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Sonntag, 21. Januar 2024

Das Reich der Moche

So muss man sie sich vorstellen: zwei Moche-Männer.

Moche-Frau mit Kind.
Das römische Kaiserreich, der Aufstieg des Christentums, Roms Zusammenbruch, die Völkerwanderung und das frühe Mittelalter: Ereignete sich alles vom ersten bis achten Jahrhundert nach Christus, wir haben darüber in der Schulzeit so einiges gelernt. Doch wer waren die Moche? Nun, exakt in derselben Zeitspanne von 700 Jahren errichten sie – ihr Name wird übrigens spanisch ausgesprochen, "Motsche" – an der Nordküste Perus ihr Reich, einen kriegerischen Staat. Schriftliche Aufzeichnungen haben uns die Moche nicht hinterlassen, wohl aber ihre Keramikwaren, die von künstlerischer Meisterschaft zeugen und so einiges über diese Zivilisation verraten, die um 500 nach Christus blühte und am Ende von derjenigen der Inka abgelöst wurde. Wer mehr über die Moche wissen will, reist nach Schaffhausen und besucht das Museum zu Allerheiligen, dort läuft derzeit eine Ausstellung zum Thema. Während ich sie mir gestern anschaute, beschäftigte mich immer wieder die Frage der Gleichzeitigkeit: Was, wenn sich Römer und Moche gekannt hätten? Hätten sie sich bekämpft? Es ist anzunehmen. Und wer hätte gesiegt? Das bleibt offen. Sie wussten ja nicht einmal voneinander.

Zwei rätselhafte Skelettwesen, jedes mit einer Frau zur Seite. Das rechts bläst auf einer Flöte.
Beim Paar zur Linken ist, glaube ich zu erkennen, etwas Sexuelles im Gang. Beide
Keramikerzeugnisse sind Gefässe, daher (das gilt auch für die anderen Fotos) die Röhren.

Samstag, 20. Januar 2024

Oper verdrängt Theater

Zur Linken ist eine Ecke des NZZ-Hauses zu sehen. Das in der Mitte ist das Opernhaus, ein klassischer Musentempel. Und rechts haben wir in Rot das 1984 entstandene Bernhard-Theater, auch "Fleischkäse" genannt. Alle drei liegen sie in Zürichs Mitte am Sechseläutenplatz. Diese Woche nun las ich in der Zeitung, dass das Bernhard-Theater, ein Etablissement fürs Leichte und Lustige, wohl abgebrochen wird. Ein Neubau soll am selben Ort entstehen, freilich nicht einer für das Bernhard-Theater, es muss weichen, soll anderswo in der Stadt angesiedelt werden. Der Grund für das Projekt, das nächstes Jahr mit einem Architektur-Wettbewerb weitergeführt wird, ist krasser Platzmangel im Opernhaus, zu dem ja auch Proberäume, Werkstätten, Garderoben gehören; in den Neubau könnte manches davon ausgelagert werden. Und jetzt noch etwas Verwirrliches: Ja, das Bernhard-Theater wird irgendwann abgerissen. Aber zuerst wird es auf Ende des laufenden Jahres aufgestockt – ein Provisorium, um dem geplagten Opernhaus kurzfristig ein wenig Zusatzraum zu verschaffen.

Freitag, 19. Januar 2024

Hugenottenwandern


Endlich ist er erschienen, mein grosser, von der "Schweizer Familie"-Bildredaktion liebevoll alimentierter Artikel über die Hugenottinnen und Hugenotten in der Schweiz. Also über jene Protestantinnen und Protestanten, die im 16. und 17. Jahrhundert vor der Unterdrückung im katholischen Frankreich flohen. Insgesamt emigrierten rund 150 000 Menschen aus ihrer Heimat, etwa 20 000 liessen sich dauerhaft bei uns nieder – und vollbrachten Bedeutendes, dies speziell im Bankenwesen, im Uhrengewerbe, in der Textilindustrie. Auch ihr Savoir-vivre brachten die Hugenotten mit, Lebensfreude und den Gout für modische Kleider. Zudem brachten die Zugewanderten uns Schweizerinnen und Schweizern bei, dasss man Gemüse nicht unbedingt zu einem Mus verkochen muss – aber halt, bereits bin ich voll am Nacherzählen des Artikels. Was ich gar nicht will, das Heft gibt es ja jetzt am Kiosk.

PS: Den Wegen der Hugenotten durch die Schweiz spürt ein Wanderführer nach, der für mich beim Schreiben eine wichtige Quelle war. Man kann mit dem Büchlein wunderbar hugenottenwandern.

Donnerstag, 18. Januar 2024

Die Atmos atmet wieder

Raffinierter Mechanismus: eine Schreibtischuhr
"Atmos Reutter". Aber nicht das Exemplar, um das es
in diesem Eintrag geht. (Foto: Atmos Reutter / Wikicommons)

Uhrengeschichten lese ich immer gern. Was eine atmosphärische Uhr ist, wusste ich bis anhin nicht, habe in diesem Fall also erst noch etwas gelernt. Nun, solche Modelle beziehen ihre Antriebskraft aus Temperaturschwankungen. Die "Atmos" von Jaeger-LeCoultre, um die es hier geht, birgt in ihrem Inneren eine Druckdose. Darin ist ein Gas gefangen, das sich je nach Temperatur ausdehnt oder zusammenzieht. Die dabei entstehende Energie wird auf eine mechanische Feder geleitet, eine Schwankung von einem Grad Celsius reicht, um die Uhr für 48 Stunden in Gang zu halten. Verrückt, oder? Die erwähnte Geschichte handelt von einer "Atmos" mit der speziellen Seriennummer 0000, sie war ein Abschiedsgeschenk des Schweizer Bundesrates für den Zuger Hans Hürlimann, als dieser 1982 aus dem Siebnergremium austrat. Die Uhr ging später an Hürlimanns Sohn über, den Schriftsteller Thomas Hürlimann, der sich an ihr erfreute, bis sie vor einiger Zeit eines Tages nicht mehr ging. In einem Interview in der NZZ erzählte Thomas Hürlimann davon und erwähnte, dass ein Uhrmacher befunden hatte, der Uhr sei nicht mehr zu helfen. Im Folgenden meldete sich das Zürcher Uhren- und Schmuckgeschäft "Beyer Chronometrie", das in seiner Werkstatt einen Atmos-Spezialisten beschäftigt. Der schaffte es tatsächlich, die Uhr wieder zum Laufen zu bringen. Thomas Hürlimanns Kommentar in der "Beyer"-Kundenzeitschrift, in der ich die Geschichte gelesen habe. "Die Atmos atmet wieder. Werden und Vergehen, Vergehen und Werden – das ist das Geheimnis der Zeit."

Mittwoch, 17. Januar 2024

Als sie im Aargau Autos bauten

Der Betrieb im aargauischen Menziken war zuerst, ab 1849, eine Tuchfärberei. Dann rüstete der junge Patron 1884 eine mechanische Werkstätte ein, man produzierte Verbrennungsmotoren und Heizungsanlagen. 1900 gabs wieder eine Änderung, die "Hercules Automobil-Maschinenfabrik" begann hier Autos und Lastwagen herzustellen. Die Fahrzeuge waren bei der Kundschaft beliebt, weil robust und langlebig, doch das Unternehmen war halt klein und die internationale Konkurrenz übermächtig, 1910 war schon wieder Schluss mit den Autos aus Menziken. Daraufhin fabrizierte man auf dem Areal lange Dünger. Aber auch das ist Geschichte, viel ist derzeit nicht los in der alten Anlage, die wir kürzlich auf einer Wanderung passierten. Doch bereits steht ein neues Projekt an, eine grosse Wohnüberbauung mit einem Anteil Gewerbe. Der schöne rote Kamin von einst muss fallen, er ist nicht erdbebensicher. Immerhin soll die grosse Industriehalle mit den Satteldächern bleiben. Und daran erinnern, dass sie früher im Aargau Autos bauten.

Dienstag, 16. Januar 2024

Uääääääliiiii!

Albert Anker, Selbstporträt
von 1891. (Wikicommons)
Vor etwa 30 Jahren kursierte ein witzig-freches Wörterbüchlein namens "Züri-Slangikon"; wie ich im Internet sehe, ist es mittlerweile neu aufgelegt worden. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, kam in dem Dialektglossar die lautmalerische Wendung "em Ueli rüefe" vor für "erbrechen". Ich fand das lustig, fragte mich freilich gleichzeitig, ob das wirklich jemand sagt oder ob die "Slangikon"-Autorschaft die Formulierung erfunden hatte. Nun, gestern befasste ich mich mit dem Berner Maler Albert Anker. In einem Brief aus dem Jahr 1871 berichtet er von einer Schifffahrt über den Neuenburgersee bei stürmischem Wetter. Ein paar Leute wurden seekrank, über eine Frau schreibt Anker: "Sie hatte dem Uhli rufen müssen."

Montag, 15. Januar 2024

Herrliche Herrschaft

An der Landquart, kurz nach dem Start.
Der Rhein bei Bad Ragaz. Hinten der Gonzen (l.) und der Alvier.

Am Samstag wäre das Wetter in den Bergen ideal gewesen. Doch ich fürchtete den Rummel. Und also verzichtete ich auf die grandiose Winterwanderung in der Region Lenzerheide, die mir ursprünglich vorgeschwebt hatte, und reiste bloss in die Bündner Herrschaft. Bloss? Die Wanderung von Landquart nach Malans und vorbei an Jenins nach Maienfeld war grandios, die Sonne strahlte, die Landschaft glänzte, in den kahlen Weinbergen weideten Schafe, und rundum gabs Berge zu sehen von Calanda und Pizol und Guscha über Gonzen und Alvier und Altmann bis Regitzer Spitz, Schnielskopf, Ellhorn und Falknis. Apropos: Wir – ich und meine Begleiterin – assen im Restaurant Falknis in Maienfeld sehr gut (Cordon bleu vom Kalb und Mistkratzerli an Merlotjus mit Polenta) und fanden das Lokal rustikal und gemütlich. Danach hielten wir hinüber zum Bahnhof Bad Ragaz. Die Unternehmung war nicht lang gewesen, drei Stunden Gehzeit. Aber ich fuhr doch gegen drei Uhr mit erwärmtem Gesicht heim. Und kam voll entspannt zuhause an, es fühlte sich gut an, den Massen von Skifahrerinnen und Skifahrern, Snöberinnen und Snöbern entkommen zu sein.
Die schön altmodische Fassade unseres Restaurants. Wir tranken tatsächlich lokalen Beerliwein.
Das Mistchratzerli, die Polenta wurde separat gereicht.
(Foto: Ronja)