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Sonntag, 7. Januar 2024

Adieu, Frühling

Spätestens morgen ist der Winter zurück. Wochenlang hatten wir frühlingshafte Verhältnisse, doch nun kehrts, in der Nacht wird es wieder Minustemperaturen geben, vermutlich auch tagsüber. Gestern fotografierte ich bei Glattfelden ZH an der Glatt blühende Haselzötteli. Die Vegetation im Mittelland wähnte offensichtlich, es sei schon Februar.

Gleich reise ich heute morgen ab in die Ostschweiz zu einem Vortrag mit Fotos über "Schweizer Wunder", das Thema eines meiner Bücher. Und zwar vor der Gönnervereinigung des Appenzeller Volkskunde-Museums in Stein AR. In diesem Dorf, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, hatte ich letzten Sommer die Rede zum 1. August gehalten und bekam sur place gleich zwei neue Engagements. Das eine habe ich hier grad eben erwähnt. Das andere: Im April werde ich in Bühler AR vor der Lesegesellschaft von den grossen Steinen unseres Landes berichten. Doch, da läuft etwas, mir gefällts, ich trete gern auf.

Samstag, 6. Januar 2024

Der nette Mensch von Schlierbach

Am Stierenberg. Gleich werden uns die Böen packen.
Gegen Mittag setzt sich die Sonne durch.
Was wir Wanderer so vertilgen.
Zufälle gibts, die gibts gar nicht. Als wir diese Woche vormittags in Menziken im Wynental starteten, windete es. Und bald begann es zu regnen. Höher oben, an der Flanke des Stierenbergs, rüttelten starke Böen an uns, zerfetzten bald meinen Schirm. Unten in Mullwil – wir hatten mittlerweile vom Kanton Aargau in den Kanton Luzern gewechselt – war der Spuk vorbei. Wir stiegen ein zweites Mal auf, und als wir später aus dem Seckwald traten, begann zaghaft die Sonne zu scheinen. Da unten auf dem Plateau vor uns sei Schlierbach, sprach ich gutgelaunt zu meiner Begleiterin, es sei nicht mehr weit bis zum Restaurant Wetzwil. Wir freuten uns auf den Zmittag. Nun, in Schlierbach angekommen, fanden wir unser Restaurant partout nicht, in dem ich doch per Mail reserviert hatte. Und mein Smartphone tat grad schwierig. Ich sprach einen älteren Mann an, der vor einem Haus bei seinem Auto stand. Er erklärte mir, dass sich das Restaurant Wetzwil sehr wohl in Schlierbach befindet, wie ich es im Internet gesehen hatte. Aber nicht im Dorf Schlierbach, sondern in der Gemeinde Schlierbach. Im Schlierbacher Weiler Wetzwil, eine halbe Gehstunde entfernt. Und jetzt der Zufall: Der Mann sagte, er wohne hier im Dorf und fahre jetzt grad sofort hinüber nach Wetzwil zu unserem Restaurant. Dort wirte drum seine Tochter, er gehe essen, wir könnten mitfahren. Eine Viertelstunde später sassen wir im Restaurant Wetzwil am gedeckten Tisch und hatten bald – Metzgete! – eine frisch gemachte Bauernbratwurst vor uns mit Rösti, beides war hervorragend. Später wanderten wir dann noch einmal, zogen nach Neuhof und hielten hinab nach Büron im Suhrental, wo wir nach ingesamt vier Wanderstunden ankamen. Diese zweite Routenhälfte verlief ohne Komplikationen. Und grundsätzlich ist es so: Dank meiner kleinen Schlamperei habe ich wieder einmal erfahren, was für nette Menschen in diesem Land leben.
Beim Neuhof.

Freitag, 5. Januar 2024

Tereter Nächte?

Ich fotografierte das Plakat grad eben in Büron im Kanton Luzern und war stolz, es zu hundert Prozent zu verstehen. Denn immerhin ist da ein Wort, das Auswärtigen Probleme machen kann. Tereter? Nun, in der Nähe von Büron liegt St. Erhard, die Ortschaft in der Gemeinde Knutwil heisst im Dialekt "Teret", das Adjektiv dazu lautet "Tereter". Bei den "Tereter Nächt" handelt es sich um eine Party in St. Erhard. Und da wir grad dabei sind: Knutwil ist in der lokalen Mundart "Chnutu".

Donnerstag, 4. Januar 2024

Glücksfall im Emmental

Pendulen im Restaurant Kreuz in Sumiswald.
Eine Sumiswalder Kastenuhr 
von circa 1880 mit kunstvoll
geschnitztem Gehäuse aus Brienz.

Das Zifferblatt derselben Uhr von nahem.

Ronald Scherer und ich im "Kreuz".
(Foto: Ronja)
Als wir am 30. Dezember das "Kreuz" in Sumiswald ansteuerten (Eintrag von gestern), hatten wir nicht nur Essen im Sinn. Im ehrwürdigen Barockbau gibt es auch eine Uhrenausstellung, von der ich Tage zuvor aus einem Artikel der "Schweizer Familie" erfahren hatte, der just heute erscheint; die Artikel der eigenen Publikation früher zu lesen als die Öffentlichkeit, ist eines der kleinen Privilegien des Journalistendaseins. Also: Wir spiesen im "Kreuz" deftig. Und stiegen dann einen Stock höher zu jenen Räumen, die in der Regel allen einkehrenden Gästen offenstehen. Rund 130 Pendulen, Standuhren, Kastenuhren empfingen uns, von denen fast alle aus Sumiswald stammen; das Emmentaler Dorf hat im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder Uhrmacher hervorgebracht, die hervorragend genaue – und sehr schöne – Zeitmesser herstellten. Während wir schauten und staunten, fiel uns in einem Raum eine bereitgelegte Profikamera auf, an der Wand war eine weisse Leinwand parat, offensichtlich war da jemand daran, Fotos von den Uhren zu machen. Bald erschien der Besitzer der Kamera, Ronald Scherer, 57. Er hatte sich unten in der Gaststube mit einer Suppe gestärkt. Nun stellte sich heraus: Der IT-Fachmann aus dem solothurnischen Leimental, der mit einer eigenen Software zur Flugzeugwartung gutes Geld verdiente, ist der Besitzer der ausgestellten Sumiswalder, die er sammelt, restauriert, repariert. Und er ist bald auch der Besitzer des Restaurants Kreuz. Ronald Scherer, ein offener und freundlicher Mensch, gab uns gleich eine kurze Einführung zu den Sumiswalder Uhrmachern und ihren Erzeugnissen – was für ein Zufall, was für ein Glücksfall, dass wir ihn antrafen. Und um auch dies noch aufzulösen: Die Fotos, die er derzeit macht, werden bald ein Buch zieren, in dem er seine sämtlichen Sumiswalder vorstellt samt dem Umfeld, in dem sie entstanden.

Mittwoch, 3. Januar 2024

Betörender Horizont

Unterwegs zwischen Rüegsau und Sumiswald, hinten die Berner Alpen.
Fotos von Gotthelf-Verfilmungen
im Restaurant Kreuz in Sumiswald.
Hell war der Tag mit einer Sonne, die schon am Vormittag die letzten Dunstschleier am Himmel tilgte. Erst jetzt komme ich dazu, von unserer Wanderung am 30. Dezember zu erzählen, die die letzte im endenden Jahr war, zweieinhalb Stunden dauerte und uns – wir waren zu dritt – vom Bahnhof Hasle-Rüegsau zuerst nach Rüegsau und dann über die Höger nach Sumiswald und (nach dem Zmittag) zum Bahnhof Sumiswald-Grüenen führte. Emmental also, die Hügel allesamt schneefrei, auf dem Abschnitt von Flüh bis Buchacker sahen wir die Berner Alpen am Horizont aufgereiht, Wetterhorn, Schreckhorn, Finsteraarhorn, Eiger, Mönch und Jungfrau, was für ein betörender Anblick! In Sumiswald spiesen wir in einem Restaurant, das aussieht, wie man sich ein Restaurant in Sumiswald vorstellt. Ich meine das altehrwürdige "Kreuz", einen Barockbau von 1742, in dem Fotos daran erinnern, dass hier Szenen von gleich drei Gotthelf-Filmen gedreht wurden, darunter "Uli der Pächter". Zu essen gab es Sauren Mocken, Rahmschnitzel mit Nüdeli, Geschnetzeltes mit Speckrösti. Mundete alles vorzüglich. Aber diese Portionen! Im Zug heimwärts japste ich nach Luft. Und dachte gleichzeitig: Ich will wieder mal in dieses "Kreuz".
Das "Kreuz"-Wirtshausschild stammt von 1743,
auf ihm ist der Name des damaligen Wirtes zu lesen: Ullrich Hirschbrunner.

Dienstag, 2. Januar 2024

Die Korrektion der Korrektion

Gestern am Escherkanal. Rechts der Rautispitz, links hinten das Glärnischmassiv.

Mein Screenshot der "Schweizmobil"-Karte zeigt die verbreiterte Linth samt Kiesbänken
im Gebiet Chli Gäsitschachen (links unten). Und den Walensee (rechts oben).
Am Neujahrsmorgen, unterwegs im vorderen Glarnerland, fragte ich mich, ob ein anderer Mensch die sichtbare Gestalt unseres Landes derart stark verändert hat wie der Zürcher Hans Conrad Escher mit seinem Linthwerk. Dessen zwei Hauptbauten Escherkanal und Linthkanal machten den verheerenden Überschwemmungen im Linthgebiet ein Ende und damit auch der Malaria, sie erzeugten gleichzeitig enorm viel neues Kulturland. Meine Wanderung führte mich gestern von Weesen vorerst durch das Areal Gäsi am Walensee, dann bog ich ab zum Escherkanal und folgte diesem bis zur Mollisbrücke. Kurz darauf, nach etwas mehr als zwei Stunden Gehzeit, war ich bereits am Ziel, dem Bahnhof Näfels-Mollis. Zurück zum Escherkanal, der 1811 in Betrieb ging. Er leitete das Wasser der wilden Linth von Näfels direkt in den Walensee, die Linthebene wurde fortan verschont von den Fluten und vom Geschiebe. Eschers Eingriff ist ein Wunderwerk – auch wenn in unserem Zeitalter die Korrektion ihrerseits Korrektionen erfuhr. Eine davon: Von 2008 bis 2011 wurde der Escherkanal im Areal Chli Gäsitschachen im Sinn einer Renaturierung verbreitert, es entstanden Kiesbänke und dank ihnen eine neue Vegetation. Zwei Biotope, Brugraben und Kundertriet, sind ebenfalls wertvoll für Flora und Fauna. Von diesen ökologischen Flächen hatte ich bis anhin nichts gewusst und genoss sie umso mehr. Sie waren für mich die erste Entdeckung im 2024. 
Kiesbank im Escherkanal bei Chli Gäsitschachen, Blick Richtung Nordosten.
Das kleine Waldreservat im Brugraben.

Montag, 1. Januar 2024

Alle schrumpfen, einer wächst

Seine Eiskappe schwindet: der Glarner Tödi. (Schweizmobil, Screenshot)

Unsere Berge ruhen nicht, sie sind ständig in Bewegung, ich las darüber gestern online einen Artikel der "Sonntagszeitung". Um die Höhe geht es in diesem Fall konkret. Grundsätzlich steigen die Alpen immer noch auf, Erdplatten, die aufeinander zudriften, bewirken es. Gleichzeitig erodiert der Fels, was das tektonische Wachstum mehr oder minder zunichte macht. Beide Veränderungen spielen im Millimeterbereich. Spektakulärer als geologische Faktoren macht sich in den Alpen die klimabedingte Eisschmelze bemerkbar, da reden wir von Metern. Das Fletschhorn im Wallis, Gemeinde Saas-Grund, war 1911 noch 4001 Meter hoch, heute sind es 3985 Meter, der Berg ist aus der Viertausenderliga abgestiegen. Der Glarner Tödi büsste in den letzten 63 Jahren 12 Meter ein und ist noch 3570 Meter hoch. Die Tendenz ist klar und wird sich fortsetzen: Unsere höchsten Gipfel schrumpfen massiv. Die Ausnahme ist der Mönch in den Berner Alpen. Er wächst, seit 1960 hat er um elf Meter zugelegt. Grund ist seine exponierte Stellung am Nordrand des Alpenhauptkamms; Stürme in Kombination mit riesigen Niederschlagsmengen transportieren enorme Schneemassen auf den Gipfel. Der Mönch, derzeit 4110 Meter über Meer, legt zu, wo seine Nachbarn verlieren. Nun wünsche ich allen ein gutes neues Jahr.