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Sonntag, 21. April 2024

Regenpilgern

Pfützen und Nebel: gestern zwischen Ibach und Brunnen.
Brunnen, fertig gepilgert.
Brunnen, zaghaft wird es heller über dem Vierwaldstättersee.

Kalt wars, die klammen Hände verkrochen sich in die Jackenärmel. Die Hügel und Berghänge rundum waren mit einem Schneelein überzuckert bis auf 600 Meter hinab. Nebel waberte. Auch regnete es ziemlich fest, als wir gestern auf dem Jakobsweg Schweiz die kurze Etappe von Schwyz nach Brunnen zurücklegten; dass wir für die gut zweistündige Route drei Stunden brauchten, liegt auch daran, dass wir in all die Kapellen und Kirchen am Weg eintraten, um uns immer wieder mal aufzuwärmen. Spass machte die Pilgerei allemal. Wir besuchten eine Ausstellung, lernten ein riesiges Kloster kennen, tranken in einem lustigen Hafenbeizli Prosecco (mehr von alledem bald). Am Ende nahmen wir in Brunnen spontan das Schiff nach Luzern und registrierten während der Fahrt, wie der Regen aufhörte. Wie es heller wurde. Wie sogar die Sonne sich zeigte. Was wären wir Wanderer und Wanderinnen ohne das Wetter, es ist beste Unterhaltung und hält das Gemüt in Bewegung.

Samstag, 20. April 2024

Augenhunger

Werk von Barbara Probst, in New York aufgenommen, in Luzern zu sehen:
Exposure #64, N.Y.C., 555 8th Avenue, 11. 26. 08, 5.52 p. m.
(2008 Centre PasquArt, Biel @ Barbara Probst, 2024 ProLitteris Zürich)
Wenn meine Augen hungrig sind nach Bildern, gehe ich gern in ein Museum oder Kunsthaus. Kürzlich war ich im Kunstmuseum Luzern. Dort sind grossflächige Fotos der Münchnerin Barbara Probst ausgestellt. Nie ein Foto aufs Mal, Barbara Probst arbeitet mit Kombinationen, sie stellt mal zwei, mal drei, mal viele Aufnahmen zusammen, die ein Ganzes ergeben. In der Regel geht die Künstlerin so vor: Sie stellt mehrere Kameras auf, verbindet sie elektronisch, löst alle gleichzeitig aus. Eine bestimmte Fotokombination zeigt also stets eine einzige Szene. Aber aus verschiedenen Winkeln. Wenn dann noch Farbe und Schwarz-Weiss kombiniert sind und verschiedene Zoom-Einstellungen gewählt wurden, ist der Effekt besonders verblüffend. Mich hat die Ausstellung bestens unterhalten. Sie hat meinen Augenhunger gestillt.

Freitag, 19. April 2024

Spendables Sirnach

Sirnachs Wappen mit
drei Jakobsmuscheln.
Vor einiger Zeit passierten wir auf dem Jakobsweg Sirnach. Dass die Jakobspilgerei über Jahrhunderte den Ort im Kanton Thurgau geprägt hat, sieht man schon am Gemeindewappen, es zeigt drei Jakobsmuscheln, das Zeichen der Jakobspilger. An der Sirnacher Fasnacht wird zudem die Muschelfee erkoren, eine junge Frau, die nach der Wahl einer riesigen Muschel entsteigt und für fünf Tage die Gemeinde führt. Besonders hübsch finde ich eine andere Gepflogenheit: Jakobspilgerinnen und -pilger bekommen im "Engel", einem stattlichen Gasthaus, das früher eine Pilgerherberge war, gegen Vorweisung des Pilgerpasses gratis eine einfache Mahlzeit. Die Kosten übernimmt die Bürgergemeinde. Doch, Sirnach hat Stil.

Donnerstag, 18. April 2024

Die Stellvertreterin

Rosa Gutknecht, 1885 in Deutschland geboren, kam als kleines Kind in die Schweiz, wuchs in Zürich und später in Graubünden auf. 1901 wurde sie in Chur konfirmiert, sie war reformiert. Gutknecht besuchte das Lehrerseminar in Zürich, stellte später fest, dass ihr der Schulbetrieb nicht gefiel, ging an die Uni, begann 1913 ein Theologiestudium. Als erste Schweizerin. 1918 wurde sie ordiniert, konnte aber nicht ordentliche Pfarrerin werden, der Zürcher Regierungsrat liess keine Frauen zum Pfarramt zu mit der Begründung, dass Frauen ja auch kein Stimm- und Wahlrecht hätten. Das Bundesgericht stützte den Entscheid. Die Landeskirche schuf die Bezeichnung "Pfarrhelferin", Gutknecht sprang für erkrankte Pfarrer ein, wirkte als Spitalseelsorgerin, erteilte Religionsunterricht, doch eben, eine vollwertige Pfarrerin durfte sie nicht werden. 1959 starb sie in Zürich. Ich stiess kürzlich auf sie, als ich in Zürich beim Grossmünster am Haus zum Loch vorbeikam. Dort erklärt eine blaue Tafel die Geschichte des historischen Hauses. Rosa Gutknecht, die lange im Haus zum Loch lebte, hat auch eine Tafel, angebracht durch die Gesellschaft zu Fraumünster. Diese Tafel ist stark abgenutzt – die Schrift an einigen Stellen fast nicht mehr lesbar. Seltsam, dass die Gesellschaft, die verdiente Zürcherinnen ehren will, die eigenen Tafeln nicht anständig unterhält.

Zwei historische Tafeln am Haus zum Loch in Zürich.

Mittwoch, 17. April 2024

Auf Ottos Spuren

Pilgern oder wandern die? Zwei Frauen am Lukmanier-Stausee.

Via Konstanz, das Rheintal, den Lukmanierpass und das Tessin reisten Deutsche im Mittelalter gern nach Rom. Nicht nur Händler, Pilger, Söldner nutzten diese Route, sondern auch hochgestellte Geistliche, Adelige und gar Kaiser wie Otto I. In alten Dokumenten ist wechselweise die Rede von der Via Francigena, Via Francisca, Via Francesca; in allen drei Ausdrücken steckt "Franke", gemeint sind die Deutschen. Neuerdings versucht hierzulande ein Verein, den Schweizer Abschnitt der Route zu neuem Leben zu erwecken, er hat sich auf den Namen "Via Francisca" festgelegt, "Via Francigena" ging nicht, denn diese Bezeichnung benennt mittlerweile fix eine andere Pilgerstrecke, die von Canterbury via die Westschweiz nach Rom. Die"Via Francisca" ist in der Deutschschweiz noch nicht beschildert, im Tessin hingegen schon. Der besagte Verein wolle die Via Francisca sozusagen "aus dem Schatten des Jakobsweges" holen, las ich soeben in einem Artikel auf srf.ch. Und bekam grad Lust, auf den Spuren von Kaiser Otto zu wandeln.

Dienstag, 16. April 2024

"Der alles stürzt und znichten richt"

Der Tod in Aktion, auf der rechten Tafel attackiert er ein Ehepaar. (Foto: Ronja)
Der ganze Totentanz.

Dass der Totentanz in der Heiligkreuz-Kapelle im Emmetter Ortsteil Sagendorf auch für uns Heutige ein Stoff zum Staunen, Studieren, Verweilen ist – wir verdanken es dem Pfarrer Franz-Xaver Gabriel. Als in den 1930er-Jahren die Beinhauskapelle von Emmetten abgerissen wurde, blieb der Totentanz übrig. Eine Holztafel von fast fünf Metern Breite mit 23 Einzelfeldern. Freilich war das Holz morsch, vom Wurm zerfressen, schmutzig. Und die Farben waren ausgetrocknet, teilweise abgeblättert, einzelne Partien der Tafel waren mit Leinwand überklebt. Pfarrer Gabriel kam auf die Idee, das um 1700 entstandene Kunstwerk von hohem Rang in die Heiligkreuz-Kapelle zu überführen, in die es passt, als sei es schon immer dort platziert gewesen. Vor dem Zügel hatte sich 1934/35 ein Künstler aus Beckenried ans Restaurieren gemacht. Auch dank ihm sehen wir Heutigen, wie der Tod sie alle holt vom Papst bis zur Kaiserin, vom Abt bis zur Edeldame, vom Bettler bis zu den Eheleuten. Zu dem Paar, das dahin gerafft wird, steht dies zu lesen: "Uff Erden ist kein sterckter Band / Uffzulösen als der ehelich Stand / Dan dieses Band der allein bricht / Der alles stürzt und znichten richt."
Sagendorf, Emmetten, die Heiligkreuz-Kapelle. Hinten links der Niederbauen.

Montag, 15. April 2024

Alles war gut

Bei der Schifflände von Treib kann man schön einkehren.
Wir hatten unseren Kafi aber schon in Brunnen getrunken.
Abenteuer Jakobsweg: schmale Passage einige Zeit nach Triglis.
Ich ass wenig, der Wärme wegen. Mein
Fischsüppli mit Safran war sehr fein. 
Die vierstündige Etappe von Treib via Triglis und Recketen nach Emmetten und weiter via Schöneck und Rütenen nach Beckenried war die schönste der sieben Etappen auf dem Schweizer Jakobsweg, die wir bis jetzt gemacht haben. Fanden wir am Samstag unisono. Natürlich liegt das zuallererst am Weg, der nach Triglis abenteuerlich durch den steilen bewaldeten Felshang führt mit dem Vierwaldstättersee in der Tiefe. Am Weg, der den Blick auf grosse Berge wie die Mythen, den Fronalpstock, den Niederbauen, den Uri Rotstock, die Rigi und den Pilatus geradezu forciert. Am Weg, der zu diversen historischen Kapellen und Kirchen leitet. Hinzu kam die Stimmung im Grüppli; die Schifffahrt von Brunnen nach Treib, so kurz sie war, machte Freude, die Sonne und ihre Wärme sowieso. Und der späte Zmittag kurz nach zwei Uhr im "Rössli" in Beckenried war ebenfalls ein Vergnügen: feines Essen, Direktblick über den Vierwaldstättersee und eine junge Serviererin, die derart höflich, flink, umsichtig war, dass es für drei Servicepersonen gereicht hätte. Am Samstag war alles gut.
Emmetten ist nah, aber noch nicht zu sehen, es liegt hinter der Graskrete in der Bildmitte.
Vorne rechts die Heiligkreuz-Kapelle. Ihr will ich einen eigenen Eintrag widmen.

Steiler Abstieg auf gutem Weg
von Schöneck nach Rütenen.