm jene Renaissance-Glasgemälde, die uns Heutige begeistern. Langsamkeit ist eine mehrdeutige Sache. Sie kann schaden, sie kann nützen.

Sonntag, 3. Dezember 2023

Zürcher Friedenszeichen


Ich war gestern etwas früh dran. Kurz nach 17 Uhr war es noch zu hell für ein wirklich gutes Foto des speziell illuminierten Turmes von St. Peter in Zürich. Und die Projektion funktionierte noch nicht auf allen Seiten der Kirche. Der Lichtkünstler Gerry Hofstetter aus Zumikon hatte angekündigt, besagten Turm in eine riesige Kerze zu verwandeln – ein vorweihnachtliches Projekt, an den folgenden drei Adventsamstagen kommen in der Altstadt schrittweise drei weitere "Kerzen" hinzu, nämlich die zwei Türme des Grossmünsters und der Turm des Fraumünsters. Jeweils von 17 bis 20 Uhr läuft die Aktion, die Reformierte Kirche Zürich sieht sie als Friedenszeichen.

Samstag, 2. Dezember 2023

Klein, aber seeeeehr kräftig

Uff, das war vielleicht anstrengend, gerade habe ich ein 75 000 Kilo schweres Möbel in der Wohnung rumgeschoben.

Markante Hörner: ein Stierkäfer-Männchen.
(Foto: Wikicommons/Siga)
Ist natürlich Blödsinn. Aber ich las gestern, dass der Stierkäfer in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Insekt des Jahres 2024 erkoren worden ist. Und dass dieses Tierchen von gut zwei Zentimetern Länge das Tausendfache des eigenen Körpergewichtes bewegen kann. Respekt! Zu den Mistkäfern gehört es, nährt sich vom Kot von Pflanzenfressern wie Kaninchen, Reh, Rind, Schaf, Pferd und befördert ihn in seinen Bau – der Nachwuchs hat auch Hunger. Somit ist unser Insekt, dessen Name auf die Hörner bei den Männchen zurückgeht, eine Art lebender Müllwagen, es räumt die Wiesen sauber. Das Problem ist allerdings, dass Weidetiere häufiger als früher Medikamente bekommen, Rückstände landen im Kot. Oft ist das Essen des Stierkäfers vergiftet. Und daher ist der Nützling bedroht.


Freitag, 1. Dezember 2023

Alexander und die zwei Sergeis

Alexander Newski, gespielt von Nikolai Tscherkassow.
Gestern fühlte ich mich nicht besonders, ich hatte mir am Mittwochnachmittag in einer Apotheke die fünfte Covid-19-Impfung verpassen lassen. Und wie jedesmal reagierte mein Körper, nun, nicht heftig, aber deutlich, ich hatte am Donnerstagmorgen ein wenig Fieber, und alles tat mir weh. Weil ich damit gerechnet hatte, war das nicht tragisch, ich blieb zuhause, verbrachte den Grossteil des Tages auf dem Sofa, derweil es draussen zuerst schneite und dann regnete. Unter anderem schaute ich mir mit Genuss "Alexander Newski" an, den grossen Film des russischen Regisseurs Sergei Eisenstein, auf Youtube fand ich eine Version mit – Gott sei Dank – englischen Untertiteln. Die Geschichte aus dem Jahr 1242 ist schnell erzählt: Das mittelalterliche Russland ist von den Mongolen überrannt worden. Als sei das nicht schlimm genug, nahen nun auch noch die Ritter des Deutschen Ordens, eine Truppe, die brutaler und gemeiner nicht sein könnte. Germanische Schlächter. Katholische Fanatiker. Der junge Fürst Alexander Newski aus Nowgorod schafft es schliesslich, die Deutschen zu schlagen, indem er sie auf einen zugefrorenen See lockt – er wird darob zum Nationalhelden. Eisensteins Werk entstand 1938, es ist gleichzeitig bedeutende Kunst und sowjetische Propaganda in der Zeit der Nazis und quillt über von patriotischem Pathos. Was mich besonders faszinierte, war die Musik, sie stammt vom berühmten Komponisten Sergei Prokowjew, an einigen Stellen passte Eisenstein seine Szenen gar der Musik an. Manchmal lohnt es sich, krank zu sein.
Die bösen Ritter des Deutschen Ordens.