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Sonntag, 5. November 2023

Ein Ausserrhoder im Wallis

Johann Ulrich Schiess, Schweizer
Bundeskanzler von 1848 bis 1851.
(Wikicommons)

Ich habe die "Appenzellischen Jahrbücher" der "Appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft" abonniert. Jahr für Jahr wird darin in Kürze berichtet, was in den einzelnen Gemeinden so passiert ist von Hausbrand bis Steuererhöhung; auch die Nekrologe sind für mich interessant, da ich doch die eine oder andere verstorbene Person kannte. Auch werden historische Stoffe abgehandelt. Grad eben ging mir die Jahrbuch-Ausgabe 2023 zu, ich las darin vorerst  ein Porträt des ersten Bundeskanzlers der Schweiz, eines Appenzellers, Johann Ulrich Schiess aus Wald AR. Besonders sprachen mich die beigestellten Auszüge aus dem Tagebuch von Schiess an. Hier etwas Kurzes darüber, wie Schiess 1851 vom Genfersee in der Postkutsche Richtung Wallis reist. "St. Mauritze" ist natürlich St-Maurice, "Martinach" Martigny.

"Um 9 Uhr mit der Post von Lausanne nach St. Mauritze. Allein in Aigle, wo mich ein natürliches Bedürfnis, das selbst der Papst zu befriedigen gezwungen ist, aus dem Wagen trieb, hatte der Conducteur nicht die Geduld auf mich zu warten, sondern eilte von dannen; ich miethete dann einen Einspänner bis Martinach, welcher Spass mich für diese 6 Stunden 18 ffr. kostete. Das herrlichste Wetter, der Anblick der wunderschönen Natur und der lieblichen Dörfer Montreux, Yvorne, Bex entschädigte mich für die erlittene Unbill."

Samstag, 4. November 2023

Offene Pilgere

Gestern schrieb ich hier über den Sport Mint. In der Folge kommentierten einige Leute den Ableger meines Eintrags auf Facebook, sie alle erinnerten sich an ihre Jugend. Ans Skilager zum Beispiel. Marlies Longatti aus Stein AR, die ich aus meiner Kindheit in ebendiesem Dorf kenne, schrieb, sie habe manchmal Sport Mint gegessen, bis die "Pilgere" offen war. Verstehen das alle? Biller, Biler, Böller, Billere, Bilder, Bildere, Bilderne, Bilgere, Pilgeri, Pilgere: Laut "Idiotikon" ist das ein Dialektausdruck für den Gaumen oder auch das Zahnfleisch.


Freitag, 3. November 2023

Die MS Seestern


Es gibt hierzulande etliche Gewässer, über die ich noch nie geschippert bin. Hallwilersee. Zugersee. Lac de Joux. Ich rede von der öffentlichen Passagierschifffahrt, wohlgemerkt. Am letzten Samstag war ich zum allerersten Mal auf dem Sarnersee unterwegs, zum Abschluss unserer Obwaldner Unternehmung fuhren wir auf der MS Seestern von Zollhaus bei Giswil nach Sachseln. Wir genossen es, vom See aus noch einmal den Hang über Sachseln zu mustern und zu ergründen, wo genau wir durchgelaufen waren. In der Frage, ob das Schiff nicht gelegentlich einen frischen Anstrich braucht, waren wir uns uneinig. Ich fand, unbedingt, die anderen hingegen meinten, ich würde übertreiben. Mittlerweile ist Saisonende, mal schauen, wie die "Seestern" nächstes Jahr daherkommt.

Donnerstag, 2. November 2023

Minzige Kindheitserinnerung

Es war einmal ein Glarner Confiseur namens Jakob Disch. Der, geboren 1874 in Elm, hatte die Vision, man könnte Süsswaren doch im grösseren Stil produzieren. Industriell. So entstand 1903 im aargauischen Othmarsingen die Biskuitfabrik J. Disch-Schatzmann. Jakobs Sohn Alfred wiederum interessierte sich für Ernährungsforschung und lancierte 1933 das erste Bonbon mit einem nahrungsergänzenden Stoff drin, mit synthetisch produziertem Vitamin C nämlich. "Sport Mint" hiess das Bonbon. Bis heute wird es in Othmarsingen produziert, auch wenn die Firma mittlerweile einer Finanzholding gehört. Am Dienstagmorgen kaufte ich in meinem Cööpli einen Sack Sport Mint, weil ich fand, ich müsste etwas parat haben, falls am Abend – Halloween! – Kinder an meiner Tür klingeln würden. Zu unserem Haus kam aber niemand. Und so schnusle ich die angenehm weichen Bonbons, welche mir zwar viel zu süss sind, aber auch schön minzig im Gout, halt selber. Und erinnere mich an meine Kindheit.

Mittwoch, 1. November 2023

Er schnitzte seine Welt

In diesem Holzhaus im Dorfkern von Sachseln ist
im ersten Stock die Sammlung Sigrist untergebracht.
Eine der Szenen, die Christian Sigrist schuf: Steinhauer an der Arbeit.
Christian Sigrist aus Sachseln, 1906–1987, betrieb eine Kunstschlosserei, lancierte als Fuhrhalter aber auch einen Transportdienst zur Älggi-Alp hinauf, wo bekanntlich der Mittelpunkt der Schweiz liegt. Gerne und mit Geschick schnitzte Christian Sigrist. Als er dann im Pensionsalter war, beschäftigten ihn die grossen Veränderungen in seiner bäuerlich-gewerblich geprägten Welt – er verspürte den Drang, das Entschwindende zu dokumentieren. Und also begann er Menschen, Werkzeuge, Geräte, Räume, Bräuche, Berufe schnitzend darzustellen. Die 28 detailliert und präzis ausgearbeiteten Szenen, die so entstanden, zeigen zum Beispiel eine Alpsennerei, einen Waschplatz, eine Sägerei, aber auch die Feuerwehr, das Schnapsbrennen und das Bierbrauen. Puppenstubengross sind Sigrists Miniaturmodelle, haben aber nichts Herziges und Jöliges; Dinge, die wir Heutigen kaum noch oder gar nicht mehr kennen, werden mit grossem Ernst vorgeführt. Volkskundlich ist das von grösstem Wert. Letzten Samstag, als wir in Sachseln waren, besuchten wir die Sammlung Sigrist, die am Dorfplatz in einem alten Holzhaus untergebracht ist, dem Nebengebäude des benachbarten Herrenhauses, in dem sich das Museum Bruder Klaus eingerichtet hat. Wer Lust bekommt, in den nächsten Tagen hinzugehen: Geht nicht, Saisonschluss. Unsereins hat es knapp noch geschafft.

Dienstag, 31. Oktober 2023

Abenteuerliches Obwalden

Die Südspitze des Sarnersees mit dem einmündenden Steinibach.
Improvisation am Edisriederbach. Das Geschiebe half in diesem Fall.

Nachdem wir am Samstag in Sachseln erstens die Pfarrkirche (siehe Eintrag von gestern) und zweitens die Sammlung Sigrist (dazu morgen mehr) besucht hatten, wanderten wir. Stiegen via Totenbüel steil auf zur Lichtung von Huggeten und zogen von dort auf schmalen Pfaden in leichtem Auf und Ab über etliche Tobel via Musschwendli und Schwendeli nach Obstocken, um schliesslich wieder an den Sarnersee abzusteigen. Im Restaurant Zollhaus im gleichnamigen Sachsler Dorfteil endete die Wanderung, wir assen fein und tranken reichlich Rotwein. Eine schöne Route wars gewesen mit einigen abenteuerlichen Stellen, die extrem schmale Hängebrücke über den Sigetsbach zum Beispiel hatte bedrohlich geschwankt. Und der Edisriederbach führte nach den Regenfällen der letzten Tage soviel Wasser, dass wir ihn trotz eines Hilfsseiles nicht an der vorgesehenen Stelle im abschüssigen Hang überqueren konnten, wir fanden aber eine andere Stelle, an der das einigermassen gefahrlos ging. Wesentlich heikler aus meiner persönlichen Sicht: Kurz nach Wanderstart machte ich oberhalb von Sachseln den Fehler, ein Pony streicheln zu wollen. Nur knapp entging ich seinem Biss, meine Cargohose freilich trug eine leichte Blessur davon. 
Widmers heroische Überquerung des Sigetsbaches. (Foto: AM)

Montag, 30. Oktober 2023

Unsere Visite bei Klaus

Bruder Klaus in der Pfarrkirche von Sachseln OW.

Die Kutte, die Klaus angeblich
an seinem Todestag trug.
Die Kirche von Sachseln ist eine der schönsten, die ich kenne. Früher Barock und italienische Renaissance. Am Samstag schauten wir uns in ihr um, bevor wir zu einer Wanderung loszogen. Der mit einer Glasscheibe ausgestattete Hauptaltar zog uns gleich sofort an. Niklaus von Flüe, der Schweizer Landespatron, ist in ihm als versilberte Figur präsent. Sie ist ein Reliquienbehälter, birgt in ihrem Inneren die Reste jenes Mannes, der im 15. Jahrhundert zuerst als hablicher Bauer im Dorf Flüeli unweit von Sachseln lebte, um dann Frau und Kind zu verlassen und in der nahen Ranftschlucht als Asket zu leben. Klaus war eine Art Weisheitsinstanz oder auch Orakel der Alten Eidgenossenschaft, ein Friedensstifter und Visionär und Mystiker, den einfache und mächtige Leute aufsuchten und um Rat baten. Nach seinem Tod wurde der Bruder Klaus in der Kirche von Sachseln beigesetzt, dem Vorgängerbau der heutigen Kirche, in die man den Sarg 1679 überführte. Der Hauptaltar ist neuzeitlich, er stammt aus dem Jahr 1976. Ebenfalls zu sehen ist in der Kirche in einem Glaskasten Klausens Eremitenrock, den seine Frau Dorothea gefertigt haben soll. Auf den Besuch des Museums Bruder Klaus gleich neben der Kirche verzichteten wir aus zeitlichen Gründen. Dafür besuchten wir die Sammlung Sigrist. Was das ist – mehr davon morgen oder übermorgen.
Klaus als Vermittler und Friedensstifter an der Aussenwand der Kirche.